Auf dem Erlösungspfad: Burma-Impressionen zwischen Irrawaddy und Salween

Liegender Buddha  in der Shwetalyaung-Pagode in Pegu/Bago. Länge 55m, Höhe 15 m. Foto: Jaroslav Poncar, 1985
Liegender Buddha in der Shwetalyaung-Pagode in Pegu/Bago.
Länge 55m, Höhe 15 m. Foto: Jaroslav Poncar, 1985

Angesichts der chaotischen Gegenwart der aufgeklärten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts verzaubert schon ein kurzer Blick in den prächtigen Panorama-Fotoband „Burma/Myanmar“ von Jaroslav Poncar und nimmt die Betrachter mit in ein märchenhaftes Reich aus vergoldeter Formenvielfalt und friedlich lächelnden Buddha-Riesen und Menschen-Zwergen. Die angeblich heile, in sich ruhende Welt aus tiefreligiösen Verehrern, ruhig dahingleitenden Gewässern und naturverbundenem Lebensgefühl ist keine Inszenierung. Trotz jahrzehntelanger menschenverachtender Diktaturen, blieb Burma/Myanmar seiner tiefreligiösen Seele treu. Aufstände gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung wurden von den Mönchsgemeinschaften gemeinsam mit dem Volk durchgestanden.

Wer wie der tschechische Fotograf Jaroslav Poncar (*1945) drei Jahrzehnte dieses Land von Süden in Rangun/Yangoon bis ins zentrale Mandalay, von der einstigen Königsstadt Pegu mit dem Goldenen Fels bis zur Pagodenstadt Bagan, von der Küste des bengalischen Golfes bis zum Inle-See bereist hat, wird auch weiterhin das „ewige“ Burma finden. Eine Auswahl aus diesen Reisen zeigt der Fotoband und konzentriert sich dabei auf die übermächtig präsente Religionsarchitektur und -kunst, auf die schönsten landschaftlichen Eindrücke und einige Kuriosa am Rande des Weges. Erklärende Worte von westlichen Landeskennern sollen helfen, sich in der Geschichte und der Kunstgeschichte Burmas/Myanmars zu orientieren. Anders als ihre kolonialen Vorgänger wie Rudyard Kipling in seiner Ode an das „Burma-Mädchen“ an der Moulmein-Pagode oder George Orwell in seinen „Burmese Days“, die den Einheimischen ihre lethargische Unveränderbarkeit vorwarfen, sind die heutigen Autoren fasziniert davon, „dass dort die Zeit still stehen geblieben ist“ (S.38).

Doch nur wer die Wahlfreiheit seiner Motive hat, kann sein Bild des Anderen nach seinem Willen erschaffen. Die Burmesen selbst sind seit ihrer nationalen Unabhängigkeit 1948 vom britischen Kolonialsystem auf der Suche nach Fortschritt und Annäherung an eine globale Welt – wenn auch immer wieder von Episoden der Isolation unterbrochen. Die durch das britische Empire erzwungene Rückständigkeit wurde schlagartig in ihr Gegenteil verkehrt. Beispielhaft dafür stand der moderne Wiederaufbau der völlig zerstörten Königsstadt Mandalay. Sie war am 20. März 1945 von britischen Jagdfliegern zerbombt worden, um die sich hier verschanzenden Japaner und ihre burmesischen Verbündeten zur Aufgabe zu bewegen. Nachdem in einem ersten Schritt die Mauer, die Wachtürme und die Eingangstore des Palastbezirks wieder aufgebaut wurden, um damit an die überkommenen Traditionen zu erinnern, „wurde auf der anderen Seite des Palastgrabens mit umso größerer Energie und Vitalität gegen dieses leere Symbol angebaut. Das von den Briten herrührende geometrische Straßenraster wurde beibehalten. Innerhalb von nur fünf Jahren entstand das Geschäftsviertel zwischen der 79. und 85. Straße neu in einem nahezu einheitlichen Stil, dem ‚Burma Deco‘. Ein- bis dreistöckige Geschäftshäuser, Wohnhäuser, Werksätten jeder Art von der Autogarage bis zum Möbelpolsterer,… jeder wagemutige Kleinunternehmer ließ sich von der Art-Déco-Euphorie anstecken… Der von den Briten über jahrzehnte diktierte Neo-Klassizismus oder Tropen-Palladianismus galt als absolut rückständig und unpatriotisch. Der nationale Neuanfang fand seinen manifesten Ausdruck in den in Beton gegossenen vertikalen, horizontalen oder Zick-zack-Bändern.“* Aber auch religiöse Bauherren zeigten Interesse an dem neuen Stil, denn es entspricht dem buddhistischen Verständnis „daß es mehr religiöse Verdienst bringt, wenn man etwas Neues baut, als etwas Altes zu erhalten“. Das gilt für traditionelle Pagodenbauten genauso wie für ihre modernistische Variante. Offene Tempehallen, von schlanken Betonpfeilern gehalten, dienen monumentalen Buddha-Figuren als Wetterschutz und für die Pilger als Ruheplatz. Verwaltungsbauten und Mönchszellen paßten ihre Architektur ebenso dem „Burma Deco“ an wie sie aktuell nach Verbindungen traditioneller Ästhetik mit dem 21. Jahrhundert suchen. Einmal mehr bestätigt sich dabei, daß das Rad des Lebens sich unabhängig weiterdreht, sei es unter der traditionellen Ägide oder in importierten Trends modischen Fortschritts.  („Mandalay: Endlich unabhängig!“, in: Ursula Daus, Sehnsucht nach der Moderne. Tropisches Art Déco 1925-1950, Opitz, Berlin 2004, S. 315ff.)

