Herbst-Rezensionen bei KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin

Allerseelen!

Wenn es ein Symbol für den Widerstand gegen die absurd-willkürliche Staatsgewalt in Russland gibt, ist es die in wenigen Monaten zu Weltbekanntheit gepuschte Punk-Rock-Gruppe „Pussy Riots“. Fünf sehr junge Frauen in farbigen Strumpfhosen, grellen Kleidern und mit selbstgestrickten Strumpfmasken wagen es, mit einem obszönen Musikstück den mächtigsten Mann Russlands, Vladimir Putin, und die erneut zur Staatskirche erhobene Russische Orthodoxie im Zentrum ihres Selbstverständnisses herauszufordern. Das von ihnen in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau inszenierte Happening wurde rüde durch den staatlichen Sicherheitsdienst abgebrochen. Zwei der Frauen konnten entkommen, drei erhielten mehrjährige Lagerstrafen. Zwei von ihnen, darunter die angebliche Anführerin Nadeschda Tolokonnikowa, befinden sich noch im Arbeitslager (dessen menschenunwürdige Zustände von Tolokonnikowa mehrfach angeprangert wurden, auch mit  einem Hungerstreik).

Der Religionswissenschaftler Joachim Willems hat in seiner vorliegenden Publikation versucht, den spektakulären einmaligen Auftritt der Punk-Band in seinem religiös-politischen Umfeld einzuordnen. Denn „Pussy Riots“-Mitglieder zeichnen ich nicht nur durch ihren zeitgeistigen Widerstand gegen ein autoritäres Regime und eine korrupte Kirche aus. Sie halten sich selbst – wie seit Jahrhunderten in Russland auftretend – für die wirklich Rechtgläubigen. Ihre Kraft schöpfen sie aus ihrem Verständnis von Bibeltexten. Idealistisch und asketisch könnte man diese Ausrichtung bezeichnen, wenn sich die jungen Frauen gegenseitig aus der Haft Briefe mit ermutigenden Bibelzitaten schreiben, wie hier aus dem Lukas-Evangelium: „Hütet euch aber, daß eure Herzen ncht beschwert werden mit Fressen und Saufen und mit täglichen Sorgen…“ (S. 42) Ihre Verachtung für die gesamte herrschende Klasse zeigen sie durch die Verwendung der in Russland als sehr obszön empfundenen „Muttersprache“ mit der sie ihr Punk-Gebet „Gottesgebärerin, vertreibe Putin“ bestückt haben. „Scheiße, Scheiße, Scheiße des Herrn (4x). Chor: Gottesgebärerin, Jungfrau, werde Feministin, werde Feministin, werde Feministin.“ (S. 31)

Für ihre Anhänger sind die Frauen von „Pussy Riot“ sogenannte jurodivyje, Heilige Narren. Sie gelten als „Bekämpfer der übermächtig gewordenen Welt“, und zwar der Welt der Kirche, die ihre Aufgabe für das „wahre Christentum“ einzutreten vergessen zu haben scheint.(S. 74f.) Genau hier setzt die Kritik von Pussy Riot-Songs an. Der überaus korrupte Patriarch von Moskau, der mehr an seine Immobilien, seine Luxuslimousinen, seine Reisen ins Ausland, seine prächtigen Gewänder und seine Anbiederungen an die weltliche Macht zu denken scheint als an das alltägliche Elend seiner Gläubigen, ist Zielscheibe ihrer Angriffe. Daß sie damit die Mehrheit der sogenannten Orthodoxen vor den Kopf stoßen, liegt in der Natur der Sache. Wenn eine Gläubigengemeinde gerade dabei ist, sich wiederzufinden, möchte sie nicht, daß ihre neuerrichteten Symbole eines wenig gefestigten, oft unverstandenen Glaubens „beschmutzt“ werden. Obwohl sich immerhin schon mehr als 90 Prozent der Russen wieder als „orthodox“ bezeichnen, praktizieren nur etwa ein Drittel den Glauben tatsächlich. Die meisten „Gläubigen“ interessieren sich nicht für den Inhalt dieser Religion, sie fühlen sich von ihren prächtigen Ritualen – den Gottesdiensten, den Gesängen – angezogen, aber vor allem von der Identitätsstiftung durch die Orthodoxie. Für sie gehört Russisch-Sein und der russischen Orthodoxie anzugehören zusammen. Wer sich also an der Orthodoxie vergeht, vergeht sich an Russland. Zusätzlich hat sich auch der Staat wieder zum „Beschützer“ der Kirche hochstilisert, indem er sie als Teil des nationalen Erbes deklarierte. (S. 98)

