Weltstadtgefühle & Dorfgeborgenheit

 

262-2-press-3-michael-jung-can-stockphoto
Moses-Mabhida-Fußballstation, Durban, Südafrika. Entwurf gmp Architekten et.al. 2010. Foto © Michael Jung Can

Die Zukunftseuphorie, die zahlreiche Nationen außerhalb Europas Anfang des 21. Jahrhunderts ergriffen hatte – sei es aufgrund einschneidender politischer Veränderungen oder wirtschaftlicher Verbesserungen großer Bevölkerungsteile – zeigte sich selbstredend auch in der gebauten Umwelt.

Beispielhaft seien hier Südafrika und Indonesien ausgewählt, wie es die beiden  Architekturführer zu diesen Ländern von DOM Publisher in Berlin darlegen.

Südafrikas Baugeschichte begann selbstredend lange vor einer formalen Architekturgeschichte. Der Führer konzentriert sich jedoch nur auf diejenigen Bauten, deren Architekten benannt werden können und die entsprechend dem europäischen Architekturkanon ihrer jeweiligen Epoche gebaut haben. So konzentriert er sich auf die vier wichtigsten Metropolen des Landes: Kapstadt, Johannesburg, Pretoria und Durban. Ihre Entwicklung – von der Ankunft der Europäer bis hin zu der heutigen „Regenbogen-Nation“ – wird an exemplarischen Bauwerken gezeigt. Neben der in Südafrika stark vertretenen Version des Art Déco legen beide Verfasser, Nicholas Clarke und Roger Fisher, besonderes Gewicht auf die Architekturentwicklungen in der Hochzeit der Apartheit, in welcher ein brutalistischer Internationaler Stil ihrer Einschätzung nach die brutale Unterdrückung des Großteils der Bevölkerung repräsentierte. Mit dem Ende der Apartheid wurde Südafrikas Architektur von einer Welle aus neo-modernen und post-modernen Gebäuden überzogen, deren wichtigste Repräsentanten sich in öffentlichen Anlagen wie Flughäfen, Stadien und Ausbildungsstätten wiederfinden.

Jede der vorgestellten Metropolen begrüßt die Leserinnen und Leser mit der persönlichen Einschätzung eines Bewohners dieser Agglomeration. Sehr einfühlsam versucht Nina Saunders, Architektin aus Durban, in ihrer Einführung „My Durban“ die enorme Lebensvielfalt mit ihren Licht- und Schattenseiten über ihre seit wenigen Jahren in den Kreis der „lebenswerten Metropolen des Globus“ aufgestiegenen Heimatstadt  in poetische Methaphern zu kleiden.

*

425-1-press-6-sonny-sandjaya
Rekonstruktion eines Rumah Gadang (Versammlungshauses) der Minangkabau in West-Sumatra. Soc. of Sumpur, 2014. Foto © Sonny Sandjaya

Die indonesische Architektin und Architekturkritikerin Imelda Akmal hat sich der Mammutaufgabe gestellt, die nicht-traditionelle Architektur ihres Heimatarchipels aus 17 000 Inseln in dem „Architectural Guide Indonesia“ zu versammeln. Von der holländischen Kolonialarchitektur des 17. Jahrhunderts über das „Dutch Modern“, einer Mischung aus neoklassizistischen und modernen Vorläufern sowie Einflüsse traditioneller indonesischer Architektur, hin zur „Indonesischen Moderne“ der Unabhängigkeitsepoche bis zur Post-Moderne und der Rückbesinnung auf lokale Einflüsse reicht das Spektrum.

Der Löwenanteil der ausgewählten Projekte findet sich selbstverständlich in dem als „Jabodetabek“ bezeichneten Großraum um die Hauptstadt Jakarta. Die Autorin nennt sie „Die boomende Mega-Dorf-Stadt“, da auch die städtische Bevölkerung Indonesiens noch immer im dörflichen Kampong-Stil ihr Wohnideal sieht. Öffentliche Gebäude, Wohnhäuser, Geschäftshäuser, Bars, Restaurants, Museen, Busstationen, Lehranstalten, jeder Bautyp wird mit älteren und neueren Beispielen abgehandelt. Eines der Schwergewichte des Bandes ist auch die für ihre frühen modernen Entwürfe bekannte Architekturhochburg Bandung. Fast alle indonesischen Architekten der Kolonialzeit und der postkolonialen Ära stammen aus dieser Hochschule.

Für die Liebhaber der weltweit geschätzten Ferienarchitektur im „balinesischen Stil“ aus Naturmaterialien, offenen Räumen und pseudo-traditionellem Kunsthandwerk gibt es ein eigenes Kapitel. So bleibt den „anderen Inseln“ leider nur noch ein kleiner editorischer Seitenrest, was besonders der Architektur in den aufstrebenden Metropolen wie Makassar und Manado auf Sulawesi nicht gerecht wird. Auch dort finden sich Beispiel des kolonialen „Dutch Modern“, des nachkolonialen „Indonesian Modern“ und der aktuellen bunten Mischung aus Neo-Modern und Neo-Eklektizismus.

Einige interessante Beispiele restaurierter traditioneller Architekturstile auf verstreut im großen indonesischen Archipel liegenden, schwer erreichbaren Inseln runden das Bild ab. Beispielhaft dafür stehen die traditionellen Holzhäuser in Süd-Nias, einer Insel auf der stürmischen Westseite der Insel Sumatra. Ihr auf Stelzen stehender rechteckiger Baukörper schwingt sich an den beiden Längsseiten weit nach außen. Darüber steigt das steil ansteigende Dach auf. Die Seitenausleger erweitern den Innenraum und ermöglichen eine bessere Lichtdurchlässigkeit. Dieser Architekturstil ist einzigartig in der traditionellen indonesischen Baukunst. Sein Ursprung drüfte sich in Zentrallaos finden, wo dieser Bautypus aus Bambus und Palmblättern seinen Ursprung hat.

Indonesiens Architekturszene hat sich während der vergangenen 30 Jahre nicht nur von seinen kolonialen Baumeistern, vom „Diktat“ des Internationalen Stils durch die Unabhängigkeitsjahre, sondern teilweise auch von den global agierenden Großinvestoren und ihrer Spekulationsarchitektur befreit. Die Fülle existierender lokaler und traditioneller Vorbilder, die Vernetzung zwischen den Gestaltern in ganz Südostasien hat enorme Fortschritte ermöglicht und das Selbstbewußtsein gestärkt. Ursula Daus

Architectural Guide South Africa, von Roger D. Fisher/Nicholas J. Clarke et.al. 250 S. 700 Abb. 28 €. DOM publ., Berlin 2014

Architectural Guide Indonesia, von Imelda Akmal. 400 S. 350 Abb. 38 €. DOM publ., Berlin 2015

 

Von Berlin nach Astana

406-0-pressebild-04-philipp-meuser
Central Concert Hall, Astana. Studio Nicoletti Associati, 2010. Foto © Philipp Meuser

Viel schneller als in früheren Zeiten wechseln die Lebenswelten in den aktuellen Großstädten. Für die Zeitgenossen vermischen sich „Urzeit“ und „Science Fiction“. Es läßt sich reich und mächtig werden als zufälliger Bewohner einer rohstoffreichen Region oder als skrupelloser Analphabet eines Millionen-Slums. In dieser Hinsicht beherbergen die heutigen Metropolen gesetzestreue Bürger, korrupte Politiker, Börsenzocker, Wirtschaftsbosse, Mafia-Clans oder auch engagierte Mitglieder von Weltenretter-Organisationen. Sie alle sind die neue Art von Kosmopoliten. In diesem globalen Netzwerk entstanden „Neue Stadtbilder“, die „Neue Gefühle“ provozierten (s. auch: „Neue Stadtbilder – Neue Gefühle. Das permanente Chaos“. von Ronald Daus, Berlin 2012, S. 13ff.)

