EURO 2012 in der Ukraine: Fussball und Kapitalismus

„Mafia“ nennt sich eine der beliebtesten italienischen Restaurantketten in der Ukraine. Foto R & U Daus, 2011


Schon im Vorfeld der Vergabe der Fussballeuropameisterschaft an Polen und die Ukraine wurde vor der grassierenden Korruption in beiden Ländern gewarnt. Die Ukraine hat jedoch alle Vorstellungen in dieser Hinsicht übertroffen. Dank ihrer reichsten Oligarchen und eines gut geschmierten Funktionärsapparats gilt die EURO 2012 in der Ukraine als die korrupteste sportliche Grossveranstaltung aller Zeiten. Der die Liste der reichsten Oligarch anführende Rinat Achmetow aus Donesk hat auch bei der Korruptionsliste für die EURO 2012 die Nase vorn. Sein Privatvermögen wird auf 25,6 Milliarden US$ geschätzt. Er baute „mit seinem eigenen Geld“ das teuerste EURO-Stadion in seiner Heimatstadt, dessen Fussball-Verein Schachtjar Donesk ihm ebenfalls gehört. Die Kosten des Baus lagen dreimal höher als bei einem vergleichbaren Projekt in Deutschland. Achmetow gilt in der Ukraine als ein „Gesetzgeber, der nie im Parlament auftaucht“. Seine Marionette ist der derzeitige Präsident Viktor Janukowitsch.

Achmetov, der sein Vermögen während des Zusammenbruchs der Kohle- und Stahlindustrie im einst für die gesamte Sowjetunion Panzer, Traktoren, Lastwagen und Energie produzierenden Donbass-Becken machte, folgen in der Rangliste – vermögensmäßig weit abgeschlagen –  Gennady Bogolyubov mit 6,6 Milliarden US$, Igor Kolomolsky mit 6,2 Milliarden US$ und Viktor Pinchuk, der Schwiegersohn des Ex-Präsidenten Leonid Kutschma, mit 5,9 Milliarden US$.

Pinchuk ist eine Ausnahme unter den Superreichen der Ukraine, denn sein Steckenpferd heißt nicht „Sport“ sondern „Kulturförderung“. Sein Vorbild ist der US-amerikanische Währungsspekulant und Philantrop George Soros (geschätztes Vermögen 14,5 Milliarden US$), der mit seiner „Soros Foundation“ zu einem der größten Sponsoren der ukrainischen Kultur- und Bildungszene in den 1990er Jahren aufstieg.

Das „Pinchuk Art Center“ befindet sich neben dem Bessarabischen Markt im Zentrum von Kiew. In einem romantisierenden Gründerzeitgebäude aus Ziegeln stellt es auf sechs Stockwerken moderne ukrainische Kunst aus. Der Besuch der Galerie ähnelt einem Albtraum. Die gläserne Eingangstür wird von zwei mächtigen schwarzgekleideten Bodyguards bewacht, die jeden Kunstinteressierten pedantisch durchsuchen. Über eine schmale Treppe, von der es kein Ausweichen gibt, führt der Weg in den ersten Stock. Der linke Flügel ist gesperrt, weil nicht ausreichend Kunstwerke vorhanden sind. Im rechten Flügel findet sich eine einzige Installation. Sie zeigt eine kaputte Frauenskulptur aus Plastiline auf einem Müllhaufen, Sinnbild für die Mißachtung der Frauenrechte in der Ukraine. Es folgen in den darüberliegenden Stockwerken: Comic-Zeichnungen à la Rauschenberg; dekorativ aufgestellte Schutzhelme von „ausgebeuteten“ Bauarbeitern; eine Leinwand, die mit unzähligen Ukrainismen vollgeschrieben ist, ein Aufruf zur Rettung der ukrainischen Sprache; ein grauer Verkaufskiosk ohne Verkäufer, Hinweis auf die Allmacht der Kioskmafia; in einer Art Gefängnis eingesperrte explizite erotische Darstellungen. Jedes dieser Objekte wird von zwei weiteren durchtrainierten Muskelpaketen in schwarzen Anzüge bewacht. Wenn man sich einem der Kunstwerke auf mehr als fünf Schritte nähert, schreien sie sofort auf und scheuchen die Neugierigen wieder auf ihren Platz in angemessener Distanz zurück. Sie verhalten sich genauso wie sie es gelernt haben. Sie sind die „Wachhunde“ ihres Herrn, und wie diese darauf „abgerichtet“, ihn oder dessen Eigentum zu verteidigen. Für die Besucher bleibt nur die Flucht nach oben in die Dach-Cafeteria. Sie ist vollkommen in Weiß gehalten, besitzt eine gut sortierte Bar, einen Videoraum, in dem in Endlosschleife ein Video mit Tiefschneefahrern läuft, eine Diskothek und drei desinteressierte Bedienungen. Der Geschmack des Kunstliebhabers Pinchuk ist wohl eher partymäßig orientiert. Trotzdem wagt es keiner der wenigen Ausstellungsbesucher, den Blick über die Dächer von Kiew bei einem Expresso oder Prosecco von hier aus zu genießen. Jeder versucht diesen an ein absurdes Gefängnis erinnernden Ort über die schmale Treppe oder den einzigen Lift so schnell wie möglich zu verlassen.

