In Berlin und anderswo

Timor Leste zu Gast beim „Filmfestival der kleinen Völker“ in der Bretagnekosmo 28 - timorfilm

Vom 22. bis 30. August 2014 fand in dem bretonischen Küstenort Douarnenez zum 37. Mal das „Filmfestival der kleinen Völker“ statt, das in diesem Jahr die Minoritäten in Indonesien, dem unabhängigen Osttimor und die Papua-Stämme Neuguineas zum Thema hatte.

Dem Festival kommt das Verdienst zu, dem bisher kaum in Europa in Erscheinung getretenen Filmland „Timor Leste“ eine ausführliche Präsentation zu widmen. Ein gutes Dutzend Dokumentar- und Spielfilme wurden gezeigt. Im Zentrum des Interesses der Filmemacher aus Osttimor, Australien, den USA und Frankreich stand die Aufarbeitung der Geschichte der letzten 30 Jahre, die gekennzeichnet war von der portugiesischen Entkolonisierung, Annektion durch den Nachbarstaat Indonesien, einen langen Befreiungskrieg und endlich im Jahr 2002 die von der Völkergemeinschaft anerkannte Unabhängigkeit der „Demokratischen Republik Timor Leste“.

Die Insel Timor wurde 1511 von den Portugiesen entdeckt. Im 19. Jahrhundert teilten sich Holland und Portugal die Insel auf. Die östliche Hälfte der vor Australien liegenden Insel blieb bis 1974 portugiesisch. Mit der Unabhängigkeit 2002 waren die inneren Probleme der oftmals sehr zerstrittenen Clans und Dorfchefs nicht beseitigt. Bis heute zeigt sich dies in zahlreichen, oft auch tödlichen Übergriffen von einer Dorfgemeinschaft auf die andere. Der Dokumentarfilm „Uma Lulik“ (2010), Das heilige Haus, des Timorensers Victor de Sousa Pereira zum Beispiel, begleitet den Bau eines besonderen Gebäudes in einem Dorf. Er wiederholt sich alle 10 Jahre, um die Verbindung zu den Ahnen, aber auch zu den weit in der Welt verstreut lebenden Verwandten wieder herzustellen, die anläßlich der Massaker durch die Indonesier und die einheimischen Maoisten geflohen waren.

In dem Spielfilm „Atambua 39° Celsius“  (2012) des Indonesiers Riri Riza wird dieses Thema aktuell behandelt. In dem Grenzdorf Atambua, das auf einer trockenen Ebene liegt, treffen ein Vater und ein Sohn aus Osttimor auf eine junge Frau aus Kupang, der indonesischen Hauptstadt Westtimors. Der junge João verliebt sich in die junge Nikia Dos Santos, die selbst jahrelang als Flüchtling mit ihrer Mutter im Westteil der Insel lebte und zu ihrer Familie zurückkehren möchte. Der Film erzählt die emotionalen, aber auch faktischen Schwierigkeiten dieser jungen Menschen, auf die sie bei einem Neuanfang im unabhängigen Osttimor stoßen.

Wie zerrissen das kleine Land noch immer ist, zeigt der Dokumentarfilm „Brief an meine Mutter“ (2013) der in Hawaii lebenden Timorenserin Francisca Maia. Als es 2006 erneut zu Aufständen in Dili, der Hauptstadt von Timor Leste kam, was wiederum viele Menschen zur Flucht zwang, begann die Regisseurin statt in Briefen in einem Video-Tagebuch ihre Ängste, Befürchtungen und ihre Liebe ihrer in Dili zurückgebliebenen Mutter mitzuteilen.

In zwei Dokumentarfilmen wird das Leben des ersten Präsidenten und jetzigen Ministerpräsidenten Osttimors, Xanana Gusmão, gewürdigt. In „Alias Ruby Blade“ (2012) erzählt die spätere Ehefrau von Xanana Gusmão, die Australierin Kristy Sword, ihr Leben als Kämpferin für die Unabhängigkeit von Osttimor. Sie lernte Gusmão im Gefängnis auf Java kennen, wo sie ihm Englischunterricht erteilen durfte. Später schmuggelte sie seine Korrespondenz an die internationalen Organisationen, seine Kämpfer auf der Insel und mögliche Unterstützer außerhalb Timors aus dem Gefängnis. Weniger romantisch, dafür sehr informativ zeigt der Singapur-Film „Wenn die Sonne aufgeht“ (2006) den Übergang des Dschungelkämpfers Gusmão zu einem Politiker, der für und mit seinem Volk eine Zukunft begründen will, die „auf Vergebung und Versöhnung“ basiert. Für die seit Urzeiten an Blutrache und Intrige gewohnten Bewohner der Insel eine wahrhaftige Herausforderung.

Filme von und über Timor Leste stellen einen wichtigen Baustein in diesem Versöhnungsprozess dar, denn sie können per Mausklick im Internet oder über eine Mediathek auch in den abgelegenen Inselteilen einen neuen Blick auf uralte Probleme des Miteinander verschaffen. Dank der Festivalorganisatoren in der Bretagne wurde dies auch interessierten Europäern geboten. red

Infos unter festival-douarnenez.com

Karelien, eine historische Landschaft am Rande Europas

Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse war in diesem Jahr Finnland. In einem minimalistisch kühl ausgestalteten Pavillon präsentierte das Land zwischen baltischem Meer und dem Polarkreis seine Autoren, seine Künstler, seine Musik und eine Vielzahl seiner in anderen europäischen Sprachen erschienenen Publikationen.