Wenn man von der deutschen Hauptstadt Berlin sich Richtung Osten aufmacht, die großen Transiträume Polens, Weißrußlands und Rußlands durchquert, wird man früher oder später in den endlosen Weiten Eurasiens landen. Dort, in der Isoliertheit der Wüstenregion Kasachstans entsteht das Herzstück eines neuen Staates: Die Metropole Astana, eine Repräsentantin der „Neuen Stadtbilder“. Ihr Chefplaner Vladimir Laptew erklärte 1998, eher überraschend, er wolle ein „Berlin in eurasischer Version“ erbauen, kein Brasília oder Canberra.

Der Entwurf und die Gebäude der neuen Hauptstadt des neugeborenen Staates liegen in den Händen russischer und internationaler Architekten. Neben gewaltigen Ministeriumsbauten finden sich Baukasten-Bunker, von strahlenden Kugeln auf Stahlgerüsten überragt. Sie alle reihen sich in den auf Abbildungen seltsam chronisch leeren Straßen dieser zentralasiatischen „Metropolis“ aneinander, Ausdruck der reinen Geometrie und der Kraft des monetären Vermögens eines an Bodenschätzen reichen Landes. Bei winterlichen Nachtfrösten von über 40 Grad minus und sommerlichen Hitzewellen von über 35 Grad plus wirken auf die Gebäude mit so blumigen Namen wie „Smaragd Tower“, „Pyramide des Friedens“ oder die Beton-Lotusblütenblätter der Konzerthalle gewaltige Naturkräfte ein, deren zerstörerisches Werk ständig im Zaun gehalten werden muss.

Und dennoch: aus der naturbedingten Sackgasse von Steppen und Gebirgen entwickelte sich erstaunlicherweise eine explosive Dyamik durch Hightech und Flugverkehr. Der von dem japanischen Architekten Kisho Kursawa entwickelte Internationale Flughafen, benannt nach dem auf Lebenszeit gewählten Präsidenten, Nursultan Nasarbajev, gilt als Dreh- und Angelpunkt einer Zukunft dieser fernen Megalopolis, deren Lage an der einst weltberühmten Seidenstraße erneut wieder als Chance erkannt wird.

In den sorgfältig und umfassend von einem der besten Architekturkenner Zentralasiens deutscher Sprache, Philipp Meuser, edierten Architekturführer zu Astana und Kasachsten, finden interessierte Leser und Experten ein umfassendes Bild zu der neuen Hauptstadt und zu den andauernden Diskussionen über die Rolle der Stadt in einer einst von Nomaden bewohnten Großregion Zentralasiens. Den Städten Astana, Almaty, Atyrau, Kaptschagai, Semipalatinsk, Ust-Kamenogorsk, Ridder, Leninogorsk, Pawlodar und dem Weltraumbahnhof Baikonor sind eigene Kapitel gewidmet. Von der islamischen Architektur des Mittelalters bis zur russischen Kolonialarchitektur des 19. Jahrhunderts, vom sowjetischen Großprojekt des 20. Jahrhunderts bis zum neo-eklektizistischen Monumentalbau des 21. Jahrhunderts, alle diese Stilrichtungen werden ausführlich von einheimischen und deutschen Autoren diskutiert  und in zahlreichen Abbildungen dargestellt.

Dem Astana-Führer wurde zusätzlich ein Kapitel zu der 2017 stattfindenden Expo beigefügt. Unter der Überschrift „Back to the Future: Spherical World Fair Visions“ fasst der kasachische Kulturhistoriker Adil Dalbai die Vorgaben dieses Großprojekts zusammen. Ausgehend von Étienne-Louis Boullées Kenotaph und Iwan Leonidovs Entwurf für das Lenin Institut in Moskau zeigen zeitgenössische Architekten ihr Kreationen zu einer neuen sphärischen Architektur.

Die Lektüre der beiden „Architekturführer“, die weit über ihre eigene Disziplin hinausweisen, ist eine bereichernde Erfahrung. Ronald und Ursula Daus

Architekturführer Kasachstan, hrsg. von Philipp Meuser et.al., mit 800 Zeichnungen und Fotos. 540 S. , 48 €. DOM publ., Berlin 2015. (Dieser Band beinhaltet bereits das Kapitel „Astana“ ohne die Expo-Sonderausstellung)

Architectural Guide Astana, hrsg. von Philipp Meuser et.al., mit 400 Zeichnungen und Fotos. 224 S. , 38 €. DOM publ., Berlin 2015.

Ein Haus aus Stein

Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan (*1967 in Istanbul) wurde in der Nacht vom 16. zum 17. August 2016 in ihrer Wohnung verhaftet. Seither wird sie im Frauengefängnis Barkirköy festgehalten. Asli Erdogan durchlebt derzeit ganz real die grausame Erfahrung eines Gefängnisaufenthalts wie sie ihn in ihrem 2009 erschienenen Roman „Tas Bina ve Digerleru“ (Das Steingebäude und anderes) für ihre Protagonisten – Intellektuelle und Schriftsteller – ersonnen und niedergeschrieben hatte.

Sie selbst verhedderte sich in den Netzen der seit dem niedergeschlagenen Putsch vom 15. Juli 2016 verhängten Notstandsgesetze und wurde Opfer der sogenannten „Säuberungen“. Wegen ihrer journalistischen Arbeit für die kurdisch-türkische Tageszeitung „Özgün Güden“ wird ihr vorgeworfen, „Propaganda für eine terroristische Organisation“,  „Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation“ sowie „Aufruf zu Unruhen“ zu betreiben.  Die 20 anderen verhafteten Mitglieder der Redaktion wurden wieder auf freien Fuß gesetzt.

Asli Erdogan, die mit ihrem dritten Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine“ (türkisch 1998; dt. 2008) auch international bekannt wurde, belegt in dieser autobiographisch inspirierten Erzählung, wie sehr sie bereits in dieser frühen Phase ihrer Karriere von Gedanken an das Eingesperrtseins, der Unfreiheit, der Unmenschlichkeit der Mitmenschen untereinander, des Todes bestimmt war.