Wem der prachtvolle Blick in die vergoldete und reichdekorierte Wunderkammer eines sehr volksnahen Buddhismus aus Paradiessuche und Geister-“Nat“-Verehrung nicht ausreicht, der darf auf Erlösung durch den Blick von innen nach außen hoffen.

Die burmesische Autorin Ma Thanegi hat sich als „native tourist“ auf eine Reise auf den großen Fluß ihres Landes, den Irrawaddy – in neuer Schreibweise „Ayeyarwady“ – begeben, angeregt durch die Behauptung einer britischen Autorin, „daß Burmesen niemals über den Irrawaddy schrieben“. Auch Ma Thanegi wurde im Herzland Burmas, in Mandalay, geboren. Seit jüngster Kindheit lebt sich jedoch in Rangun/Yangoon. Sie war Mitarbeiterin der Oppositionspolitikerin und derzeitigen Präsidentschaftsanwärterin Aung San Suu Kyi. Sie verbrachte drei Jahre in Myanmar im Gefängnis. Ihre journalistischen Essays und Artikel verfasst sie auf Englisch. Sie erscheinen in der Yangoner Wochenzeitschrift „Myanmar Times“ und im Ausland.

Ma Thanegi begann ihre Reise – anders als ortstypische Touristenangebote – am Ursprung des Flusses in Nordburma, dort wo er mit Booten über 2000 Kilometer bis zu seiner Mündung in den Indischen Ozean schiffbar ist: in Mytkyina. Sie würzt ihre Reiseerlebnisse mit gefühlig-nostalgischen Kindheitserinnerungen sowie einer großen Prise erklärendem Beiwerk zu den Besonderheiten von Landschaft und Volksgruppen entlang des breiten, ruhig dahinfließenden Stroms. Kennzeichen einer solchen Reise ins Innere ihres Heimatlandes ist die Langsamkeit des Vorankommens und der Entwicklungen, auf die sie häufig – wie bei einem eingeübten Mantra – verweist. Burma/Myanmar scheint ungebrochen die Möglichkeit einer besinnlichen Pilgerreise für alle zu bieten, die sich dieser Langsamkeit anvertrauen wollen. Ursula Daus

Burma/Myanmar. Reisefotografien von 1985 bis heute, von Jaroslav Poncar, 320 S., 260 Fotos in Farbe, 78 €. Edition Panorama, Mannheim 2013

Defiled on the Ayeyarwaddy. One Woman‘s Mid-Life Travel Adventures on Myanmar‘s Great River, ThinsAsian Press, San Francisco 2010. In Vorbereitung auf Deutsch: Auf dem Ayeyarwady. Reiseerlebnisse aus Burma, von Ma Thanegi, 328 S., zahlreiche Abb. 18,90 €. Horlemann, Angermünde 2015