KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 30/2016 „Gegen den Strich“

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Französische Delikatessen gehören im kommunistisch regierten Laos wieder zum angesagten Lifestyle. Foto R & U Daus, 2016

Bei dieser Ausgabe stand natürlich der 1884 erschienene und einst berühmte Dekadenz-Roman „Gegen den Strich“ des französischen Autors Joris-Karl Huysmans Pate. Die Abkehr von den Zeitgenossen durch Flucht in die luxuriös-gestylte Einsamkeit eines Provinzchalets schien dem adlig-versnobbten Protagonisten der einzige Ausweg zu seiner Seelenrettung. Die Flucht des Protagonisten aus Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, 2015, wiederum in diesen Dekadenzroman sollte ihn vor den rechtsextremistischen und islamistischen Exzessen im aktuellen Frankreich retten.
Unseren Autorinnen und Autoren scheint dies kein gangbarer Weg. Sie zeigen mit künstlerischen Mitteln, daß das derzeitig politisch aufgeheizte Weltenchaos mit kleinen, aber wirksamen Gegenentwürfen konterkariert werden muß.
Mit dem „Chiangrai Ferrari“ liefert der thailändische Künstler Anon Pairot den kompromißlosesten Beitrag. Das im Frühjahr 2016 auf der „Art Stage Singapore“ gezeigte „Superauto“ wurde von Rattanflechtern in Nordthailand gefertigt, die mit dem langwierigen Arbeitsprozess auch einen Alternativbeitrag zum hektischen Metropolen-Leben ablieferten.
Der japanische Modeschöpfer Issey Miyake versteht sein gesamtes Lebenswerk als Gegenentwurf zur „Mainstream“-Designwelt. Frauen, die sich zu seinen Kreationen bekennen, brauchen weder Alter noch den Verlust körperlicher Idealmaße fürchten. Denn nur durch die Bewegung des menschlichen Körpers entfalten diese Materialkreationen ihre Schönheit.
Zwei Fotografen und Reiseschriftsteller, der eine Schweizer, Beat Presser, der andere Indonesier, Agustinus Wibowo, führen ein Leben im Rhythmus ihrer Fotomotive. Sie leben mit den Menschen, manchmal Tage, oft auch Wochen, bis sie die Bildgeschichten nach ihren Vorstellungen eingefangen haben.
Aber auch Schriftsteller in Mexiko oder Panama – wie etwa in den literarischen „Panama Papers“ – suchen akribisch nach unerzählten Geschichten von Menschen, die bis dato als Unsichtbare totgeschwiegen wurden.

Aus dem Inhalt:
Ronald Daus * „Eine zweite Friedliche Eroberung“. Laos im Frankophonie-Fieber
Hommage an ein Lebenswerk. Der Japanische (Mode-)Künstler Issey Miyake
Peter B. Schumann * Mexico: Land immenser Widersprüche.
Der Schriftsteller Juan Villoro im Gespräch
Pamira Uygur * Zwei Reiseschriftsteller/Fotografen weitab von touristischen Trampelpfaden: Beat Presser & Agustinus Wibowo
Ursula Daus * „Panama Papers“: Stimmen aus der Vergangenheit
Ronald Daus * Sandro Botticelli. Ein Renaissance-Maler für jeden Geschmack

In Berlin und anderswo:
Lob des Schattens * Eine Liebeserklärung: „L‘Amour pour L‘Amour“ * Sowjetischer Palladianismus

Neue Bücher:
Im Unterholz * Angolanische Reminiszenzen * Nachrichten aus der einstigen „Mitte der Welt“ * Mega-Stadt im Fluss * Leben am Meer * Von Ozean zu Ozean * Heimatsuche * Ganz zum Schluss

90 S., 48 Abb., 10 €

 

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Foto-Workshop in Poetere, dem traditionellen Hafen von Makassar. Foto Beat Presser, 2016

Zwei Reiseschriftsteller/Fotografen weitab von touristischen Trampelpfaden: Beat Presser & Agustinus Wibowo

von Pamira Uygur

(Leseprobe. Den Gesamtbeitrag finden Sie im aktuellen Kosmopolis 30/2016)