Die Jahrtausende alte Verflechtung und Verfilzung von Staat und Kirche in Russland hat offensichtlich von der 70jährigen Unterbrechung durch den Sozialismus keinen ernstlichen Schaden davon getragen. So ist es für etablierte Kirchenmänner ein Einfaches, alle, die Widerstand artikulieren – wie Künstler, Sänger, Journalisten – als „Wiedergänger der alten ‚kämpferischen Gottlosen‘ zu diffamieren“. (S. 107)

Dennoch kommt der Autor zu dem Schluß, daß das eigentliche Problem derzeit in Russland die Mißachtung von Menschenrechten, Demokratie und Rechtstaatlichkeit seien und nicht die Religionsfreiheit.

Ursula Daus

Pussy Riots Punk-Gebet. Religion, Recht und Politik in Russland, von Joachim Willems.168 S. 12 Abb. 19,90 € Berlin University Press, Berlin 2013

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Die Beschäftigung mit der eigenen Befindlichkeit scheint in der II. Dekade des 21. Jahrhunderts weltweit zu einer Suche im Vergangenen, ja im Jenseits zu kulminieren. Der russische Autor Viktor Pelewin hat sich schon in seinen Vorläufer-Romanen als ein ironisch-spekulativer Kenner dieses Genres bewährt.

Hilfreich war ihm bisher die synkretistische Nähe seiner Heimat zu anderen, den asiatischen Kontinent überziehenden Glaubensrelikte, wie zum Beispiel die Sonderform des sibirischen Buddhismus. In „Tolstois Albtraum“ bewegt er sich genauso selbstverständlich in den überlieferten und phantasierten Gedankenwelten des großen russischen Schriftstellers Leo Tolstoi, den er einfach als T. oder als Graf T. auftreten läßt. Schon die Anfangsszene zeigt die Kunstfertigkeit des Autors, Spannung für eine Erzählung aufzubauen, dessen Protagonist seinen Weltruhm nicht durch die Rolle in einer weiteren romanesken Abhandlung vermehren müßte.

Mit der Pelewin eigenen Leichtigkeit, die monströsen und absurden Ereignisse der russischen Gegenwart in literarische Satire zu verwandeln und dabei gleichzeitig jeden literaturkritischen Geschmack des 20. und 21. Jahrhunderts zu ironisieren – sei er postmodern, strukturalistisch, dekonstruktivistisch, konstruktivistisch –, das muß erst einmal von den Lesern verarbeitet werden. Daß dabei dann – wie in fast allen aktuellen russischen Erzählungen und Romanen – erneut die seit Gogol berühmten „toten Seelen“ Russlands auftreten, gehört zum abrufbaren Spielmaterial. Auch im realen Rußland sind Zombie-Umzüge von Jugendlichen und Seancen mit Seelenbefragung angesagte Freizeitbeschäftigungen.

Einen Ausweg aus dem teils höchst gewaltätigen, teils philosophisch tiefsinnigen Plot findet auch der angeblich von mehreren Autoren als profitable Marktlücke konzipierte Graf T. nicht. Selbst ein fiktiver Dostojewski, der ihm als Untergrundkämpfer auf der Suche nach Seelennahrung zu Hilfe eilt, kann das Ruder nicht herumreisen. Erlösung für die russische Seele gesteht Pelewin seinen Landsleuten wohl auch im 21. Jahrhundert nicht zu – nicht einmal in diesem Stück Literatur, das wie ein völlig durchgedrehtes Videospiel daherkommt, in welchem der höchste Level nicht mehr erreicht werden kann – weil er wohl nie einprogrammiert wurde.