Die Autorin hatte diesen Roman abgefasst, als sie für zwei Jahre in die „tropische Verlockung“ Rio de Janeiro eintauchte, weil sie sich in Istanbul bedroht fühlte.  Statt einen Ort der Ruhe und Freude zu finden in dieser weltberühmten „cidade maravilhosa“, dieser wunderbaren Stadt, wie sie in einem Volkslied besungen wird, trifft die Romanprotagonistin nur auf Verfall, Elend, Mißgunst, Neid, Gier, Grausamkeit, Desinteresse, Mord und Tod. Die in der Nacht aus den von Millionen Armen bewohnten „Favelas“ in ihre armselige Behausung herüberschallenden Maschinengewehrsalven bilden die tödliche Geräuschkulisse einer in Müll, Gestank, Hitze erstickenden Stadt. Ihre Alpträume bringen sie nur nicht um, weil sie sich von diesen Erlebnissen immer wieder, vor einem weißen Blatt Papier sitzend, regeneriert, indem sie alles wie im Delirium festhält. Das Leben findet beim Schreiben statt während draußen der Tod herrscht.

Mit ihrem Gefängnis-Roman „Das Steingebäude und anderes“ dreht sie an dieser alptraumartigen Gedankenschraube weiter: „Die Wahrheit spricht nur mit den Schatten. Heute werde ich von dem Haus aus Stein erzählen, wo sich das Schicksal in einer Ecke versteckt, dort, wo man aus der Distanz die Verkehrung der Worte erkennt. …“ In diesem Roman scheint sie sämtliche Krankheiten der türkischen Gesellschaft vorweggenommen zu haben, mit all ihren abartigen Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten, Allmachtsphantasien und zahllosen ungeklärten Toten. „Zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Errinnerung, Traum und Schreien erzählt eine Frau mit fremdartiger Stimme von den gerade nach Überlebenden und von den Toten.“ (Verlagstext Actes Süd, 2013)

Etwa in der Mitte ihrer Erzählung über Rio de Janeiro zitiert Asli Erdogan ein persisches Sprichwort: „Von der Hölle ins Paradies: ein langer Ritt. Vom Paradies in die Hölle: ein kleiner Schritt“. (S. 89) Am 17. August 2016 wurde dieses Sprichwort zur grausamen Realität für Asli Erdogan. Am 3. September 2016 erhielt der Schweizerische Rundfunk von ihr einen Brief aus dem Gefängnis“ „Vergesst mich nicht. Und meine Bücher. Es sind meine Kinder.“

Nach der Verhaftung weiterer Schriftsteller und Journalisten in der ersten Septemberhälfte 2016 empörte sich der  türkische Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk: „Die Gedankenfreiheit exisiert nicht mehr. Wir bewegen uns mit großer Geschwindigkeit von einem Rechtsstaat zu einem Terrorregime“. (zeit online, 12.09.2016)

Mit den Worten des deutschen Dichters Friedrich Schiller aus seinem Theaterstück „Don Karlos“ (1787) wendet sich heute die aufgeklärte Weltgemeinschaft an den türkischen Herrscher des 21. Jahrhundert: “Ein Federzug von dieser Hand,/und neu Erschaffen wird die Erde. /Geben Sie, Gedankenfreiheit.“

Prof. Dr. Ronald Daus (FU Berlin) und Ursula Daus

Die Stadt mit der roten Pelerine,  von Asli Erdogan. 208 S. 22,95€. Unionsverlag, Zürich 2008

Le bâtiment de pierre, von Asli Erdogan. 13,50€. Actes Sud, Arles 2013

Künstliche Universen

 

kosmo 31 - borobudur
Terrassenstupa in Borobudur. Dekoratives Paneel IVB zw. 40 + 41. Foto von Peter Cirtek.

 

Noch immer fasziniert die weitgehend auf Vermutungen basierende Herkunft des berühmten Borobudur auf der indonesischen Insel Java am Fuße des aktiven  2911 Meter hohen Vulkans Merapi Einheimische und Fremde gleichermaßen.

Der Architekt und Autor Peter Cirtek bietet mit der Publikation „Borobudur – Entstehung eines Universums“ eine akribische Zusammenstellung aus historischen Vorläufern und aktuellen Quellen.

Die Besonderheiten des auf Java praktizierten Buddhismus, dem auch Beimischungen des Hinduismus zu eigen sind, belegt er mit zahlreichen frühen Überlieferungen aus dessen Ursprungsgebieten. Die buddhistische Klosterstadt Nalanda in dem heutigen indischen Bundesstaat Bihar spielte bei der Verbreitung des Buddhismus bis nach Indonesien  – vor allem in den Übersetzungen chinesischer Pilger wie Xuanzang oder Yijing aus dem 7. Jahrhundert – eine entscheidende Rolle. Deren Mittlerrolle übte jedoch auch einen verändernden Einfluß aus. Cirtek beschäftigt sich in einem eigenen Kapitel mit diesen sich durch kulturspezifische Eigenheiten bedingten Interpretationen des Buddhismus wie er heute in Thailand, Burma, Laos oder Tibet praktiziert wird.

Borobudur, das sich inmitten eines dem Islam zugehörigen, dichtbesiedelten Territoriums befindet, zieht heutzutage Milllionen sowohl neugieriger Besucher als auch Anhänger des Buddhismus aus aller Welt in seinen Bann.

Neben der architektonischen Besonderheit seiner übereinandergelagerten teilweise von vielfältigen Reliefs geschmückten Terrassen auf einem ehemaligen Grabhügel – deren Ersteigung einer Annäherung an das Nirwana ähneln soll – bleibt doch seine Bestimmung ungeklärt. Welche Funktion hatten ihm seine Erbauer zugedacht? Die in dem vorliegenden Band vielseitig dargelegte detaillierte Erklärung eines Teils der 1460 Paneele, die erzählenden Charakters sind und auf vier buddhistischen Schriften und mindestens zwei verschiedenen Textsammlungen beruhen sollen, lösen das Rätsel dieses „künstlichen Universums“ am Schnittpunkt zwischen Indischem Ozean und Pazifik nicht endgültig.

Das ausführliche, mehrsprachige Glossar zu Besonderheiten buddhistischer und hinduistischer Begriffe aus dem Sanskrit und Pali, sowie chinesische und japanische Lesarten ergänzen den Band. Zahlreiche Farbabbildungen sowie Schnittzeichnungen, Lagezeichnungen, Karten und Tafeln veranschaulichen das geschriebene Wort.

Die Bibliographie listet eine Vielzahl von Publikationen der zu dem zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Gesamtkomplex „Borobudur“ in Englisch, Französisch, Niederländisch, Indonesisch oder Deutsch auf. Leider wurde bei manchen Zitaten innerhalb des Textes auf einen Quellennachweis verzichtet. Diese Auslassung erschließt sich dem Rezensenten nicht wirklich, da der Autor ansonsten viel Wert auf genaue Bezeichnungen selbst in chinesischen oder japanischen Schriftzeichen setzt.

