Literarisches Zirkeln

shulman2Die Neuauflage des Mammut-Foto-Bandes über den Fotografen Julian Shulman (1910-2009) mit 1008 Seiten in drei Bänden ist das gelungene Spiegelbild einer optimistischen Epoche aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, von 1939-1981.

„Modernism Rediscovered“, die Wiederentdeckung einer Moderne-Variante, nämlich derjenigen der US-Westküste, verführt mit klaren Linien, fröhlichen Farbkombinationen, viel Licht, Luft, Sonne und Natur, so wie sie von den Urvätern der Modernen Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa angedacht war. Aus 260 000 Fotos, vor allem Werbeaufnahmen für die entsprechenden Bauten, wurden 1000 Fotos von 400 Gebäuden ausgewählt. Wie ein roter Faden durchziehen die herausragenden Flachbauten des Richard J. Neutra die drei Bände. Er hatte den jungen Fotografen Shulman sozusagen „entdeckt“.

Kühle Glasfassaden-Transparenz im heißen Wüstenklima, vor endlosen Hügellandschaften oder an kaltblauen Ozeanen – das ist Minimalismus gepaart mit hoher Baukunst. Die wenigen, artifiziell drapierten menschlichen Figuren erscheinen wie Relikte einer anderen Ära neben und in dieser puristischen Geometrie.

Der Betrachter vergißt schon nach Durchsicht von Band 1, daß Architektur auch Historizismus, geschmackliche eklektizistische Entgleisungen oder gar monotone Betonplattenbauten sein könnte. Materialien wie Stahl, Glas oder Aluminium sind de rigeur.

Die nur spärlich mit Designer-Mobiliar ausgestatteten Wohn-, Schul- oder Bürogebäude verstetigen den Eindruck: hier gilt dem Kunstwerk die gesamte Aufmerksamkeit.

Der Shulman-Foto-Style beeinflußt und fasziniert bis heute die Architekturfotografie – meist ohne den Meister je zu erreichen! Alex Westwood

Julian Shulman. Modernism Rediscovered (2000), hrsg. von Benedikt Taschen, et.al. 1008 S. zahlreiche Fotografien. Deutsch-Englisch-Französisch. 99,99 €. Taschen, Köln 2016

Vom Glück im Fremdsein

Wie bewältigt man Schicksalsschläge, die einen unerwartet treffen, sei es der Verlust eines geliebten Menschen, der kostbaren persönlichen Freiheit oder die zunehmende Verlorenheit in der eigenen Kultur?

Eine Möglichkeit besteht darin, sich in die Fremde zu begeben, sei es in der Nähe, in das noch immer seltsam unanmutende polnische Nachbarland, sei es in die weitentfernten exotischen Landstriche Ostasiens. Um den Fremdheitsgrad weiter zu steigern verlegt man die Glückssuche tief ins Historische.

In zwei so unterschiedlich erzählten Romanen wie Christoph Ransmayrs „Cox oder der Lauf der Zeit“ und Andreas Rosteks „Parallelen mit Hund“ balancieren beide Autoren in gekonnter Weise und mit hoher Sprachfertigkeit auf dieser Suche nach dem Glück im Fremdsein.

Ransmayer‘s Protagonist Alister Cox, ein berühmter englischer Uhrmacher nimmt, von tiefer Trauer um seine jungverstorbene Frau gezeichnet, die Einladung des chinesischen Kaisers an. Dieser bittet ihn, Zeitmesser nach den Vorstellungen seiner Träume und Allmachtssehnsüchte zu fertigen. Die Anforderungen des Kaisers kulminieren in der Aufgabe, eine Uhr herzustellen, die die Dauer der Ewigkeit messen kann.

Angesichts dieses auch für einen hochbegabten Feinmechaniker fast unmöglichen Auftrags verblasst die Erinnerung an die geliebte Verstorbene, aber auch an die Heimat. Cox spürt seine Lebensfreude wiederkehren in der täglichen Konfrontation mit einem von der Willkür dieses Kaisers abhängigen Lebens. Denn sollte er scheitern, droht auch ihm ein schnelles, schreckliches Ende, wie er es tagtäglich am kaiserlichen Hof vollstreckt sieht. Dem Autor scheint sein Protagonist jedoch so ans Herz gewachsen zu sein, dass er durch ihn das Unmöglich möglich werden läßt – die Messung der Dauer der Ewigkeit. Cox reist mit hoher Belohnung und voller Lebensfreude zurück in die Heimat.