Tamara Pracel 

Tolstois Albtraum, Roman von Viktor Pelewin.  480 S. 21,99 € Luchterhand, München 2013

Hölle im Paradies

Wer sich mit dem Enfant terrible der US-amerikanischen Literatur, T.C. Boyle (übrigens ein Ziehkind des noch berühmteren John Irving), beschäftigt, ist immer wieder erstaunt über die Wandlungsfähigkeit dieses Autors. Gerade hatte man ihn als überzeugten Kritiker einer fanatischen Ökologiebewegung gefeiert, schon schlüpft er in ein neues Mäntelein und liefert mit „San Miguel“ einen wie aus der Zeit gefallenen historischen Roman über die vor dem kalifornischen Santa Barbara liegende Pazifikinsel San Miguel ab. Sie gehört zur Gruppe der sogenannten „Channel Islands“ und besteht in der Hauptsache aus windgezausten Felsen, sandigen Ebenen und steil ins Meer fallenden Klippen. Sie ist heute ein Naturschutzgebiet und darf nur mit Sondererlaubnis betreten werden.

Interessanterweise war es ein Portugiese in spanischen Diensten, João Rodrigues Cabrilho (1499-1543), in spanischer Schreibweise: Juan Rodríguez Cabrillo, der den ersten erfolgreichen Vorstoß entlang der pazifischen Küste von Neuspanien Richtung Norden unternahm. Cabrillo sollte eine Verbindung zwischen dem Pazifischen und dem Atlantischen Ozean suchen. Zusätzlich bekam er den Auftrag, die sagenhaften Sieben Städte aus Gold zu finden, die in Erzählungen und Legenden auch unter dem Namen „Cibola“ auftauchten. Sie sollten sich angeblich in der Nähe des Pazifiks, nördlich von Neuspanien befinden. 1542 fuhr er von Navidad, dem späteren Manzanillo, Richtung Norden, landete am Punto de Loma, wo die Spanier San Diego gründeten und erforschte von San Miguel aus, dem Felseneiland vor der Küste des späteren Santa Barbara, das Festland. Dennoch sollte San Miguel dem tüchtigen Seefahrer kein Glück bringen. Er brach sich den Arm, reiste dennoch bis zum 40. Grad nördlicher Breite weiter, erlitt auf der Rückfahrt in stürmischer See an genau dieser Insel Schiffbruch und starb am Wundbrand.

Auch der Protagonistin des 1. Teils in T.C. Boyles Roman, der an Tuberkulose erkrankten Marantha, brachte die Insel kein Glück. Mit ihrem zweiten Ehemann, einem Heimkehrer aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, und einer Adoptivtochter, siedelte die Großstädterin aus Boston als Schafzüchterin auf die einsame Insel über. Nur wenige Monate im windigen, regnerischen Klima reichten aus, um den absehbaren Tod Marantha auch noch zu beschleunigen. Der 2. Teil des Romans beschäftigt sich mit der Adoptivtochter Edith, der es gelingt, dank ihrer jugendlichen Schönheit von der als Gefängnis empfundenen Insel zu fliehen.

Die Hauptfigur des 3. Teils ist Elise, eine ältliche Jungfer, der es mit 38 Jahren vergönnt ist, ebenfalls mit einem Kriegsveteranen, dieses Mal aus dem 1. Weltkrieg, einige glückliche Jahre auf der Insel zu verbringen und dort zwei spätgeborene Töchter aufzuziehen.

Boyle hält sich leider zu buchstabengetreu an die historischen Tagebuchaufzeichnungen und Zeitungskolumnen, die über die beiden „Aussteigerfamilien“ in den Heimatarchiven Santa Barbaras vorliegen. So bleiben die wenigen literarischen Ausflüge des Autors auf ein paar harmlose Techtelmechtel der Adoptivtochter Edith mit einem Farmhelfer und ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit einem spanischen Schafscherer beschränkt. Überhaupt scheinen die Aussenkontakte der Inselbewohner auf die Besuche eines Versorgungsschiffes und die zweimal jährlich anreisenden Schafscherer aus Mexiko konzentriert gewesen zu sein.

