Nachrichten aus der  einstigen „Mitte der Welt“. Weitere Neuerscheinungen zum „Ehrengast Indonesien“ auf der Frankfurter Buchmesse 2015

Eingangsportal einer verfallenen holländischen Muskatplantage auf Bandaneira.  Aus dem besprochenen Band.
Eingangsportal einer verfallenen holländischen Muskatplantage auf Bandaneira.
Aus dem besprochenen Band.

Was bisher für die meisten westlichen Leser weit entfernt am Rand ihrer persönlichen Weltkarte lag, hat sich dank zahlreicher Publikation auf Deutsch anläßlich der Frankfurter Buchmesse 2015, deren Ehrengast „Indonesien“, ist, geändert. So stellten einst die mehr als 12 000 Kilometer von Europa entfernt liegenden Banda-Inseln mit ihren hochbegehrten und teuer gehandelten Gewürzen „die Mitte der Welt“ dar. Der Kampf der europäischen Kolonialnationen, ihre endgültige Unterwerfung und Ausbeutung durch die Holländer sowie ihr fast völliges Verschwinden aus der offiziellen Geschichte zeichnet der Foto- und Essayband „Die Mitte der Welt. Eine Insel im Sog der Globalisierung“ nach. Die Verfasserinnen und Verfasser sind den Folgen dieser ersten globalen Überwältigung und den Überlebensmöglichkeiten der ersten Zwangsangesiedelten, dann durch religiöse Auseinandersetzungen Ende der 1990er Jahre erneut Vertriebenen und weiterer Neuansiedler nachgegangen.

In sehr persönlichen Gesprächen wollten sie herausfinden, wie es sich auf diesen auch für Indonesier nur schwer erreichbaren Inseln in der Banda-See im 21. Jahrhundert leben und eine Zukunft gestalten läßt.

Der einstige globale Ruhm wirkt bis heute nach, dient aber nur relativ beschränkt für ein auskömmliches Leben der Bewohner über die Subsistenzwirtschaft hinaus. Die illustrierenden Fotografien zeigen eine verfallende koloniale Vergangenheit, eine jahreszeitlich natürliche Wiederkehr von Ernte sowie Trocknung der Muskatnüsse, kleine Ansiedlungen direkt am schmalen schwarzen Sandstrand dieser weiterhin von aktiven Vulkanen gekennzeichneten Inselwelt und viele, viele unbeschäftige Menschen. Kapitelüberschriften wie „Der Rest der Welt“ oder „Welt der Langeweile“ – trotz TV, Internet und Mobiltelephonen – demonstrieren das Dilemma dieser einst im Zentrum des Weltmarktes zwischen Europa und Asien gelegenen Archipels. Nur ein-, zweimal im Monat kommt aufregende Bewegung in diese Gelassenheit, dann wenn die Transport- und Frachtfähre der staatlichen Unternehmung „Pelni“ einläuft oder ablegt. Dieser heutzutage einzige zuverlässige Kontakt mit der Außenwelt (trotz eines kleinen Flughafens finden Flüge nur sehr sporadisch statt) scheint Bewohner und Besucher gleichermaßen zu elektisieren, wie die Autoren hautnah erfahren haben.

(Schade, daß der Buchtitel den Namen der Inselgruppe unterschlägt!)   rd

Die Mitte der Welt. Eine Insel im Sog der Globalisierung, von Kollektiv Lang+Breit. 192 S., 150 Farbabbildungen, 32,50 €.  Rotpunktverlag, Zürich 2015

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Wo die Geschichte den indonesischen Banda-Archipel aufgrund seines Gewürzreichtums in das Interesse der Welt katapultierte, schaffte es ein ebenfalls im heutigen Indonesien liegender Vulkan, der Tambora auf der Insel Sumbawa, durch einen einzigen Ausbruch, der eine weltumspannende Klimakatastrophe nach sich zog. Der am 10. April 1815 explodierte und kurz darauf in sich selbst zusammenfallende Vulkan produzierte eine derartigen Ascheregen, daß seine Folgen bis nach Europa und die USA in den Jahren 1816-1819 die Sommer unter Regenmassen begruben und die Winter unter Schneebergen. Die Ernten wurden vernichtet, die Tiere starben in ungekannter Zahl, die Menschen verhungerten und Krankheiten wie Cholera breiteten sich über riesige Landstriche in Asien aus.

