Neue Bücher in KOSMOPOLIS 24-25/2013 „Weltenbummler“

Cover von „The Mastaba“ in der arabischen Version

Eine Pyramide für Abu Dhabi

Was eher einer Fata Morgana ähnelt als einem faßbaren Gegenstand soll jetzt in der Wüste Abu Dhabis, am Rande des „Leeren Viertels“, auf der Arabischen Halbinsel Realität werden. Das von dem für seine vergänglichen Werke berühmte Einwickelkünstler Christo und dessen 2009 verstorbene Frau Jeanne-Claude im Jahr 1979 erdachte und skizzierte Großprojekt „The Mastaba“ soll das erste bleibende Großprojekt werden – sozusagen für die Ewigkeit gebaut. Inspiriert wurde die Form von der abgeflachten altägyptischen Grab-Pyramide, einer sogenannten mastaba, die aus Lehmziegeln oder Steinen erbaut wurde. Die Mastaba des 21. Jahrhunderts wird jedoch nicht für einen König, Pharao, Scheich oder Beduinenchef erbaut, sondern sie soll die Grabstätte für eine sich allmählich erschöpfende Ressource der Region, nämlich Rohöl werden. Aus 410 000 alten Ölfässern wird sie ein Mahnmal – oder auch nur eine Kirmesattraktion für neugierige Besucher – in der Wüste darstellen. Gerade diese zwiespältige Interpretation macht es kritischen Begleitern des Projekts schwer, vorbehaltlos seinen künstlerischen Impetus zu begrüßen. Hätte es sich wie bei früheren Projekten – der Verhüllung des Reichstags in Berlin (1995) oder den farbigen Sonnenschirmen in Japan und den USA (1991) – um ein zeitlich begrenztes Event gehandelt, wäre es eine kluge Fußnote zum Ende des Ölzeitalters geworden. So jedoch drängt sich der Gedanke auf, daß hier tatsächlich ein pharaonischer Überlebensgedanke den Künstler und seine aktivistische Gefährtin umgetrieben hat. Mit dem Tod von Jeanne-Claude scheint das Vorhaben in eine noch dringlichere Phase übergegangen zu sein.

Die Projektleitung unter der Führung von Christo hatte Anfang 2011 Machbarkeitsstudien drei von international bekannten Ingenieurshochschulen aus der Schweiz, den USA und Japan angefordert, die eine statische Lösung dieser riesigen Konstruktion erarbeiten sollten. Die „Mastaba“ mit 150 Metern Höhe und 225 x 300 Metern Basis wäre somit die größte jemals gebaute Pyramide, gigantischer als die Pyramide von Gizeh mit ihren 146,60 Metern Höhe und einer Basis von 230,40 x 230,40 Metern.

Was steckt hinter dieser Megalomanie eines Bauwerks für die Ewigkeit? Weder die besondere Konstruktion noch der gewählte Baustoff aus bunt angestrichenen Ölfässern können der Grund für diese Herkules-Tat in der Wüste sein. Und wer soll sich um die Wartung und die aufgrund des Wüstenklimas permanent notwendigen Instandhaltungsarbeiten kümmern? Oder soll hier gar eine weitere umweltzerstörende Müllkippe nur 160 Kilometer von der Stadt Liwa in der fragilen Wüstenökologie inszeniert werden? Und was impliziert für junge Emirati eine altpharaonische Grabstätte inmitten ihrer immer mehr von einem globalen Immobilienboom verbauten Landschaft? Welche kulturellen Anreize soll ihnen dieses fremdartige Implantat bringen?

Der im Herbst 2012 im Taschen-Verlag in Köln erschienene Band „The Mastaba. Project for Abu Dhabi UAE. Christo and Jeanne-Claude“ gibt auf all diese Fragen keine Antworten. Präsentiert werden Vorskizzen und Tuschzeichnungen, Fotos über mehrere Reisen der beiden Initiatoren nach den Vereinigten Arabischen Emiraten von 1979 bis 2012 mit gemeinsamen Freunden, Unterstützern, Sponsoren und vor freundlich staunenden jungen Emirati. Mit einer Miniatur-Mastaba im Wüstensand will eine Art Grundsteinlegung des Projekts demonstriert. Dem Publikum wird neben der englischen eine arabische Version im selben Band geboten.

Ursula Daus

The Mastaba. Project for Abu Dhabi UAE. Christo and Jeanne-Claude, mit Fotographien von Wolfgang Volz. 176 Seiten, 39,99 €. Taschen, Köln 2012

 
Daniel Lezama provoziert.

