EURO 2012 in der Ukraine: Fussball und Kapitalismus

“Mafia” nennt sich eine der beliebtesten italienischen Restaurantketten in der Ukraine. Foto R & U Daus, 2011


Schon im Vorfeld der Vergabe der Fussballeuropameisterschaft an Polen und die Ukraine wurde vor der grassierenden Korruption in beiden Ländern gewarnt. Die Ukraine hat jedoch alle Vorstellungen in dieser Hinsicht übertroffen. Dank ihrer reichsten Oligarchen und eines gut geschmierten Funktionärsapparats gilt die EURO 2012 in der Ukraine als die korrupteste sportliche Grossveranstaltung aller Zeiten. Der die Liste der reichsten Oligarch anführende Rinat Achmetow aus Donesk hat auch bei der Korruptionsliste für die EURO 2012 die Nase vorn. Sein Privatvermögen wird auf 25,6 Milliarden US$ geschätzt. Er baute „mit seinem eigenen Geld“ das teuerste EURO-Stadion in seiner Heimatstadt, dessen Fussball-Verein Schachtjar Donesk ihm ebenfalls gehört. Die Kosten des Baus lagen dreimal höher als bei einem vergleichbaren Projekt in Deutschland. Achmetow gilt in der Ukraine als ein „Gesetzgeber, der nie im Parlament auftaucht“. Seine Marionette ist der derzeitige Präsident Viktor Janukowitsch.

Achmetov, der sein Vermögen während des Zusammenbruchs der Kohle- und Stahlindustrie im einst für die gesamte Sowjetunion Panzer, Traktoren, Lastwagen und Energie produzierenden Donbass-Becken machte, folgen in der Rangliste – vermögensmäßig weit abgeschlagen –  Gennady Bogolyubov mit 6,6 Milliarden US$, Igor Kolomolsky mit 6,2 Milliarden US$ und Viktor Pinchuk, der Schwiegersohn des Ex-Präsidenten Leonid Kutschma, mit 5,9 Milliarden US$.

Pinchuk ist eine Ausnahme unter den Superreichen der Ukraine, denn sein Steckenpferd heißt nicht „Sport“ sondern „Kulturförderung“. Sein Vorbild ist der US-amerikanische Währungsspekulant und Philantrop George Soros (geschätztes Vermögen 14,5 Milliarden US$), der mit seiner „Soros Foundation“ zu einem der größten Sponsoren der ukrainischen Kultur- und Bildungszene in den 1990er Jahren aufstieg.

Das „Pinchuk Art Center“ befindet sich neben dem Bessarabischen Markt im Zentrum von Kiew. In einem romantisierenden Gründerzeitgebäude aus Ziegeln stellt es auf sechs Stockwerken moderne ukrainische Kunst aus. Der Besuch der Galerie ähnelt einem Albtraum. Die gläserne Eingangstür wird von zwei mächtigen schwarzgekleideten Bodyguards bewacht, die jeden Kunstinteressierten pedantisch durchsuchen. Über eine schmale Treppe, von der es kein Ausweichen gibt, führt der Weg in den ersten Stock. Der linke Flügel ist gesperrt, weil nicht ausreichend Kunstwerke vorhanden sind. Im rechten Flügel findet sich eine einzige Installation. Sie zeigt eine kaputte Frauenskulptur aus Plastiline auf einem Müllhaufen, Sinnbild für die Mißachtung der Frauenrechte in der Ukraine. Es folgen in den darüberliegenden Stockwerken: Comic-Zeichnungen à la Rauschenberg; dekorativ aufgestellte Schutzhelme von „ausgebeuteten“ Bauarbeitern; eine Leinwand, die mit unzähligen Ukrainismen vollgeschrieben ist, ein Aufruf zur Rettung der ukrainischen Sprache; ein grauer Verkaufskiosk ohne Verkäufer, Hinweis auf die Allmacht der Kioskmafia; in einer Art Gefängnis eingesperrte explizite erotische Darstellungen. Jedes dieser Objekte wird von zwei weiteren durchtrainierten Muskelpaketen in schwarzen Anzüge bewacht. Wenn man sich einem der Kunstwerke auf mehr als fünf Schritte nähert, schreien sie sofort auf und scheuchen die Neugierigen wieder auf ihren Platz in angemessener Distanz zurück. Sie verhalten sich genauso wie sie es gelernt haben. Sie sind die „Wachhunde“ ihres Herrn, und wie diese darauf „abgerichtet“, ihn oder dessen Eigentum zu verteidigen. Für die Besucher bleibt nur die Flucht nach oben in die Dach-Cafeteria. Sie ist vollkommen in Weiß gehalten, besitzt eine gut sortierte Bar, einen Videoraum, in dem in Endlosschleife ein Video mit Tiefschneefahrern läuft, eine Diskothek und drei desinteressierte Bedienungen. Der Geschmack des Kunstliebhabers Pinchuk ist wohl eher partymäßig orientiert. Trotzdem wagt es keiner der wenigen Ausstellungsbesucher, den Blick über die Dächer von Kiew bei einem Expresso oder Prosecco von hier aus zu genießen. Jeder versucht diesen an ein absurdes Gefängnis erinnernden Ort über die schmale Treppe oder den einzigen Lift so schnell wie möglich zu verlassen.

In der Ukraine des Jahres 2012 zeigt sich überdeutlich, daß ohne Oligarchen weder Politik noch Kultur noch Sport stattfinden können, jedenfalls nicht auf einem international vergleichbaren Niveau. Wie es vor der Oligarchenepoche in den Fussballstadien „abging“ illustriert der Charkiwer Dichter Serhji Zhadan in seiner Erzählung „Winterfußball“. Ein echter Fussball-Fan „outet“ sich erst, wenn die letzten Vereinsspiele Ende November ausgetragen werden. „Winterfußball – das ist das Atmen von Hunderten heiserer Männerkehlen, die zusammen mit dem im Tor versenkten Ball ihre Freude und Hingabe an die Klubfarben in den Novemberhimmel blasen, sie stoßen Zigarettenrauch und Schnapsfahnen, Flüche gegen die Schiedsrichter und Wörter der Nationalhymne aus.“ Ein beliebter Gröhlreim lautet: „Einer geht noch, einer geht noch rein. Ihr seid Wichser, der Schiri ist ein Schwein!“ Das letzte Spiel, bevor sich der von Pfützen durchtränkte Platz mit Eis überzieht, ist für die Fans die letzte Gelegenheit, sich mit ausreichend Adrenalin aufzufüllen, um den langen kalten Winter ohne Fussball durchzustehen, „diese Vorstadtkinder, die anstatt Leim zu schnüffeln die schweiß- und schneenassen Trikots ihrer Helden fangen, die Männertrupps, die nach jedem Tor gütiger und nüchterner werden, und die Offiziersschüler, die angstvoll in die Fankurven schauen, sich frierend in ihre Jacken wickeln und verbissen die Tage bis zu ihrer Entlassung zählen…“9

