Weltstadtgefühle & Dorfgeborgenheit

 

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Moses-Mabhida-Fußballstation, Durban, Südafrika. Entwurf gmp Architekten et.al. 2010. Foto © Michael Jung Can

Die Zukunftseuphorie, die zahlreiche Nationen außerhalb Europas Anfang des 21. Jahrhunderts ergriffen hatte – sei es aufgrund einschneidender politischer Veränderungen oder wirtschaftlicher Verbesserungen großer Bevölkerungsteile – zeigte sich selbstredend auch in der gebauten Umwelt.

Beispielhaft seien hier Südafrika und Indonesien ausgewählt, wie es die beiden  Architekturführer zu diesen Ländern von DOM Publisher in Berlin darlegen.

Südafrikas Baugeschichte begann selbstredend lange vor einer formalen Architekturgeschichte. Der Führer konzentriert sich jedoch nur auf diejenigen Bauten, deren Architekten benannt werden können und die entsprechend dem europäischen Architekturkanon ihrer jeweiligen Epoche gebaut haben. So konzentriert er sich auf die vier wichtigsten Metropolen des Landes: Kapstadt, Johannesburg, Pretoria und Durban. Ihre Entwicklung – von der Ankunft der Europäer bis hin zu der heutigen „Regenbogen-Nation“ – wird an exemplarischen Bauwerken gezeigt. Neben der in Südafrika stark vertretenen Version des Art Déco legen beide Verfasser, Nicholas Clarke und Roger Fisher, besonderes Gewicht auf die Architekturentwicklungen in der Hochzeit der Apartheit, in welcher ein brutalistischer Internationaler Stil ihrer Einschätzung nach die brutale Unterdrückung des Großteils der Bevölkerung repräsentierte. Mit dem Ende der Apartheid wurde Südafrikas Architektur von einer Welle aus neo-modernen und post-modernen Gebäuden überzogen, deren wichtigste Repräsentanten sich in öffentlichen Anlagen wie Flughäfen, Stadien und Ausbildungsstätten wiederfinden.

Jede der vorgestellten Metropolen begrüßt die Leserinnen und Leser mit der persönlichen Einschätzung eines Bewohners dieser Agglomeration. Sehr einfühlsam versucht Nina Saunders, Architektin aus Durban, in ihrer Einführung „My Durban“ die enorme Lebensvielfalt mit ihren Licht- und Schattenseiten über ihre seit wenigen Jahren in den Kreis der „lebenswerten Metropolen des Globus“ aufgestiegenen Heimatstadt  in poetische Methaphern zu kleiden.

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Rekonstruktion eines Rumah Gadang (Versammlungshauses) der Minangkabau in West-Sumatra. Soc. of Sumpur, 2014. Foto © Sonny Sandjaya

Die indonesische Architektin und Architekturkritikerin Imelda Akmal hat sich der Mammutaufgabe gestellt, die nicht-traditionelle Architektur ihres Heimatarchipels aus 17 000 Inseln in dem „Architectural Guide Indonesia“ zu versammeln. Von der holländischen Kolonialarchitektur des 17. Jahrhunderts über das „Dutch Modern“, einer Mischung aus neoklassizistischen und modernen Vorläufern sowie Einflüsse traditioneller indonesischer Architektur, hin zur „Indonesischen Moderne“ der Unabhängigkeitsepoche bis zur Post-Moderne und der Rückbesinnung auf lokale Einflüsse reicht das Spektrum.

Der Löwenanteil der ausgewählten Projekte findet sich selbstverständlich in dem als „Jabodetabek“ bezeichneten Großraum um die Hauptstadt Jakarta. Die Autorin nennt sie „Die boomende Mega-Dorf-Stadt“, da auch die städtische Bevölkerung Indonesiens noch immer im dörflichen Kampong-Stil ihr Wohnideal sieht. Öffentliche Gebäude, Wohnhäuser, Geschäftshäuser, Bars, Restaurants, Museen, Busstationen, Lehranstalten, jeder Bautyp wird mit älteren und neueren Beispielen abgehandelt. Eines der Schwergewichte des Bandes ist auch die für ihre frühen modernen Entwürfe bekannte Architekturhochburg Bandung. Fast alle indonesischen Architekten der Kolonialzeit und der postkolonialen Ära stammen aus dieser Hochschule.