Wie die Spanier, deren Schiffswracks noch immer vor der Küste der Insel im Meer liegen, können auch die Mexikaner dem stürmischen Felseiland nichts abgewinnen. Sie erledigen ihre Arbeit, professionell und vor allem schnell, um wieder zurückzukehren aufs Festland. Für die Inselbewohner sind sie das Exotikum par excellence. Sie essen nur ihnen bekannte Speisen wie Tortillas, mexikanische Bohnen mit Reis und scharfer Soße. Sie singen mexikanische Lieder zur Gitarre wie: „si tu boquita morena fuera di azucar, fuera di azucar, yo mi lo pasaria, cielito lindo chupa y chupa…“ (S. 236). Die zauberhaften Worte verführen nicht nur die junge Edith, sondern auch die Farmarbeiter. Als wäre die Sonne Mexikos über dem kalten Pazifikhimmel aufgegangen, so hören sich die spanischen Silben an: guapa, carina… Und als sich Edith Rafael, einem der Schafscherer, hingibt, ist sie fest von dessen Liebe überzeugt. Doch auch der Mexikaner nimmt sie nicht mit aufs Festland, wo sie von einer Karriere als Sängerin in einem der neuen Clubs von San Francisco träumt.

Die Insel San Miguel wird von Boyle als das allerletzte Stück Amerika ganz im Westen präsentiert. Es ist für die Hauptfiguren in diesem Roman das „Ende der Welt“, im tatsächlichen und übertragenen Sinne – eine Art „Friedhof des Pazifiks“.

Wer eine weitere, sehr kleine Facette der Eroberung des einst „Wilden Westen“ der USA kennenlernen möchte, kann es mit diesem Roman nachholen. Das ungewollt Pathetische von US-amerikanischem Überlebens- und Pionierwillen bekommt er frei Haus dazu.  red

San Miguel, Roman von T.C. Boyle, aus dem Amerikanischen von Dirk van Gusteren. 448 S., 22,90 €. Hanser, München 2013

Nichts wie weg!

Ein Roman namens „Lume, Lume“ von Nino Vetri aus Palermo im Jahr 2010 kümmert sich kopfschüttelnd um eine gänzlich unverständliche Gegenwart. Alles und jedes, was hier passiert, darf notierenswert sein, angefangen bei Migranten aus Rumänien, Albanien, Polen, Pakistan oder Bangladesch. „Lume, Lume“, einfach die Welt an sich. Keine Vorurteile! „Lume, Lume – Leute, Leute!“ Oder Leute Welt. Bis so eine Art von Genetiv auftaucht. Diese Leute der Welt, oder…. eben Chaos am Rande Europas! Eine globale Comédie humaine im handlichen Taschenbuchformat mit einigen verflochtenen musikalischen Erlösungsharmonien. Wie sizilianische Tänze und französische Walzer, gespielt mit Geigen und auf Kochtöpfen… Die letzte Erlösung genialer Verrückter.

Ein Roman namens „Lume, Lume“ von Nino Vetri aus Palermo im Jahr 2010 kümmert sich kopfschüttelnd um eine gänzlich unverständliche Gegenwart. Alles und jedes, was hier passiert, darf notierenswert sein, angefangen bei Migranten aus Rumänien, Albanien, Polen, Pakistan oder Bangladesch. „Lume, Lume“, einfach die Welt an sich. Keine Vorurteile! „Lume, Lume – Leute, Leute!“ Oder Leute Welt. Bis so eine Art von Genetiv auftaucht. Diese Leute der Welt, oder…. eben Chaos am Rande Europas! Eine globale Comédie humaine im handlichen Taschenbuchformat mit einigen verflochtenen musikalischen Erlösungsharmonien. Wie sizilianische Tänze und französische Walzer, gespielt mit Geigen und auf Kochtöpfen… Die letzte Erlösung genialer Verrückter.

„Ein Buch, bei dem ich empfehlen würde, es zwei Mal zu erleben. Um beim ersten Male die Erfindungsgabe des (realen) Autors zu genießen, und dann eine Sprache, die man in so gelungener Form selten findet“. Eine Art zivilisierten Zusammenlebens, empfiehlt der Nachwortschreiber Andrea Camilleri. Dem darf man sich ohne Vorbehalte anschließen.

Corinna Rohloff

Lume, Lume, Roman von Nino Vetri. Aus dem Italienischen von Andreas Rostek. 120 S. 12,80 €. ed. fotoTAPETA, Berlin 2013

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Alte Synagoge in Quba, Aserbaidschan, die unter den Sowjets als Bibliothek diente.  Foto Mila Teshaieva
Alte Synagoge in Quba, Aserbaidschan, die unter den Sowjets als Bibliothek diente.
Foto Mila Teshaieva

