Künstliche Universen

 

kosmo 31 - borobudur
Terrassenstupa in Borobudur. Dekoratives Paneel IVB zw. 40 + 41. Foto von Peter Cirtek.

 

Noch immer fasziniert die weitgehend auf Vermutungen basierende Herkunft des berühmten Borobudur auf der indonesischen Insel Java am Fuße des aktiven  2911 Meter hohen Vulkans Merapi Einheimische und Fremde gleichermaßen.

Der Architekt und Autor Peter Cirtek bietet mit der Publikation „Borobudur – Entstehung eines Universums“ eine akribische Zusammenstellung aus historischen Vorläufern und aktuellen Quellen.

Die Besonderheiten des auf Java praktizierten Buddhismus, dem auch Beimischungen des Hinduismus zu eigen sind, belegt er mit zahlreichen frühen Überlieferungen aus dessen Ursprungsgebieten. Die buddhistische Klosterstadt Nalanda in dem heutigen indischen Bundesstaat Bihar spielte bei der Verbreitung des Buddhismus bis nach Indonesien  – vor allem in den Übersetzungen chinesischer Pilger wie Xuanzang oder Yijing aus dem 7. Jahrhundert – eine entscheidende Rolle. Deren Mittlerrolle übte jedoch auch einen verändernden Einfluß aus. Cirtek beschäftigt sich in einem eigenen Kapitel mit diesen sich durch kulturspezifische Eigenheiten bedingten Interpretationen des Buddhismus wie er heute in Thailand, Burma, Laos oder Tibet praktiziert wird.

Borobudur, das sich inmitten eines dem Islam zugehörigen, dichtbesiedelten Territoriums befindet, zieht heutzutage Milllionen sowohl neugieriger Besucher als auch Anhänger des Buddhismus aus aller Welt in seinen Bann.

Neben der architektonischen Besonderheit seiner übereinandergelagerten teilweise von vielfältigen Reliefs geschmückten Terrassen auf einem ehemaligen Grabhügel – deren Ersteigung einer Annäherung an das Nirwana ähneln soll – bleibt doch seine Bestimmung ungeklärt. Welche Funktion hatten ihm seine Erbauer zugedacht? Die in dem vorliegenden Band vielseitig dargelegte detaillierte Erklärung eines Teils der 1460 Paneele, die erzählenden Charakters sind und auf vier buddhistischen Schriften und mindestens zwei verschiedenen Textsammlungen beruhen sollen, lösen das Rätsel dieses „künstlichen Universums“ am Schnittpunkt zwischen Indischem Ozean und Pazifik nicht endgültig.

Das ausführliche, mehrsprachige Glossar zu Besonderheiten buddhistischer und hinduistischer Begriffe aus dem Sanskrit und Pali, sowie chinesische und japanische Lesarten ergänzen den Band. Zahlreiche Farbabbildungen sowie Schnittzeichnungen, Lagezeichnungen, Karten und Tafeln veranschaulichen das geschriebene Wort.

Die Bibliographie listet eine Vielzahl von Publikationen der zu dem zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Gesamtkomplex „Borobudur“ in Englisch, Französisch, Niederländisch, Indonesisch oder Deutsch auf. Leider wurde bei manchen Zitaten innerhalb des Textes auf einen Quellennachweis verzichtet. Diese Auslassung erschließt sich dem Rezensenten nicht wirklich, da der Autor ansonsten viel Wert auf genaue Bezeichnungen selbst in chinesischen oder japanischen Schriftzeichen setzt.

Für deutschsprachige Leserinnen und Leser ist diese ausführliche Zusammenstellung ein gelungener Einstieg in ein Jahrtausende altes Denk- und Architekturgebäude, dass auch im 21. Jahrhundert nichts von seiner magischen Symbolik verloren hat, in welcher sich eine äußerliche Einheit einer „materiellen Welt“ überlagert sieht von einer „idealen Welt“ (S.39).

Ronald Daus

Borobudur. Entstehung eines Universums, von Peter Cirtek. 120 S., 79 Abb. 17 Zeichnungen, 3 Karten. 26,90 €. Monsun, Hamburg 2016

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kosmo 31 - bangladesh
Blick von der Straße in einen der tiefliegenden Innenhöfe des „Friendship Centre“, wo Wasserbecken und Grünpflanzen für eine kühlende Atmosphäre sorgen. Foto von Hélène Binet.

 

Ein auf der Architekturbiennale in Venedig 2016 präsentiertes Architekturprojekt aus dem heutigen Bangladesh sucht ebenfalls seine identitären Wurzeln in einer der ältesten Weltreligionen. Vor zweitausend Jahren war die Region zwischen Brahmaputra und Ganges hauptsächlich von Anhängern des buddhistischen Glaubens bewohnt, wovon die Vielzahl der in den fruchtbaren Reisfeldern im Norden Bangladeshs aufgefundenen buddhistischen Ruinenstätten zeugen (s. Abb. S. 72). Das von dem aus Bangladesh stammenden Architekten Kashef Chowdhury entworfene „Friendship Center“ liegt im Schnittpunkt von vier aus dem 6. bis 8. Jahrhundert stammenden buddhistischen Klosterruinen in dem kleinen Landflecken Gaibandha im Norden des Landes.

Der flachen Topographie der Überschwemmungsebene geschuldet, wählte der Architekt einen völlig in den Boden abgesenkten Gebäudeplan. Über Treppen und Rampen ist das in öffentliche und private, teils offene, teils abgeschlossene Räumlichkeiten unterteilte Zentrum zugänglich. Obwohl es sich bei diesem Bauprojekt um einen „weltlichen“ Treffpunkt handelt, ähnelt seine von außen wahrnehmbare Abgeschlossenheit einem eher klösterlichen Ort. Das gewählte Baumaterial sind wie bei seinen jahrtausendealten buddhistischen Vorgänger vor Ort hergestellte gebrannte Ziegel. In gewisser Weise wirkt das Gebäude in Verbindung mit seinen Vorgängern selbst wie eine Art Ausgrabungsstätte.

Mit in die Innenhöfe eingelassenen Wasserbecken soll ohne technische Hilfsmittel eine klimatisierende Wirkung erzielt werden. Obwohl das abgesenkte Gebäude hermetisch wirkt, besitzt es nach Aussage seines Architekten „den Luxus von Licht und Schatten“.

Ursula Daus

The Friendship Centre. Gaibandha, Bangladesh, von Kashef Chowdhury, mit einem Essay von Kenneth Frampton.Fotos Hélène Binet. 118 S., In Englisch. 38 €. Park Books, Zürich 2016

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