Die Macht exotischer Verführung

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Hakehau, Ua Pou, Marquesas-Inseln, Französisch-Polynesien 2016. Foto©Jimmy Nelson

Der Fotograf Jimmy Nelson in Berlin

Mit dem zweiten Teil seiner Großfotografie-Serie „Before They Part II“ ist dem britischen Fotografen Jimmy Nelson (*1967) eines noch überzeugender gelungen als im ersten Teil „Before They Pass Away“: Verführung durch übersteigerten Exotismus!

Die auf seinen teilweise wandfüllenden Fotos – 140 x 300 cm für „Hakahau, Ua Pou, Marquesas Islands, French Polynesia 2016“ – abgelichteten Porträts indigener Völker aus Polynesien, China und dem Sudan dienen in erster Linie wohl einem „dekorativen Effekt“. Kleidung, Schmuckelemente, Tätowierungen, Hausrat oder die umgebende Landschaft, alles was dem westlichen Betrachter seit mehr als 500 Jahren Entdeckungsreisen durch die Europäer bekannt sein sollte, wird hier wie ein Konzentrat noch einmal unter die Linse genommen. Vorläufer dieses Verfahrens waren Maler wie Louis Choris Anfang des 19. Jahrhunderts (Pazifik, Mikronesien), Paul Gauguin vom 19. zum 20. Jahrhundert (Polynesien), Gottfried Lindauer Ende des 19. Jahrhunderts (Neuseeland) oder Paul Jacoulet Mitte des 20. Jahrhunderts (Japan, Mandschurei, Mikronesien). Fotografen wie Paul-Émile Miot im 19. Jahrhundert (Marquesas, Polynesien), Martin Gusinde Anfang des 20. Jahrhunderts (Feuerland), Leni Riefenstahl Mitte 20. Jahrhundert (Sudan), oder Sebastião Salgado Ende 20./21. Jahhundert („die ganze Welt“). Jimmy Nelson jedoch dreht diese Exotismusschraube noch ein wenig weiter. Die ästhetischen Kompositionen reflektieren hier wie bei seinen Vorgängern alleine seinen Bick auf Familien, Gruppen, Stämme und Völker. „Er möchte Geschichten erzählen, keine Antworten geben“.

Besonders bildmächtig zeigen sich für diesen Ansatz die einst als unersättliche Kannibalen überaus gefürchteten Bewohner der Marquesas-Inseln im Südpazifik. Die sie umgebende spektakuläre Naturkulisse der aus dem Meeresboden aufgeschossenen Vulkaninseln verstärkt diesen Effekt theatralisch.

Dem Titel der Ausstellung „Before They Part II“ in den Camera Work in Berlin kann zwar die Geschichte dieser Inselgruppe und ihrer Bevölkerung dienlich sein. Denn bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Aussterben der Bevölkerung befürchtet. „Archipel der Erinnerung“ oder „Melancholie und Todessehnsucht“ titulierten Ethnographen und Reisende, wenn sie die traurigen Reste dieser einst so unbesiegbaren „Kannibalen auf wilden Pferden“ (Paul Gauguin) antrafen. Doch die angekündigte Auslöschung fand nicht statt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich das Bevölkerungswachstum so weit erholt, daß viele Bewohner zur Auswanderung nach Tahiti oder ins Mutterland Frankreich gezwungen sind.

Wer bleibt, feiert die wiedergefundene „Authentizität“, wie sie Jimmy Nelson so prachvoll inszeniert hat. Die Marquesaner sind ein „glückliches Volk“, so die einhellige Meinung heutzutage (s. dazu: U. Daus,  Die Völker Polynesiens im 21. Jahrhundert, Berlin 2010, S. 222). Sie singen, tanzen, trommeln und tätowieren ihre Körper nach den Vorlagen des deutschen Ethnographen Karl von den Steinen, der die Tätowiermuster auf Holzbeinen im 19. Jahrhundert vor der Zerstörung durch die europäischen Missionare rettete. Auch die pahu-Trommeln wurden wieder zum Leben erweckt. Das mana, die Kraft aus Schmuck, Tatoo und Pose, die von Jimmy Nelson so dekorativ eingesetzt wird, hat den Marquesanern die Freude am Leben zurückgegeben. „Before They Part II“ ist gerade für diese „verloren in den Weiten des Pazifik“ gelegene Inselgruppe daher kein überzeugender Titel. Er träfe wohl eher für die Minoritäten im südwestlichen Chinas oder die Südsudanesen innerhalb der Ausstellung zu. „Vivre aux Marquises, c‘est cool“, Auf den Marquesas zu leben, ist cool, heißt das Motto der jungen Leute – und dass vor eine großartigen Naturkulisse und in faszinierend schillernder Selbstinszenierung. Ursula Daus

Jimmy Nelson. Before They Part II, Ausstellung in der Galerie „Camera Work“, Berlin, 15. Oktober – 19. November 2016. http://www.camerawork.de

ORDOS – Bollwerk gegen die Barbaren

Mitten in der wasser- und baumlosen Steppe der Inneren Mongolei, dem sogenannten Ordos-Bogen, entsteht seit einigen Jahren eine phantasmagorische Stadtkulisse, deren Name Programm ist: Ordos. Hier bekämpften schon seit Jahrtausenden die chinesischen Kaiser die aus dem Norden eindringenden Barbarenvölker vergeblich mit dem Bau einer mächtigen Mauer. Um die Region machten über Jahrhunderte die großen Teekarawanen aus dem Südwesten Richtung Mongolei und Rußland einen großen Bogen aus Furcht vor der Unwirtlichkeit dieser Wüstenei.

Die „Zukunftsmetropole“ des 21. Jahrhundert Ordos besteht bisher aus einer endlosen Zahl an Hochhäusern ohne Infrastruktur, d.h. ohne Wasser, Abwasser oder Stromversorgung. Die wenigen tausend Menschen, die sich bisher Ordos als ihren Lebensmittelpunkt erwählt haben, dienen ausschließlich dem Großprojekt. „Ordos“. So schreibt der Fotograf und Verfasser dieses exzellenten Zeugnisses megalomanen Repräsentationswahns: „Ordos ist eine riesige Immobilienblase von der Art, die die Wirtschaft eines ganzen Landes ruinieren könnte, doch die chinesische Regierung hält das Trugbild aufrecht“.

Denn nur mit heroischen Zivilisationswerken, die sich am überzeugensten in der chinesischen Stadt manifestieren, konnte und kann man die „Barbaren“ besiegen – und seien sie auch nur noch eine historische Phantasmagorie. Die riesigen bronzenen Pferdeskulpturen auf einem der endlosen leeren granitbelegten Stadtplätze zeugen bis heute von dieser Angst der Chinesen, letztendlich doch wieder von den Barbaren besiegt zu werden.

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Bronzepferde auf einem granitbelegten Stadtplatz in der „Geisterstadt“ Ordos, China. Foto© Adrien Golinelli

So steht die menschenleere Metropole Ordos nicht als Mahnmal einer mißlugenen Stadtplanung, sondern als Warnung an alle, die den mächtigen chinesischen Staatenlenkern des 21. Jahunderts auf ihrem Weg zur Weltmacht ins Handwerk pfuschen wollen.   red

Ordos. Stillborn City,  von Adrien Golinelli, et.al. 216 S., 128 Farbabb. Englisch, 45€. Kehrer, Heidelberg 2016

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