MEXIKO EXTREM

Der Maler Daniel Lezama wurde 1968 von einem mexikanischen Vater und einer nordamerikanischen Mutter geboren. Sein Vater lehrte ihn von Kindheit an das Malen, und dann studierte er in der Nationalen Kunstschule ENAP in Mexiko-Stadt. Er wurde rasch berühmt, verwirrte sein Publikum durch seine sehr krassen Sujets. Er zeigte Menschen, wie sie selten dargestellt wurden: nackt, verletzt, kreischend, sehr extrem und nahezu unglaubwürdig.

Ein ORIGINELLER WANDERER!

Da drängen sich Indias und Indios bei einem riesengroßen Mariachi-Konzert in der mexikanischen Hauptstadt. Frauen werden gequetscht. Hinter einer Leinwand ist eine Dicke gefesselt, Blinde lutschen ihre Geschlechtsteile, Kinder blasen auf einer Trompete. Auf einem anderen Gemälde steht ein sehr junges Mädchen breitbeinig nackt auf dem glatten Flügel eines Straßenkreuzers: Sex und das Shell-Logo. Eine maskierte Studentin verirrt sich in einem staubigen Kaff, ihr Gesicht ist gepunktet, und eine Karnevalsmütze weist in die staubige Landschaft. Eine nackte Familie hockt vor dem kalten Panorama hoch über der immensen Hauptstadt. Drei Denkmäler auf zerfallenen Podesten sehen aus, als seine sie aus grauem Lehm geformt. Der Titel des Gemäldes lautet absurderweise: „Die drei Grazien aus Sansibar“. Immer wieder: Brüste, Leid, Geschlechtsteile, Fesseln, Leichen, Angst, grinsende Sadisten, blaue Körper, aufgedunsene Leiber. Krasse Farben allüberall. Erinnerungen an die Gewalttaten während der Eroberung Mexikos durch die Spanier, die Stadtwerdung der Riesenagglomeration. Die Faszination des Mordens und der feuerspeienden Vulkane. Die Bücher, die alles erkennen und verstehen wollen. Buntes Begreifen. Blaue Leichenteile. Immer mehr Menschen für Mexikos Arbeitswut, immer mehr Gegenwehr. Rote Nabelschnüre, Schlangen umschlingen eine einsame Mutter. Kinder werden knallrot oder knallgrün bei einer Reise durch Yucatán, mit geschlossenen Augen. Mit dem Messer in der Hand sticht im Haus des Wahrsagers die Fleischköchin zu. Einem weisen bärtigen Mann wird der Kopf abgeschnitten: seine europäische Weisheit hat ihm nichts genützt. Ein lächelndes grünes nacktes Mädchen voller Sternsymbole. Die grüne, rote, tote Schlange, gedoppelt durch Babys im Kaktusbaum. Mexiko-Stadt brennt, über der Feuersbrunst im riesigen Zentrum der Geschichte.

Und dann tritt unwiderruflich doch Ruhe ein, in Daniel Lezamas Abbild einer halbnackten Frau. Sie steht ganz allein auf dem Boden, mit festen Füßen, und sie zeigt unerschüttert ihre Brust. Und aus ihr quillt nicht ein Busen, sondern noch einer, die zehnfache Fülle – ganz gelassen. Versöhnt.

Dieser Bildband ist oft unerträglich grausam – und sehr, sehr human á la Lateinamerika!

Ronald Daus

Daniel Lezama: Travelers, hrsg. von Jürgen Kriegers. 208 S., 112 Farb-Abb. + 11 s/w-Abb. 55 €. jovis art, Berlin 2012

London – nostalgisch

„London“, das ist seit zwei Jahrhunderten: Extremer Stau auf den Straßen, mit Kutschen, Doppeldecker-Verkehrsmitteln, Fußgängern, Geschrei, permanentem Krach, Modernisierung nach all den Feuersbrünsten im engen Inneren der Stadt bis ins 19. Jahrhundert.

Mittendrin der Palastbezirk: die Macht der Leere und des Weggeschlossenen. Die winzige Präsenz der realen Mitte.

Die beginnnende Moderne mit Glasgebäuden: „Crystal Palace!“

Die schmiedeeisernen Eingangstore zu den Docks im East End. Die Tore waren 13 Meter breit, 10 Meter hoch und jeweils über 60 Tonnen schwer.