Für deutschsprachige Leserinnen und Leser ist diese ausführliche Zusammenstellung ein gelungener Einstieg in ein Jahrtausende altes Denk- und Architekturgebäude, dass auch im 21. Jahrhundert nichts von seiner magischen Symbolik verloren hat, in welcher sich eine äußerliche Einheit einer „materiellen Welt“ überlagert sieht von einer „idealen Welt“ (S.39).

Ronald Daus

Borobudur. Entstehung eines Universums, von Peter Cirtek. 120 S., 79 Abb. 17 Zeichnungen, 3 Karten. 26,90 €. Monsun, Hamburg 2016

*

kosmo 31 - bangladesh
Blick von der Straße in einen der tiefliegenden Innenhöfe des „Friendship Centre“, wo Wasserbecken und Grünpflanzen für eine kühlende Atmosphäre sorgen. Foto von Hélène Binet.

 

Ein auf der Architekturbiennale in Venedig 2016 präsentiertes Architekturprojekt aus dem heutigen Bangladesh sucht ebenfalls seine identitären Wurzeln in einer der ältesten Weltreligionen. Vor zweitausend Jahren war die Region zwischen Brahmaputra und Ganges hauptsächlich von Anhängern des buddhistischen Glaubens bewohnt, wovon die Vielzahl der in den fruchtbaren Reisfeldern im Norden Bangladeshs aufgefundenen buddhistischen Ruinenstätten zeugen (s. Abb. S. 72). Das von dem aus Bangladesh stammenden Architekten Kashef Chowdhury entworfene „Friendship Center“ liegt im Schnittpunkt von vier aus dem 6. bis 8. Jahrhundert stammenden buddhistischen Klosterruinen in dem kleinen Landflecken Gaibandha im Norden des Landes.

Der flachen Topographie der Überschwemmungsebene geschuldet, wählte der Architekt einen völlig in den Boden abgesenkten Gebäudeplan. Über Treppen und Rampen ist das in öffentliche und private, teils offene, teils abgeschlossene Räumlichkeiten unterteilte Zentrum zugänglich. Obwohl es sich bei diesem Bauprojekt um einen „weltlichen“ Treffpunkt handelt, ähnelt seine von außen wahrnehmbare Abgeschlossenheit einem eher klösterlichen Ort. Das gewählte Baumaterial sind wie bei seinen jahrtausendealten buddhistischen Vorgänger vor Ort hergestellte gebrannte Ziegel. In gewisser Weise wirkt das Gebäude in Verbindung mit seinen Vorgängern selbst wie eine Art Ausgrabungsstätte.

Mit in die Innenhöfe eingelassenen Wasserbecken soll ohne technische Hilfsmittel eine klimatisierende Wirkung erzielt werden. Obwohl das abgesenkte Gebäude hermetisch wirkt, besitzt es nach Aussage seines Architekten „den Luxus von Licht und Schatten“.

Ursula Daus

The Friendship Centre. Gaibandha, Bangladesh, von Kashef Chowdhury, mit einem Essay von Kenneth Frampton.Fotos Hélène Binet. 118 S., In Englisch. 38 €. Park Books, Zürich 2016

KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 30/2016 „Gegen den Strich“

blog-vientiane gourmet
Französische Delikatessen gehören im kommunistisch regierten Laos wieder zum angesagten Lifestyle. Foto R & U Daus, 2016

Bei dieser Ausgabe stand natürlich der 1884 erschienene und einst berühmte Dekadenz-Roman „Gegen den Strich“ des französischen Autors Joris-Karl Huysmans Pate. Die Abkehr von den Zeitgenossen durch Flucht in die luxuriös-gestylte Einsamkeit eines Provinzchalets schien dem adlig-versnobbten Protagonisten der einzige Ausweg zu seiner Seelenrettung. Die Flucht des Protagonisten aus Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, 2015, wiederum in diesen Dekadenzroman sollte ihn vor den rechtsextremistischen und islamistischen Exzessen im aktuellen Frankreich retten.
Unseren Autorinnen und Autoren scheint dies kein gangbarer Weg. Sie zeigen mit künstlerischen Mitteln, daß das derzeitig politisch aufgeheizte Weltenchaos mit kleinen, aber wirksamen Gegenentwürfen konterkariert werden muß.
Mit dem „Chiangrai Ferrari“ liefert der thailändische Künstler Anon Pairot den kompromißlosesten Beitrag. Das im Frühjahr 2016 auf der „Art Stage Singapore“ gezeigte „Superauto“ wurde von Rattanflechtern in Nordthailand gefertigt, die mit dem langwierigen Arbeitsprozess auch einen Alternativbeitrag zum hektischen Metropolen-Leben ablieferten.
Der japanische Modeschöpfer Issey Miyake versteht sein gesamtes Lebenswerk als Gegenentwurf zur „Mainstream“-Designwelt. Frauen, die sich zu seinen Kreationen bekennen, brauchen weder Alter noch den Verlust körperlicher Idealmaße fürchten. Denn nur durch die Bewegung des menschlichen Körpers entfalten diese Materialkreationen ihre Schönheit.
Zwei Fotografen und Reiseschriftsteller, der eine Schweizer, Beat Presser, der andere Indonesier, Agustinus Wibowo, führen ein Leben im Rhythmus ihrer Fotomotive. Sie leben mit den Menschen, manchmal Tage, oft auch Wochen, bis sie die Bildgeschichten nach ihren Vorstellungen eingefangen haben.
Aber auch Schriftsteller in Mexiko oder Panama – wie etwa in den literarischen „Panama Papers“ – suchen akribisch nach unerzählten Geschichten von Menschen, die bis dato als Unsichtbare totgeschwiegen wurden.

Aus dem Inhalt:
Ronald Daus * „Eine zweite Friedliche Eroberung“. Laos im Frankophonie-Fieber
Hommage an ein Lebenswerk. Der Japanische (Mode-)Künstler Issey Miyake
Peter B. Schumann * Mexico: Land immenser Widersprüche.
Der Schriftsteller Juan Villoro im Gespräch
Pamira Uygur * Zwei Reiseschriftsteller/Fotografen weitab von touristischen Trampelpfaden: Beat Presser & Agustinus Wibowo
Ursula Daus * „Panama Papers“: Stimmen aus der Vergangenheit
Ronald Daus * Sandro Botticelli. Ein Renaissance-Maler für jeden Geschmack

In Berlin und anderswo:
Lob des Schattens * Eine Liebeserklärung: „L‘Amour pour L‘Amour“ * Sowjetischer Palladianismus

Neue Bücher:
Im Unterholz * Angolanische Reminiszenzen * Nachrichten aus der einstigen „Mitte der Welt“ * Mega-Stadt im Fluss * Leben am Meer * Von Ozean zu Ozean * Heimatsuche * Ganz zum Schluss

90 S., 48 Abb., 10 €

 

kosmo 30 - makassar1
Foto-Workshop in Poetere, dem traditionellen Hafen von Makassar. Foto Beat Presser, 2016