Exakt mitten in der Einöde zwischen Europa und Asien feiert sich die faszinierende Weite. Es sind Fotos unglaublicher Intensität. Es beginnt mit einem Busplan, dort, wo der Horizont fast nie erreichbar ist. Staub und Öde. Manchmal strahlen absurde elektrische Leuchten. Friedhöfe, die seit Jahrhunderten ihre Imitate bearbeiten. Nichts als Wind. Tänze im Sand. Die Langeweile staatlicher Bauten. Erdölreste stechen bis tief ins Meer. Ein nagelneuer Sportplatz: noch hat hier nie ein Spiel stattgefunden. Ein Kaktus an einer staatlich geförderten Promenade wird mit Plastik vor dem Wind geschützt. Armut und Reichtum: entweder sehr bunt oder fürchterlich verdreckt. Menschen scheinen nur noch als ganz vereinzelte Exemplare einer nutzlos überlebenden Spezies in diesem Ambiente zu existieren. Eine ganz eigene Schönheit des Desparaten!

Ronald Daus

Promising Waters. Ein Bildband rings um das Kaspische Meer: Russland, Kasachstan, Turkmenistan, Iran, Ascherbaidschan, Fotos von Mila Teshaieva, 120 S. 50 Abb. 39,90 € Kehrer, Heidelberg 2013

Genua. Holzschnitt aus "Weltchroniken"
Genua. Holzschnitt aus „Weltchroniken“

Von der Relativität des Wissens

In einem sehr dicken und sehr schönen „Buch der Chroniken“, Faksimile-Nachdruck aus einer kolorierten und kommentierten Gesamtausgabe vom Jahr 1493, versuchte der damalige Weltendeuter Hartmann Schedel einen Überblick über das neue totale Wissen vorzulegen. Gerade in dieser geschichtsträchtigen Zeit, als plötzlich Christoph Kolumbus eine Neue Welt entdeckte, exakt und real, verkehrten sich die Realitäten: Ein ganz anderes Verständnis setzte sich durch. Aus der Fabelwelt wurde (mehr oder weniger) exakt Anschauung, schließlich Wissenschaft. Statt eines imaginären Jerusalems zum Beispiel oder eines „Lands der Amazonen“ oder eines „Sodom und Gomorra“ bemühte sich die Kunst und die Wissenschaft sehr bald, um reale Darstellungen: „Paris“, „Magdeburg“, „Neapel“, „Venedig“ und immer mehr jeweils zeitgenössische Stadtveduten. Die Renaissance behauptete das Schema des Idealen. Es zeigte fächendeckend den bekannten Globus, vom Okzident bis zum Orient: von Paris in Frankreich bis Frankfurt am Main in Deutschland, von Schlesien bis Lemberg und gar über Lettland hinaus bis Moskau. Dennoch gab es in dieser Weltchronik auch Auslassungen, wie das Wissen um die Ozeane. Schon 1488 hatte der Portugiese Bartolomeu Diaz das Kap der Guten Hoffnung umrundet und damit bewiesen, daß der Atlantische und der Indische Ozean verbunden waren. Die Schedel‘sche Weltchronik beinhaltete, was Schedel kannte oder für gut befand. Das Privileg des Kompilators und die Wünsche der Finanziers aus Nürnberg machten das Werk zu einem Vorläufer modernen Publikationswesens. Das zeigt auch das hohe Interesse, das der aktuelle Herausgeber der Editionsgeschichte beimisst. „Werbung für eine Enzyklopädie“ erscheint auf der zweiten Seite des erklärenden Beiheftes, so wie auch ganz zu Beginn der Chronik von 1493 selbst: „Ein großes Glück der Zeiten, teuerster Leser, ist uns heute erschienen…“ Und um auch den letzten Kaufzauderer zu fesseln, werden am Schluß ordentlich die xenophobischen und sensationslüsternen Gefühle beworben:  von „wilden Türken, die Konstantinopel gräßliches angetan haben“ zu „manch greulicher Mißgestalt“. Ein immenses Wunderwerk eben, auch heute noch: unerschöpflich!