Andreas Rosteks Protagonisten, der Pole Tomasz und der deutsche Jakob, in der Novelle „Parallelen mit Hund“ wirken gegenüber diesem von seinem Können beseelten englischen Kunsthandwerker Cox wie zwei zufällig ins gleiche Universum versetzte traurige Gestalten. Nicht einmal in ihren Erinnerungen sind sie sich sicher. Die finden sich akkurat nur in den Köpfen all die Schicksalsläufte dieses Romans begleitenden Hunde zwischen dem Osten und Westen Europas.

„Parallelen mit Hund“, also parallel verlaufende historische Ereignisse, die sich nur im Unendlichen treffen könnten, treffen sich am Ende des Romans dennoch. Vorab müssen die Leser jedoch erneut die gnadenlose europäische Geschichte aus jahrhundertealter Verfolgung, Unterdrückung, Willkür bis hin zum Massenmord an den europäischen Juden „durchstreifen“. Ja, doch, durchstreifen, wie ein Hund auf der Fährte eines gejagten Tieres, wie ein Streuner, auf der Suche nach Fressbarem, wie ein Wachhund, auf der Pirsch nach Eindringlingen.

Von Hamburg bis ins einstige Herzland Polens, nach dem berühmten Renaissance-Städtchen Zamosc (heute nahe der polnisch-ukrainischen Grenze) führt die Spur, die die Hunde verfolgen – und der Autor mit Erinnerungen, Erzählungen und Träumen anfüllt. Und immer sind diese Erinnerung auch und vor allem von unzähligen blutigen Unrechtstaten angereichert. Sollten die Menschen sie auch vergessen haben, die Hunde werden diese nicht los. Überall lauert ihr Geruch, jede Straßenecke, jede Hauseinfahrt, jede Fußbodendiele hält sie für die guten Spürnasen parat.

Für die beiden Protagonisten, den einstigen Häftling Tomasz, und seinen ihn unwissentlich aus ideologischer Dummheit an die polnische Staatssicherheit verratenden deutschen Schicksalsgenossen Jakob, gibt es manchmal die Erlösung im Vergessen. Dazu benötigt es jedoch die Reise ins Fremde: Jakob bei einem Besuch im schönen Zamosc, Tomasz in den kabbalistischen Berechnungen alter jüdicher Schriften, die er in der zur Bibliothek umfunktionierten alten Synagoge in Zamosc wiederfindet.

Europäische Geschichtsschreibung aus Hundeperspektive – welch eine gelungene literarische Volte! Ursula Daus

Cox oder Der Lauf der Zeit, von Christoph Ransmayr. Roman. 304 S., 22 €. S. Fischer, Frankfurt am Main 2016

Parallelen mit Hund. Eine Novelle aus Zamosc, von Andreas Rostek. 160 S. 16,80 €. edition.fotoTAPETA, Berlin 2016

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wolters
Cover der Neuausgabe von Rudolf Wolters „Spezialist in Sibirien“ von 1936.

Auch ein deutscher Architekt, Rudolf Wolters, suchte sein Glück in der Fremde. Während seine berufliche Perspektive in Deutschland im Jahr 1932 aussichtlos schien, nahm er das einzige Angebot an, das ihn erreichte. Er verpflichtete sich als Experte für Fernbahnhöfe in Sibirien mit einem Vertrag des Volkskommissariats in Moskau. Sein nach mehr als 80 Jahren wieder veröffentlichter Reisebericht von 1933 wird von dem Architekturhistoriker Jörn Düwel mit einer den historischen Rahmen aufzeigenden Einführung eingeleitet. Faksimile-Briefe von Rudolf Wolters an seine Familie sowie zahlreiche Abbildungen ergänzen diesen ersten Teil.

