Asli Erdogan: Ein Haus aus Stein

Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan (*1967 in Istanbul) wurde in der Nacht vom 16. zum 17. August 2016 in ihrer Wohnung verhaftet. Seither wird sie im Frauengefängnis Barkirköy festgehalten. Asli Erdogan durchlebt derzeit ganz real die grausame Erfahrung eines Gefängnisaufenthalts wie sie ihn in ihrem 2009 erschienenen Roman „Tas Bina ve Digerleru“ (Das Steingebäude und anderes) für ihre Protagonisten – Intellektuelle und Schriftsteller – ersonnen und niedergeschrieben hatte.

Sie selbst verhedderte sich in den Netzen der seit dem niedergeschlagenen Putsch vom 15. Juli 2016 verhängten Notstandsgesetze und wurde Opfer der sogenannten „Säuberungen“. Wegen ihrer journalistischen Arbeit für die kurdisch-türkische Tageszeitung „Özgün Güden“ wird ihr vorgeworfen, „Propaganda für eine terroristische Organisation“,  „Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation“ sowie „Aufruf zu Unruhen“ zu betreiben.  Die 20 anderen verhafteten Mitglieder der Redaktion wurden wieder auf freien Fuß gesetzt.

Asli Erdogan, die mit ihrem dritten Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine“ (türkisch 1998; dt. 2008) auch international bekannt wurde, belegt in dieser autobiographisch inspirierten Erzählung, wie sehr sie bereits in dieser frühen Phase ihrer Karriere von Gedanken an das Eingesperrtseins, der Unfreiheit, der Unmenschlichkeit der Mitmenschen untereinander, des Todes bestimmt war.

Die Autorin hatte diesen Roman abgefasst, als sie für zwei Jahre in die „tropische Verlockung“ Rio de Janeiro eintauchte, weil sie sich in Istanbul bedroht fühlte.  Statt einen Ort der Ruhe und Freude zu finden in dieser weltberühmten „cidade maravilhosa“, dieser wunderbaren Stadt, wie sie in einem Volkslied besungen wird, trifft die Romanprotagonistin nur auf Verfall, Elend, Mißgunst, Neid, Gier, Grausamkeit, Desinteresse, Mord und Tod. Die in der Nacht aus den von Millionen Armen bewohnten „Favelas“ in ihre armselige Behausung herüberschallenden Maschinengewehrsalven bilden die tödliche Geräuschkulisse einer in Müll, Gestank, Hitze erstickenden Stadt. Ihre Alpträume bringen sie nur nicht um, weil sie sich von diesen Erlebnissen immer wieder, vor einem weißen Blatt Papier sitzend, regeneriert, indem sie alles wie im Delirium festhält. Das Leben findet beim Schreiben statt während draußen der Tod herrscht.

Mit ihrem Gefängnis-Roman „Das Steingebäude und anderes“ dreht sie an dieser alptraumartigen Gedankenschraube weiter: „Die Wahrheit spricht nur mit den Schatten. Heute werde ich von dem Haus aus Stein erzählen, wo sich das Schicksal in einer Ecke versteckt, dort, wo man aus der Distanz die Verkehrung der Worte erkennt. …“ In diesem Roman scheint sie sämtliche Krankheiten der türkischen Gesellschaft vorweggenommen zu haben, mit all ihren abartigen Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten, Allmachtsphantasien und zahllosen ungeklärten Toten. „Zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Errinnerung, Traum und Schreien erzählt eine Frau mit fremdartiger Stimme von den gerade nach Überlebenden und von den Toten.“ (Verlagstext Actes Süd, 2013)

Etwa in der Mitte ihrer Erzählung über Rio de Janeiro zitiert Asli Erdogan ein persisches Sprichwort: „Von der Hölle ins Paradies: ein langer Ritt. Vom Paradies in die Hölle: ein kleiner Schritt“. (S. 89) Am 17. August 2016 wurde dieses Sprichwort zur grausamen Realität für Asli Erdogan. Am 3. September 2016 erhielt der Schweizerische Rundfunk von ihr einen Brief aus dem Gefängnis“ „Vergesst mich nicht. Und meine Bücher. Es sind meine Kinder.“

Nach der Verhaftung weiterer Schriftsteller und Journalisten in der ersten Septemberhälfte 2016 empörte sich der  türkische Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk: „Die Gedankenfreiheit exisiert nicht mehr. Wir bewegen uns mit großer Geschwindigkeit von einem Rechtsstaat zu einem Terrorregime“. (zeit online, 12.09.2016)

Mit den Worten des deutschen Dichters Friedrich Schiller aus seinem Theaterstück „Don Karlos“ (1787) wendet sich heute die aufgeklärte Weltgemeinschaft an den türkischen Herrscher des 21. Jahrhundert: “Ein Federzug von dieser Hand,/und neu Erschaffen wird die Erde. /Geben Sie, Gedankenfreiheit.“

Prof. Dr. Ronald Daus (FU Berlin) und Ursula Daus

Die Stadt mit der roten Pelerine,  von Asli Erdogan. 208 S. 22,95€. Unionsverlag, Zürich 2008

Le bâtiment de pierre, von Asli Erdogan. 13,50€. Actes Sud, Arles 2013

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