„Nautische Werke“ von Jacques Devaulx. Ein Luxusobjekt, in dem sich auf geniale Weise „Bild“ und „Bildung“ vereinen.

Detail aus der Gebrauchsanweisung für die Volvelle namens „Gezeitenuhr“. Karte der Atlantikküste zwischen Nordfrankreich und Portugal mit Angaben zur Bestimmung der Gezeiten. Folio 25r, aus: Les Premières Œuvres de Jacques Devaulx, 1587.

Mit dem Faksimile-Druck und der wissenschaftlichen Aufarbeitung der „Nautischen Werke“ (1587) des aus Le Havre stammenden Ersten Lotsen und Steuermann Jacques Devaulx (1555?-1597) übertrifft sich der Taschen-Verlag erneut in Auswahl, Ausstattung und Präsentation eines historischen europäischen Werkes. Devaulx hatte nach einer Erkundungsfahrt über den Atlantik von Le Havre aus Brasilien, die Karibik, die Küste Amerikas bis nach Labrador bereist. Seine Kenntnisse über Längen- und Breitengrade, Gezeiten, Meßinstrumente, Volvellen, Kosmografie hatte er unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Kartographie in seinem nautischen Welt-Handbuch untergebracht. Doch er begnügte sich nicht mit der Darstellung simpler Fakten. Er stattete sein Werk opulent mit Zierbuchstaben und Illustrationen aus. Denn Jacques Devaulx, der normannische Kartograph, galt als einer der her-ausragenden Repräsentanten der französischen Hydrographie-Schule, der sogannenten „Schule von Dieppe“, die auch nach der Erfindung des Buchdrucks ihre Werke handschriftlich auf kostberen Papieren fertigten.

War das prachtvolle Original nur Königen, Herzögen und ihrer Entourage zugänglich, dürfen heute gewöhnliche Sterbliche dieses einstige „Luxusobjekt“, in dem sich auf geniale Weise „Bild“ und „Bildung“ vereinen, betrachten und besitzen. Ronald Daus

Nautical Works. Œuvres Nautiques. Nautische Werke, von Jacques Devaulx. Faksimile. 264 S. Farb- und s/w-Abb. 100 €. Taschen, Köln 2018. http://www.taschen.com

 

Mickalene Thomas: „Femmes Noires“ in der „Art Gallery of Ontario“, Toronto.

Portrait of Maya #10, 2017, von Mickalene Thomas. Strass, Siebdruck und Acryl auf einer auf Holzplatte gezogenen Leinwand, 96 x 84 Zoll.
Private Collection, Toronto.© Mickalene Thomas / SOCAN (2018).

Die afro-amerikanische Künstlerin Mickalene Thomas (*1974) wird in der „Art Gallery of Ontario“ in Toronto sowie im „Contemporary Arts Center“ in New Orleans mit einer großen Solo-Ausstellung ihrer wichtigsten Werke gewürdigt. Mickalene Thomas provoziert seit mehr als zwei Jahrzehnt ihr Publikum mit Inszenierungen, die sich immer weiter in von der Kunstgeschichte sanktionierte Werke vorwagen. Ölmalerei, Strass, Siebdruck, Fotografie oder Mischtechniken zeigen schwarze Frauen in den Posen der großen europäischen Meister. Meist ist die Künstlerin Selbstdarstellerin in ihren Tableaus, wie bei der Revision des berühmt-skandalösen „Origine du Monde“ (1866) von Gustave Courbet. In „Origin of the Universe“ (2012) inszenierte Thomas sich selbst als „Ursprung der Welt“ und lieferte davon auch gleich mehrere Versionen in unterschiedlichen Herstellungstechniken. In ihrer Serie „Maya“ dient die „Nackte Maja“ des 1795–1800 entstandenen Ölgemäldes von Francisco José de Goya als Model. Können, Witz, Ironie und Mut zeichnen diese engagierte Künstlerin aus.

Solo-Ausstellung bis 24. März 2019 in der „Art Gallery of Ontario“, Toronto. Weitere Informationen unter: http://www.ago.ca

 

Geschichten aus Tausend und einer Ölquelle

„Baku ist größer als jede andere Erdölstadt der Welt. Wenn das Erdöl König ist, ist Baku sein Thron…“, schrieb J.D. Henry im Jahr 1905. Der Erdölreichtum sowie die Existenz der Stadt Baku am Kaspischen Meer sind seit mehr als zwei Jahrtausenden belegt. Dort wo das Öl direkt aus dem Boden sprudelte, etablierte sich der Kult des Zarathustra, der bis heute fortbesteht. Doch mit der Ausbeutung dieser Naturressource ab Mitte des 19. Jahrhunderts in bis dahin ungekanntem Ausmaß machte auch die Stadt Baku einen qualitativen Sprung. Die „Erdölbaron-Stadt“ (1870-1918) entstand mit ihren stark ausdifferenzierten urbanen Teilen aus der „Schwarzen Stadt“ mit Bohrtürmen, Raffinerien und Arbeiterwohnungen und der „Weißen Stadt“ mit ihren Großbürgerhäusern, Kultureinrichungen und „Bulevars“. Ihr folgte die „Erdölstadt des sozialistischen Menschen“ (1920-1991) nach der Machtübernahme der Sowjets über diesen wichtigen Produktionsstandort mit sozialistischen Stadtexperimenten und neuen Technologien. Zwischen 1991 und 2012 richtet die Autorin den Blick in die Zukunft ohne Erdöl. Welche Auswirkungen wird diese relativ unsichere Entwicklung auf die Stadtplanung und die Lebensqualität ihrer Bewohner haben?