In der Ukraine des Jahres 2012 zeigt sich überdeutlich, daß ohne Oligarchen weder Politik noch Kultur noch Sport stattfinden können, jedenfalls nicht auf einem international vergleichbaren Niveau. Wie es vor der Oligarchenepoche in den Fussballstadien „abging“ illustriert der Charkiwer Dichter Serhji Zhadan in seiner Erzählung „Winterfußball“. Ein echter Fussball-Fan „outet“ sich erst, wenn die letzten Vereinsspiele Ende November ausgetragen werden. „Winterfußball – das ist das Atmen von Hunderten heiserer Männerkehlen, die zusammen mit dem im Tor versenkten Ball ihre Freude und Hingabe an die Klubfarben in den Novemberhimmel blasen, sie stoßen Zigarettenrauch und Schnapsfahnen, Flüche gegen die Schiedsrichter und Wörter der Nationalhymne aus.“ Ein beliebter Gröhlreim lautet: „Einer geht noch, einer geht noch rein. Ihr seid Wichser, der Schiri ist ein Schwein!“ Das letzte Spiel, bevor sich der von Pfützen durchtränkte Platz mit Eis überzieht, ist für die Fans die letzte Gelegenheit, sich mit ausreichend Adrenalin aufzufüllen, um den langen kalten Winter ohne Fussball durchzustehen, „diese Vorstadtkinder, die anstatt Leim zu schnüffeln die schweiß- und schneenassen Trikots ihrer Helden fangen, die Männertrupps, die nach jedem Tor gütiger und nüchterner werden, und die Offiziersschüler, die angstvoll in die Fankurven schauen, sich frierend in ihre Jacken wickeln und verbissen die Tage bis zu ihrer Entlassung zählen…“9

In seinem Roman „Depeche Mode“ hat Serhji Zhadan 2004 dann – wohl unbeabsichtigt – dem alten Charkiwer Fussballstadion ein Denkmal gesetzt, bevor es 2009 für die Europameisterschaft vollständig erneuert und erweitert wurde. Obwohl Charkiw im 17. Jahrhundert von Kosaken im Auftrag des russischen Zaren gegründet wurde, die älteste Universität der Ukraine besitzt, bereits 1812 sich mit einer eigenen Wochenzeitung und sogar mit dem ersten Satireblatt der Ukraine schmücken konnte, gilt die Stadt als „Wiege der ukrainischen Moderne“. 1919 wurde sie nach dem Sieg der Bolschewiken zur ukrainischen Hauptstadt ausgerufen und ihr Stadtbild vollkommen den Anforderungen einer modernen sowjetischen Industrie-Metropole unterworfen. Der Revolutionsdichter Vladimir Majakowskij schwärmte von ihr: „Zusammengebunden zum stählernen Band, zur Hauptstadt erwacht, das ukrainische Charkow, lebend und schaffend aus Stahlbeton.“ Charkiw ist heute ein regelrechtes „Museum des Konstruktivismus“. Dazu gehörte bis zu seiner Auffrischung auch das Fussballstadion des Vereins „Metallist Charkiw“. Es war am 12. September 1926 als Stadion des Werksvereins der örtlichen Traktorenfabrik eröffnet worden. Tapfer überstand es den Zweiten Weltkrieg und die Perestroika. Den vermeintlichen Todesstoß schien ihr jedoch die Deindustrialisierung Anfang der 1990er Jahre zu versetzen. Es war nur noch ein Schatten seiner einstigen Größe, den Zhadan in einer ultimativen Apotheose literarisch untergehen lässt: „… in ungefähr einer Stunde spielt ‚Metallist‘ sein letztes Heimspiel, heute kommen bestimmt alle, klar, Saisonende, und das ganze Gedöns, oben ein verregneter Sommer, der Himmel in Wolken, und irgendwo… das halbverfallene Stadion, ganz durchweicht und eingesunken in den letzten Jahren, Gras frißt sich durch die Betonplatten, vor allem wenn es geregnet hat, die Ränge verdreckt von den Tauben, auch auf dem Feld Scheiße, vor allem wenn wir spielen, ein kaputtes Land, kaputter Sport, die großen Steuermänner haben es versaut, wenn ihr mich fragt, denn wie auch immer, in der Sowjetunion gab es zwei Sachen, auf die man stolz sein konnte – Fußball und Atomwaffen, und wer das Volk dieser Errungenschaften beraubt hat, kann wohl kaum auf ein sorgenfreies Alter zählen, nichts ist so schlecht fürs Karma wie beschissene nationale Politik…“10