In seinem Roman „Depeche Mode“ hat Serhji Zhadan 2004 dann – wohl unbeabsichtigt – dem alten Charkiwer Fussballstadion ein Denkmal gesetzt, bevor es 2009 für die Europameisterschaft vollständig erneuert und erweitert wurde. Obwohl Charkiw im 17. Jahrhundert von Kosaken im Auftrag des russischen Zaren gegründet wurde, die älteste Universität der Ukraine besitzt, bereits 1812 sich mit einer eigenen Wochenzeitung und sogar mit dem ersten Satireblatt der Ukraine schmücken konnte, gilt die Stadt als „Wiege der ukrainischen Moderne“. 1919 wurde sie nach dem Sieg der Bolschewiken zur ukrainischen Hauptstadt ausgerufen und ihr Stadtbild vollkommen den Anforderungen einer modernen sowjetischen Industrie-Metropole unterworfen. Der Revolutionsdichter Vladimir Majakowskij schwärmte von ihr: „Zusammengebunden zum stählernen Band, zur Hauptstadt erwacht, das ukrainische Charkow, lebend und schaffend aus Stahlbeton.“ Charkiw ist heute ein regelrechtes „Museum des Konstruktivismus“. Dazu gehörte bis zu seiner Auffrischung auch das Fussballstadion des Vereins „Metallist Charkiw“. Es war am 12. September 1926 als Stadion des Werksvereins der örtlichen Traktorenfabrik eröffnet worden. Tapfer überstand es den Zweiten Weltkrieg und die Perestroika. Den vermeintlichen Todesstoß schien ihr jedoch die Deindustrialisierung Anfang der 1990er Jahre zu versetzen. Es war nur noch ein Schatten seiner einstigen Größe, den Zhadan in einer ultimativen Apotheose literarisch untergehen lässt: „… in ungefähr einer Stunde spielt ‚Metallist‘ sein letztes Heimspiel, heute kommen bestimmt alle, klar, Saisonende, und das ganze Gedöns, oben ein verregneter Sommer, der Himmel in Wolken, und irgendwo… das halbverfallene Stadion, ganz durchweicht und eingesunken in den letzten Jahren, Gras frißt sich durch die Betonplatten, vor allem wenn es geregnet hat, die Ränge verdreckt von den Tauben, auch auf dem Feld Scheiße, vor allem wenn wir spielen, ein kaputtes Land, kaputter Sport, die großen Steuermänner haben es versaut, wenn ihr mich fragt, denn wie auch immer, in der Sowjetunion gab es zwei Sachen, auf die man stolz sein konnte – Fußball und Atomwaffen, und wer das Volk dieser Errungenschaften beraubt hat, kann wohl kaum auf ein sorgenfreies Alter zählen, nichts ist so schlecht fürs Karma wie beschissene nationale Politik…“10

Mit der EURO 2012 ergab sich eine eher ungeahnte Chance für die Politiker, „Sponsoren“ und sonstigen hohen Funktionäre, ihr Karma aufzubessern. Die ukrainischen Fußballfans sollten nie wieder auf von Vögeln, Hunden oder anderem Getier verkackten und zerbrochenem Gestühl in verregneten Stadien auf zertretenen Plätzen ihren Lieblingen zugröhlen müssen. Das „Metallist Stadion“ in Charkiw erhielt wie vier weitere Großstadien (Kiew, Lemberg, Donesk und Odessa als Ausweichstadion) ein neues Gesicht. Alle Ränge überdeckt jetzt ein luftiges lichtdurchlässiges Dach. Es gibt neben 38 633 neuen Sitzschalen auch einen VIP Bereich mit 164 Logenplätzen und eine Flutlichtanlage von 2400 Lux. Die berüchtigte Südtribüne wurde vollkommen erneuert und eine elegante Osttribüne schließt das sportliche Oval.

Dennoch wirkten die Verantwortlichen des Deutschen Fußballbunds wie gelähmt, als ihnen Charkiw als Austragungsort der Vorrunde zugelost wurde. Es ähnelte einer Verbannung nach Sibirien. Auch den Fans der deutschen Nationalmannschaft wird Charkiw wohl nicht im Gedächtnis bleiben. Das von den Veranstaltern ausgearbeitete „Minimalpaket“ sieht noch nicht einmal eine Übernachtung vor, obwohl die Stadt mehr als 2500 Kilometer von Berlin und 3000 Kilometer vom Rhein entfernt liegt. Für 749 € hat der Fussballreisende Anspruch auf folgende Leistungen: „Morgens Flug ab Düsseldorf mit Air Berlin nach Charkiw. Nach Ankunft in Charkiw Transfer zum Stadion. Zeit zur freien Verfügung. 21:45 Uhr Spiel zwischen Holland – Deutschland. Transfer nach Spielende zum Flughafen. Flug mit Air Berlin nach Düsseldorf. Ankunft in Düsseldorf am frühen morgen des 14.06.2012.“ Im Preis inbegriffen ist eine Eintrittskarte im Wert von 49 €.

Es scheint, als gelänge es der Ukraine auch mithilfe einer internationalen Großveranstaltung nicht, ihr Aschenbrödel-Image abzulegen. Immerhin bieten die offiziellen deutschen Veranstalter ihren Fans ein „Übernachtungsschnäppchen“ von 2499 € an, sollte es die deutsche Mannschaft ins Endspiel schaffen. Im Preis enthalten sind ein Hin- und Rückflug nach Kiew, 3 Übernachtungen in einem Mittelklasse-Hotel, der Eintritt zum Endspiel in der billigsten Kategorie und der Transport von und zum Stadion.

Aber auch wer sich in Eigeninitiative zur Fußballeuropameisterschaft in die Ukraine aufmacht, wird sich erstaunt über Preiswucher die Augen reiben. Schon im Dezember des Jahres 2011 beschwerten sich die Studenten in Kiew und Lemberg, dass sie für die Renovierung ihres Studentenwohnheims zu einem Sonderbeitrag (finanzieller Art oder als Arbeitseinsatz) verpflichtet wurden. Die Stadtverwaltung will die Zimmer der Heime zu „preiswerten“ Unterkünften während der EURO 2012 umwidmen. Ein Bett kostet dann bei der erhofften regen Nachfrage bis zu 150 € pro Nacht. Zum selben Zeitpunkt kündigten auch die Privatquartiervermieter, also Privatpersonen, die ein Zimmer oder eine Wohnung für ausländische Gäste zur Verfügung stellen wollen, ihre Ansprüche an. In diesem Segment der Gesellschaft rechnen viele damit, in wenigen Tagen die eigene Jahresmiete zu kassieren.  Das Vorbild der Oligarchen zeigt seine Wirkung bis in die unteren Einkommensgruppen der Gesellschaft. Das kapitalistische Denken trägt endlich Früchte. Der Systemwechsel scheint vollzogen.

