In Memoriam: Genesis

Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado

von Ronald Daus

Wenn es um einzigartige Ansichten unserer Erde in Schwarz-Weiß geht, gibt es derzeit dafür einen ausgewiesenen Experten. Der Brasilianer Sebastião Salgado (*1944) hat mit seinen Fotobänden und auch in Dokumentarfilmen das irdische Leben für die Nachgeborenen festgehalten. Mit seinem Film „Das Salz der Erde“, 2013, der jetzt in den deutschen Kinos zu sehen ist, möchte er – wie bei seinen früheren Arbeiten über Migranten, Kriegsflüchtlinge, Arbeitsklaven – auf die Auswüchse einer Zerstörung der Erde durch den Menschen aufmerksam machen, gegen die man aufbegehren müsse. Dafür hat er sich als Titel ein Zitat aus der Bergpredigt gewählt: „Ihr seid das Salz der Erde…“ (Mathias 5, 16).

In seinem 2013 erschienen Band „Genesis“ versuchte er als Gegenentwurf die noch erhaltenen „Natur- und Kulturwunder“ unseres Planeten wenigstens in ihrem reproduzierbaren Abbild zu erhalten. Was dieser  Kamerablick auf eine anscheinend noch heile Welt in gnadenlosem Schwarz-weiß-Kontrast provoziert, ist eine immense Traurigkeit. Die Massierung der mächtigen Motive aus Gletschern, Berggipfeln, Vulkankratern, Meeresbrandungen, Flußbiegungen, Urwaldriesen, winzigen Lebewesen in einer unerhört unwirtlichen Umgebung – seien es Menschen oder Tiere – und die wenigen Lichtblicke des schüchternen Lächelns eines Kindes oder einer Eidechse befeuern diese Trauer um ein verlorenes Paradies.

So jedenfalls könnte man den Titel des Bandes „Genesis“ interpretieren. „Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis…“ (Moses 1.1) Und dieses Licht lockte nicht nur das Leben aus den tiefen dunklen Meeren an Land, es erschuf auch die Farben: die gleisend weißen Gletscher, die türkisblauen Lagunen, die weißen Wolken, den blauen Himmel, die bunten Federn der Paradiesvögel, mit denen sich die Menschen schmückten oder die vielfarbigen Mineralien, die sie für ihre Körperbemalung nutzten.

Der Krascheninnikow-Vulkan (1856 m) auf der Halbinsel Kamtschatka, Oktober 2006. Aus dem besprochenen Band
Der Krascheninnikow-Vulkan (1856 m) auf der Halbinsel Kamtschatka, Oktober 2006.
Aus dem besprochenen Band

Die „Genesis“ des Sebastião Salgado in nuancierten Graustufen ist ein künstlerisch mächtiges Monument. Doch statt eines Mahnmals ähnelt es einem Granitmausoleum für eine bereits untergegangene Welt: „In Memoriam: Genesis“ könnte es heißen. Die vereinzelten, angeblich noch intakten Nischen, die Salgado von der Arktis bis zur Antarktis, von Sibirien bis nach Amazonien, von Südostasien bis nach Patagonien, vom Horn von Afrika bis zur Sahara zwischen 2004 und 2011 besuchte, sind heute ebenso wie der Rest des Planeten in den Fängen einer erbarmungslosen „Zivilisation“. Oft liegen sie in ehemaligen militärischen Sperrgebieten, sind bedroht von potentieller Rohstoffausbeutung sowie von einem unaufhaltsamen Massentourismus, der bis in die entlegensten Winkel der Erde vordringt – von Südgeorgien in der Antarktis bis zu den letzten Urwaldbewohnern auf den Inseln vor Sumatra, von den Gebirgsmassiven in Neuguinea bis auf die Vulkane von Kamtschatka.

Die in Paris ansässige Agentur Sebastião Salgados, „Amazonas images“, hatte mit ihren Mitarbeitern die Idee, dieses Konvolut aus analogen und digitalen Fotografien zusammenzustellen. Dank der Initiative des Taschen-Verlags in Köln sind diese außergewöhnlichen Ansichten nun für uns alle einsehbar geworden.

Das Salz der Erde, Dokumentarfilm von Wim Wenders &  Juliano Ribeiro Salgado, 2013

Genesis. Fotografien von Sebastião Salgado, hrsg. von Lélia Wanick Salgado, 520 S., 49,99 €. Taschen, Köln 2013

Fotoausstellung „Genesis“ in der Galerie ℅ BERLIN bis 16.8.2015. http://www.co-berlin.org

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s