Mit der EURO 2012 ergab sich eine eher ungeahnte Chance für die Politiker, „Sponsoren“ und sonstigen hohen Funktionäre, ihr Karma aufzubessern. Die ukrainischen Fußballfans sollten nie wieder auf von Vögeln, Hunden oder anderem Getier verkackten und zerbrochenem Gestühl in verregneten Stadien auf zertretenen Plätzen ihren Lieblingen zugröhlen müssen. Das „Metallist Stadion“ in Charkiw erhielt wie vier weitere Großstadien (Kiew, Lemberg, Donesk und Odessa als Ausweichstadion) ein neues Gesicht. Alle Ränge überdeckt jetzt ein luftiges lichtdurchlässiges Dach. Es gibt neben 38 633 neuen Sitzschalen auch einen VIP Bereich mit 164 Logenplätzen und eine Flutlichtanlage von 2400 Lux. Die berüchtigte Südtribüne wurde vollkommen erneuert und eine elegante Osttribüne schließt das sportliche Oval.

Dennoch wirkten die Verantwortlichen des Deutschen Fußballbunds wie gelähmt, als ihnen Charkiw als Austragungsort der Vorrunde zugelost wurde. Es ähnelte einer Verbannung nach Sibirien. Auch den Fans der deutschen Nationalmannschaft wird Charkiw wohl nicht im Gedächtnis bleiben. Das von den Veranstaltern ausgearbeitete „Minimalpaket“ sieht noch nicht einmal eine Übernachtung vor, obwohl die Stadt mehr als 2500 Kilometer von Berlin und 3000 Kilometer vom Rhein entfernt liegt. Für 749 € hat der Fussballreisende Anspruch auf folgende Leistungen: „Morgens Flug ab Düsseldorf mit Air Berlin nach Charkiw. Nach Ankunft in Charkiw Transfer zum Stadion. Zeit zur freien Verfügung. 21:45 Uhr Spiel zwischen Holland – Deutschland. Transfer nach Spielende zum Flughafen. Flug mit Air Berlin nach Düsseldorf. Ankunft in Düsseldorf am frühen morgen des 14.06.2012.“ Im Preis inbegriffen ist eine Eintrittskarte im Wert von 49 €.

Es scheint, als gelänge es der Ukraine auch mithilfe einer internationalen Großveranstaltung nicht, ihr Aschenbrödel-Image abzulegen. Immerhin bieten die offiziellen deutschen Veranstalter ihren Fans ein „Übernachtungsschnäppchen“ von 2499 € an, sollte es die deutsche Mannschaft ins Endspiel schaffen. Im Preis enthalten sind ein Hin- und Rückflug nach Kiew, 3 Übernachtungen in einem Mittelklasse-Hotel, der Eintritt zum Endspiel in der billigsten Kategorie und der Transport von und zum Stadion.