Auch wenn viele Ukrainer das Gefühl haben, dass alle Götter und guten Geister sich nach der „Orangenen Revolution“ 2004 von ihnen abgewendet haben und dass eine neue Eiszeit ausgebrochen sei, bleibt auf der Habenseite für ihr Land festzuhalten: Die 1991 gewonnene Unabhängigkeit wird nicht infrage gestellt (nicht einmal vom mächtigen russischen Nachbarn). Noch nie gab es eine weniger blutige Epoche in ihrer Geschichte. Die ukrai-nische Sprache ist unangefochten die Nationalsprache des Landes. Wie auf einer Theaterbühne sind in den letzten beiden Jahrzehnten die Worte des einst leibeigenen Dichters und Unabhängigkeitskämpfers Taras Schevtschenko (1814-1861) beherzigt worden, die er in seinem „Vermächtnis“ von 1845 seinen Landsleuten zurief:

So begrabt mich und erhebt euch! Die Ketten zerfetzt! Mit dem Blut der bösen Feinde, die Freiheit benetzt!

Die Generation der gut ausgebildeten Zwanzig- bis Vierzigjährigen nutzt die aktuelle „bleierne Zwischenzeit“, um sich nach Westen zu orientieren. Mit ihrem Digitalwissen und dem Internet ausgestattet hofft sie noch immer auf ein „europäisches Wunder“. Die Minderheit der „sovok“, Spitzname für die unbekehrbaren Sowjetmenschen, hingegen lebt ihre Frustrationen parolenmächtig alle vier Jahre einmal aus, während der Präsidentenwahl.

Mit Marketing-Gags versucht die offizielle Politik, die Bevölkerung auf die EURO 2012 einzustimmen. Eine von einem lokalen Fernsehteam in Odessa abgefilmte Oldtimer-Parade zum Beispiel, in der laut gröhlende Seekadetten mit den Nationalflaggen der Teams und Bierflaschen winken, provoziert beim Publikum keinerlei Reaktion. Eine gelungene EURO 2012 mit vielen mitreißenden „Public Viewing“-Plattformen hingegen und gutgelaunten ausländischen Gästen könnte die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung von den Vorteilen einer echten Demokratie wie sie Europa zu bieten hat, überzeugen – und das Modell der „lupenreinen“ Demagogie, wie sie beim russischen Nachbarn gelebt wird, vergessen machen. Das jedenfalls glaubt Vitali Klitschko, Box-Weltmeister, Vorsitzender der Partei „Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen“, UDAR (ukr./russ „Schlag“), und Unterstützer der EURO 2012: „Nelson Mandela hat den weltberühmten Satz gesagt: ‚Sport hat die Macht, die Welt zu verändern.‘ Ich möchte in Anlehnung an Mandela sagen: Die EURO 2012 hat die Macht, die Ukraine zu verändern!“

Auszug aus “Im Schatten der Götter. Ukrainische Notizen 2012″ von Ursula Daus, in: KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 23/2012

Wodka für den Torwart – Ukrainische Erzählungen zur EURO 2012

„Ukraine und Fußball, das ist eine Geschichte für sich, so speziell wie die literarische Szene des Landes,“ wirbt der Verlag für den fristgerecht vor der EURO 2012 in Polen und der Ukraine  erscheinenden Band „Wodka für den Torwart“. Das Klischee des Titels soll den Blick der deutschen Leser auf die fußballverrückte Ukraine ziehen. Und das wird auch nötig sein, denn die deutsche Mannschaft muss sich in der Vorrunde in den Stadien von Charkiv und Lviv (Lemberg) bewähren. Die ukrainischen Autorinnen und Autoren Maxym Kidruk, Oleksandr Hawrosh, Irina Karpa, Tanja Maljartschuk, Natalka Sniadanko, Artem Tschech, Jurij Wynnytschuk, Oksana Sabuschko, Andrij Kokotjucha und Serhij Zhadan erzählen, was das eigentlich ist: Fußball in der Ukraine! Die Geschichten phantasieren über „Rola, Bola, Futbola“ und entführen das Lesepublikum voller Ironie in das „ukrainische Brasilien“, nach Transkarpatien, dem Landstrich, aus dem zu Sowjetzeiten die besten Fussballer kamen. Tanja Maljartschuk legt einen „persönlichen Reiseführer“ über Kiew vor, dem Austragungsort des Endspiels der EURO 2012, der so gar nicht mit der üblichen Reiseführerliteratur übereinstimmt, denn die Autorin gesteht: „Ich mag Kiew nicht, und Kiew mag mich nicht.“ Die Autoren sind ganz im Hier und Jetzt des globalen, permanenten Chaos angelangt. Es wird also Zeit, dass auch die deutschen Leser diesen Schritt in Richtung Ukraine vollziehen.

Die Lektüre ist somit für jeden Fan, der der deutschen Fussballnationalmannschaft in die Ukraine nachreist, zu einem unumgänglichen Muß.

Ursula Daus

 

Wodka für den Torwart.  11 Fussball-Geschichten aus der Ukraine.  208 S. 12,80 €, edition foto TAPETA, Berlin 2012

“Wer hat die Kokosnuss geklaut…?” Der Nacktgänger August Engelhardt als Streitapfel

August Engelhardt, der Kokovore und Sonnenanbeter in Deutsch-Neuguinea. Skizze von Friedrich Burger, um 1911. Nach: Burger, Unter den Kannibalen der Südsee, 1923.

August Engelhardt, der Kokovore und Sonnenanbeter in Deutsch-Neuguinea. Skizze von Friedrich Burger, um 1911. Nach: Burger, Unter den Kannibalen der Südsee, 1923.

Wer hat die Kokosnuss, wer hat die Kokosnuss, wer hat die Kokosnuss geklaut?…“ könnte man beim Erscheinen eines zweiten biographisch gefärbten Romans über den deutschen Kokosnuss-essers August Engelhardt in nur einem Jahr fragen. Anfang 2011 erschien „Das Paradies des August Engelhardt“ von Marc Buhl im Eichborn Verlag. „Imperium“ von Christian Kracht wurde im Januar 2012 bei Kiepenheuer & Witsch verlegt und zeitigte dank einer eher abenteuerlichen, denn fundierten „Rassismuskritik“ an dem Autor im deutschen Wochenmagazin „Der Spiegel“ ein unerwartetes Literaturkritikinteresse.

