Inszenierte Gesänge der bezaubernden Walés aus dem Kongo

„Walé Bontongus Teich“. Bontongu stammt aus dem Dorf Ikoko und gehört zum Itele-Clan.
Foto © Patrick Willocq. Aus:„Songs of the Walés“, 2017

Tief im Dschungel des Kongos leben die Pygmägen-Stämme der Ekonda und Ntombas. Gemäß ihrer Tradition muß eine junge Mutter nach der Geburt ihres ersten Kindes in das Haus ihrer Eltern zurückkehren, dort über Jahre im Verborgenen leben und strengen traditionellen Regeln folgen. Da das Erstgeborene immer das zukünftige Familienoberhaupt darstellt, muß es vor allen möglichen Gefahren geschützt werden und unter den bestmöglichen Bedingungen seine ersten Lebensjahre verbringen. Oberstes Gebot ist jedoch, die Vermeidung jeglichen Geschlechtsverkehrs, sei es mit dem Vater oder mit anderen Männern. Denn nach der Überzeugung dieser Pygmäen verdirbt Sperma die Muttermilch.

Walés sind angehalten, sich nur um ihr Baby und ihren eigenen Körper zu kümmern. Kleidung, Schminke und Frisuren werden tagtäglich sorgfältig neu in Szene gesetzt.

Die größte Herausforderung für die Clans ist jedoch die Abschlußszeremonie, wenn die Walés ihr Versteck verlassen dürfen und wieder in die Gemeinschaft zurückkehren. Diese Zeremonie ist nicht nur von Äußerlichkeiten bestimmt, sondern beinhaltet auch Gesänge und Tänze, die die Walés in ihrer Abgeschiedenheit komponieren und choreographieren.

Hier setzt die Arbeit des französischen Fotografen Patrick Willcoq an. Gemeinsam mit einem Ethno-Musikologen, einem Künstler und vielen Handwerkern der Pygmägen-Clans inszenierten sie „surreale Szenerien“ mitten im Urwald, die sich an den Gesängen einiger Walés inspirierten. Unübertroffen ist hierbei der kreative Umgang mit den Naturmaterialien, die der Wald liefert und die die Menschen dieses Landstrichs seit Urzeiten sich zu nutze machen und verfeinern.

In der Installation von Bontongu, einer 19jährigen Mutter, die drei Jahre in Abgeschiedenheit lebte, steht ein kleiner Lilienteich im Zentrum ihres Zeremonienliedes: „Ich bin wie ein Teich im Wald/wie Fischhaut, die sich nicht abschuppt/wie ein Tier, das man nicht sehen kann/und ich bewege mich wie ein Fisch im Wasser.“

Andere Walés wählten Beigaben der westlichen Moderne für ihre Installation, wie Fahrräder oder Flugzeuge, so die Walé Asongwaka, genannt „die Schöne“, vom Dorf Bioko des Ilonga-Clans. Asongwaka besteigt für die Installation mutig ein aus Schilfruten und Palmwedeln geflochtenes Flugzeug, das an Seilen zwischen zwei Bäumen baumelt. Um sie her flattern Modellflugzeuge vor einer blaugestrichenen Flechtwand.

Am Beginn und am Ende des Bandes stehen Einblicke in das Habitat dieser Pygmäen-Stämme: grüner Dschungel, der nur von schmalen roten Pfaden durchzogen wird. Und dennoch sieht man bereits das Werk der zivilisatorischen Maschinerie, wenn der Weg von Radspuren verbreitert ist oder gesäuberte Böschungen die Durchfahrt erleichtern.

