Neuerscheinungen im Herbst 2014

kosmo 28 - paris 1Anscheinend kann Paris nicht anders, als zu verführen.  Das Paris-Buch der Künstlerin Yimeng Wu aus Shanghai, die an der Folkwang-Hochschule in Essen und der Universität der Künste in Berlin studierte, belegt auch im 21. Jahrhundert die Anziehungskraft der „Ville de la lumière“. Ihre Farb- und Bleistiftskizzen aus den Jahren 2007, 2012 und 2013 werden von französischen Chansons begleitet, die auch ins Deutsche übersetzt sind. Ein sehr charmantes Kleinod.

Die Künstlerin wurde mit dem German Design Award 2015 und mit dem Joseph Binder Award 2014 in Bronze ausgezeichnet.

Paris toujours. Un carnet de voyage, von Yimeng Wu. 68 S., 24€.  Kunstanstifter Verlag, Mannheim 2014.

Im Untergrund

Überleben hieß die Devise vor und während der Sowjetzeit, überleben heißt die Devise in post-sowjetischen Zeiten in Weißrußland weiterhin. Mit der Zeitschrift „pARTisan“ wollten der Schriftsteller Artur Klinau und seine Mitstreiter dem Regime des letzten sowjetisch inspirierten Diktators Europas, Alexander Lukaschenko, auf ironisch-witzige Art ernsthaften Widerstand bieten.

In „Partisanen. Kultur-Macht-Belarus“ können deutsche Leserinnen und Leser mithilfe von Beiträgen aus den seit 2002 erschienenen Ausgaben nachempfinden, daß ein Leben in dieser osteuropäischen Region immer nur als ein Überleben hinter Masken oder in tatsächlichen Untergrundverstecken möglich war: als Untergrundmenschen, eben als Partisanen. Deren Funktion war nicht die vermeintliche Machtergreifung. Dafür agiert der Partisan zu vereinzelt, er wolle die Willkür der Macht nur stören oder sie zerstören. „Partisan“ setzt Klinau an Stelle von „Bürger“, denn Bürger, die sich ihrer Rechte in einem demokratischen System bewußt seien, hätte es bisher in Belarus noch nicht gegeben.

Ein weiterer Schwerpunkt der Zeitschrift war die Beschäftigung mit der belarussischen Stadt. In „Minsk. Sonnenstadt der Träume“ zerlegt Klinau diese einst sowjetische Modellstadt (sie war im 2. Weltkrieg fast völlig zerstört worden) in ihre eklektischen Einzelteile, wie sie sich im 21. Jahrhundert durch überstürzten Abriss und Investitionswahn zeigen.

Die in diesem Band versammelten Texte wirken surreal bis zur Unerträglichkeit, denn nur im Geiste des Surrealismus gibt es anscheinend selbst für gewiefte Partisanen wie sie die Weißrussen im Laufe von Jahrhunderten „zwischen allen Fronten“ geworden sind, ein Quentchen Überlebenshoffnung.

Mit dem Einzug des westlichen Konsumismus in den belarussischen Alltag seit 2010 muß selbst die Zeitschrift und das Künstlerprojekt „pARTisan“ seine Existenzberechtigung neu definieren. Was wird erst geschehen, wenn die sogenannten „Friedensgespräche von Minsk“ zwischen der Ukraine, Rußland und den russischen Separatisten in der Ukraine aus dem Diktator Lukaschenko einen möglichen „Friedensengel“ machen?

Tamara Pracel

Partisanen. Kultur-Macht-Belarus, von Artur Klinau et.al.. 168 S., 12,80 €. edition fotoTAPETA, Berlin 2014

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Die schmale Landbrücke zwischen dem nord- und südamerikanischen Kontinent, die seit mehr als 150 Jahren in Kleinstrepubliken zerstückelt ist, wo die Menschen in der Hauptsache ein armseliges, gewalttätiges und überaus gefährliches Dasein zu Füßen von mächtigen Vulkanen des pazifischen Feuerrings und seiner zahllosen Erdbeben führen, bringt von Zeit zu Zeit – wie Lava bei einer Eruption – erstaunliche Literatur hervor.

Mit der Anthologie „Zwischen Süd und Nord“ ist es dem Herausgeber Sergio Ramírez gelungen, aus 7 mittelamerikanischen Staaten – Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Costa Rica, Panama und Dominikanische Republik – 27 Autorinnen und Autoren zu versammeln, deren Kurzgeschichten und Novellen einem das Blut in den Adern gefrieren lassen, so beiläufig wird das Böse und Unerträgliche des Alltags geschildert. Oder bringen einen mit ihren Satiren auf dieses Böse und seine damit einhergehende Heuchelei in Staat und Religion unweigerlich befreit zum Lachen.