Für die Liebhaber der weltweit geschätzten Ferienarchitektur im „balinesischen Stil“ aus Naturmaterialien, offenen Räumen und pseudo-traditionellem Kunsthandwerk gibt es ein eigenes Kapitel. So bleibt den „anderen Inseln“ leider nur noch ein kleiner editorischer Seitenrest, was besonders der Architektur in den aufstrebenden Metropolen wie Makassar und Manado auf Sulawesi nicht gerecht wird. Auch dort finden sich Beispiel des kolonialen „Dutch Modern“, des nachkolonialen „Indonesian Modern“ und der aktuellen bunten Mischung aus Neo-Modern und Neo-Eklektizismus.

Einige interessante Beispiele restaurierter traditioneller Architekturstile auf verstreut im großen indonesischen Archipel liegenden, schwer erreichbaren Inseln runden das Bild ab. Beispielhaft dafür stehen die traditionellen Holzhäuser in Süd-Nias, einer Insel auf der stürmischen Westseite der Insel Sumatra. Ihr auf Stelzen stehender rechteckiger Baukörper schwingt sich an den beiden Längsseiten weit nach außen. Darüber steigt das steil ansteigende Dach auf. Die Seitenausleger erweitern den Innenraum und ermöglichen eine bessere Lichtdurchlässigkeit. Dieser Architekturstil ist einzigartig in der traditionellen indonesischen Baukunst. Sein Ursprung drüfte sich in Zentrallaos finden, wo dieser Bautypus aus Bambus und Palmblättern seinen Ursprung hat.

Indonesiens Architekturszene hat sich während der vergangenen 30 Jahre nicht nur von seinen kolonialen Baumeistern, vom „Diktat“ des Internationalen Stils durch die Unabhängigkeitsjahre, sondern teilweise auch von den global agierenden Großinvestoren und ihrer Spekulationsarchitektur befreit. Die Fülle existierender lokaler und traditioneller Vorbilder, die Vernetzung zwischen den Gestaltern in ganz Südostasien hat enorme Fortschritte ermöglicht und das Selbstbewußtsein gestärkt. Ursula Daus

Architectural Guide South Africa, von Roger D. Fisher/Nicholas J. Clarke et.al. 250 S. 700 Abb. 28 €. DOM publ., Berlin 2014

Architectural Guide Indonesia, von Imelda Akmal. 400 S. 350 Abb. 38 €. DOM publ., Berlin 2015

 

Von Berlin nach Astana

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Central Concert Hall, Astana. Studio Nicoletti Associati, 2010. Foto © Philipp Meuser

Viel schneller als in früheren Zeiten wechseln die Lebenswelten in den aktuellen Großstädten. Für die Zeitgenossen vermischen sich „Urzeit“ und „Science Fiction“. Es läßt sich reich und mächtig werden als zufälliger Bewohner einer rohstoffreichen Region oder als skrupelloser Analphabet eines Millionen-Slums. In dieser Hinsicht beherbergen die heutigen Metropolen gesetzestreue Bürger, korrupte Politiker, Börsenzocker, Wirtschaftsbosse, Mafia-Clans oder auch engagierte Mitglieder von Weltenretter-Organisationen. Sie alle sind die neue Art von Kosmopoliten. In diesem globalen Netzwerk entstanden „Neue Stadtbilder“, die „Neue Gefühle“ provozierten (s. auch: „Neue Stadtbilder – Neue Gefühle. Das permanente Chaos“. von Ronald Daus, Berlin 2012, S. 13ff.)

Wenn man von der deutschen Hauptstadt Berlin sich Richtung Osten aufmacht, die großen Transiträume Polens, Weißrußlands und Rußlands durchquert, wird man früher oder später in den endlosen Weiten Eurasiens landen. Dort, in der Isoliertheit der Wüstenregion Kasachstans entsteht das Herzstück eines neuen Staates: Die Metropole Astana, eine Repräsentantin der „Neuen Stadtbilder“. Ihr Chefplaner Vladimir Laptew erklärte 1998, eher überraschend, er wolle ein „Berlin in eurasischer Version“ erbauen, kein Brasília oder Canberra.