Mit einer besonders sensiblen Region, Karelien im finnisch-russischen Grenzgebiet, beschäftigt sich der Fotoband „Jaakko Heikkilä & Anastasia Khoroshilova: Karelia“, 2014. Der 1956 in Kemi geborene Finne Heikkilä und die 1978 in Moskau geborene Khoroshilova haben sich einer europäischen Grenzregion mit ihrem ganz eigenen Blick genähert. Im Mittelpunkt standen jedoch bei beiden Künstlern die Menschen, die in dieser von der Historie Europas geschundenen Landschaft zwischen Ladoga-See und Weißem Meer weiterhin ein oftmals bescheidenes, aber ihrer Kultur verpflichtetes Leben führen. Immerhin befindet sich hier angeblich „die Schatzkiste der Dichtung, Herz der finnischen Sprache“. Auf beiden Seiten der Grenze, in Finnland wie in Rußland leben Menschen, die eine lange historische und kulturelle Geschichte verbindet.

Wohnküche von Laina Lesonen  in Vuokkiniemi, Rußland, 2013. Foto von Jaakko Heikkilä
Wohnküche von Laina Lesonen in Vuokkiniemi, Rußland, 2013. Foto von Jaakko Heikkilä

Die Kunst der Fotografen bestand darin, den Menschen zu vertrauen und das Vertrauen der Menschen in den Kamerablick zu gewinnen. Während Khoroshilova ihre Protagonisten zu ihrer Familiengeschichte und der Geschichte Kareliens befragte, stellte Heikkilä seine gesammelten Eindrücke in kurzen Statements neben die Fotografien, wie das über die Erhaltung der karelischen Sprache auf der russischen Seite unter der Sowjetregierung: „… dann ein großes Haus, ein Haus der Macht, Worte der Macht, die Verfassung, der Staat, neue Worte, neue Bedeutungen, mit den Schafen spreche ich Karelisch…“

Die Lebensweise auf beiden Seiten der Grenze ähnelt sich. Die wenigen Menschen zerstreuen sich in einem weiten Naturraum, der ihnen oft genug feindlich gegenübertritt. Vorrangig galt und gilt es hier, das Überleben zu sichern. Auch heutzutage scheint es noch immer eine große Herausforderung zu sein, den genügsamen Alltag zu meistern. Nur Nuancen in Haltung und Gestaltung der eigenen Umwelt unterscheiden die Karelier links und rechts des Grenzstreifens, aber dieser scheint wohl den Ausschlag für ein „gutes“ Leben oder ein „karges“ Überleben darzustellen.

Wer etwas über die Lebensverhältnisse in einem geeinten Europa erfahren möchte, sollte sich den Geschichten der Menschen in diesem Fotoband zuwenden, die so feinsinnig von den beiden Fotografen in Szene gesetzt wurden.  Corinna Rohloff

Jaakko Heikkilä & Anastasia Khoroshilova, Karelia, Fotoband mit einem Beitrag von Yuri Nikich. 168 S., 119 Farbabb. Englisch. 39,90 €. Kehrer, Heidelberrg 2014

Schwarz und Weiß unter der Sonne des Äquators 

image001Wer sich dem in mehr als 900 Inseln zersplitterten Archipel der Salomonen-Inseln im Westpazifik nähert, findet sich  in einer Atmosphäre aus Hell und Dunkel wieder. Die meist dichte Wolkendecke des Äquatorhimmels läßt nur ab und an einen Sonnenstrahl auf das dunkle Dickicht des Urwalds niederfallen, dessen bis an das Ufer reichenden Baumriesen einem kleinen, dafür um so heller leuchtenden Sandstreifen Raum lassen. Aber auch der von zerriebenen Muscheln und Korallen geschaffene weiße Rand findet sich nur vereinzelt. Oft ist der Übergang zwischen Wald und türkis- bis dunkelblauem Meer ein ebenholzschwarzer Vulkanstreifen.

Diese Farbnuancen finden sich auch in den traditionellen Kunstwerken der Salomon-Insulaner, unabhängig ob es sich um Figuren für ein Kriegskanu, für Reliquien, Waffen oder Totemfiguren handelt.  Schon den ersten europäischen Seefahrern, die die Inseln berührten, den Spaniern unter Alvaro de Mendaña im Jahr 1567, die ihnen auch den Namen gaben – „Salomon“, nach dem biblischen König – waren ihre Bewohner und deren Bräuche überaus

unheimlich. Die Salmon-Insulaner lebten nicht in hellen, freundlichen Dörfern unter Palmen, sondern im „Schatten“ der riesigen Urwaldriesen. So nennt sich folgerichtig auch die von November 2014 bis Februar 2015 im Musée du Quai Branly in Paris stattfindende Schau „Der Schlag des Schattens. Kunst in Schwarz und Weiß von den Salomon-Inseln“. Den schwarzgefärbten Holzfiguren wurden als extremer Kontrast Augen oder Schmuckbänder aus glänzendem Perlmutt eingesetzt. Auch glattpolierte helle menschliche Totenköpfe zierten Totemfiguren und Halsbänder aus schwarzen Pflanzensträngen. Mit diesen starken Kontrasten sollte das mana, die Kraft der Figuren und Reliquien verstärkt werden. red

L‘eclat des Ombres. L‘Art en noir et blanc des îles Salomon. 11/2014 – 2/2015. Näheres unter http://www.quaibranly.fr

Literaturhinweis: Die Spanier im Pazifik – reloaded, von Ronald und Ursula Daus, Berlin 2014

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