Beide Bücher kreisen um das eher asketisch bis absurde Aussteigerleben des Anfang des 20. Jahrhunderts nach Deutsch-Neuguinea ausgewanderten Nacktkulturanhängers und Vegetariers August Engelhardt aus Nürnberg. Wo Marc Buhl seine Ideologiekritik am deutschen Imperialismus in der Begegnung zweier gleichberechtigter Kontrahenten formuliert, nämlich dem Häuptling Kabua auf der Insel Kabakon, die sich Engelhardt von der Südseeberühmtheit Queen Emma übereignen lässt, nimmt Christian Kracht pathetisch das gesamte Imperiums-Desaster des Deutschen Kaiserreichs unter Wilhelm II. aufs Korn. Wo Buhl lakonisch konstatiert, trägt Kracht ironisch dick auf. Die Überheblichkeit des Nachgeborenen ist ihm in fast jedem seiner Sätze anzumerken. Er weiss, dass nicht nur sein Exzentriker Engelhardt, sondern die ganze deutsche Reichsnation kläglich in der Südsee (und nicht nur dort) scheitern wird. Kracht belächelt seinen Protagonisten bei all seinen Versuchen aus dem vermaledeiten spießbürgerlichen Alltag des sich selbst überschätzenden deutschen Reichs auszubrechen: ob es die Suche nach Erneuerung in der Kolonie Jungborn, seine schüchternen Liebesbezeugungen gegenüber Anna, der Frau seines besten Freundes, oder seine schriftstellerischen Geistesergüsse sind. Engelhardt ist für ihn ein Versager (auch wenn es jenem zwischenzeitlich gelang, einige Anhänger für seine Bewegung, sich nur von Kokosnüssen und Sonnenstrahlen zu ernähren, zu begeistern).

Buhl hingegen steht während der gesamten Romanerzählung ganz nah hinter seinerm Protagonisten, schaut ihm sozusagen ständig über die Schulter, besteigt mit ihm jeden Morgen die Palme, um die Tagesration Kokosnüsse zu ernten, leidet mit ihm beim Anblick eines geblendeten Ferkels, eines zum Festmahl bereiteten Hundes, dem die Beine gebrochen wurden, beim Töten eines Hais, dessen mana die Einheimischen für ihre Dorfgeister benötigen. Diese Sympathie für Engelhardt hält Buhl bis zum Ende durch, indem er ihm, schon dem Tode durch Verhungern und Lepra nahe, die über Jahre ersehnte Vereinigung mit seiner grossen Liebe Anna ermöglicht. Während Engelhardts Bücher in einer apokalyptischen Endzeitszene brennen, finden sich die beiden Liebenden.

Kracht hingegen nimmt sich die künstlerische Freiheit und lässt seinen Helden verstümmelt und krank auf einer der Inseln der Solomonen-Gruppe sogar den Zweiten Weltkrieg überstehen, um als Spezialeffekt in einen Hollywood-Film einzugehen.

Wer die zeitgemässe Version des deutschen Südseeabenteurers lesen will, sollte sich „Unter die Kannibalen der Südsee“ mit Friedrich Burger, 1923, begeben, der den echten August Engelhardt persönlich unter den Palmen seiner Paradiesinsel angetroffen hat.

Théo Lonzo

Das Paradies des August Engelhardt, von Marc Buhl. Roman, 238 S., 18,95 €. Roman. (Eichborn Verlag, 2011), zu beziehen über Bastei Lübbe, Köln

Imperium, von Christian Kracht, Roman, 246S., 18,99 €. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012

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KOSMOPOLIS 23/2012 erscheint im April

EDITORIAL

Der Göttervater Zeus als Stier wird von Europas Gespielinnen mit Euros gefüttert. Zeichnung von Dmitrij Chmelnizki, 2012

Der Göttervater Zeus als Stier wird von Europas Gespielinnen mit Euros gefüttert. Zeichnung von Dmitrij Chmelnizki, 2012

„Mit Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“, dichtete Friedrich Schiller in seinem Drama „Die Jungfrau von Orleans“. So spontan dieser Ausruf des englischen Feldherrn Talbot angesichts seiner Niederlage gegen die Truppen der Franzosen unter Anführung dieser Kriegerin war, so spontan kann man derzeit die vollkommene Ohnmacht all unserer einstigen Götter und unserer aktuellen gottähnlichen Ikonen angesichts des irdischen Chaos konstatieren.

Die Ablösung von überirdischem Glanz und Herrlichkeit durch die absolute Paradiessuche im Hier und Jetzt zeitigte den vollständigen Verlust göttlicher Allmacht. Erfolgreich begann die Entmachtung des Pantheons bereits zur Zeit der Antike. Ein alleinseeligmachender Gott setzte sich an seine Stelle, bis auch er im Zeitalter der Aufklärung den allzu menschlichen Ideologien unter dem Banner der Vernunft geopfert wurde.

Mit dem Ende der Ideologienvielfalt und dem Sieg eines eindimensionalen globalen Kapitalismus hat nun wieder – ganz wie einst im Alten Testament – das Geld als Goldenes Kalb den höchsten Altar erklommen. „Wer sich wehrt, lebt verkehrt“, heißt der abgewandelte Revoluzzerspruch der Alt-68iger heute.

Mit dem virtuellen Rüstzeug des weltweiten Netzes scheint dem Einzelnen eine Waffe gegen Ungerechtigkeit und Willkür an die Hand gegeben zu sein – wie der „Arabische Frühling“ 2011 zu belegen glaubte. Kann wieder einmal ein unsichtbarer Ersatzgott die Ohnmacht seiner Vorläufer in ein potentes Machtzentrum verwandeln? Unsere Autorinnen und Autoren gehen in ihren Beiträgen dem Verlust der Allmacht der Götter über die Jahrtausende nach –  von Afghanistan bis in die Ukraine, von Brasilien bis zum krisengeschüttelten Griechenland des 21. Jahrhunderts, das ausgerechnet von diesen einst mächtigen Göttern gänzlich der Willkür virtueller Kräfte überlassen wird.

red

INHALT

Impotente Götter oder Die Allmacht im Netz

Das Ende der Schamanenmacht im Amazonas?

Töte nicht deine Familie! Volkserziehung in Afghanistan

Kretische Impressionen oder die Rettung Europas?

Im Schatten der Götter. Ukrainische Notizen zur EURO 2012

Selbstverliebtes Paris

in Berlin und anderswo:
Asien in Berlin * „Über Lebenskunst“ in Berlin, Neu-Delhi,
St. Petersburg, Nairobi und São Paulo * Neureich in Aambly
Valley City, Indien * „Entschleunigung“ in Wolfsburg *
Matisse in Paris

Neue Bücher – auch zum Fußball der EURO 2012 in der Ukraine:

Neuerscheinungen 2011/2012 unserer Verlagspartner: Taschen, Köln, Hatje, Ostfildern, Kehrer, Heidelberg, Dörlemann, Berlin, DOM, Freiburg, Nelles, München, mare, Hamburg, Unionsverlag, Zürich, Suhrkamp, Berlin, Kiepenheuer & Witsch, Köln, Piper, München, Nautilus, Hamburg

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Töte nicht Deine Familie!