… Vier Jahre später ist Beat Presser eingeladen, sein Buch „Surabaya Beat“ am „Makassar Writers Festival“ und seine Fotografien in einer Ausstellung zu präsentieren. Gleichzeitig soll er einen Fotoworkshop für 20 Fotografen aus Makassar leiten. Zudem erhielt er eine Anfrage aus Berlin, ob er nicht Lust und Zeit hätte, mehr über den Fotografen Agustinus Wibowo und sein Schaffen in Erfahrung zu bringen.  Das Literaturfestival in Makassar findet heuer zum sechsten Mal statt. Es wird geleitet von der Schriftstellerin Lily Yulianti Farid, die das Festival gegründet hat und ursprünglich aus Makassar stammt, heute aber in Australien zuhause ist. Die meisten Aktivitäten, die jeweils von Mittwoch bis Samstag dauern, sind im Fort Rotterdam angesiedelt, eine wichtige Begegnungsstätte für all jene, die gerne mehr lesen als Kurznachrichten auf Twitter, Facebook oder per SMS. Die meiste Arbeit wird von freiwilligen Helfern übernommen, die von den verschiedensten Inseln anreisen, um Lily bei ihrer Arbeit zu unterstützen, in unzähligen Überstunden versuchen allen alles recht zu machen, oder selber in einer Doppelfunktion ihre literarischen Arbeiten zum besten geben.

Eines der ersten Highlights des diesjährigen Festivals ist ein Workshop von Agustinus Wibowo. Die Kapelle des Forts ist bis auf den letzten Platz besetzt, die Luft ist zum schneiden, das Thermometer macht kurz vor 45 Grad Celsius halt. Das in Massen herbeigeeilte Publikum wartet geduldig, was Agustinus, Indonesiens jüngster und erfolgreichster Reiseschriftsteller und Fotograf, zu erzählen hat. Er zeigt Bilder auf einer Grossleinwand, erzählt auf indonesisch von seinen Reisen. Und wird bewundert, von allen Seiten. Hier steht jemand, der durch seine einfache und sympathische Art das vorwiegend junge Publikum in seinen Bann zieht. Dann stellt er den Anwesenden eine Aufgabe, verlässt den Raum um etwas Luft zu schnappen, eine halbe Stunde später ist er zurück, um sich zu erkundigen, mit was für Geschichten die Teilnehmer aufwarten. Aber so weit kommt es gar nicht, die Zeit ist zu kurz, um der Sache auf den Grund zu gehen, lieber wird der Rest der Zeit ausgiebig für «Selfies mit Agustinus» genutzt.

Agustinus Wibowo und Beat Presser treffen sich erstmals persönlich auf dem Empfang, der zu Ehren des Schweizer Fotografen bei der Schweizer Honorarkonsulin Julia Pupella stattfindet. Die Idee ist, dessen Buch „Surabaya Beat“ den geladenen Gästen vorzustellen. Soweit kommt es allerdings nicht. Irgendwo ist das Buch, das von der Seefahrt, den Schiffen und vom Handel im Archipel der 17 000 Inseln handelt, in der Post von Jakarta nach Makassar steckengeblieben und sollte auch bis Ende des Festivals nicht auftauchen.  Zwei junge Damen, eine davon Teilnehmerin an Beat Pressers Fotoworkshop, reden auf den Schweizer ein und versuchen ihm klarzumachen, dass ein Leben ohne die Plattform „What’s Up“ in Indonesien nur halb so spannend sei und versuchen vergeblich die App auf dessen Telefon zu installieren. In dem Moment steht Agustinus vor dem Trio und meint lächelnd aber bestimmt: „Don’t do it! You are wasting your time!“

Agustinus Wibowo wurde in Lumajang, einem kleinen Dorf am Fusse des Vulkans Semeru auf Java in Indonesien geboren, studierte Computer Engineering in Beijing und machte sich von dort auf den Weg, um seinen Traum zu verwirklichen. Er wollte Journalist werden und war der Meinung, das Unterwegssein sei die beste Universität. Er bereiste Afghanistan, Tajikistan, Kyrgyzstan, Kazakhstan, Uzbekistan und Tibet und schrieb drei bemerkenswerte, unterhaltsame und spannende Bücher über seine Reisen und Abenteuer. Sein neuestes Buch, „Ground Zero. When the Journey Takes You Home“ ist inzwischen auch auf Englisch erschienen und schickt den Leser auf eine 568-seitige, aufregende Reise. Es ist aber nicht nur eine wagemutige Exkursion an die Ecken und Enden der Welt, es sind auch die bewegenden Briefe und Gedanken an seine Mutter, die zur Zeit seiner Reise im Sterben liegt, ein Umstand, der ihn schlussendlich zurück nach Indonesien bringt.