Der zweite Teil des Bandes gibt den Originaltext von Wolters „Spezialist in Sibirien“ wieder, begleitet von den Original-Zeichnungen von Heinrich Lauter. Nach einem nur kurzen Aufenthalt in Moskau führt die Reise direkt zu seiner neuen Arbeitsstelle „Nach Sibirien“: „Von einer Armee Wanzen übel zugerichtet war ich schon früh auf den Beinen… Ich merkte bald, daß die Herren Genossen überhaupt nicht sonderlich Bescheid wußten.“

Er wurde als „Bahnhofsarchitekt“ nach Nowosibirsk verschickt, das ihm wie ein sibirisches Chicago erschien. Doch statt Aufbruch herrschte überall Mangel. „Verwirrung“, „Leben und Sterben“ heißen die folgenden Kapitel. Doch nach vielerlei bürokratischen Parteiquerelen und Zuständigkeitsstreiterein erhielt er endlich die herbeigesehnten „Projektarbeiten“: eine Hochschulsiedlung für 10 000 Bewohner und ein Eisenbahnerstädtchen. Die Beschwernisse wollten nicht enden: „Denn noch während ich die vorgeschriebenen, dreigeschossigen europäischen Steinhäuser projektierte, sah ich zu meinem Leidwesen, daß ohne jede Rücksicht daruaf auf der Baustelle weiter lustig die elenden Holzbaracken aufgestellt wurden.“

Wolters Beobachtungen umfassten den gesamten Arbeitsalltag eines ausländischen Spezialisten Anfang der 1930er Jahre in der Sowjetunion. Schon wenige Monate nach seiner Ankunft in Nowosibirsk wurden auch den Ausländern die Lebensmittelrationen gekürzt. Wie viele seiner euphorisch angereisten Artgenossen verstand er die unterirdischen Wege der „Beschaffung“ in diesem System nicht und war auf die offiziellen Zuweisungen angewiesen. Doch auch die nach und nach erlangte Kenntnis über diese Parallelwirtschaft änderte nicht viel an seinen Entbehrungen. Innerhalb nur weniger Wochen stiegen die Preise um fast das Doppelte. „Wir erhielten statt 3 Kilo Butter nunmehr nur eineinhalb im Monat… Milch und Eier bekamen nun auch wir Ausländer nicht mehr…“

Seine Zweifel nahmen zu: „Der Diktator war wohl geachtet, aber seine Provinzkommandeure… gehaßt wie gefürchtet.“

Die Sowjetunion, die vielen deutschen Kommunisten und Arbeitslosen dieser Zeit als eine „Paradies“ erschienen war, kehrten enttäuscht zurück: „Manch deutscher Kommunist war mit fliegenden Fahnen ins Arbeiterparadies gekommen – jetzt wußte er, wo die Hölle war.“

Klarsichtig notierte Wolters kurz darauf: „Der erste Januar 1933 sollte die dreifache Verbesserung des Lebensstandards bringen – so hatte es Stalin, der unfehlbare Führer, versprochen. Im Glauben an die Erfüllung dieses Versprechens hatten 160 Millionen Proleten die Hungerjahre ertragen. 160 Millionen Proleten warteten auf die Erfüllung. Es kam anders.“

Ende Februar brach in Nowosibirsk der Flecktyphus aus. „Wohl wußte ich, daß es viel Krankheiten in Rußland gab, die ich von Deutschland her nur dem Namen nach kannte. Allen voran der Bauchtyphus im Sommer, gegen den ich aber durch Spritzen geschützt war. Es gab auch viel Malaria, es gab Cholera und ab und zu ein paar vereinzelte Pestfälle. Aber das schlimmste, von dem ich bisher überhaupt kaum gehört hatte, war der Flecktyphus.“

An Arbeit war nicht mehr zu denken. Rudolf Wolters bereitete seine Rückkehr vor über die Hungersteppe Kasachstans, die zentralasiatischen Republiken Usbekistan, Tadschikistan, das Kaspische Meer mit der Ölmetropole Baku.