Ronald Daus

Das Buch der Chroniken, Faksimileausgabe, hrsg. und kommentiert von Stephan Füssel. 2 Bände im Schuber, 684 S., 39,99 € Taschen, Köln 2013

„Writers of the Big City“: Salman Rushdie und Viktor Jerofejew

Schriftsteller der Grossstädte beim Internationalen Literaturfestival in Berlin 2013

„164  Autoren aus 47 Ländern nahmen am diesjährigen Literaturfestival teil“, begeisterten sich die Veranstalter dieses leisen Riesenspektakels im September 2013 in der deutschen Hauptstadt. Wie in einem gut sortierten Kaufhaus fanden sich darunter für jeden Geschmack gleich mehrere Angebote: ob Jung oder Alt, Esoteriker oder interessierter Politlaie, ob engagierter Sozialhelfer oder nur amüsierter Beobachter – dieses 13. Literaturfestival brach die schon in der Vergangenheit hochgelegte Quantitäslatte an Autoren und Veranstaltungen. Eine „Berlinale der Bücher“ textete die Programmzeitschrift „zitty“ über dieses Aufeinandertreffen von Schriftstellern und Lesern. Etwas bescheidener interpretierte einer der berühmesten Teilnehmer, Salman Rushdie, dieses Festival: „Eine großartige Zusammenkunft von Schriftstellern – ich schätze mich glücklich, daran teilnehmen zu können“.

Man kann diesen Weltbürger aus Indien verstehen. Denn nach mehr als zwei Jahrzehnten unter ständigem Polizeischutz, in wechselnden Unterkünften und mit den absurdesten Decknamen versehen, kann er sich wieder frei bewegen. Die Last eines so langen Lebens im Untergrund, die ihm die „fatwa“, das Todesurteil, des Ayatollah Khomeini 1989 eingebracht hatte, schrieb er sich in seiner Autobiographie „Joseph Anton“ von der Seele. Joseph Anton war einer seiner Decknamen. Dieses Buch jetzt zu verfassen, schien ihm auch der Zeitgeist eingegeben zu haben: „Denn wir erleben gerade ein Zeitalter der Nicht-Fiktion.“ Er persönlich ziehe ja die Fiktion, die „erfundene“ Geschichte vor, um sich selbst beim Schreiben und seine Leser zu unterhalten oder „aufzuklären“. Obwohl er sich nicht für einen politischen Schriftsteller im eigentlichen Wortsinn hält, sind fast alle seine Bücher zu einem hochgradig politischen Lektürestoff geworden. Ob er dabei tatsächlich nur die „Wahrheit“ zu Papier bringt, oder auch „Lügen“, d.h. „Erfundenes“ oder „Interpretiertes“, ist für ihn zweitrangig. „Fakten bleiben Fakten, auch wenn ich sie chronologisch vertausche, sie kondensiere oder sie künstlerisch überhöhe. Fakten werden animiert, denn manchmal verlangt das Werk diese schriftstellerischen Techniken, um die Leser nicht zu langweilen.“ Das ist auch einer der Gründe, warum er seine Tagebücher aus dieser Lebensphase nicht publizieren will.

Obwohl Salman Rushdie sich in New York niedergelassen hat, besucht er seine Heimatstadt Bombay regelmäßig. Als er Anfang des Jahres 2013 dort der Uraufführung des Films „Midnight‘s Children“ (Regie: Deepa Mehta, 2012) beiwohnte, gedreht nach seinem gleichnamigen Roman, hätte ihn die Begeisterung der jungen und älteren Kinogänger sehr berührt. Die Mega-Metropole ähnelt nur noch wenig der Großstadt, die er so gut kannte und liebte, als er seine Kindheit und Jugend dort verbrachte. Die Menschen jedoch verstünden seine Bücher und sein Anliegen einer friedlichen Koexistenz zwischen den Religionen und den Ethnien auch heute. Auch wenn er unfreiwillig seine Heimatstadt verlassen habe, sei er doch auf seiner Flucht von Bombay über London nach New York immer ein „Writer of the Big City“, Schriftsteller der Großstadt, geblieben. „Denn das Leben in den globalen Großstädten ähnelt sich. Ein Zuwanderer aus der indischen Provinz in Bombay oder aus dem amerikanischen Mittleren Westen in New York hat weitaus mehr Anpassungsschwierigkeiten als ein asiatischer Großstädter in Westeuropa oder den USA.“ Dennoch bleiben seine indischen Wurzeln und die großen Epen sowie auch die kleinen Geschichten seiner Heimat das Fundament seines Erzählens. Und nicht zu vergessen das überwältigende Erlebnis seiner ersten Kinofilme aus der „Metropole des indischen Kinos“, Bollywood.