Zwei Reiseschriftsteller/Fotografen weitab von touristischen Trampelpfaden: Beat Presser & Agustinus Wibowo

von Pamira Uygur

(Leseprobe. Den Gesamtbeitrag finden Sie im aktuellen Kosmopolis 30/2016)

… Vier Jahre später ist Beat Presser eingeladen, sein Buch „Surabaya Beat“ am „Makassar Writers Festival“ und seine Fotografien in einer Ausstellung zu präsentieren. Gleichzeitig soll er einen Fotoworkshop für 20 Fotografen aus Makassar leiten. Zudem erhielt er eine Anfrage aus Berlin, ob er nicht Lust und Zeit hätte, mehr über den Fotografen Agustinus Wibowo und sein Schaffen in Erfahrung zu bringen.  Das Literaturfestival in Makassar findet heuer zum sechsten Mal statt. Es wird geleitet von der Schriftstellerin Lily Yulianti Farid, die das Festival gegründet hat und ursprünglich aus Makassar stammt, heute aber in Australien zuhause ist. Die meisten Aktivitäten, die jeweils von Mittwoch bis Samstag dauern, sind im Fort Rotterdam angesiedelt, eine wichtige Begegnungsstätte für all jene, die gerne mehr lesen als Kurznachrichten auf Twitter, Facebook oder per SMS. Die meiste Arbeit wird von freiwilligen Helfern übernommen, die von den verschiedensten Inseln anreisen, um Lily bei ihrer Arbeit zu unterstützen, in unzähligen Überstunden versuchen allen alles recht zu machen, oder selber in einer Doppelfunktion ihre literarischen Arbeiten zum besten geben.

Eines der ersten Highlights des diesjährigen Festivals ist ein Workshop von Agustinus Wibowo. Die Kapelle des Forts ist bis auf den letzten Platz besetzt, die Luft ist zum schneiden, das Thermometer macht kurz vor 45 Grad Celsius halt. Das in Massen herbeigeeilte Publikum wartet geduldig, was Agustinus, Indonesiens jüngster und erfolgreichster Reiseschriftsteller und Fotograf, zu erzählen hat. Er zeigt Bilder auf einer Grossleinwand, erzählt auf indonesisch von seinen Reisen. Und wird bewundert, von allen Seiten. Hier steht jemand, der durch seine einfache und sympathische Art das vorwiegend junge Publikum in seinen Bann zieht. Dann stellt er den Anwesenden eine Aufgabe, verlässt den Raum um etwas Luft zu schnappen, eine halbe Stunde später ist er zurück, um sich zu erkundigen, mit was für Geschichten die Teilnehmer aufwarten. Aber so weit kommt es gar nicht, die Zeit ist zu kurz, um der Sache auf den Grund zu gehen, lieber wird der Rest der Zeit ausgiebig für «Selfies mit Agustinus» genutzt.

Agustinus Wibowo und Beat Presser treffen sich erstmals persönlich auf dem Empfang, der zu Ehren des Schweizer Fotografen bei der Schweizer Honorarkonsulin Julia Pupella stattfindet. Die Idee ist, dessen Buch „Surabaya Beat“ den geladenen Gästen vorzustellen. Soweit kommt es allerdings nicht. Irgendwo ist das Buch, das von der Seefahrt, den Schiffen und vom Handel im Archipel der 17 000 Inseln handelt, in der Post von Jakarta nach Makassar steckengeblieben und sollte auch bis Ende des Festivals nicht auftauchen.  Zwei junge Damen, eine davon Teilnehmerin an Beat Pressers Fotoworkshop, reden auf den Schweizer ein und versuchen ihm klarzumachen, dass ein Leben ohne die Plattform „What’s Up“ in Indonesien nur halb so spannend sei und versuchen vergeblich die App auf dessen Telefon zu installieren. In dem Moment steht Agustinus vor dem Trio und meint lächelnd aber bestimmt: „Don’t do it! You are wasting your time!“

Agustinus Wibowo wurde in Lumajang, einem kleinen Dorf am Fusse des Vulkans Semeru auf Java in Indonesien geboren, studierte Computer Engineering in Beijing und machte sich von dort auf den Weg, um seinen Traum zu verwirklichen. Er wollte Journalist werden und war der Meinung, das Unterwegssein sei die beste Universität. Er bereiste Afghanistan, Tajikistan, Kyrgyzstan, Kazakhstan, Uzbekistan und Tibet und schrieb drei bemerkenswerte, unterhaltsame und spannende Bücher über seine Reisen und Abenteuer. Sein neuestes Buch, „Ground Zero. When the Journey Takes You Home“ ist inzwischen auch auf Englisch erschienen und schickt den Leser auf eine 568-seitige, aufregende Reise. Es ist aber nicht nur eine wagemutige Exkursion an die Ecken und Enden der Welt, es sind auch die bewegenden Briefe und Gedanken an seine Mutter, die zur Zeit seiner Reise im Sterben liegt, ein Umstand, der ihn schlussendlich zurück nach Indonesien bringt.

Zwei Tage nach dem Empfang treffen sich die beiden Fotografen, deren Laufbahn verschiedener nicht sein könnte, im „Same Hotel“, einem der Sponsoren und Wohnort der meisten Teilnehmer des Festivals in der Lobby zum Gespräch. Beide haben – wenigstens zu Beginn ihrer beider Karrieren – eine ähnliche Vita, obwohl der eine gut 30 Jahre jünger, resp. älter ist als der andere. Nach ihrem Schulabschluss macht sich ein jeder auf den Weg; beide ohne Kamera und beide wollen nach Südafrika. Doch keiner kommt je dort an. Der eine reist via dem Nahen Osten, den Nil hinunter, von Ägypten durch den Sudan bis Ostafrika. Dann aber kommt Beat Presser von der geplanten Route ab, fährt mit einem Flüchtlingsschiff nach Indien und von dort aus nach Südostasien. Der jüngere, Agustinus, kommt auch nicht bis Südafrika und bleibt stattdessen in Afghanistan. Eine weitere Parallele, beide haben fast kein Geld, leben unter den einfachsten Bedingungen und keine Anstrengung ist ihnen zu viel, jedes Abenteuer eine Herausforderung. Sie leben zusammen mit den Leuten vor Ort und machen so ihre ersten Begegnungen mit Kulturen, die beiden vorerst noch fremd sind. Beide kaufen sich unterwegs an irgendeinem Punkt ihrer Reise eine Kamera. Der eine in Hong Kong. Der andere in Kabul. Aber von dem Moment an nimmt der Lebensweg der Beiden jeweils eine völlig andere Richtung. Der Schweizer, der Ältere, kehrt mit seiner Kamera in die Schweiz zurück und lernt den Beruf des Fotografen von der Pike auf, arbeitet über Jahre als Assistent, in der Dunkelkammer und legt viel Wert auf die Verfeinerung seiner Technik. Agustinus, mit digitalen Medien grossgeworden hat keine Berührungsängste, kennt die Arbeit in der Dunkelkammer nur vom Hörensagen und hat auch nie mit Film gearbeitet. Auch die Technik ist ihm fremd, er arbeitet nur mit einer Optik, einem Zoom mit Autofocus, kennt weder die Funktion von Blende, noch die Verschlusszeiten, noch interessiert es ihn gross. „I only work on the automatic mode“ meint er lachend. Und dennoch, seine Fotografien sind von grosser Qualität, beweisen ein grosses Einfühlungsvermögen und Können.