Das frühlingshafte Moskau empfing ihn mit bürokratischer Schikane, noch mehr „Sklavenarbeit“ und leeren Schaufenstern, Wer leben wollte, mußte seine letzten „Goldreserven“ opfern. Nur gegen Gold erhielt man begehrte Waren.

In einem 3. Klasse-Abteil trat Wolters die Rückkehr nach Deutschland an.

Immerhin wartete dort der Erfolg auf ihn. Seine Reiseerzählung wurde mehrfach aufgelegt, ins Schwedische und Japanische übersetzt. Wolters wurde zum engsten Mitarbeiter seines Studienkollegen Albert Speer.

Das Projekt „Neue Städte für Stalin“ hat mit der Neuausgabe von Rudolf Wolters „Spezialist in Sibirien“ ein Kleinod aus den Ruinen der untergegangenen Sowjetunion gehoben. Ronald Daus

Neue Städte für Stalin. Ein deutscher Architekt in der Sowjetunion, mit einer Neuausgabe von Rudolf Wolters „Spezialist in Sibirien“, hrsg. von Jörn Düwel. 212 S., Faksimile, Literaturverzeichnis. 28 €. DOMpublishers, Berlin 2015

Literarisches Zirkeln

„I muri“, sie ist tot. Obwohl der erste Satz dieses bemerkenswerten Romans über die Musik und Kämpfe der Entkolonisierung Guinea-Bissaus eine Schlußpunkt unter dieses Kapitel Zeitgeschichte setzt, liest man mit wachsendem Interesse und Zuneigung entlang der verschlungenen Lebenspfade der Protagonisten dieser Epoche.

Die Band „Super Mama Djombo“ und ihre Musiker, allen voran eine verführerische und begabte Sängerin, gab es tatsächlich (im Internet lassen sich die alten Songs bei youtube nachhören). Auch ihre Nachfolger sind real. Selbst die von verehrten Befreiungskämpfern gegen die Portugiesen zu widerlichen Aasgeiern an dem armen, nun unabhängigen Land aufgestiegenen Politiker und ihre Hintermännern sind keine „fake news“. Nur der charismatische Gitarrist Couto und seine Liebe zur Bandsängerin Dulce sind angeblich frei erfunden.

Ein wunderbar erzähltes Stück Weltgeschichte aus einer unbeachteten Ecke des Globus, am Rande des afrikanischen Kontinents, gespickt mit Lokalkolorit und voller musikalischer Melancholie wie sie nur das Zusammenwirken afrikanischer Wurzeln und portugiesischem Fado möglich sein konnte.Tamara Pracel

Ein Lied für Dulce, Roman von Sylvain Prudhomme. Aus dem Französischen. 224 S., 16,99 €. Unionsverlag, Zürich 2017

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Mexiko City einmal ganz ohne blutige Gewaltexzesse möchte uns die Romanerzählung „Ich verkauf dir einen Hund“ andrehen, verfaßt von dem 1973 geborenen Schriftsteller Juan Pablo Villalobos. Um sein Anliegen auch glaubhaft oder wenigstens wahrscheinlich zu machen, wählt er ein nicht mehr ganz junges Wohngebäude mit einer nicht mehr ganz intakten Infrastruktur, wie einem störungsanfälligen Aufzug, und einer ebenfalls nicht mehr ganz zuverlässig funktionierenden Hausgemeinschaft. Sie besteht vor allem aus hochbetagten Senioren und einigen wenigen, sich im künstlerischen Milieu betätigenden Nachwuchs-Revolutionären. So mischt der Autor – wie in einem noch nicht am Markt erprobten Fruchtjoghurt – Auseinandersetzungen um Adornos „Ästhetische Theorie“ mit den „geheimsten“ Geheim-Rezepten von Tacos, u.ä.. Seine aufgrund Altersschwäche sich dezimierende, durch Neuzugänge jedoch immerhin weiterexistierende Protagonisten-Crew trifft sich im hausinternen Literaturkreis  Er tagt mangels geeigneter Räumlichkeiten im Hausflur und übt damit auch gleichzeitig die Kontrolle über das gesamte Haus aus. Dieser literarische Zirkel dient wohl dazu, den sehr dünnen Kern dieser Erzählung aus „Sprüchen“ und „internen mexikanischen Witzen“ mit ausufernden Charakterisierungen seines Personals etwas anzudicken. Mit dem Werbeflyer „Vielen Dank. Aber ich lese und schreibe keine Romane“, der wohl einer der markantesten Gecks des Autors darstellt, ist auch dieser Text auf den Punkt gebracht. Corinna Rohloff