Hervorzuheben ist hier auch die hervorragende Übertragung aus dem Spanischen. Ursula Daus 

Zwischen Süd und Nord. Neue Erzähler aus Mittelamerika, hrsg. von Sergio Ramírez. 254 S., 19,95 €. Unionsverlag, Zürich 2014

Reiselust und Reisefrust!

Die erstaunliche Karriere von Kreuzfahrtreisen im 21. Jahrhundert findet ihren Ursprung in dem  Mythos einer Reiseform, die im 19. und 20. Jahrhundert nur sehr wenigen Wohlhabenden vorbehalten war. Das luxuriöse Ambiente der „schwimmenden Paläste“ unterschied sich fundamental von den reinen Passagierschiffen, die über Jahrhunderte die Kontinente verbanden. Dokumente, historische Plakate und unveröffentlichte Fotografien bestätigen die nostalgischen Erwartungen des Lesepublikums. Die aktuellen Beispiele riesiger Urlaubertransporter mit ihren disneyland-ähnlichen Vergnügungen und immensen Shopping-Meilen lassen den wahren Seefahrt-Reisenden eher verzweifeln angesichts dieses massengeschmacktauglichen Luxuselends. red.

Kreuzfahrtträume. Schiffe und Routen von einst bis jetzt, von Boris Dänzer-Kantof. 192 S., 39,95 €.  Knesebeck, München 2014

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In Brasilien über mehr als 150 Jahr unentdeckt, richtet sich seit der 2. Dekade des 21. Jahrhunderts verstärkt das Interesse in Wissenschaft und Medien auf die ersten mutigen Erforscher des unbekannten Inneren Brasiliens Anfang des 19. Jahrhunderts. Vielleicht resultiert dieses Interresse aber auch aus der Sorge um die fortschreitende Zerstörung dieser einstigen Naturwunder-Kammer der Erde.

Einer von ihnen war der Baltendeutsche in russischen Diensten, Georg Heinrich von Langsdorff (1774-1852). Er hatte als junger Teilnehmer der ersten russischen Weltumseglung unter Kapitän Johann Adam Krusenstern 1803 zum ersten Mal brasilianischen Boden betreten und einen Monat auf der Insel Santa Catarina verbracht, die er – verzaubert von der unbekannten und üppigen Natur – als „gelobtes Land“ bezeichnete.

Langsdorffia hypogaea Mat. „Herr von Langsdorff, Russischer General-Consul dahier, entdeckte auf seinem Gute Mandioca, unter dem Gebüsche einen conischen, mit kleinen Blumen bedeckten fleischigen Zapfen, der ohne Stamm und Blätter aus der Erde hervorbrach. So wäre denn diese Pflanze der Finsterniß, so bestimmt es sich als Erdparasit charakterisieren mag, eines der bizarrsten Producte im Pflanzenreich.“  Nach: Zischler, Hanns et.al., „Die Erkundung Brasiliens“, Galiani, Berlin 2013
Langsdorffia hypogaea Mat. „Herr von Langsdorff, Russischer General-Consul dahier, entdeckte auf seinem Gute Mandioca, unter dem Gebüsche einen conischen, mit kleinen Blumen bedeckten fleischigen Zapfen, der ohne Stamm und Blätter aus der Erde hervorbrach. So wäre denn diese Pflanze der Finsterniß, so bestimmt es sich als Erdparasit charakterisieren mag, eines der bizarrsten Producte im Pflanzenreich.“
Nach: Zischler, Hanns et.al., „Die Erkundung Brasiliens“, Galiani, Berlin 2013

Im Auftrag des Zaren ließ er sich in den 1820er Jahren als General-Konsul in der Nähe von Rio de Janeiro auf der Fazenda Mandioca nieder, von wo aus er seinen aberwitzigen Plan einer intensiven Erforschung des Mato Grosso und des Amazonasbeckens realisieren wollte. Er fand Mitstreiter, Geldgeber und einheimische Führer. Er notierte, beschrieb, litt und „entdeckte“: Topographie, Fluviometrie, Naturphänomene, Fauna und Flora. Seine Begleiter starben an den Strapazen und an unbekannten Krankheiten, an Angriffen wilder Tiere und an Hunger und Durst. Wie durch ein Wunder überlebte Langsdorff, wurde jedoch nach dieser Expedition 1829 abberufen, zog sich in die Kleinstadt Freiburg im Breisgau zurück und erinnerte sich in den folgenden 30 Jahren seines Lebens weder an seinen Brasilienaufenthalt noch an seine Forschungsergebnisse. Die blieben ebenfalls bis nach dem Zerfall der Sowjetunion in den Archiven Rußlands begraben, bis sie nach 1990 endlich an die Weltöffentlichkeit traten.

