„Indonesien“ : Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2015

Bali 2015: Indonesische Malerei im Stil des Mexikaners Miguel Covarrubias. Foto R & U Daus
Bali 2015: Indonesische Malerei im Stil des Mexikaners Miguel Covarrubias.
Foto R & U Daus

Die in der Presseerklärung des Kulturministeriums in Djakarta blumig geschätzten 17 000 Inseln repräsentieren mit ihren 250 Millionen Einwohnern, zahlreichen Religionszugehörigkeiten, Sprachen, Kulturtraditionen die Republik Indonesien. In ihrer Verfassung wird den Einwohnern garantiert, daß sie ihre unterschiedlichen Überzeugungen in einem einigen Indonesien ausleben dürfen, also keiner Restriktion bezüglich ihres Glaubens, ihrer kulturellen Traditionen oder ihrer persönlichen Lebensführung unterworfen sind. Diese Toleranz geht angeblich zurück auf die älteste Fremdreligion, die sich auf der Hauptinsel Java etabliert hatte, die buddhistisch-hinduistische Glaubensrichtung aus dem 9./10. Jahrhundert.

Und genau diese kulturelle Vielfalt, resultierend aus einer mehr als tausendjährigen Geschichte der Kontakte mit zugewanderten Völkern, Sprachen und Sitten fordern an vorderster Front die jungen Schriftstellerinnen Indonesiens von einer Gesellschaft ein, die sie gefährlich in religiöse und politische Intoleranz abdriften sehen.

So klagte am 5. Mai 2015 die 1971 geborene Autorin Laksmi Pamuntjak in der Londoner Tageszeitung „The Guardian“ in einem offenen Brief an den neugewählten Präsidenten Joko Widodo seine erbarmungslose Haltung bei der Anwendung der Todesstrafe an. „Jokowi, du lehrst uns das Blutvergießen“ überschrieb sie ihren Aufruf. Statt sich als unbeugsamer Kämpfer für die Menschenrechte einzusetzen, nähere er sich mit den bereits 16 Exekutionen für verurteilte Drogenhändler und Mörder in den ersten sechs Monaten seiner Amtszeit der blutigen Ära in den Jahren zwischen 1965 und 1998 unter dem Diktator Suharto an.

Genau diese Epoche in der indonesischen Geschichte provoziert heute junge Autorinnen zur erneuten Auseinandersetzung mit einem Land, das trotz aller Wandlungen noch immer geprägt ist von Korruption, Blutfehden zwischen politischen und wirtschaftlichen mafiaähnlichen Strukturen, einer politisch desinteressierten durch Massenkonsum beruhigten Mittelschicht und einem zunehmend gegenüber anderen Religionsgruppen intoleranten fundamentalistischen Islam.

In ihren Romanen beharren sie auf der facettenreichen Kultur und Geschichte ihrer Inseln zwischen Indischem und Pazifischen Ozean. Sie beziehen sich mit großer Selbstverständlichkeit auf ihre buddhistisch-hinduistischen Wurzeln, die in Epen, Theaterstücken, Gedichten oder bei Tänzen bis heute ein Daseinsrecht behalten haben. „Lehrt uns nicht die Mahabharat die Werte von Versöhnung und Diplomatie?“, fragte Laksmi Pamuntjak ihren Präsidenten. Und genauso selbstverständlich läßt sie in ihrem 2012 veröffentlichten Roman „Amba“ (auf Deutsch: “Alle Farben Rot“, September 2015) die Hauptfigur Amba ihrer Konkurrentin verzeihen, obwohl diese sie schwer mit einem Messer verletzt hatte. Diese „Eingeborene“ von der Insel Buru hatte ihr den Geliebten, einen Arzt, der dort in der Verbannung leben mußte, „weggenommen“. Daß nicht sie die Ehefrau von Bhisma werden konnte, war den unkontrollierten Ereignisse nach dem Staatsstreich von 1965 geschuldet. In den Wirren dieser Auseinandersetzung zwischen Parteien, Militär, prominenten Politikern und dem Staatspräsidenten wurden alle, die man einer Nähe zur mächtigen Kommunistischen Partei Indonesiens verdächtigte, ermordet, verschleppt oder verbannt. Sogenannte Sympathisanten der Gruppe „B“ wurden auf der zwischen Sulawesi und Ambon liegenden Insel Buru in Zwangslagern festgehalten, ohne Aussicht auf einen Prozess oder Befreiung.

Vierzig Jahre nach der Verschleppung ihres Geliebten machte sich Amba auf den Weg, sein Grab auf Buru zu suchen. Entlang der Reise ihrer Protagonistin tauchen die politischen Verwicklungen der neueren indonesischen Geschichte, alte Legenden, uralte traditionelle Inselbräuche sowie ganz aktuelle Politik auf. Sie prägen die Charaktere und ihre geheimsten Wünsche nach Nähe, Liebe, Sexualität, Gemeinsamkeit wie sie auch die moderne indonesische Gesellschaft nicht liefern kann. Nur die aus der Vergangenheit geretteten literarischen Vorbilder scheinen einen Zufluchtsort zu bieten.