Ich verkauf dir einen Hund, Roman von Juan Pablo Villalobos. 256 S. 24 €. Berenberg, Berlin 2016

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Im Vorgriff auf den Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2018, Georgien, bietet der Hans Schiler Verlag einen ersten Vorgeschmack mit Anna Kordsaia-Samadaschwilis „Wer hat die Tschaika getötet“.

Schon in den ersten Zeilen ist die Kapitale Tiflis präsent mit ihren Großstadtroutinen aus Sonntagskirchgängern, Hundebesitzern oder verliebten Ehebrechern. Doch nur wenige Meter weiter erwischt es den Flaneur kalt: der Blick eines Kindes in ein altes Abrißhaus bringt die Leiche einer Frau zutage, deren lustvoll-zügelloses Leben Publikum und Polizei in Atem hält.

Das verbindende Element zwischen all den Unangepassten und Unbequemen dieser kaukasischen Metropole ist die Armut, der Schmutz, der Gestank, die miesen Verhältnisse und der gemeinsame Versuch, durch Phantasie und Wein und Gesang und Verkleidung und und und…all dem zu entkommen: mal nach Istanbul, mal nach Moskau und wieder zurück nach Tiblissi.

Eine ganz eigene Liebeserklärung an ein eigentümliches Gebilde, das noch nicht ganz im 21. Jahrhundert angekommen scheint.red.

Wer hat die Tschaika getötet?, Krimi von Anna Kordsaia-Samadaschwili. 168 S. Aus dem Georgischen. 16,80 €. Hans Schiler, Berlin/Tübingen 2016

Blutige Spuren

Von den Hethitern 2700 Jahre vor unserer Zeit bis zu aktuellen gewalttätigen Auseinandersetzungen verläuft die blutige Spur in dem türkischen Kriminalroman „Patasana – Mord am Euphrat“ (2000) von Ahmet Ümit. Ein Archäologenteam findet im Siedlungsgebiet der türkischen Kurden, einst Zentrum des Siedlungsgebiets der Hethiter, 28 Keilschriftplatten des Hofschreibers Patasana. Auf ihnen erzählt der Verfasser von Verrat, Blutrache, Massenmord und Vernichtung. Es fließt Blut in Strömen breit wie der Euphrat, der „Fluß des Lebens“; es rollen Köpfe und jeder Versuch, diesem „Lifestyle der Gewalt“ zu entkommen etwa durch eine herzzerreißende Liebesgeschichte, mißlingt.

Auch vor dem Arbeitsalltag des internationalen Archäologenteams, das kurz vor der Präsentation seines sensationellen Fundes steht, macht das blutige Treiben in der Region nicht halt. In der Nähe des Ausgrabungsortes geschehen mehrere unerklärliche Morde, in ihrer Grausamkeit und Nutzlosigkeit, sich an den Vorbildern früherer Jahrhunderte oder gar Jahrtausende orientierend. Niemand kennt den/die Mörder: waren es prokurdische „Freiheitskämpfer“, islamistische Terroristen aus den Nachbarländern oder einfach nur Racheakte alter Familienfehden?

Die Spur des Mordens führt bis in den Kreis der Archäologen selbst, und es zeigt sich, daß das sinnlose Töten als intellektueller Aufklärungsakt seinen Widerhall findet.

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Noch extremer läßt der kurdisch-irakische Autor Bachtyar Ali in seinem Roman „Der letzte Granatapfel“ (2002) seine Figuren agieren. Normalität bedeutet in seiner Heimat „Kurdistan“ Kampf und Widerstand, Gefangenschaft und Folter, Krieg und Tod.