Der Entwurf und die Gebäude der neuen Hauptstadt des neugeborenen Staates liegen in den Händen russischer und internationaler Architekten. Neben gewaltigen Ministeriumsbauten finden sich Baukasten-Bunker, von strahlenden Kugeln auf Stahlgerüsten überragt. Sie alle reihen sich in den auf Abbildungen seltsam chronisch leeren Straßen dieser zentralasiatischen „Metropolis“ aneinander, Ausdruck der reinen Geometrie und der Kraft des monetären Vermögens eines an Bodenschätzen reichen Landes. Bei winterlichen Nachtfrösten von über 40 Grad minus und sommerlichen Hitzewellen von über 35 Grad plus wirken auf die Gebäude mit so blumigen Namen wie „Smaragd Tower“, „Pyramide des Friedens“ oder die Beton-Lotusblütenblätter der Konzerthalle gewaltige Naturkräfte ein, deren zerstörerisches Werk ständig im Zaun gehalten werden muss.

Und dennoch: aus der naturbedingten Sackgasse von Steppen und Gebirgen entwickelte sich erstaunlicherweise eine explosive Dyamik durch Hightech und Flugverkehr. Der von dem japanischen Architekten Kisho Kursawa entwickelte Internationale Flughafen, benannt nach dem auf Lebenszeit gewählten Präsidenten, Nursultan Nasarbajev, gilt als Dreh- und Angelpunkt einer Zukunft dieser fernen Megalopolis, deren Lage an der einst weltberühmten Seidenstraße erneut wieder als Chance erkannt wird.

In den sorgfältig und umfassend von einem der besten Architekturkenner Zentralasiens deutscher Sprache, Philipp Meuser, edierten Architekturführer zu Astana und Kasachsten, finden interessierte Leser und Experten ein umfassendes Bild zu der neuen Hauptstadt und zu den andauernden Diskussionen über die Rolle der Stadt in einer einst von Nomaden bewohnten Großregion Zentralasiens. Den Städten Astana, Almaty, Atyrau, Kaptschagai, Semipalatinsk, Ust-Kamenogorsk, Ridder, Leninogorsk, Pawlodar und dem Weltraumbahnhof Baikonor sind eigene Kapitel gewidmet. Von der islamischen Architektur des Mittelalters bis zur russischen Kolonialarchitektur des 19. Jahrhunderts, vom sowjetischen Großprojekt des 20. Jahrhunderts bis zum neo-eklektizistischen Monumentalbau des 21. Jahrhunderts, alle diese Stilrichtungen werden ausführlich von einheimischen und deutschen Autoren diskutiert  und in zahlreichen Abbildungen dargestellt.

Dem Astana-Führer wurde zusätzlich ein Kapitel zu der 2017 stattfindenden Expo beigefügt. Unter der Überschrift „Back to the Future: Spherical World Fair Visions“ fasst der kasachische Kulturhistoriker Adil Dalbai die Vorgaben dieses Großprojekts zusammen. Ausgehend von Étienne-Louis Boullées Kenotaph und Iwan Leonidovs Entwurf für das Lenin Institut in Moskau zeigen zeitgenössische Architekten ihr Kreationen zu einer neuen sphärischen Architektur.

Die Lektüre der beiden „Architekturführer“, die weit über ihre eigene Disziplin hinausweisen, ist eine bereichernde Erfahrung. Ronald und Ursula Daus

Architekturführer Kasachstan, hrsg. von Philipp Meuser et.al., mit 800 Zeichnungen und Fotos. 540 S. , 48 €. DOM publ., Berlin 2015. (Dieser Band beinhaltet bereits das Kapitel „Astana“ ohne die Expo-Sonderausstellung)

Architectural Guide Astana, hrsg. von Philipp Meuser et.al., mit 400 Zeichnungen und Fotos. 224 S. , 38 €. DOM publ., Berlin 2015.

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