Aber wie ist solches nur möglich? sinniert der Ältere und fragt Agustinus, nach seinem Vorgehen, wenn er eine Geschichte wie beispielsweise „Happy Afghanistan“ fotografiere, weit ab von den Schreckensbildern und Horrorgeschichten, welche vor allem die westlichen Medien in regelmässigen Abständen um die Welt schicken. Er lebe mit den Leuten, die er fotografiere, meint er. Manchmal nur einige Tage, manchmal auch über Wochen, solange bis er die Bilder und die Geschichten realisiert habe, die er suche. Spätestens hier stellt sich für Beat Presser die Frage, wie er denn kommuniziere mit den Leuten, die er fotografiere. Er lerne einfach die Sprache der Leute, nur so könne er den Dingen auf die Spur kommen. Was, Farsi, Urdu, Hindi, Chinesisch? Ja, das sei kein Problem für ihn, in zwei bis drei Wochen würde er eine Sprache so gut beherrschen, dass er problemlos mit den Leuten kommunizieren könne und ihre Nöte, Geschichten und Erfahrungen in seine schriftstellerische Arbeit miteinfliessen lassen kann. Auf die Frage, wieviele Sprachen er denn in spreche, meint er, etwa 15 an der Zahl und mit einem Mal switch Agustinus vom Englischen ins Deutsche.

Für Beat Presser, der neben einer Handvoll europäischer Sprachen keine asiatische oder afrikanische spricht, ein echtes Aha-Erlebnis! Der eine, Meister der Nonverbalen Kommunikation, der andere ein wahres Sprachgenie. Aber beide mit dem gleichen Ziel unterwegs, Geschichten zu erzählen – in Wort und Bild – weit ab von den gängigen Trampelpfaden und Dejà-Vu, vor allem nicht immer die wiederkehrenden gleichen Stories über Dschungelcamps, Himalayastürmern und ähnlichen Themen.

Makassar, 22. Mai 2016

Literaturhinweise:

Surabaya Beat, Fotografien von Beat Presser, Gedichte und Kurzgeschichten indonesischer Autoren. 70 US$. 224 S. Afterhours Books, Jakarta; in Europa bei: Scheidegger & Spiess, Zürich 2015

Ground Zero. When the Journey Takes You Home, von Agustinus Wibowo. Engl. 568 S. 39,50 US$. Gramedia Pustaka Utama, Jakarta 2015

Top

Neuerscheinung bei BABYLON Metropolis Studies 2016

neo - baku2
„Baku-Berlin“. Bemalte Skulptur vor dem „Jungfrauenturm“ in Baku. Foto R&U Daus, 2015

Ursula Daus

Neo-Eklektizismus.

Auf der Suche nach einer Ästhetik für das 21. Jahrhundert

208 S., 64 Abb., Bibliographie, Ortsregister Dezember 2015

ISBN 978-3-925529-24-5     39 €

Während die Postmoderne noch die Moderne assemblierte, sich an ihr bediente oder sie geplündert hat, zeigt der Neo-Eklektizismus des 21. Jahrhundert nostalgische, rückwärtsgewandte, zukunftsscheue Tendenzen unter Ausnutzung zeitgenössischer Hochtechnologie. Sein Charakteristikum ist die Restauration eines phantasierten Idylls. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat die Moderne überall auf dem Globus Fuß gefaßt. Nicht alles, was mitgeliefert wurde, fand Zustimmung. Vieles mußte überarbeitet werden. Man adapierte und modifizierte unablässig. Das „alte Europa“ philosophierte. Der Rest der Welt agierte. Der Minimalismus der klassischen Moderne wich einer ungezügelten Prachtentfaltung, die übergangslos in gnadenlosen Kitsch umschlug. Der Neo-Eklektizismus des 21. Jahrhunderts möchte keine universalen Wahrheiten liefern, weil er per definition global ist. Mit ihm läßt sich keine einheitliche Stilrichtung ausmachen. Ästhetisch scheint seine Emanzipation gelungen zu sein. Aus Beliebigkeit wurde „Identität“. Denn in einer immer formalisierteren Gesellschaft bleibt dem Einzelnen als Durchsetzungsmittel einzig die Selbststilisierung, und sei sie auch nur virtuell. „Neo-Eklektizismus. Auf der Suche nach einer Ästhetik für das 21. Jahrhundert“ ist die Fortsetzung des Bandes „Sehnsucht nach der Moderne. Tropisches Art Déco 1925-1950“.

Aus dem Inhalt:

  1. Der Wille des Individuums zum Dekor. Versuch einer theoretischen Einordnung
  2. Weltkultur-Sehnsucht im alten Europa. Das „Humboldt-Forum“ in Berlin
  3. Russian Style im neureichen Moskau. Nostalgiekitsch im 21. Jahrhundert
  4. China Chop Suey. Vom New Orientalism zur westlichen Stadtkopie
  5.  Foodstuff & Luxuries auf der arabischen Halbinsel. Virtuelle Ersatzwelten in moslemischen Köpfen
  6. Bollywood Goes Global im Zeitalter des Neo-Eklektizismus
  7. „Ich wäre glücklich, wenn ich aus Manado stammte.“ Rekonstruktion eines urbanen Traums in Sulawesi
  8. „Aus Tausend und einem Wahn“. Architektur-Phantasmagorie in Baku
  9. Ausklang: Die Zukunft, das sind die Anderen
neo - atheists
Bollywood-Megastar Shah Rukh Khan mit provokativer T-Shirt-Aufschrift. Foto R & U Daus 2011

Über die Autorin: Ursula Daus (*1953), Diplom-Soziologin und Architekturkritikerin. Von 1980 bis 1990 Redakteurin von „DAIDALOS – Architektur Kunst Kultur“, Bertelsmann, Berlin. Seit 1997 Chefredakteurin von „KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin“, Babylon Metropolis Studies, Ursula Opitz Verlag, Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen in in- und ausländischen Fachzeitschriften, darunter „Daidalos – Architektur Kunst Kultur“, Berlin; „Bauwelt“, Berlin; „Baumeister“, München; „Lettre International“, Berlin/Madrid/Bukarest; „Kyoto Journal“, Kyoto/Japan; „mare – Zeitschrift der Meere“, Hamburg. . Buchpublikationen: „Walkabout – Weltreisen im 20. Jahrhundert“ (mit Ronald Daus, 1997); „Neues aus der Fließenden Welt. Japanische Ästhetik zum Ende des 20. Jahrhunderts“ (1998); „Ein trügerisches Idyll. Vom Lebensstil am Kap der Guten Hoffnung“ (2000); „Am Äquator. Tagebuch einer Forschungsreise durch Zentralafrika“ (2002); „Sehnsucht nach der Moderne. Tropisches Art Déco 1925-1950“ (2004); „Die modernen Barbaren im Westen Chinas“ (2007, 2. Auflage 2010); „Die Völker Polynesiens im 21. Jahrhundert“ (2010); „Die Erfindung paradiesischer Inseln. Der Indische Ozean im 21. Jahrhundert“ (2012); „Die Spanier im Pazifik – Reloaded. 1520-2015“ (mit Ronald Daus, 2013).