Der Protagonist seines Romans, ein einstiger Revolutionäer, opfert sich für seinen Anführer im Kampf gegen einen ungenannten Diktator, wobei es sich hier wohl um Saddam Hussein handeln dürfte. Er wird 20 Jahre in der Wüste gefangen gehalten. Sein Gesprächspartner ist von nun an nur der ihn umgebende Sand, seine Zukunft der klare Horizont. Währenddessen gehen die Kämpfe und das Blutvergießen weiter. Seine „Befreiung“ nutzt sein ehemaliger Anführer nur dazu, ihn erneut in einem weiteren Gefängnis einzusperren, dieses Mal in den heimischen Bergen Kurdistans. Es diene seinem Schutz vor der chaotisch-grausamen Welt, die seine in der Wüste gewonnene „seelische Reinheit“ zerstören könne. Blut, Leid und Asketentum gehen in dieser wie ein orientalisches Märchen erzählten Apokalypse eine bizarre Vereinigung ein. Einem tanzenden Derwisch gleich bricht der Protagonist aus seinem schützenden Bereich aus. Seine Drehungen in einer Welt aus Armut, Not, Elend und Tod werden immer schneller. Dafür muß er weiterhin die Augen auf seinen inneren Horizont richten, um nicht in den Strudeln des „schmutzigen Lebens“ um ihn her zu verenden. Auf der Suche nach seinem „verlorenen Sohn“ (dessen Mutter kurz nach der Geburt starb und die – wie fast alle Frauen – in diesem Roman keine Rolle spielt) begegnet er unzähligen verlorenen Söhnen. Sie vervielfältigen sich in atemberaubendem Tempo. Taucht einer auf, wird er in sinnlosen Gewaltausbrüchen getötet oder für unbestimmte Zeit in unzugängliche Gefängniszellen gesperrt oder bei einem der Giftgas- und Bombenattacken in diesen endlosen Bürgerkriegen verstümmelt. Der frühe Tod ist vielen dieser Waisen sicher. Wer dennoch überlebt, kann von Glück sagen, wenn sich eine ausländische Hilfsorganisation um ihn kümmert.

Aber selbst wenn einer von ihnen sich für einen ganz anderen Weg als den des Kampfes entscheidet, nämlich den der Liebe, erträgt es seine geschwächte Konstitution nicht: sein junges Herz aus Glas zerbricht an unerwiderter Liebe. Und auch die einzigen weiblichen Zentralfiguren, zwei singende Schwestern mit langem offenem Haar wie Märchenfeen, sind keine Rettung in diesem endzeitlichen Treiben. Sie versagen sich der Liebe und widmen sich den Kriegswaisen.

Und wo liegt die Rettung nach Meinung von Bachtyar Ali? Für ein Individuum wie seinen Protagonisten wohl nur in der Flucht nach Westen (wo ja auch das Paradies gemäß dem Koran verortet sein soll), Richtung Europa. Ob er es je erreichen wird mit seinen Fluchtgefährten, die auf einem schwimmenden Seelenverkäufer unorientiert auf dem Mittelmeer treiben, läßt der Roman offen. (Der Autor selbst lebt seit 20 Jahren in Deutschland.) Tamara Pracel

Patasana – Mord am Euphrat, Kriminalroman von Ahmet Ümit. Aus dem Türkischen von Recai Hallac. 416 S. 13,95€. Unionsverlag, Zürich 2012

Der letzte Granatapfel, Roman von Bachtyar Ali. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. 352 S. 22 €. Unionsverlag, Zürich 2016

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Mit einer Neuauflage (dt. Erstauflage 1964) des einzigen von einem Armenier geschriebenen Werk über den Genozid an seinem Volk durch die Osmanen mischt sich der Unionsverlag buchmächtig in den anhaltenden Streit zwischen Europa und dem türkischen Autokraten Erdogan zu diesem Themenkomplex.

Victor Gordon erzählt autobiographisch unterlegt von der geheimnisvollen Schönheit und Verführung des intakten jahrhundertealten Lebens der Armenier im Osten Anatoliens, in der Stadt Van, bis zur endgültigen Vertreibung, Verschleppung, Ermordung ihrer armenischen Bewohner. Die Fakten sind bekannt, die Erzählweise ist so berückend, als könnten die Toten dieser Greueltaten allein durch die Worte des Autors wieder lebendig werden, ihr Leben unter uns Nachgeborenen mit all seinen alltäglichen Verwicklungen weiterführen. red.