Die Fotografien des Bandes entstammen den Serien „I Am Walé Respect Me“ (2013), „Forever Walé“ (2014) und „The Untouchables“ (2014). Die Tradition der Walés scheint mit dieser hier abgebildeten Generation junger Frauen an ihre Ende gekommen zu sein. Ursula Daus

Songs of the Walés, Fotos von Patrick Willocq, Texte von Martin Boilo Mbula, Laurence Butet-Roch, Alain Mingam, Azu Nwagbogu. 208 S., 178 Farbabb., 39,90 €. Kehrer, Heidelberg 2017

 

ANSICHTEN DES LEBENS

Das in 29 Kapiteln verfaßte „Logbuch des Lebens“ von John Steinbeck kann nach mehr als einem halben Jahrhundert als Neuübersetzung in einer klassisch gebundenen Ausgabe aus dem „mare Verlag“ wieder goutiert werden.

Ein Lesevergnügen ist dieses Reisetagebuch vom 12. März bis 13. April 1940 entlang der Küste Baja Californias allemal. Der vorliegende Text basiert auf der 2. Ausgabe mit dem Titel „The Log from the Sea of Cortez“ von 1951, die um einige wissenschaftliche Anmerkungen der Erstausgabe von 1941 gekürzt wurde. Sie brachte den gewünschten Verkaufserfolg gegenüber dem breiten Publikum.

Die Halbinsel „Baja California“, hier mit Niederkalifornien übersetzt, erhielt bei den spanischen Conquistadoren ihren Namen als Gegenstück zum „Alta California“, dem heutigen US-Bundesstaat Kalifornien.

John Steinbeck machte sich in Begleitung seines wissenschaftlich geschulten Freundes und Meeresbiologen Ed Rickett plus einer mehrköpfigen Crew im Frühjahr 1940 mit einem Fischkutter auf die Reise, um die bis zu diesem Zeitpunkt wenig erforschte Fauna der Küstengewässer des Golfs näher in Augenschein zu nehmen. Sie wollten kleine Meereslebewesen sammeln und präparieren, um sie später zuhause zu ordnen und zu analysieren. Irgendwie, so schreibt der Autor, war diese Reise auch eine Flucht aus der bedrohlichen Realität des 2. Weltkriegs, in den die USA hineingezogen worden waren.

Ihre Forscherarbeit hatte nach eigenen Aussagen nur wenig mit exakten Wissenschaftsmethoden anderer Expeditionen gemein. Und genau diese Lücke zwischen fröhlichem Dilettantismus und wissenschaftlicher Pedanterie wollte John Steinbeck mit seinem Logbuch füllen. Die Teilnehmer waren zwar ambitioniert, begeistert, zeigten Durchhaltevermögen auch in widrigen Situationen, genossen aber die sich bietende Freiheit dieser ungewöhnlichen Beschäftigung in wilder Natur in vollen Zügen. Trotz aller Widerstände kehrten sie mit Hunderten gefüllten Glasröhrchen vollter Küstenbewohner des Litoral von Niederkalifornien zu ihrem Heimathafen Monterrey zurück.

Ausführlich beschrieb Steinbeck das Küstenrelief, die kleinen armseligen Hafenorte entlang der südlichen Ufer sowie die zunehmend menschenleeren Küstenstriche im Golf selbst. Philosophische Nachtgedanken zum Ursprung des Lebens sowie über den kargen, aber wohl zufriedenen Alltag der wenigen Indianer, die man antraf, füllten die Zeit zwischen den Sammelausflügen. Steinbeck urteilte nur aus der distanzierten Perspektive, von einem Boot aus, das sehr selten einen direkten Kontakt mit dem Land, den Menschen und ihrem Habitat aufnahm.

Seine Kenntnisse über diese Region bezog er aus den schriftlichen Zeugnisse der mehr als 400jährigen Präsenz der Spanier. Referenzpublikation war für ihn das 1789 erschienene Werk des Jesuiten F. X. Clavijero. Aus mexikanischer Feder erschien erst 1951, also zum Zeitpunkt der 2. Auflage von Steinbecks Logbuch, ein umfassender Reiseessay zu Baja California. Der Schriftsteller Fernando Jordán gab ihm den Titel „El Otro México“, Das andere Mexiko, und zementierte damit diesen kalifornischen Appendix bis Ende des 20. Jahrhunderts zu einem Fremdkörper der mexikanischen Nation.