Foto gs 2011

Foto gs 2011

“Töte nicht Deine Familie!” Volkserziehung in Masar-i-Sharif, Afghanistan, gegen Ehrenmorde und Blutrache, gesponsert von der Regierung von Kanada.

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„Entschleunigung“ im Kunstmuseum Wolfsburg

Welch gewagtes Ansinnen mag dahinter stecken, wenn das Kunstmuseum Wolfsburg, dessen Hauptsponsor der derzeitige „Weltmeister der Beschleunigung“ Volkswagen ist, eine Ausstellung präsentiert, die sich dem zeitgeistigen Thema der „Entschleunigung“ widmet? Oder wollte der Direktor Markus Brüderlin sich unter dem politisch-korrekten Deckmäntelchen auch einmal sein Museum mit großen Werken der Moderne des 20. Jahrhunderts schmücken?

Die bis April 2012 laufende Ausstellung in der Autostadt Wolfsburg wird begleitet von Vorträgen, Gesprächen und Colloquien. Man scheut keine Mühen und lädt selbst in die Hauptstadt ein. In der Akademie der Künste am Pariser Platz traf sich Mitte Januar politische Alt-Prominenz mit gesamtdeutschen Wissenschaftlern.

Nach Durchsicht des Katalogs scheint das Thema „Entschleunigung“ Kunstexperten, Journalisten und Wissenschaftler weitaus mehr zu geistiger Beschleunigung anzuregen als die eigentlichen Adressaten, die zeitgenössischen Künstler.

Das in der „posthumanen  Zeit“ (Hartmut Böhme, Kulturtheoretiker) lebende Individuum nähere sich unabwendbar dem Untergang, wenn nicht…! Ja, wenn nicht endlich die „Ökologie der Zeit“ (Fritz Reheis, Wirtschaftswissenschaftler) uns aus dem „Turboprinzip“ befreit. Andere wie Stefan Klein (Biophysiker) sprechen sogar vom „Tsunami der Reize“ (vor der Tsunami-Katastrophe in Japan im März 2011!), der unsere Hirne der „Droge Geschwindigkeit“ unterwerfe.

Eine nicht repräsentative Umfrage zum Thema unter Freunden und Gönnern des Kunstmuseums ergab dann in etwa die Antworten, die man vom kreativen Segment der postindustriellen deutschen Gesellschaft erwarten konnte. Stellvertretend soll hier die Antwort des Hauptsponsors zitiert werden. Prof. Dr. Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender des VW Konzerns erwiderte auf die „Entschleunigungsfrage“: „…bewusst und verantwortungsvoll mit wirtschaftlichem Wachstum umgehen. Und mit trotz hohem Arbeitstempo genug Freiraum zum Nachdenken zu schaffen, um auch langfristig die richtigen Prioritäten zu setzen.“ (S. 43) Damit die Botschaft des VW-Vertreters auch wirklich nachhaltig bleibt, gibt es für alle, die diese Neuausrichtung noch nicht kennen auf S. 51 des Katalogs die offizielle Werbekampagne für den „EOS. Das Auszeitauto“ als „Kunstobjekt“. So werden Synergien genutzt. Den „Freiraum zum Nachdenken“ bietet das Kunstmuseum Wolfsburg als „Ort der Entschleunigung“ (Markus Brüderlin, S. 11) auch all denjenigen, die nicht auf einen VW umsteigen wollen.

Auf neunzig Prozent der Ausstellungsfläche hängen und stehen die Kunstwerke aus der Vorgeschichte der „Turbobeschleunigung“ des 21. Jahrhunderts. Das Gegensatzpaar Be- und Ent-schleunigung setzt hier also mit der „Aufklärung und Romantik“ ein, volkstümlich ausgedrückt: „Mit Goethe ins Dampfmaschinenzeitalter“. Die „Klassische Moderne“ gibt sich in der Ausstellung als Platzhirsch. Rodin, de Chirico, Duchamps, Rodko, Mondrian, Malewitsch, Man Ray, Calder, Richter, etc.etc. Bis zum „Rasenden Stillstand“ in den 1960er Jahren ist es dann nicht mehr weit. Das Namedropping endet auch hier nicht: Andy Warhol, Nam June Paik, Bill Viola, John Cage, Joseph Beuys (hier als Handy-Vorbote mit seinem Lehmtelefon und seinen Konservendosen-Sprechapparaten). Panamarenkos hängende und nicht fliegende, also total entschleunigte, Flugkörper geben dann doch noch ein gutes Bild ab.

Die Zeitgenossen tauchen erst ganz zum Schluß auf nur 20 Seiten und mit nur wenigen „Kunstwerken“ auf. Video-Installationen von Nam Jun Paik, Grossfotografien von stehendem Verkehr auf US-amerikanischen Autobahnen oder von einem Tsunami erfassten Autos und Flugzeuge deuten das Thema an: „Aktien auf die Apokalypse – Perlen vor die Säue“. Börsenkritik von Künstlerhand und Geldsucht bei chinesischen Neureichen (Ai Weiweis „Bowl of Pearls“, 2006: statt Reis füllen Süsswasserperlen die eisernen Reisschalen) führen am Ende den Untergang der Welt herbei.

Kurz vor Schluß gibt es noch ein Grossfoto von Balthasar Burkhard (ohne Jahr!) zu dem ausufernden Menschenwachstum in Mexiko-Stadt. Doch statt chaotischem Zerfall aufgrund der nicht mehr zu bewältigenden Massen reihen sich nicht gezählte Quadras (Viertel) ordentlich in das einst von den spanischen Kolonisatoren importierte Rastersystem ein – bis zu den Füßen der Vulkankegel [s. dazu auch: Daus, R., Neue Stadtbilder - Neue Gefühle. Bd.1: Europäische Stadtanlagen als Weltmodell, Babylon Metropolis Studies, Opitz Verlag, Berlin 2011].

Es wird anscheinend viel über „Entschleunigung“ kommuniziert (siehe Literaturliste im Katalog), jedoch wenig Künstlerisches präsentiert, was wohl einer dem digitalen und virtuellen Zeitalter inhärenten Logik entspricht. Denn im Moment seiner Entstehung löst sich das Kunstwerk eigentlich schon wieder auf. Es erfährt damit – am Höhepunkt seiner Beschleunigung – seine totale Entschleunigung  – und verschwindet!

Tamara Pracel

Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei, Katalog zur Ausstellung hrsg. von Markus Brüderlin, mit wissenschaftlichen Beiträgen. 260 S., zahlr. Abb. 49,80 €. Kunstmuseum Wolfsburg/Hatje Cantz, Ostfildern 2011.

