KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 28-29/2015 „Traumzeit“

In „Surabaya Beat“ hält der Schweizer Fotograf Beat Presser seine Reise mit den letzten großen Holzbooten, den pinisi, zwischen den indonesischen Inseln in großartigen monochromen Bildern fest. Einige Fotos zeigen den auf Jahrhunderte alten Traditionen beruhenden Bau der Schiffe auf den Werften im Süden Sulawesis. „... At sea, neither a master nor a slave/A tuna‘s heart is a cure for anyone./ It staves away our langour, before we sail home without fish/Sail home without fish/Lambo!/Lambo!Lambo Palari!“ singen die Seeleute. Indonesische Autoren ergänzen mit ihren Geschichten und Gedichten diesen Fotoband, der auf der Frankfurter Buchmesse 2015 präsentiert wird.
In „Surabaya Beat“ hält der Schweizer Fotograf Beat Presser seine Reise mit den letzten großen Holzbooten, den pinisi, zwischen den indonesischen Inseln in großartigen monochromen Bildern fest. Einige Fotos zeigen den auf Jahrhunderte alten Traditionen beruhenden Bau der Schiffe auf den Werften im Süden Sulawesis.
„… At sea, neither a master nor a slave/A tuna‘s heart is a cure for anyone./ It staves away our langour, before we sail home without fish/Sail home without fish/Lambo!/Lambo!Lambo Palari!“ singen die Seeleute.
Indonesische Autoren ergänzen mit ihren Geschichten und Gedichten diesen Fotoband, der auf der Frankfurter Buchmesse 2015 präsentiert wird. „Surabaya Beat“, Fotografien von Beat Presser, Gedichte und Kurzgeschichten indonesischer Autoren. 70 US$. 224 S. Afterhours Books, Jakarta; in Europa bei: Scheidegger & Spiess, Zürich 2015. Ausstellung bis 5.9.2015 in der Photogalerie Johanna Breede, Berlin. http://www.johanna-breede.de

In unserer Ausgabe „Traumzeit“ suchen wir nach den künstlerischen, literarischen und philosophischen Wurzeln, die auch in diesem bisher so chaotischen 21. Jahrhundert das Recht zum Träumen erlauben. Von der „Zerstörung der Zeit“ spricht der koreanische Philosoph Byung-Chul Han, wenn er die „Logik der Effizienz“ unserer Epoche kritisiert. Er fordert eine eigene Zeit für Rituale und Zeremonien, für Erzählungen und – zum Träumen.
In anderen Kulturkreisen wird die neue „Traumzeit“ als nostalgische Besinnung an „heile“ Lebensräume verstanden. Manado in Nord-Sulawesi will mit neo-eklektizistischen Architekturgebilden die Erinnerung an die einst „schönste Stadt des indonesischen Archipels“ aufleben lassen. Auch beschwören indonesische Autorinnen in ihren aktuellen Romanen auf der Frankfurter Buchmesse 2015 die Epoche der Toleranz und Freizügigkeit unter den hinduistischen Herrschern der Vergangenheit, während sie gleichzeitig an die blutige Epoche zwischen 1965 und 1998 im unabhängigen Indonesien erinnern.
In einem von Gewalttaten entstellten Mittelamerika träumt der nicaraguensische Schriftsteller Sergio Ramírez von einer Zeit des kreativen Friedens. Und der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado fügt diesem Wunschtraum seine Fotografien in „Genesis“ von einer gerade noch intakten Welt hinzu.

Ronald Daus * Lob der Langsamkeit. Alt-Äyptische Kunst aus der Feder des Emile Prisse d‘Avennes

Gelöschte Zeit. Fotografien von Yuri Toroptsov aus Sibirien

Peter B. Schumann * Hat Mittelamerika eine Zukunft? Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Sergio Ramírez

Ursula Daus * „Ich wäre glücklich, wenn ich aus Manado stammte“. Rekonstruktion eines urbanen Traums in Sulawesi

Ronald Daus * In Memoriam: „Genesis“. Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado

Auf dem Erlösungspfad: Burma-Impressionen zwischen Irrawaddy und Salween

In Berlin und anderswo: Timor Leste in der Bretagne * Karelien * Schwarz und Weiß unter der Sonne des Äquators * Zu Ehren der Ahnen. Kunst vom Sepik * „Indonesien“: Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse 2015 mit einem Foto von Beat Presser aus seiner neuen Publikation „Surabaya Beat“ * Jean Paul Gaultier: Retrospektive in Paris

Neue Bücher: Im Untergrund * Reiselust und Reisefrust * In der Nostalgie-Falle * Paradiesische Zustände * Eiskalt

Buchrezensionen aus den Verlagen: Taschen/Köln, Ed. Panorama, Heidelberg; Kehrer, Heidelberg; Hirmer, München; Ullstein, Berlin; Horlemann, Angermünde; Union, Zürich;