Als überzeugter Atheist hat er schon früh dem religiösen und ideologischen Fundamentalismus den Kampf angesagt und führt ihn mit seinem eigenen Literaturfestival „Pen World Voices“ in New York weiter.

Ursula Daus

Joseph Anton, Roman von Salman Rushdie. 720 S. 24,99 €. C. Bertelsmann, München 2012 (auch als e-book lieferbar, 19,99€)

Osten – Westen, Kurzgeschichten von Salman Rushdie. 192 S. 8,99 €. C. Bertelsmann, München 2013

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Ein anderer großer Verfechter des kritischen Atheismus während des Festivals war der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew. Die Präsentation seines neuesten Romans „Die Akimuden“ geriet trotz des versuchsweise ernsthaft vorgetragenen Fragenkatalogs durch den Moderator zu einem fröhlichen Leseabend. Wenn die Situation ausweglos erscheint, so der russische Humor, wird es erst richtig lustig.

Schon der Titel des Buches „Die Akimuden“ verwies laut Jerofejew auf die große Nähe zwischen Hölle und Paradies. Akimud lese sich als ein Anagram in der Kunst von Mukiada, was einerseits „Qualen der Hölle“, andererseits auch „Paradies“ bedeute. Mit diesem janusköpfigen Wortgebilde im Hinterkopf machte er sich daran, auf 480 Seiten die neuesten russischen Demokratiekapriolen unter Vladimir Putin zu zerlegen. Spielstätte seiner unzähligen Possen ist wie immer Moskau. Und die Moskauer sind alle seine Protagonisten, wo jeder zu allem eine andere Meinung hat als sein Nachbar und diese dann zu jeder Tages- oder Jahreszeit ändert. Nichts ist fest, alles im Fluß – und man muß mit dem Schlimmsten rechnen.

Da Jerofejew, der in Paris geborene Diplomatensohn, sich dem Westen Europas genauso zugehörig fühlt wie Rußland, lebt er in zwei Kulturen, „die ihm ein Gefühl von Unendlichkeit ermöglichen“. So erstaunt es nicht, daß in seinem Roman eine kleine Gruppe von Außerirdischen, die Akimuden, die russische Hauptstadt Moskau auserwählt haben, um dort ihr Reich des Friedens und des Glücks aufzubauen, nachdem sie die tatsächlichen Machthaber in einem Krieg besiegt haben mit einer Armee von Toten. Die Überlebenden dienen ihnen als Versuchskaninchen, an denen sie ihr Machtmonopol ausüben. Deren – menschliche – Wünsche und Sehnsüchte befriedigen sie nach Lust und Laune, egal ob es sich um Reichtum, Sex oder Mord handelt. Sie lernen, sich wie Menschen zu benehmen und zu fühlen. Grundvoraussetzung dafür ist die Annahme eines russischen Vor-, Vater- und Familiennamens einer Persönlichkeit aus der russischen Geschichte. Der einzige Widersacher der akimudischen Herrscher ist ein Putin nachgezeichneter russischer Machthaber, der sich dem neuen Regime zwar andient, aber gerne selbst seine Rolle weiterspielen möchte.

Was Jerofejew in diesem Roman bietet, ist das gesamte Spektrum russischer Befindlichkeiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit Rückgriffen auf die Geschichte der permanenten Verletzung und Unterdrückung von Menschenrechten. Trotz einiger gelungener ironischer Volten bleibt der Roman zu oft in Selbstbespiegelung des Autors oder gar eitler Selbstbelobung stecken. Und die bei Jerofejew altbekannten Aperçus zu Körper und Seele russischer Männer, wenn diese von wunderschönen russischen Frauen beeindruckt werden, bleiben auch hier nicht außen vor (s. Rezensionen in: KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 7-8/2001 und in 15/2006)). Aber auch sein „Kosmopolitismus“, den er unbestritten für sich beanspruchen kann, wirkt deplaziert, wenn er in der hier vorhandenen Dichte auftritt. Der Roman vereint somit einerseits die – gelungene – Abrechnung mit dem Regime Putins und der Rolle der Intellektuellen in Rußland, andererseits einen weiteren Rundgang durch seine Lebensgeschichte.

Ursula Daus

Die Akimuden, Roman von Viktor Jerofejew. 464 Seiten, 24,90 €. Hanser, Berlin 2013

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