Zwei Tage nach dem Empfang treffen sich die beiden Fotografen, deren Laufbahn verschiedener nicht sein könnte, im „Same Hotel“, einem der Sponsoren und Wohnort der meisten Teilnehmer des Festivals in der Lobby zum Gespräch. Beide haben – wenigstens zu Beginn ihrer beider Karrieren – eine ähnliche Vita, obwohl der eine gut 30 Jahre jünger, resp. älter ist als der andere. Nach ihrem Schulabschluss macht sich ein jeder auf den Weg; beide ohne Kamera und beide wollen nach Südafrika. Doch keiner kommt je dort an. Der eine reist via dem Nahen Osten, den Nil hinunter, von Ägypten durch den Sudan bis Ostafrika. Dann aber kommt Beat Presser von der geplanten Route ab, fährt mit einem Flüchtlingsschiff nach Indien und von dort aus nach Südostasien. Der jüngere, Agustinus, kommt auch nicht bis Südafrika und bleibt stattdessen in Afghanistan. Eine weitere Parallele, beide haben fast kein Geld, leben unter den einfachsten Bedingungen und keine Anstrengung ist ihnen zu viel, jedes Abenteuer eine Herausforderung. Sie leben zusammen mit den Leuten vor Ort und machen so ihre ersten Begegnungen mit Kulturen, die beiden vorerst noch fremd sind. Beide kaufen sich unterwegs an irgendeinem Punkt ihrer Reise eine Kamera. Der eine in Hong Kong. Der andere in Kabul. Aber von dem Moment an nimmt der Lebensweg der Beiden jeweils eine völlig andere Richtung. Der Schweizer, der Ältere, kehrt mit seiner Kamera in die Schweiz zurück und lernt den Beruf des Fotografen von der Pike auf, arbeitet über Jahre als Assistent, in der Dunkelkammer und legt viel Wert auf die Verfeinerung seiner Technik. Agustinus, mit digitalen Medien grossgeworden hat keine Berührungsängste, kennt die Arbeit in der Dunkelkammer nur vom Hörensagen und hat auch nie mit Film gearbeitet. Auch die Technik ist ihm fremd, er arbeitet nur mit einer Optik, einem Zoom mit Autofocus, kennt weder die Funktion von Blende, noch die Verschlusszeiten, noch interessiert es ihn gross. „I only work on the automatic mode“ meint er lachend. Und dennoch, seine Fotografien sind von grosser Qualität, beweisen ein grosses Einfühlungsvermögen und Können.

Aber wie ist solches nur möglich? sinniert der Ältere und fragt Agustinus, nach seinem Vorgehen, wenn er eine Geschichte wie beispielsweise „Happy Afghanistan“ fotografiere, weit ab von den Schreckensbildern und Horrorgeschichten, welche vor allem die westlichen Medien in regelmässigen Abständen um die Welt schicken. Er lebe mit den Leuten, die er fotografiere, meint er. Manchmal nur einige Tage, manchmal auch über Wochen, solange bis er die Bilder und die Geschichten realisiert habe, die er suche. Spätestens hier stellt sich für Beat Presser die Frage, wie er denn kommuniziere mit den Leuten, die er fotografiere. Er lerne einfach die Sprache der Leute, nur so könne er den Dingen auf die Spur kommen. Was, Farsi, Urdu, Hindi, Chinesisch? Ja, das sei kein Problem für ihn, in zwei bis drei Wochen würde er eine Sprache so gut beherrschen, dass er problemlos mit den Leuten kommunizieren könne und ihre Nöte, Geschichten und Erfahrungen in seine schriftstellerische Arbeit miteinfliessen lassen kann. Auf die Frage, wieviele Sprachen er denn in spreche, meint er, etwa 15 an der Zahl und mit einem Mal switch Agustinus vom Englischen ins Deutsche.

Für Beat Presser, der neben einer Handvoll europäischer Sprachen keine asiatische oder afrikanische spricht, ein echtes Aha-Erlebnis! Der eine, Meister der Nonverbalen Kommunikation, der andere ein wahres Sprachgenie. Aber beide mit dem gleichen Ziel unterwegs, Geschichten zu erzählen – in Wort und Bild – weit ab von den gängigen Trampelpfaden und Dejà-Vu, vor allem nicht immer die wiederkehrenden gleichen Stories über Dschungelcamps, Himalayastürmern und ähnlichen Themen.

Makassar, 22. Mai 2016

Literaturhinweise:

Surabaya Beat, Fotografien von Beat Presser, Gedichte und Kurzgeschichten indonesischer Autoren. 70 US$. 224 S. Afterhours Books, Jakarta; in Europa bei: Scheidegger & Spiess, Zürich 2015

Ground Zero. When the Journey Takes You Home, von Agustinus Wibowo. Engl. 568 S. 39,50 US$. Gramedia Pustaka Utama, Jakarta 2015

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