Die gefährlichen Küstengewässer, durch die Steinbecks Tour führte, galten seit ihrer Rekognoszierung durch die Spanier im 16. Jahrhundert bis Anfang des 21. Jahrhunderts als eher zu meidendes Terrain. (s. dazu auch: R&U Daus, „Die Spanier im Pazifik – Reloaded. 1520-2015“, Berlin 2013) Sie präferierten deswegen die Landroute entlang des mühsam angelegten „Camino Real“, Jahrhunderte später, in den 1970er Jahren, die Grundlage einer asphaltierten Autostraße von der US-amerikanischen Grenze bis zur Bucht von San Lucas bildete. Anfangs fuhren zivilisationsflüchtige Aussteiger mit Steinbecks Logbuch im Gepäck über diesen 1300 Kilometer langen gewundenen Weg Richtung Süden. Später folgte ihnen der Massentourismus. Der von Steinbeck als „traurigster Fischerort“ beschriebene Küstenflecken Cabo San Lucas mauserte sich in den darauffolgenden Jahrzehnten zu der Luxusdestination „Los Cabos“.

Auch im 21. Jahrhundert gilt Steinbecks „Logbuch des Lebens“ der US-amerikanischen Öko-Gemeinde als eine Art „Bibel der Ökologie“. Es überzeugten seine konkreten Einlassungen zur Beschäftigung mit dem fragilen Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur. „Unsere Gastgeber waren so freundlich zu uns wie es nur Mexikaner sein können. Außerdem zeigten sie uns die besten Jagdmethoden. Wir werden keine anderen mehr anwenden, obwohl wir anmerken müssen, daß wir sie etwas verbesserten. Wir verzichteten vollständig auf die Mitnahme eines Gewehrs, sodaß wir in keinem Fall eine Jagdtrophäe in Form eines getöten Tieres vorweisen konnten… Statt des Kopfes eines Borrego cimarrón, Großhornbergschafes, befestigten wir auf einem Holzbrett die erbeuteten Schafsköttel. Wo andere sagten: ‚Hier lebte ein Tier, aber weil ich mächtiger bin als dieses Tier, ist es jetzt tot‘, konstatierten wir, ‚hier lebte ein Tier und so weit wir wissen, lebt es hier immer noch – und das ist der Beweis, daß es gesund und munter war, als wir ihm das letzte Mal begegneten.“ (S. 188)

Aber Steinbeck beließ es nicht bei diesen konkreten Einlassungen. Er ordnete das Erfahrene in seine Universalansicht zur Zivilisation des 20. Jahrhunderts ein und sprach eine Warnung aus. „In den Vereinigten Staaten haben wir unsere Ressourcen so gründlich zerstört, unser Holz, unser Land, unsere Fische, dass wir als abschreckendes Beispiel herhalten können. Jede Regierung und jedes Land, dessen Bürger so aufgeklärt sind, dass sie mit der Idee nachhaltigen Wirtschaftens etwas anfangen können, sollte unsere Methoden vermeiden.“ (S. 275)

Seinem Freund und Reisegefährten Ed Rickett, der kurz nach diesem gemeinsamen Abenteuer verstarb, widmete er einen langen Nachruf am Ende des Bandes.

Steinbecks „Logbuch des Lebens“ aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts beschenkt auch heutige Zeitgenossen mit einem extravagantes Lesevergnügen über eine unorthodoxe Forschungsreise zu einer einst lebensprallen, fast menschenleeren Küste. Ronald Daus

Logbuch des Lebens, von John Steinbeck. Neuübersetzung von Hennig Ahrens. Gebundene Ausgabe im Schuber. 365 S. 32 €. mare, Hamburg 2017

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