Die erste U-Bahn der Welt 1861. „Die Bahnhöfe sind buchstäblich unter Werbeplakaten vergraben. Man braucht Hartnäckigkeit und einen scharfen Blick, um die Namen der Bahnhöfe zu entdecken.“

Die magischen Bauwerke: Buckingham Palast; der Uhrturm „Big Ben“; das Zentrum rings um die Kathedrale Saint Paul; die Tower Bridge; „The Tower of London“: ein Gefängnis! Das Britische Museum.

Die elenden Slums: weltweit bekannt!

Die wirbelnde Weltstadt im frühen 20. Jahrhundert; die roten Doppeldecker-Busse; die Rituale der Monarchie; Streiks; Suffragetten: die politische Emanzipation der Frauen; die Siegesfeiern für den Ersten Großen Weltkrieg nach 1918; Verkehrstaus über Verkehrsstaus.

Die Zwischenkriegszeit: Straßenschlachten. Unruhen allüberall. Zweifel. Der Beginn eines bereits Zweiten Weltkriegs. Die Bombardierungen. Schutz vor den Luftangriffen der deutschen Wehrmacht, auch nachts in U-Bahnstationen. Trümmerbilder. Menschenmassen am Trafalgar Square am 8. Mai 1945, „Victory in Europe Day“.

Frieden: „Sonnenhungrige im Hyde Park“, 1949

Die Krönung von Elisabeth II. in der Westminster Abbey 1953.

Die Londoner Hippies wurden von der Boulevardpresse „Blumenkinder“ genannt. „Sex and Drugs“. Die große Fete! Die Beatles. Englische Bands werden weltweit von London aus zu Figuren der Weltgeschichte. In dem Film „A Clockwork Orange“, 1970, von Stanley Kubrick, heißt es: „Es ist eine stinkende Welt, wo Recht, Zucht und Ordnung vermodern! Es ist `ne stinkende Welt, weil junge Kerle auf alten Männern rumtrampeln, wie ihr es tut! Oh, es ist kein Leben mehr für einen alten Mann auf dieser Erde.“ (S. 406)

Neues Geld aus der Alten City spielt mit perfekten Nonsense-Gebilden, so bei dem 2008 vollendeten Hauptsitz des Rückversicherers „Swiss Re“, in 30 St. Mary Axe, welcher faszinierend von den Londonern „Die Gurke“ genannt wurde.

„London – Portrait of a City“ ist eine Hommage an eine Weltstadt, deren Faszination vor allem in ihrem nostalgischen Potenzial liegt. So werden dem 21. Jahrhundert in diesem Band auch nur einige wenige Fotos ganz zum Schluß gewidmet, als müßte man erst einmal abwarten, ob es sich lohnt auch unserer Gegenwart zu huldigen.

Alex Westwood

London – Portrait of a City, hrsg. von Reuel Golden. 552S., zahlreiche Farb-s/w-Abb. 49,99 €. Taschen, Köln 2012

Marilyn Monroe – entblößt

Ein hübsches, nicht einmal wirklich blondes, sondern eher rothaariges Mädchen, das einfach Marilyn Monroe heißen mußte, weil das niedlicher klang, wurde in der Westlichen Hemisphäre im Laufe der 1950er und 1960er Jahre zum Inbegriff des Weiblichen. Sie starb vor jetzt fünf Jahrzehnten und blieb in der Tat unvergeßlich. Brutale Männer und neugierige Intellektuelle umschwärmten sie. Sie erschien unglaublich sinnlich. Ihre platinweiß gefärbten Haare waren das künstliche Markenzeichen einer ganzen Epoche. Unvergleichlich konnte sie stottern, weinen und langweilen. Sie vergaß alles Wichtige, und keiner nahm es übel. Sie nuckelte am Finger und verdiente damit viele Millionen Dollar. Nicht die berühmtesten Regisseure von Hollywood waren der Star, sondern die Umrisse eines Körpers, ihr Lispeln, ihre Launen, ihre Alkoholexzesse und auch andere, zerstörendere Drogen. Sie trug unvergleichlich Perlen und Goldketten an ihrem blassen Leib; sie verbog sich anmutig ungeschickt. Sie säuselte für den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, John F. Kennedy, sehr gekonnte Geburtstagsgrüße. Sie wickelte sich nackt in herrliche Pelzmäntel ein, und sie genoß es wie bei einem Orgasmus. Sie bezirzte jeden Fotographen des Jet-Sets, als habe nur sie sich für ihn in Pose gestellt. Ihre Lippen, die immer leicht geöffnet waren, versprachen massenhaft Allen, potenten Männern und auch impotenten, ein US-amerikanisches Paradies. Und manchmal grinste sie sogar, aber überhaupt nicht böse! Die Quadratur des wahrlich tausendfachen Kreises! Die berühmtesten und seriösesten ihrer Kollegen ließen sich ganz naiv entwaffenen. Sie bezirzte den französischen Schauspieler Yves Montand und den US-Schriftsteller, den sie auch heiratete, Arthur Miller, und die jetsettende Prominenz von Bobby Kennedy als auch seinen älteren Bruder John F., der gerade Präsident der USA war. Norman Mailer schrieb über dergleichen Augenblicke: „Sie tritt mit der ganzen champagnerhaften Spritzigkeit auf und mit der Ausstrahlung ihres Abendkleides, und sie singt, haucht: ‚Happy Birthday, Mr. President‘, diese banale Zeile, so wie sie zuvor nie gesungen worden ist. Die zwanzigtausend Gäste lauschten damals der sexuellen Entladung von Magneten und Samtstoffen…“ Die Fotos zeigen: „Das perfekte Kunstwerk seiner Zeit, der Inbegriff des US-Amerikaners Gelüste!“ – betont künstlerisch, nackt, verhüllend offen.