Kunst und Architektur in Grenzbereichen

„Papakente, ein Nyduka-Goldsucher, zeigt seine Goldringe“. Auf dem Chinesenmarkt der Surinam-Seite des Maroni-Flusses. Aus dem besprochenen Band.
„Papakente, ein Nyduka-Goldsucher, zeigt seine Goldringe“.
Auf dem Chinesenmarkt der Surinam-Seite des Maroni-Flusses.
Aus dem besprochenen Band.

Im Unterholz

Man nannte sie die „Untergrundbahn“, das geheime Netzwerk, das weggelaufenen Sklaven aus den USA half, die kanadische Grenze und damit die Freiheit zu erlangen. Bis in den Dschungel von Französisch-Guyana, Brasilien oder Surinam reichte dieser hilfreiche Arm jedoch nicht. Während die Brasilianer sich in den sogenannten „quilombos“, Freiheitsdörfern, verteidigten, mussten die „Marrons“, die Geflohenen auf den karibischen Inseln und im nördlichen Südamerika, ihr armseliges Leben als Einzelkämpfer oder in kleinen Gruppen in den Wäldern von Surinam fristen.

Ihre Nachkommen hat der italienische Fotograf Nicola Lo Calzo in seinem Fotoband „Obia“ in ihren besonderen Eigenarten festgehalten – farbenfroh, kreativ und eigenwillig.

„Obia“, ein Wort aus einer afrikanischen Stammessprache, umfaßt hier nicht nur das mitgebrachte und um die eigenen Erfahrungen erweiterte Glaubenssystem, sondern die gesamte Lebensweise tief im Inneren der Wälder zwischen Surinam und Franzöisch-Guyana.

Überleben an diesen Orten ist noch heute hart, aber auch gepaart mit Stolz, Kraft durch Geisterglauben und ab und an einer überwältigenden Lebensfreude.

Obwohl der Nachwortschreiber Simon Njami seinen Begleittext „Frozen Time“, Gefrorene Zeit, nennt, ist der Band alles andere als ein Bericht aus einer unverändert „festgefrorenen“ Epoche, eher ein Beleg für die ewige Schönheit menschlichen Lebens auch unter wahrhaft herausfordernden Bedingungen.

Tamara Pracel

Obia, Fotografien von Nicola Lo Calzo. 96 S., 69 Farbabb. Englisch/Franzöisch. 29,90 €. Kehrer, Heidelberg 2015

Angolanische Reminiszenzen

Modernistische Architekturlegenden in einem durch einen mehr als 30 Jahre dauernden Kolonial- und Bürgerkrieg zerstörten Land zeigt der Architektur-Fotoband „Angola Cinemas. Uma ficção da liberdade/A fiction of freedom“, Kinos in Angola. Eine Fiktion von Freiheit. Die Fotografen und Verfasser haben sich mit Akribie an ein fast völlig in Ruinen liegendes Kunstgenre in diesem reichen und noch immer geschundenen Land gemacht: die Kino-Architektur Angolas im Stil der tropischen Moderne. Somit versammelt der Band die bekanntesten Beispiele sogenannter „geschlossener“ Kinosäle wie man sie aus Europa kennt, aber auch die für Angola so typischen „cine-esplanadas“, offene Kinohallen, für einen Vielzweckgebrauch. Manche von ihnen werden bis heute genutzt.

„Cine Africa“ in einem Vorort Luandas. Weder der Architekt noch das genaue Baudatum sind bekannt. Aus dem besprochenen Band.
„Cine Africa“ in einem Vorort Luandas. Weder der Architekt noch das genaue Baudatum sind bekannt.
Aus dem besprochenen Band.

Bis ins Jahr der Unabhängigkeit 1975 gab es mehr als 50 solcher kultureller Versammlungsorte. Man fand sie von Kabinda bis Namibe, und speziell in allen größeren Provinzstädten. In Luanda hießen sie, ganz großstädisch, „ Atlântico“, „São Paulo“, „Tivoli“ oder „Miramar“; in der Provinz Benguela trug eines den Namen „Cine Flamingo“ oder in Namibe den Namen „Cine Impala“ zu Ehren der einheimischen Tierarten.

Die Kinosäle Angolas zeichneten sich durch Größe – bis zu 1600 Sitzplätze – und einen eigenen Stilkanon aus. Er reichte vom „Streamline“ der 1930er Jahre bis zum Beton-Brutalismus der 1970er Jahre.

Was von diesen Zeitzeugen einer angeblich heilen, weltoffenen Periode des portugiesischen Kolonialismus übrigblieb, findet sich in dieser einzigartigen Fotodokumentation. Die Suche nach den Architekten dieser Relikte gestaltete sich ausnehmend schwierig in den Archiven von Luanda und Lissabon. Eines jedoch belegt diese Suche nach dem kolonialen Erbe durch die sehr engagierten angolanischen Künstler und Wissenschaftler: „Tristeza não tem fim, felicidade sim.“ Die Trauer über ein Land, dass trotz all seines Reichtums der großen Mehrzahl seiner Menschen noch immer keinen sicheren Alltag geschweige denn eine Aussöhnung mit seiner Vergangenheit bieten kann.

Insofern ist diese fotografische Architekturerzählung ein ebenso wichtiger Beitrag zu dieser Aufarbeitung wie die derzeit außerhalb Angolas boomende Literatur jüngerer angolanischer Autoren.

Ronald Daus 

Angola Cinemas, Walter Fernandes/Miguel Hurst. 240 S., zahlreiche Farbabb., 45 €. Steidl/Goethe Institut, Göttingen 2015

Nachrichten aus der  einstigen „Mitte der Welt“. Weitere Neuerscheinungen zum „Ehrengast Indonesien“ auf der Frankfurter Buchmesse 2015

Eingangsportal einer verfallenen holländischen Muskatplantage auf Bandaneira.  Aus dem besprochenen Band.
Eingangsportal einer verfallenen holländischen Muskatplantage auf Bandaneira.
Aus dem besprochenen Band.

Was bisher für die meisten westlichen Leser weit entfernt am Rand ihrer persönlichen Weltkarte lag, hat sich dank zahlreicher Publikation auf Deutsch anläßlich der Frankfurter Buchmesse 2015, deren Ehrengast „Indonesien“, ist, geändert. So stellten einst die mehr als 12 000 Kilometer von Europa entfernt liegenden Banda-Inseln mit ihren hochbegehrten und teuer gehandelten Gewürzen „die Mitte der Welt“ dar. Der Kampf der europäischen Kolonialnationen, ihre endgültige Unterwerfung und Ausbeutung durch die Holländer sowie ihr fast völliges Verschwinden aus der offiziellen Geschichte zeichnet der Foto- und Essayband „Die Mitte der Welt. Eine Insel im Sog der Globalisierung“ nach. Die Verfasserinnen und Verfasser sind den Folgen dieser ersten globalen Überwältigung und den Überlebensmöglichkeiten der ersten Zwangsangesiedelten, dann durch religiöse Auseinandersetzungen Ende der 1990er Jahre erneut Vertriebenen und weiterer Neuansiedler nachgegangen.