Der Ausbruch des Tambora 1815 wurde jedoch noch nicht als ein globales Ereignis „aus der Mitte der Welt“ wahrgenommen. Die Verbindungen dazu konnten aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse erst in den vergangenen 100 Jahren gefunden werden.

Gillen D‘Arcy Wood hat sich in seiner Untersuchung viel vorgenommen: die Zusammenhänge zwischen historischen und literarischen Belegen, die gerade für die Ursprungsregion des Tambora sehr spärlich sind, zwischen wirtschaftlichen Folgen, technologischen Fortschritten und wissenschaftlicher Aufarbeitung durch Vulkanologen und Klimaforscher aufzuzeigen.

Sein Unterfangen ist ambitioniert und daher von Kapitel zu Kapitel unterschiedlich gelungen. Immerhin gibt eine ausführliche Bibliographie die Möglichkeit, ihre besonderen Vorlieben innerhalb dieses weiten Spektrums weiterzuverfolgen.

Alex Westwood

Vulkanwinter 1816. Die Welt im Schatten des Tambora, von Gillen D‘Arcy Wood. 336 S., 29,95 €.  Theiss, Darmstadt 2015

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Auf Bali mischen sich Geisterfratzen und elfenhafte Tänzerinnen  an einem modernen Kunstzentrum zu einem neo-eklektizistischen Amalgam.  Foto R & U Daus 2015
Auf Bali mischen sich Geisterfratzen und elfenhafte Tänzerinnen an einem modernen Kunstzentrum zu einem neo-eklektizistischen Amalgam.
Foto R & U Daus 2015

In dem als Fortsetzung zu „Saman“ (s. Kosmopolis 28-29/2015) intendierten Roman „Larung“ lockt Ayu Utami dieLeser gleich im ersten Kapitel in die psychotischen Abgründe ihres Protagonisten Larung, der sich unter dem Einfluß seiner aus Bali stammenden Großmutter, immer tiefer in Geister- und Aberglauben verstrickt. Statt geduldig den Tod der über 100 Jahre alten Frau abzuwarten, will er ihrer Seele mittels eines uralten Brauches endlich Ruhe geben und macht sich auf die Suche nach einer bekannten Zauberin, die als einzige dieses fast vergessene Ritual beherrscht. Durch diese Reise in eine verbotene Geisterwelt, die allen offiziellen Islambeschwörungen Hohn spricht, wird Larung nicht nur zum Mörder an seiner Großmutter, sondern erwirbt selbst die Kraft des Übersinnlichen.

Mit einem kalten Schnitt findet man sich plötzlich in der oberflächlichen Plauderei der bereits in dem Roman „Saman“ ihre sexuellen Wünsche explizit auslebenden oder implizit andeutenden vier Protagonistinnen wieder. Auch Saman, der vom Priester zum Menschenrechtsaktivist Gewandelte, konnte sich ins Ausland retten. New York wird zum Schauplatz einiger sexueller oder auch nur phantasierter Eskapaden, bis sich der Plot wieder in die harte Realität indonesischer Politik der End-1990er Jahre wendet.

Hier taucht auch Larung erneut auf, der sich für junge Polit-Aktivisten engagiert – aus Rache oder aus Geltungssucht an der indonesischen Gesellschaft, wird nicht wirklich erklärt. Larung bleibt rätselhaft und als er auf den Helden des ersten Romans, Saman, trifft, bedeutet es für bei den sicheren Tod.

Die Hoffnung stirbt wohl in Indonesien als erste, so jedenfalls scheint diese erbarmungslose Abrechnung der Autorin mit ihrer eigenen Gesellschaft zu lauten.

Ursula Daus

Larung, Roman von Ayu Utami. 326 S.  19,90 €. Horlemann, Angermünde 2015

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