Tamara Pracel

Marilyn Monroe, Fotos von Bert Stern, mit einem Essay von Norman Mailer,  276 S. zahlreiche Farb- und s/w-Abb. 49,99 €. Taschen, Köln 2012

Kalenderblätter

„365 Day-by-Day-Kalender“ zum Thema „Fashion“ und „New York“. Wer ausreichend Platz auf seinem Schreibtisch findet, der kann sich diese schwergewichtigen, seitenstarken „ewigen“ Agenden anschaffen, mit Lebensdaten der Fotografen und von Modellen aus einem Jahrhundert, mit Bauwerken, Szenen, Schnappschüssen aus den Modemagazinen und von New York aus einer Zeit als der Westen noch führend in Sachen Geschmack, Stil und Ausführung war. Für alle Nostalgiker ein Muß!

red

365 Day-by Day „Fashion Ads of the 20th Century“ und „New York“,  hrsg. von Jim Heimann und Alison A. Nieder, jeweils 736 S., 49,99 €. Taschen, Köln 2012

Rußland – märchenhaft

„Der Schneesturm“ von Vladimir Sorokin ist eine Herausforderung. Soll man diesen Roman, der eher einer Novelle gleicht, als fades Plagiat von Kafkas „Der Landarzt“ oder als eine Hommage an Viktor Pelewins „Buddhas kleiner Finger“ lesen?

Wer sich mit Sorokin aufmacht in einen typischen russischen Schneesturm im zu Ende gehenden Winter, um nach dem Ende des Ölbooms in naher Zukunft in einem Schneemobil von Minipferdchen durch die immensen Weiten dieses fast weg- und steglosen Landes zu reisen, der wird landestypisch mit Erfrierungen, Halluzinationen und toten Kameraden rechnen müssen. Alles was westeuropäische Leser von einem russischen Wintermärchen erwarten, findet sich in diesen ruhigen, geradezu besinnlich dahingleitenden Zeilen: Schnee bis zum unsichtbaren Horizont, unverhoffte Einkehr in eine gewärmte Stube, wo der Samowar leise blubbert, süße und salzige Leckereien, Tee und Wodka, eine wunderbare dickbusige Wirtin für Spontansex, deren betrunkener zwergenhafter Ehemann dieses Idyll weder stört noch bedroht, ein Kutscher, der sich für seinen Kunden opfert und eine Horde von zentralasiatischen Drogendealern, die einem zu wundersamen Erkenntnissen verhelfen. Am Schluß wird der Protagonist, ein Arzt, der seiner Pflicht als Retter eines kleinen Dorfes, das von einem seltsamen lateinamerikanischen Virus heimgesucht wird, nicht nachkommt, auch noch von einer chinesischen Abordnung vor dem Erfrieren gerettet. Wenn Rußlands Zukunft so aussieht, muß man sich nicht sorgen. Selbst dann wenn die Chinesen die Herrschaft über dieses Riesenreich im Norden übernommen haben sollten: den Intellektuellen und Akademikern wollen sie jedenfalls nicht ans Leder.

Ursula Daus

Der Schneesturm, von Vladimir Sorokin. Roman aus dem Russischen. 207 S. 19,99 €. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012

 

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