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Geniestreiche mit Pedro Almodóvar

"Das Pedro Almodóvar Archiv", Foto R & U Daus, 2012

Der nun weltberühmte spanische Filmemacher Pedro Almodóvar wuchs in den 1950er Jahren in Calzada de Calatrava in der Mancha auf, in der selben Gegend, wo einst „Don Quijote, der Ritter mit der Traurigen Gestalt“ sein spöttisches Unwesen getrieben hatte.

Mit 17 Jahren zog es ihn, für immer, nach Madrid. Mit wechselnden Jobs hielt er sich finanziell über Wasser. Er liebte fanatisch die „Movida“, also die Bewegung der jungen Leute, die sich den Teufel scherten, was politisch korrekt, anständig oder langweilig war. Er posierte auch schon gern als Transe, drehte schrille kurze Action-Filme, schauspielerte und sang.

Sein erster Spiel- und Jux-Film war „Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón“, Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande, 1980. „Pepi ist eine moderne, clevere und unmoralische Frau aus Madrid. Luci ist mit einem Polizisten verheiratet. Sie soll die typische Hausfrau um die vierzig darstellen, selbstlos und unterwürfig. Bom singt in einer Popgruppe, ist brutal, pervers und sehr jung. Ein unvorhersehbares Ereignis verändert das Schicksal dieser drei Frauen sowie des Polizisten. Er vergewaltigt Pepi – und übersieht dafür den Marihuana-Anbau auf ihrem Balkon.“ (S. 10ff.) Das alles ist schrill, sehr komisch, gekonnt lässig: ein bunter Bürgerschreck fürs Großstadtgetriebe im neu aufblühenden Madrid. (S. 21) Dieser Film wird sofort international berühmt. So hatte man sich das Leben im immer noch faschistisch regierten Spanien nicht vorgestellt. „Alles wird plötzlich anders!“ Die lokale Politik begann an jeder Ecke lächerlich zu wirken und vor allem, impotent. Das offiziell immer noch von Faschisten regierte Madrid war unverhofft zu einem schlappen Schießbuden-Décor degeneriert. Die herrschenden Greise konnten mit einer solchen unverschämten Attitüde nicht umgehen. Die 1900er wurden plötzlich ein einziges Fest mitten in der spanischen Kapitale. Alles ließ sich „veräppeln“. Die Politiker begriffen offensichtlich nichts mehr.

Mit „Mujeres al borde de un ataque de nervios“, Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, 1988, ist der internationale Durchbruch gefestigt. Um 1990 hatte dieses superpotente Kino in der spanischen Hauptstadt mit dem total aktuellen Genie Almodóvar seinen schrillen Höhepunkt erreicht. Die Truppe war nun eingespielt. Sie konnte sich gegenüber ihrem Publikum alles erlauben. Und so ging man tatsächlich mit dem Film „Átame“, Fessle mich, 1990, zum Äußersten. Ein Kidnapper beschließt, endlich einmal an Geld zu kommen. Antonio Banderas, der aufstrebende Superstar im neuen spanischen Kino, bricht in seiner Rolle in irgendeine bürgerliche Wohnung ein, um von einer zufälligen Person, einer jungen Frau, Lösegeld zu erpressen. Er ist Waise und hat sein ganzes Leben in Erziehungsanstalten verbracht. Der Auftritt der ebenso prominenten Schauspielerin Victoria Abril als Porno- und Horrordarstellerin jagt beide Temperamentskanonen aufeinander. Die Stars übertreffen sich im Bett in extremem Realismus, schreiend, blutend, sich tatsächlich liebend.

Ab jetzt waren diese Schauspieler und der Regisseur unantastbar in allen weiteren Projekten – auf Jahrzehnte hinaus.

Sie wurden Weltstars, auch in den USA. Diese spanische Filmkunst hatte sich, fast Jahr für Jahr, verzweigt, erneuert, überrascht und als unermüdlich erwiesen.

Das „Pedro-Almodóvar-Archiv“ kann immer weiter arbeiten. Die quasi-Vergöttlichung der Komödianten aus Madrid und ihres Obergurus dürfte einzigartig sein, sodaß der 2011 in einer ersten Auflage von 12 000 nummerierten Exemplaren bestimmt weitere folgen werden. Und wie eine Reliquie stellte der Filmregisseur jeweils jedem Buchexemplar einen veritablen 35-mm-Filmstreifen  von „Volver“, Zurückkehren, 2006, zur Verfügung.

Clarita Avila

Das Pedro-Almodóvar-Archiv, hg. von Paul Duncan und Bárbara Peiró,  410 S.,  600 Abb., darunter viele bislang unveröffentlichte Bilder des neuen Films „Die Haut, in der ich wohne“ (2011). 150 €. Taschen, Köln 2011

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Brief aus “Aambly Valley City”, Indien

Foto tigerlilly, 2011

Auch wer sich länger über eine Indienkarte beugt oder den Namen dieser städtischen Agglomeration bei Google eingibt, wird nur schwer fündig. Denn es handelt sich bei „Aambly Valley City“ nicht um eine Neustadtgründung, sondern um eine der zahlreichen künstlichen Ressortanlage drei Stunden Autofahrt von der Megametropole Mumbai/Bombay entfernt in Richtung Pune.

Implantate wie Aambly Valley City springen derzeit in Indien wie Pilze nach einem üppigen Monsunregen aus dem Boden. Ihr Marketing-Konzept richtet sich an die Bezieher gehobener Einkommen. Die sich über Hunderte von Hektar Landschaft im trockenen Dschungel des Hinterlands von Bombay erstreckende Anlage besteht aus einem Helikopterlandeplatz, einem Stausee für Wassersport, einem Wellenbad, einem Swimmingpool, Restaurants, Vergnügungspark, Mietbungalows und einer „residential area“, wo einzeln stehende Villen zum Verkauf angeboten werden.

Der Werbeslogan derartiger Luxusressorts lautet uniform: „Entspannen Sie bei uns, das erspart Ihnen eine Reise nach Goa, Mauritius, Dubai…“.  Eine Einladung zu einer Hochzeit, einem geschäftlichen Jubiläum oder einem familiären Gedenktag in ein derartiges Ressort gehört selbst für Angehörige der indischen Neureichen-Schicht zu einem der Höhepunkt in ihrem sozialen Kalender des Jahres.

Im Spätherbst 2011 lud zum Beispiel eine Werbe- und Marketing-Agentur, deren Stammsitz im streng hinduistischen Baroda, Bundesstaat Gujarat, beheimatet ist, ihre Mitarbeiter und einige Gäste aus dem Ausland zu einer dreitägigen Party nach Aambly Valley City ein. Die Firma ist in Indien führend bei Kampagnen für ein „grünes Image“, sie präsentiert sich als ein „sustainable campagner“, ein auf Nachhaltigkeit ausgerichteter Werber.