Schon als junges Mädchen liebte es Amba, Bücher zu lesen, die nicht für sie bestimmt waren wie „Das Buch von Centhini“, „einem großen Schatz der klassischen javanischen Dichtung“ wie ihr Vater urteilte. Selbst die sexuellen Eskapaden eines Prinzen verbarg er nicht vor ihr. „Gerne verweilte er (der Vater) bei diesem unzüchtigen Prinzen und malte sich genussvoll aus, wie dieser es in einer Nacht mit den drei verluderten Schwestern trieb oder wie er nach einer Orgie im Haus der Witwe noch den Hirten vögelte…“ Die Schamgefühle, die der Vater wohl nachts hegte, konnte er als frommer Moslem mit der Morgenwaschung einfach wieder reinigen. Mit dem riesigen Fundus eines toleranten Literaturerbes ausgestattet, versucht Amba auch den Verlust des Geliebten und ihre Trauer zu bewältigen. Die Briefe, die er ihr während seiner Gefangenschaft schrieb, die sie nun in Händen hält, sind ein weiterer Beleg für die Unersetzbarkeit von literarischem Schreiben – auch im 21. Jahrhundert.

Laksmi Pamuntjak glaubt an die Kraft der Literatur genau wie ihre Mitstreiterin Ayu Utami in ihrem Roman „Saman“, der eine Neuauflage zur Buchmesse erfährt, sowie dessen Fortsetzung „Larung“. Mit „Saman“ bewegt sich Utami ebenfalls zwischen den Jahren 1965 und dem ganz aktuellen Widerstand kleiner Landbesitzer und engagierten Umweltschützer vor der Zerstörung der Lebensgrundlage und der Natur durch die multinationale Agroindustrie und die korrupte Lokal- und Nationalpolitik auf Sumatra. Aber wie Pamuntjak ist auch Utami überzeugt, daß nicht nur Fakten das Leben beinflussen, sondern ebenso stark unterliegt es Geisterwesen, Mythen, religiösen Verirrungen und unvorhersehbaren Gefühlsverbindungen. Ob es die unerfüllte Zuneigung eines katholischen Priesters zu einer jungen psychisch kranken Frau mit übersteigertem Sexualtrieb ist oder dessen Abwendung vom Glauben aus Verzweiflung über die scheinbar unabänderlichen sozialen Mißstände, ob es eine junge Journalistin in die Arme eines verheirateten Ingenieurs treibt oder die Tochter aus reichem Hause ihren sexuellen Launen freien Lauf läßt, immer verortet Utami ihre Figuren in den Jahrtausende alten literarischen Epen und überkommenen Mythen ihrer indonesischen Inselwelt.

In diesem Sinne erdichten sich auch die Poeten Indonesiens ein eigenes Universum, allen voran Dorothea Rosa Herliany. Sie wurde 1963 in Zentraljava in eine katholische Familie hineingeboren, was sie im fast ausschließlich moslemischen Java bereits zu einer Außenseiterin machte. In ihrem für die Frankfurter Buchmesse 2015 neuzusammengestellten und gestalteten Gedichtband „Hochzeit der Messer“ zeigte sie mit der Auswahl der Gedichte die besonders scharfe Schnittkante ihrer Gesellschaft auf. Wie mit einem Seziermesser zerlegt sie die alten und neuen Diskriminierungen gegen Frauen, gegen die Menschenrechte oder auch gegen die Natur. Thematischer Mittelpunkt ihrer auf Indonesisch geschriebenen Werke sind und bleiben jedoch die Beziehung der Geschlechter untereinander – und die enden meist mit einem abgeschnittenen Penis oder zerstossenen Innereien. Überschriften wie „Hochzeit der Messer“, „Telegramm bei stumpfem Sex“ oder „Szenisches Liebesdrama“ zeigen die Erbarmungslosigkeit des indonesischen Alltags: „mein Kind kotzt, wenn im fernsehen/liebeschnulzen laufen/…/und das ist die szene, die gespielt werden müsste: regenwürmer,/hemmungslos vermehrt, krätze, die in deinem herzen/verklumpt. deine hand, die das messer führt, ein/ganz und gar gefühllos ausgestoßener schrei…“

Ob es die „Tropen“ sind, die die Nachwortschreiberin und Nachdichterin Brigitte Oleschinski im Verdacht hat, die zu so krassen dichterischen Exzessen führen, „die Tropen in ihrer nächsten Bedeutung, als Figuren der uneigentlichen Rede nämlich, in Metaphern oder Metonymen, den Gliedmaßen, Nervenfasern, Zellstrukturen der Poesie“ oder einfach nur die dort hausenden Dämonen, wie in dem seltsamerweise auf Deutsch als „Bali- Das letzte Paradies“ zur Buchmesse vorgelegten Roman Nigel Barleys „Island of Demons“ – eine Hommage an den deutschen Maler, Tänzer, Künstlergenie Walter Spies auf Bali – , läßt sich wohl auch nach weiteren Gedichtbänden, Romanen, Erzählungen, Essays und Interviews zur indonesischen Literatur nicht gänzlich klären.

Ursula Daus

Alle Farben Rot, von Laksmi Pamuntjak, Roman aus dem Indonesischen. 672 S., 24 €. Ullstein, Berlin 2015

Saman, von Ayu Utami,  Roman aus dem Indonesischen; Larung, von Ayu Utami, Roman aus dem Indonesischen. Beide bei Horlemann, Angermünde 2015.

Surabaya Beat, Fotografien von Beat Presser, Gedichte und Kurzgeschichten indonesischer Autoren. 70 US$. 224 S. Afterhours Books, Jakarta; in Europa bei: Scheidegger & Spiess, Zürich 2015

Hochzeit der Messer, von Dorothea Rosa Herliany. Gedichte aus dem Indonesischen. Verlagshaus Berlin 2015

Bali – Das letzte Paradies („Island of Demons“), von Nigel Barley. Roman aus dem Englischen, Klett-Cotta, Stuttgart 2015