Schädelhalter aus einem Iatmul-Männerhaus, 1963. Musée du Quai Branly, Paris.  Aus dem besprochenen Katalog
Schädelhalter aus einem Iatmul-Männerhaus, 1963. Musée du Quai Branly, Paris.
Aus dem besprochenen Katalog

Zu Ehren der Ahnen. Kunst vom Sepik, Papua-Neuguinea

Wenn die Spuren der Ahnen vor Ort immer mehr verblassen oder gar verschwinden, scheinen sie wie durch einen besonderen Zauber am anderen Ende der Welt aufzutauchen. So gesehen, ist die von zahlreichen europäischen Museen und ethnologischen Sammlungen unterstützte Schau „Tanz der Ahnen. Kunst vom Sepik in Neu-Guinea“ wohl mithilfe eines besonders starken mana zustande gekommen. Ihre erste Station war der Berliner Martin-Gropius-Bau (bis Juni 2015). Es folgt das Museum Rietberg in Zürich und ab Oktober 2015 das für seine beachtenswerten Präsentationen bekannte Pariser „Musée du Quai Branly“. „Ozeanien steht nicht häufig im Zentrum großer Sonderausstellungen“ (Vorwort im Katalog), und noch weniger gehört die aktuelle Aufmerksamkeit dem im Schlagschatten der sogenannten „Paradiesinseln“ Polynesiens liegenden Melanesien und Neuguinea.

So folgte der „Entdeckung“ der zweitgrößten Insel der Welt, „Nova Guinea“,  durch portugiesische und spanische Seefahrer im 16. Jahrhundert keinerlei Aufbruchstimmung zu ihrer Eroberung, Unterwerfung oder Ausbeutung. Erst mit dem heraufziehenden Ende des Imperialismus im 19. Jahrhundert, als die Weltregionen verteilt und kaum mehr Neues zu entdecken war, kaprizierte sich eine spätkoloniale Nation wie Deutschland auf die Erforschung dieser geheimnisumwitterten Landmasse und seiner unzähligen sprachlich und sozial aufgesplitterten Einwohnergruppen. Der große Fluß Sepik in der Mitte Neu-guineas bot sich als Einfallstor an. Und so ist es nicht weiter erstaunlich, daß gerade die Kulturen des Sepik mit ihren Artefakten in so großer Zahl in europäischen, und vor allem in deutschen Sammlungen vertreten sind. Ahnenmasken, Pirogenschmuck, Holzhaken, bemalte Palmblattdekorationen aus Männerhäusern, Schmuckschädel besiegter Feinde, Armreifen, Schambedeckung für Männer und Frauen, Ganzkörper-Kostüme und immer wieder Ahnenfiguren, die ständig ihre Gestalt verändern konnten – die gesamte Alltagskultur und die über ihn hinausweisende Welt der bösen und guten Geister, Kobolde, Zauberwesen und Tiertotems diente der Ahnenverehrung. Das Tun der Lebenden war von ausgeklügelten Zeremonien, Ritualen, Verboten und Opfergaben für diesen Ahnenkult bestimmt. Erstaunlicherweise war der Einfluß, den diese alltäglichen Kunstgegenstände auf die Künstler der beginnenden Moderne um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatten, genauso mächtig wie auf die anonymen Produzenten dieser Kunst vom entgegengesetzten Spektrum der sogenannten Zivilisation. Wo sich der abendländische Geist das Privileg der Abstraktion und der Metaphysik als Ergebnis Jahrtausende alter Kulturentwicklung zuschrieb, zeigten diese „Wilden“ vom anderen Ende der Welt, daß elaborierte Formensprache und Verehrungsrituale anscheinend eine allen Menschen zur Verfügung stand.

Besonders beeindruckend an diesen vom natürlichen Verfall bedrohten Kunstobjekten aus Naturmaterialien wie Holz, Bambusfasern, Baumrinde, Naturpigmenten, Haaren, Fellen, Federn Erde, Kaurimuscheln, Ton, Algen, Steinen, Schnecken, Perlmutt, Fischknochen, Wildschweinhauern, Vogelknochen, Zähnen von Menschen und Tieren, Menschenschädeln oder Palmwedeln ist die fürsorgliche Pflege, die ihnen bei ihren europäischen Besitzern in den letzten mehr als 100 Jahren zukam. Wo vor Ort, in den Dörfern des Sepik im 21. Jahrhundert, nur noch rudimentäres Wissen und Kunstfertigkeiten vorzufinden sind, strahlen sie in den Museumsvitrinen zwischen Berlin, Paris, London oder Amsterdam den in ihnen bewahrten Zauber aus, den einst der „Tanz der Ahnen“ unsterblich machte. Alex Westwood

Tanz der Ahnen. Kunst vom Sepik in Papua-Neuguinea, Katalog. 352 S., 49,90€. Hirmer, München 2015. Ab Oktober 2015 im Musée du Quai Branly, Paris. http://www.quaibranly.fr

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