Sobald die Gäste das hochgesicherte Aussentor des Ressorts erreichen, wird ihnen der Pass abgenommen, und sie müssen drei Kontrollschleusen durchfahren. Fußgänger werden nicht eingelassen. Der Chauffeur bringt sie zu den in leichter Hanglage gebauten „Wohnhütten“. Die zweistöckigen, auf Stelzen stehenden Holzgebäude imitieren im Inneren den Feudalluxus der Maharadja-Zeit, sind jedoch auch mit allem gängigen modernen Komfort ausgestattet. Nichts erinnert hier mehr an die einstige hochgepriesene anglo-indische Bungalow-Architektur, wie sie das gesamte 20. Jahrhundert über für derartige Freizeiteinrichtungen präferiert wurde. Auch die Mobilität der Gäste zwischen den einzelnen Aktivitätszentren – Restaurants, Bars, Sportanlagen, Entspannungsoasen, Diskothek etc. – wird stil- und zeitgeistgerecht bereitgestellt: Mercedes-Luxuslimousinen warten auf Anfrage vor den „Hütten“. Sie sind für die Langstrecken innerhalb der Anlage zuständig. Wo die asphaltierten Wege im hügeligen Gelände steiler und enger werden, stehen elektrische Golfcarts zur Verfügung. Innerhalb der „City“ bewegen sich nur Arbeiter und niedere Dienstkräfte per pedes. Das erinnert an die „Outings“ zu Zeiten des britischen Raj, wo kein britischer Beamter und sei er auch noch so untergeordnet, in der Stadt zu Fuß ging. Sollte sich dennoch bei dem einen oder anderen Gast der Wunsch nach „Überblick“ oder gar „Erkundung“ des gesamten Terrains einstellen, steht ein „Tourbus“ zur Verfügung, der ganz wie bei einer Rundfahrt durch eine konventionelle Metropole einen von einem „Stadtführer“ kommentierten Kurs abfährt.

Auch der Tagesablauf in einem Ressort wie „Aambly Valley City“ folgt einem ungeschriebenen, jedoch strikten Plan. Oberstes Ziel der Inszenierung ist das „totale Vergnügen in Gemeinschaft“. Es wird gemeinsam gegessen, beim Bauchtanz mit einer ausländischen Tänzerin eine lustige Übungsstunde absolviert, Ratespiele und Maskeraden durchgeführt und die nächtlichen Tanzveranstaltungen mit wechselnden Bands und DJs durchgestanden. Die großen Pools dienen eher als Hintergrund für diese Parties denn als Sport- und Entspannungsanlagen, Nur den zahlreich bei derartigen Veranstaltungen anwesenden Kindern ist es erlaubt, frei und ungezwungen im Wasser zu plantschen. Denn wenige indische Männer der mittleren Generation können schwimmen, ihre Frauen sind grundsätzlich Nichtschwimmerinnen. Auch scheint es noch immer zu den unumstößlichen Gesetzen der modernen indischen Gesellschaft zu gehören – trotz aller auch in indischen Städten präsenten Werbung -, dass Frauen sich an öffentlichen Orten nicht in Bikini oder Badeanzug zeigen. Dass der Pool nicht wirklich zum Baden genutzt werden soll, belegen auch die fehlenden Badehandtücher für die Gäste.

Die zu der Jubiläumsfeier eingeladene alleinreisende Vorzeige-Europäerin erlitt angesichts des nutzlosen Überflusses an gestautem Süsswasser in dieser wasserarmen Region, das von ihr trotz 38 Grad Hitze nicht betreten werden sollte, und den permanenten sexuellen Avancen der männlichen Gäste einen ähnlichen Kulturschock wie die englische Protagonistin in dem 1924 von dem Briten E. M. Forster verfassten Roman „A Passage to India“, Reise nach Indien. Diese hatte während einer Urlaubsreise in Britisch-Indien einen einheimischen Arzt kennengelernt, der sie zu einem Picknick in eine nahegelegene Höhlenlandschaft einlud. Der Ausflug wurde mit allem notwendigen Pomp organisiert. Luxuszugabteile standen für die Teilnehmer bereit. Elefanten trugen die Gäste zu den abgelegenen Höhlen. Angesichts der unerträglichen Tageshitze setzten sich die Engländerin und ihr indischer Verehrer im Schatten einer Höhle nieder. Kurz darauf floh die verwirrte Europäerin weinend aus diesem Refugium und verließ Indien. Es wurde nie aufgeklärt, was eigentlich passiert war. Waren Grenzen überschritten worden? Hatte der Arzt sich ihr unliebsam genähert? Hatte sie einen Hitzeschock erlitten? Waren ihr die üppigen fremdartigen Speisen nicht bekommen?

Auch im 21. Jahrhundert scheint trotz aller Multikulti-Kontakte ein wirkliches Verstehen anderer Kulturen schwierig. Wenn dann jedoch bei nächtlichen Tanzveranstaltungen der importierte Alkohol in Strömen fließt, sind sich alle einheimischen Anwesenden immerhin wieder einmal sicher, „dass es keinen besseren Ort auf der Welt gibt, um reich zu sein als in Indien“.

red


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Asien am Wasser

Wasser in der Stadt

Anläßlich der Asien-Pazifik-Wochen 2011 versuchten in der Aedes East Galerie, Berlin, zwei Ausstellungen – „Water – Curse or Blessing“ und „Singapore – City of Gardens and Waters“ – dem zeitgeistigen Thema des angeblich apokalyptisch ansteigenden Meeresspiegels eine konstruktive Note abzugewinnen. Projekte aus zahlreichen asiatischen Nationen – Indien, Thailand, Indonesien, Bangladesch, China, Singapur, Korea – sollten den eher melancholisch in die Zukunft blickenden Europäern ein wenig Optimismus vermitteln.

Erlaubt war in der Ausstellung, was den Urbanisten und Architekten zum Thema in den Sinn kam: Realisiertes, Projektiertes, Phantasiertes und satirische Überhöhtes. Mit dieser offenen Heranehensweise konnten sich auch Büros, die nicht aus der Region stammten, also Holländer, Deutsche, u.a.m., an dem beeindruckenden Überblick über das Bauen am und im Wasser beteiligen.

Die Ausstellungsmacher unter der Ägide der kenntnisreichen und engagierten Kuratorin Ulla Giesler scheuten keine Mühe, Naheliegendes und Abwegiges in einer leicht verständlichen Ausstellungssprache aus Plänen, Modellen und Videos homogen zu präsentieren. So erscheint zum Beispiel die auf Stahlstelzen entwickelte „Wetropolis“ Bangkok geradezu die natürliche Antwort auf die alljährlich zunehmenden Monsunfluten für die Millionen-Metropole. Oder das Leben auf leichten Holzplattformen in Zelten mitten im Ganges-Delta wirkt so selbstverständlich wie situationsgemäß.