Mithilfe dieser wiedergefundenen Berichte macht sich die Autorin Barbara Freitag-Rouanet auf die Spuren eines der wichtigsten Erforscher des brasilianischen Inneren. Sie erläutert ihrem brasilianischen Publikum die europäischen Vorläufer dieses fanatischen Explorators, den Deutschen Alexander von Humboldt und den Portugiesen Alexandre Rodrigues Ferreira. Sie erzählt aus den ersten Expeditionen von Langsdorff nach Sibirien und in den Pantanal. Sie zitiert ausführlich aus den Tagebüchern Langsdorff, die erst nach und nach ins Portugiesische übersetzt werden. Sie berichtet aus den Städten und von den Naturgegebenheiten entlang der Reiseroute von Langsdorff und schildert das Zusammenleben des Barons und seiner Reisegefährten, das sich nicht immer einfach gestaltete. Ein Ausflug in das literarische Werk von Alfredo D‘Escragnolle Taunay, einem Neffen des Langsdorff begleitenden Zeichners und Malers Aimé-Adrien Taunay, beschließt diese brasilianische „Reise mit Langsdorff“.

Was sich bei der Beschäftigung mit den entbehrungsreichen Forschungsreisen in das Innere Südamerikas vor allem herauskristallisiert, ist die unübertroffene Leistung des von ihnen allen bewunderten und nachgeeiferten Alexander von Humboldt. Er war der Einzige, der einen bis heute unübertroffenen Schatz an „Naturwundern“ hob und dabei an Geist und Leben völlig gesund blieb. Seine innere Verfasstheit konnte auch von den gefährlichsten der unbekannten Ereignisse, die ihn auf seinen Reisen trafen, niemals aus dem Gleichgewicht gebracht werden.  Ronald Daus

Viajando com Langsdorff, von Barbara Freitag-Rouanet. 250 S., 35 R$.  Ed. do Senado Federal, Brasilia 2014

 

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Erstaunlich mit welcher Inbrunst der polnische Autor Piotr Pazinski in seiner Romanerzählung „Die Pension“ einer jüdisch-polnischen Vergangenheit nachspürt. Wie Phantomschmerzen tauchen eigene Erinnerungsfetzen auf, manifestieren sich in Figuren auf verblichenen Fotos, Wortfragmenten auf vergilbten Postkarten, exzessiven Gesprächsprotokollen auf Zeitungsschnispel gekritzelt und in alten Schuhkartons gesammelt oder einfach nur im Geruch der Kiefernwäldern und den verrottenden Blätterhaufen in dem vernachlässigten Garten einer ehemaligen Sommerpension in der Nähe von Warschau. Polnische Schicksalsgeschichte der vergangenen fünfhundert Jahre wird hier auf engstem Raum ausgehandelt, eingeklemmt zwischen Rußland, der Ukraine, Österreich-Ungarn, Nazi-Deutschland, aber auch der Illusion von Weltläufigkeit oder Rettung durch zionistische oder kommunistische Ideale, Auswanderung nach Amerika, Rückkehr ins Gelobte Land. Ostjüdische Orthodoxie kämpft verbissen gegen westlich-aufgeklärten Säkularismus in den wiederbelebten Besuchern dieser Pension. Ihre imaginierten Diskussionen und Streitereien füllen die Zeilen und die Zwischenzeilen dieses Bandes.

Jetzt, wo nur noch sehr wenige Zeitzeugen leben, stellt der Autor sich als Vermächtnisbewahrer dem vollständigen Erinnerungsverlust entgegen – durch sein Schreiben für nachkommende Generationen.

„Von den Fotografien auf dem Tisch blickten bekannte Gesichter. Da waren Onkel Szymon und Großmutter… Es war, als wären sie nicht ganz erstarrt, als wären sie auf halbem Weg zwischen Leben und Tod hängen geblieben. Gefangen in einer leichtfüßigen Pose…“

Ursula Daus

Die Pension, Romanerzählung von Piotr Pazinski. Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel. 144 S.  16,80 €. edition.fotoTAPETA, Berlin 2014

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