In sehr persönlichen Gesprächen wollten sie herausfinden, wie es sich auf diesen auch für Indonesier nur schwer erreichbaren Inseln in der Banda-See im 21. Jahrhundert leben und eine Zukunft gestalten läßt.

Der einstige globale Ruhm wirkt bis heute nach, dient aber nur relativ beschränkt für ein auskömmliches Leben der Bewohner über die Subsistenzwirtschaft hinaus. Die illustrierenden Fotografien zeigen eine verfallende koloniale Vergangenheit, eine jahreszeitlich natürliche Wiederkehr von Ernte sowie Trocknung der Muskatnüsse, kleine Ansiedlungen direkt am schmalen schwarzen Sandstrand dieser weiterhin von aktiven Vulkanen gekennzeichneten Inselwelt und viele, viele unbeschäftige Menschen. Kapitelüberschriften wie „Der Rest der Welt“ oder „Welt der Langeweile“ – trotz TV, Internet und Mobiltelephonen – demonstrieren das Dilemma dieser einst im Zentrum des Weltmarktes zwischen Europa und Asien gelegenen Archipels. Nur ein-, zweimal im Monat kommt aufregende Bewegung in diese Gelassenheit, dann wenn die Transport- und Frachtfähre der staatlichen Unternehmung „Pelni“ einläuft oder ablegt. Dieser heutzutage einzige zuverlässige Kontakt mit der Außenwelt (trotz eines kleinen Flughafens finden Flüge nur sehr sporadisch statt) scheint Bewohner und Besucher gleichermaßen zu elektisieren, wie die Autoren hautnah erfahren haben.

(Schade, daß der Buchtitel den Namen der Inselgruppe unterschlägt!)   rd

Die Mitte der Welt. Eine Insel im Sog der Globalisierung, von Kollektiv Lang+Breit. 192 S., 150 Farbabbildungen, 32,50 €.  Rotpunktverlag, Zürich 2015

*

Wo die Geschichte den indonesischen Banda-Archipel aufgrund seines Gewürzreichtums in das Interesse der Welt katapultierte, schaffte es ein ebenfalls im heutigen Indonesien liegender Vulkan, der Tambora auf der Insel Sumbawa, durch einen einzigen Ausbruch, der eine weltumspannende Klimakatastrophe nach sich zog. Der am 10. April 1815 explodierte und kurz darauf in sich selbst zusammenfallende Vulkan produzierte eine derartigen Ascheregen, daß seine Folgen bis nach Europa und die USA in den Jahren 1816-1819 die Sommer unter Regenmassen begruben und die Winter unter Schneebergen. Die Ernten wurden vernichtet, die Tiere starben in ungekannter Zahl, die Menschen verhungerten und Krankheiten wie Cholera breiteten sich über riesige Landstriche in Asien aus.

Der Ausbruch des Tambora 1815 wurde jedoch noch nicht als ein globales Ereignis „aus der Mitte der Welt“ wahrgenommen. Die Verbindungen dazu konnten aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse erst in den vergangenen 100 Jahren gefunden werden.

Gillen D‘Arcy Wood hat sich in seiner Untersuchung viel vorgenommen: die Zusammenhänge zwischen historischen und literarischen Belegen, die gerade für die Ursprungsregion des Tambora sehr spärlich sind, zwischen wirtschaftlichen Folgen, technologischen Fortschritten und wissenschaftlicher Aufarbeitung durch Vulkanologen und Klimaforscher aufzuzeigen.

Sein Unterfangen ist ambitioniert und daher von Kapitel zu Kapitel unterschiedlich gelungen. Immerhin gibt eine ausführliche Bibliographie die Möglichkeit, ihre besonderen Vorlieben innerhalb dieses weiten Spektrums weiterzuverfolgen.

Alex Westwood

Vulkanwinter 1816. Die Welt im Schatten des Tambora, von Gillen D‘Arcy Wood. 336 S., 29,95 €.  Theiss, Darmstadt 2015

*

Auf Bali mischen sich Geisterfratzen und elfenhafte Tänzerinnen  an einem modernen Kunstzentrum zu einem neo-eklektizistischen Amalgam.  Foto R & U Daus 2015
Auf Bali mischen sich Geisterfratzen und elfenhafte Tänzerinnen an einem modernen Kunstzentrum zu einem neo-eklektizistischen Amalgam.
Foto R & U Daus 2015

In dem als Fortsetzung zu „Saman“ (s. Kosmopolis 28-29/2015) intendierten Roman „Larung“ lockt Ayu Utami dieLeser gleich im ersten Kapitel in die psychotischen Abgründe ihres Protagonisten Larung, der sich unter dem Einfluß seiner aus Bali stammenden Großmutter, immer tiefer in Geister- und Aberglauben verstrickt. Statt geduldig den Tod der über 100 Jahre alten Frau abzuwarten, will er ihrer Seele mittels eines uralten Brauches endlich Ruhe geben und macht sich auf die Suche nach einer bekannten Zauberin, die als einzige dieses fast vergessene Ritual beherrscht. Durch diese Reise in eine verbotene Geisterwelt, die allen offiziellen Islambeschwörungen Hohn spricht, wird Larung nicht nur zum Mörder an seiner Großmutter, sondern erwirbt selbst die Kraft des Übersinnlichen.

Mit einem kalten Schnitt findet man sich plötzlich in der oberflächlichen Plauderei der bereits in dem Roman „Saman“ ihre sexuellen Wünsche explizit auslebenden oder implizit andeutenden vier Protagonistinnen wieder. Auch Saman, der vom Priester zum Menschenrechtsaktivist Gewandelte, konnte sich ins Ausland retten. New York wird zum Schauplatz einiger sexueller oder auch nur phantasierter Eskapaden, bis sich der Plot wieder in die harte Realität indonesischer Politik der End-1990er Jahre wendet.

Hier taucht auch Larung erneut auf, der sich für junge Polit-Aktivisten engagiert – aus Rache oder aus Geltungssucht an der indonesischen Gesellschaft, wird nicht wirklich erklärt. Larung bleibt rätselhaft und als er auf den Helden des ersten Romans, Saman, trifft, bedeutet es für bei den sicheren Tod.

Die Hoffnung stirbt wohl in Indonesien als erste, so jedenfalls scheint diese erbarmungslose Abrechnung der Autorin mit ihrer eigenen Gesellschaft zu lauten.

Ursula Daus

Larung, Roman von Ayu Utami. 326 S.  19,90 €. Horlemann, Angermünde 2015