Ganz anders nimmt sich die Herangehensweise des Büros WOHA aus Singapur aus. Die preisgekrönten Hochhausbauer haben der Stadt in ihrer satirischen Ausgabe „Strange Times“ (Seltsame Zeiten), eine Verballhornung der Tageszeitung „Straits Times“, eine Zukunftsgestaltung verpasst, die gegen jeden Comment des autoritär geführten Stadtstaates verstößt. Mit ihrem Projekt, die gesamte Insel mit einem Festungsring zu umgeben, der nur von einem megalomanen Willkommenstor à la Atlantis unterbrochen wird, soll der Größenwahn, der die Regierenden erfaßt hat, aufs Korn genommen werden. Um die böse Ironie zu kaschieren, haben die Archiekten in den Mauerring ein regulierbares Gezeitenkraftwerk eingebaut, das diese „Insel der Glückseligen“ mit Energie versorgen wird. Und glückselig sind auch die zukünftigen Bewohner dargestellt: Nacktbadende an künstlichen Stränden – für Singaporeaner eine Undenkbarkeit, Kinder, die nur spielen, Jugendliche, die ausgiebig Zeit für Club-Besuche in ausgeflippter Kleidung haben, verbunden mit in Singapur ungekannter Freiheit der Meinungsäußerung von Rock-Gruppen, Literaten und Künstler. All das vereinigt der Lebensentwurf 2050 in „Strange Times“, dann wenn die Katastrophe eines Meeresanstiegs vielleicht zum endgültigen Aus für den derzeit extrem erfolgreichen Finanz- und Dienstleistungsplatz Singapur führen kann.

Wer sich in der Ausstellung die Zeit nimmt, die zahlreichen Anregungsfäden zu verknüpfen, kommt zu einem völlig veränderten Gewebe, das die Zukunft den immer zahlreicher werdenden Bewohnern dieser Erde bieten wird. Im November 2011 wurde die Sieben-Milliarden-Grenze geknackt. Und der Großteil lebt in Asien entlang seiner Zehntausenden von Küstenkilometern!

Ursula Daus

„Water – Curse or Blessing“ & „Singapore – City of Gardens and Water“. Katalog in der Ausstellung: 10 €. Mehr dazu unter www.aedes-arc.de

Ohne Utopien

Im August 2011 organisierte das Haus der Kulturen der Welt in Berlin ein ambitioniertes multimediales Projekt: „Konferenz über Lebenskunst“ war sein Titel. Zeitgleich traten in St. Petersburg, Neu-Delhi, Nairobi, São Paulo und Berlin „Aktivisten, Künstler und Pragmatiker“ in einen virtuellen Dialog. Man konnte an riesigen Leinwänden und realen Diskussionen, Performances und Werkstattgespräche miterleben. Die Liste der Teilnehmer erschien so endlos wie die angesprochenen Themen. Natürlich könnte zu diesen wahrhaft jeden Erdbewohner in den nächsten Jahrzehnten betreffenden Sujets JEDER etwas beitragen, wie z.B. „Über Energie und das Leben“ oder „Über post-fossiles Konsumieren“ (wenn dann überhaupt noch konsumiert werden wird) oder „Über Megacities“ oder „Über den Wohlstand, der ohne Wachstum wächst“ oder „Über die Rolle des Einzelnen“ oder „Was macht uns glücklich“….

Als Ergebnis erschien kurz nach der Konferenz flugs ein Bändchen im Suhrkamp Verlag, in dem einige der Teilnehmer ältere oder auch adhoc verfasste Beiträge publizierten. „Über Lebenskunst. Utopien nach der Krise“ ist – wie alle Sammelbände – ein zwiespältiges Projekt. Allein schon der Titel ließ sich kaum als „Lebenkunst“, sondern zu 99% als „Überlebenskraft“ interpretieren – nolens volens. Thematisch wurden die Autoren zusammengezwungen unter so launische Überschriften wie „Alle Mann in die Rettungsboote!“ oder „Nord-Süd? Eine Übung in Hoffnung?“. Aber auch Apodiktisches schien notwendig: „Überleben und Sterben“, wo der chinesische Dissident Liao Yiwu viel über das Sterben und wenig über die Hoffnung, menschenwürdig in China zu überleben schrieb.

Überhaupt hatte man nach der Lektüre wenig Hoffnung für die Menschheit. Selbst der ironisch-lakonische Text des Isländers Sjon „Alda, die Welle – eine Übung in Hoffnung“ erzählt auch nur vom Elend des Ertrinkens und der meist unerfüllten Hoffnung der an Land zurückgebliebenen, dass die Vermissten doch noch auftauchen. Immerhin hat er die Schlußpointe einer Spendenaktion für die Suche nach den seit 60 Jahren verschollenen so eingearbeitet, daß die ganze Absurdität des Ansinnens einer Hoffnung deutlich zutagetritt.

Hoffnung machten weder die Diskussionen noch die Gedanken der befragten Autoren. Vernetzen allein reicht nicht – es braucht neben Idealen und Hoffnung auch den faktischen Willen, etwas zu ändern. Und der scheint momentan nirgendwo ein Zeichen zu setzen.

Corinna Rohloff

Über Lebenskunst. Utopien nach der Krise, hg. von Katharina Narbutovic und Susanne Stemmler, Begleitbuch zur Konferenz im Haus der Kulturen der Welt, August 2011. 389 S., 11,95 €, Suhrkamp, Berlin 2011

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Neue Stadtbilder – Neue Gefühle [Band 2]

Zeichnung D. Chmelnizki, 1997

Die Package-City: Berlin

Ronald Daus

Die dreibändige Serie “Neue Stadtbilder – Neue Gefühle zeigt, daß sich ein neues System des Verständnisses großer Städte rund um den Erdball in Gang gesetzt hat.Der zweite Band befasst sich mit der protoypischen “Package-City” am Beispiel Berlins.Die “Package”-Methode nimmt oft ganz beliebige Fragmente “spielerisch” wahr. Es gibt weder Vergangenheit noch Zukunft, allenfalls den Plan rasch organisierter “Events”. Stadtplaner, Architekten, aber auch Künstler und Literaten antworten auf diese geplanten Spontan-Inszenierungen ebenso pragmatisch wie hilflos.Aus dem Inhalt
  • Der totale Verzicht auf Orientierungen
  • Von der Festungsstadt zur schöngeistigen Kulisse
  • Weltstadtträume
  • Weltstadtwahn
  • Geteilter Neuanfang im Unfertigen
  • Eingemauerte Kultstadt
  • Alternative Spaßgesellschaft Berlin-West
  • Fiktion (Ost) gegen Realität (West)
  • Postmoderne Endzeitstimmung
  • Zeit der Experimente und Opportunitäten
  • Frohe Aussichten
mehr Infos unter www.babylon-metropolis.com
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