Lob der Langsamkeit: Alt-Äyptische Kunst aus der Feder des Emile Prisse d‘Avennes

Flachreliefs aus den Denkmälern von Theben, die unter der 18. Dynastie abgerissen wurden und in Karnak wiederverwendet.  Aus dem besprochenen Band
Flachreliefs aus den Denkmälern von Theben, die unter der 18. Dynastie abgerissen wurden und in Karnak wiederverwendet.
Aus dem besprochenen Band

Bei der Durchsicht dieses monumentalen Bildwerkes überkommt den Betrachter nach anfänglicher Überwältigung durch Formen, Farben und exakt nach Abklatschen gezeichneten dem Laien weithin unverständlichen Hieroglyphen aus mehr als zwei Jahrtausenden der Wunsch nach zeitlosem Verweilen vor dieser euphorischen Bestandsaufnahme. So ähnlich muß sich auch der Künstler Émile Prisse d‘Avennes (1807-1879) angesichts der nicht endenwollenden Entdeckungen in den Ruinenstädten, Gräbern und Grabschätzen Ägyptens gefühlt haben. Er versuchte, eine Vollständigkeit abzubilden und ein strukturiertes Verstehen mithilfe von Schrifttafeln, Architekturzeichnungen, Vogelperspektiven, Farb- und Dekor-Rapporten sowie chronologischen Abfolgen von Königen oder historischen Ereignissen herzustellen.

Versteckt in den Archiven der deutschen Universitätsbibliotheken von Göttingen und Heidelberg fördert ein Faksimile-Nachdruck aus dem Benedikt-Taschen-Verlag die überaus farbenprächtige und detailgenaue Wiedergabe der von Émile Prisse d‘Avennes gefertigten Skizzen, Zeichnungen und Malereien alt-ägyptischer und arabischer Kunst zutage.

Schon im Alter von 17 Jahren während seiner Teilnahme am griechischen Unabhängigkeitskrieg und anschließenden Reisen durch Palästina und Ägypten wurde der Grundstein einer lebenslangen Begeisterung gelegt. Ab 1826 stand Prisse d‘Avennes als Ingenieur und Privatlehrer im Dienste des Muhammad Ali Pascha. Er bereiste Ausgrabungsstätten und fertigte erste Dokumentationen an. Ab 1839 lebte er vor allem in Luxor, in Sichtweite der von ihm bis ins kleinste Detail erfassten Kunst- und Ruinenwerke. Erst 1844 kehrte er mit seinen Arbeiten nach Paris zurück und übergab sie der Nationalbibliothek und dem Louvre. Eine zweite Ägypten-Phase schloß sich zwischen 1859-1860 an. Seine letzte Ägyptenreise erfolgte 1867 in Vorbereitung zur Weltausstellung in Paris.

Im einführenden Text der ägyptischen Archäologin Salima Ikram wird das Werk Prisse d‘Avennes auch in seinen historischen Kontext eingeordnet. Die Begeisterung für alles Alt-Ägyptische hatte Frankreich und Europa mit den Feldzügen Napoleons und den begleitenden Wissenschaftsexpedition erreicht. Als Nachzügler dieser Bewegung bestand sein Verdienst darin, jede Art von Romantizismus aus seinen Darstellungen herauszuhalten. Er wollte nicht wie zum Beispiel die aus England stammenden Brüder David einer Sphynx ein römisches Profil verabreichen. Auch fehlten seinen Abbildungen verbindende Charaktere, mit denen sich der europäische Betrachter identifizieren konnte, wie etwa Expeditionsteilnehmer auf Kamelen vor einer Pyramide oder in den Grabkammern von Luxor.

Er fertigte – eher ingenieurmäßig als kunstwillig – Musterbücher altägyptischer Ornamente und Farbpaletten an. Und genau in dieser Suche nach authentischer Repräsentation liegt seine große Kunst und die bis heute andauernde Faszination für diese Kunst. Grandios! Ronald Daus

Ägyptische Kunst, von Émile Prisse d‘Avennes. mit Zeittafel, Glossar, Bibliographie. 424 S. 99,99 €. Taschen, Köln 2014