Aber auch wer sich in Eigeninitiative zur Fußballeuropameisterschaft in die Ukraine aufmacht, wird sich erstaunt über Preiswucher die Augen reiben. Schon im Dezember des Jahres 2011 beschwerten sich die Studenten in Kiew und Lemberg, dass sie für die Renovierung ihres Studentenwohnheims zu einem Sonderbeitrag (finanzieller Art oder als Arbeitseinsatz) verpflichtet wurden. Die Stadtverwaltung will die Zimmer der Heime zu „preiswerten“ Unterkünften während der EURO 2012 umwidmen. Ein Bett kostet dann bei der erhofften regen Nachfrage bis zu 150 € pro Nacht. Zum selben Zeitpunkt kündigten auch die Privatquartiervermieter, also Privatpersonen, die ein Zimmer oder eine Wohnung für ausländische Gäste zur Verfügung stellen wollen, ihre Ansprüche an. In diesem Segment der Gesellschaft rechnen viele damit, in wenigen Tagen die eigene Jahresmiete zu kassieren.  Das Vorbild der Oligarchen zeigt seine Wirkung bis in die unteren Einkommensgruppen der Gesellschaft. Das kapitalistische Denken trägt endlich Früchte. Der Systemwechsel scheint vollzogen.

Auch wenn viele Ukrainer das Gefühl haben, dass alle Götter und guten Geister sich nach der „Orangenen Revolution“ 2004 von ihnen abgewendet haben und dass eine neue Eiszeit ausgebrochen sei, bleibt auf der Habenseite für ihr Land festzuhalten: Die 1991 gewonnene Unabhängigkeit wird nicht infrage gestellt (nicht einmal vom mächtigen russischen Nachbarn). Noch nie gab es eine weniger blutige Epoche in ihrer Geschichte. Die ukrai-nische Sprache ist unangefochten die Nationalsprache des Landes. Wie auf einer Theaterbühne sind in den letzten beiden Jahrzehnten die Worte des einst leibeigenen Dichters und Unabhängigkeitskämpfers Taras Schevtschenko (1814-1861) beherzigt worden, die er in seinem „Vermächtnis“ von 1845 seinen Landsleuten zurief:

So begrabt mich und erhebt euch! Die Ketten zerfetzt! Mit dem Blut der bösen Feinde, die Freiheit benetzt!

Die Generation der gut ausgebildeten Zwanzig- bis Vierzigjährigen nutzt die aktuelle „bleierne Zwischenzeit“, um sich nach Westen zu orientieren. Mit ihrem Digitalwissen und dem Internet ausgestattet hofft sie noch immer auf ein „europäisches Wunder“. Die Minderheit der „sovok“, Spitzname für die unbekehrbaren Sowjetmenschen, hingegen lebt ihre Frustrationen parolenmächtig alle vier Jahre einmal aus, während der Präsidentenwahl.

Mit Marketing-Gags versucht die offizielle Politik, die Bevölkerung auf die EURO 2012 einzustimmen. Eine von einem lokalen Fernsehteam in Odessa abgefilmte Oldtimer-Parade zum Beispiel, in der laut gröhlende Seekadetten mit den Nationalflaggen der Teams und Bierflaschen winken, provoziert beim Publikum keinerlei Reaktion. Eine gelungene EURO 2012 mit vielen mitreißenden „Public Viewing“-Plattformen hingegen und gutgelaunten ausländischen Gästen könnte die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung von den Vorteilen einer echten Demokratie wie sie Europa zu bieten hat, überzeugen – und das Modell der „lupenreinen“ Demagogie, wie sie beim russischen Nachbarn gelebt wird, vergessen machen. Das jedenfalls glaubt Vitali Klitschko, Box-Weltmeister, Vorsitzender der Partei „Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen“, UDAR (ukr./russ „Schlag“), und Unterstützer der EURO 2012: „Nelson Mandela hat den weltberühmten Satz gesagt: ‚Sport hat die Macht, die Welt zu verändern.‘ Ich möchte in Anlehnung an Mandela sagen: Die EURO 2012 hat die Macht, die Ukraine zu verändern!“

Auszug aus „Im Schatten der Götter. Ukrainische Notizen 2012“ von Ursula Daus, in: KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 23/2012

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