Brunnen der Vergangenheit, Roman von Victor Gordon (1961). Aus dem Französischen. 495 S., 18,95 €. Unionsverlag, Zürich 2016

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Den Schrecken des Krieges und der Vernichtung hält nach Ansicht des syrischen Autors Niroz Malek (*1946) nur das Schreiben stand. In seinem Miniaturenband „Der Spaziergänger von Aleppo“ hält er in kurzen Texten die Möglichkeit von Leben in dieser besonders hart umkämpften Stadt des syrischen Bürgerkriegs fest. Wie ein mit besonderen Überlebenskräften ausgestatteter Magier, dem weder Bomben noch Giftgas noch Scharfschützen etwas anhaben können, führt er das „Alltagsleben“ eines Intellektuellen, eines Stadtflaneurs, eines Genussmenschen fort. Er erzählt von diesen unablässig sich aufdrängenden unvermeidlichen Momenten des möglichen Abschieds:

„Nach dem Krachen einer heftigen Detonation… hörte ich auf zu schreiben… Da fragte sie: ‚Und willst du nicht wie die anderen Menschen, Dokumente und Habseligkeiten für die Flucht in deinen Koffer packen? Du unterscheidest dich doch nicht von all den anderen, die aus der zerbombten Stadtvierteln fliehen.‘ Ich sah sie an und dachte über ihre Worte nach. Dann lächelte ich und erwiderte: ‚Kannst du etwa glauben, daß ich meine Wohnung verlasse? Daß ich meinen Tisch zurücklasse, an dem ich gearbeitet und meine Geschichten und Romane geschrieben habe? An dem ich die Cover für meine Werke entwarf und Hunderte und Aberhunderte Bücher las?‘

Er bleibt, weil er, wie er schreibt, seine Seele nicht in einen Koffer stopfen kann – und sei er auch noch so groß. red.

Der Spaziergänger von Aleppo, Miniaturen von Niroz Malek. 144 S., 17 €. Weidle, Bonn 2017

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Mit „Frühlingsschnee“ legte Muchtar Magauin in der vom Hans Schiler Verlag betreuten „Kasachischen Bibliothek“ ein weiteres Epos zur Geschichte der kasachischen Stämme und ihren ersten Versuchen, vertrauensvolle Beziehung zwischen sich und ihren Nachbarvölkern aufzubauen. Nicht die endlose Aufzählung der Siege oder verlorenen Schlachten sollte von nun an das Regierungshandeln der Khane bestimmen, nicht die unzähligen Toten, die blutigen Leichentücher und die verschleppten Frauen und Kinder Maßstab aller Entscheidungen sein. Diplomatie und Verträge sollten Ende des 16.und im 17. Jahrhundert Einzug in die oft in Ruinen liegenden Ansiedlungen oder Yurten halten.

Nach 710 Seiten endet der 1. Band, dessen Spektrum „Die Kasachische Steppe“, „Das sibirische Reich“ und „Das Land der Russen“ umfaßt. Nicht wie ihre Vorväter unter Dschingis Khan will man mit den zentralasiatischen Herrschern und dem allmächtigen russischen Zaren im Norden in ständigem Krieg liegen. Doch dieser Vorstoß erscheint schwieriger als gedacht. Dennoch fühlen die kasachischen Nomaden der großen Steppe Zentralasiens, dass eine neue Epoche eingeleitet werden muß. Und diesen Entschluss fällten sie im Frühjahr 1588 bei einer Ratsversammlung angesichts der letzten Schneefälle des Winters, dem „Frühlingsschnee“.

Vielleicht könnte dies auch ein Hinweis an aktuelle Despoten und Autokraten der „starken Hand“ sein, ihr derzeit wenig konstruktives Tun neu zu überdenken. Ursula Daus

Frühlingsschnee. Historischer Roman von Muchtar Maguin. 710 S. Aus dem Russischen. 24,90 €. Hans Schiler, Berlin/Tübingen 2016

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