Mit zahlreichen Stadt- und Entwicklungsplänen, teilweise aus bisher verschlossenen sowjetischen Archiven, werden die einzelnen Phasen dieser Boom-Town des 19. bis 21. Jahrhunderts erörtert. Die wichtigsten Etappen einer Neuplanung im 19. Jahrhundert durch die Brüder Nobel, die sowjetischen Expansionspläne weit über die Stadtgrenzen hinaus in die Förderregionen der Abscheron-Halbinsel, die den historischenTempel des Zarathustra einkreisten  und ihm seine natürlichen Ölquellen abgruben (seine Feuerstellen werden heute durch künstlich zugeführtes Öl am Brennen gehalten), bis zu den märchenhaft-futuristischen Architektursolitären und der gentrifizierten Verbindung zwischen der einst „Weißen“ und „Schwarzen“ Stadt läßt sich bis ins kleinste Detail nachvollziehen.

Dass für die expansive Metropole nicht immer alles nach „Plan“ lief, zeigten die ständigen, bei der Bevölkerung oft umstrittenen Abriß- und Neubauphasen in Aufbau- und Niedergangsepochen. Doch noch immer herrscht – wie im 19. Jahrhundert – eine kosmopolitische Grundstimmung in dieser Vielvölkerstadt mit enormen Einkommens-, Kultur- und Glaubensunterschieden. Dank ihrer relativ toleranten Haltung reüssierte die Metropole bereits in ihrer eklektizistischen Phase und hat sich mit einer extremen Formensprache mit ihrer neo-eklektizistischen Phase in die Topliste der Mega-Metropolen des 21. Jahrhunderts wie Dubai, Singapur oder Astana katapultiert.

Diesen hochspannenden Weg nachzuzeichnen gelingt Eva Blau in ihrem Band „Baku. Oil and Urbanism“ mit leichter Hand und zahlreichen historischen und aktuellen Fotografien. Alex Westwood

Baku. Oil and Urbanism, von Eva Blau, mit einem Fotoessay von Ivan Rupnik. 302 S. Karten, Pläne, Index, Bibliographie. 48 €. Park Books, Zürich 2018. http://www.scheidegger-spiess.ch

 

Über das Meer hinaus

Doppelseite aus dem Tagebuch des norwegischen Matrosen Daniel Trosner (1685-1741) von 1710

Mit der Ausstellung „Europa und das Meer“ hat sich das Deutsche Historische Museum in Berlin ein wahrhaft gigantisches Thema gewählt. Unter der Prämisse, daß Europa, „gemessen an Küstenlänge und Gesamtgröße mehr Berührungspunkte mit dem Meer“ habe als jeder andere Kontinent, wird die Bedeutung des Meeres als Motor für die europäische Entwicklung über mehrere Jahrtausende untersucht. Von mythischen Vorstellungen hin zur tatsächlichen Seefahrt, der Herrschaft über die Meere, dem Künstenhandel, Sklavenhandel sowie der Meeresforschung reicht das Spektrum des mit archäologischen Funden, historischen Dokumenten und digital-animierten Inszenierungen belegten „Sehnsuchtsraums“.

Europäische Weltherrschaft wäre ohne die Erforschung der sich über den gesamten Globus ausbreitenden maritimen Verkehrswege undenkbar gewesen. Und dennoch sind es heute die risikobereiten Bewohner der Küsten Amerikas, Arabiens, Afrikas, Indiens, Asiens oder Australiens, die die einst von den Europäern kontrollierten Meeresstraßen befahren und den daraus profitträchtigen Handel für sich beanspruchen.

Dass der Alltag auf den diese oftmals wilden Gewässer durchpflügenden Schiffen immer eine besondere Herausforderung für die Besatzungen darstellte, ist  hundertfach dokumentiert worden. Daß sich daran auch im 21. Jahrhundert wenig geändert hat, sieht man an der noch immer niedrigen Wertschätzung der Seeleute, die für ein geringes Salär ihr Leben im Kampf mit den Elementen und für den Profit einiger Weniger riskieren. Dennoch schafften es manche unter diesen „Männern aus Eisen“, die „auf Schiffen aus Holz“ fuhren, ihre Eindrücke, Erlebnisse und Überlegungen in kunstvoll gestalteten Schrift- und Bildseiten festzuhalten, wie die Doppelseite aus dem Tagebuch des norwegischen Matrosen Daniel Trosner (1685-1741) von 1710 bezeugen.

Weitere Themenschwerpunkte sind die Nutzung und Ausbeutung von Meeresressourcen, Umwelt und Klimafragen sowie die erneut in den Fokus gerückte Flucht und Migration über das Meer nach Europa.

Bezüglich Malerei und Literatur bleibt die Ausstellung seltsam verhalten. Die ausgewählten Gemälde deutscher oder anderer europäischer Maler erzählen von einem düsteren Wellental, von gänzlich bekleideten Strandurlaubern, wo nur Erich Heckels nackten „Badenden an der Förde“ von 1913 einen Kontrapunkt bilden. Aber auch hier wirkt der Himmel bedrohlich, von dunklen Gewitterwolken überzogen, und die Strandflora vom aufkommenden Winde verweht. Tamara Pracel

Europa und das Meer, Katalog zur Ausstellung (bis 6.1.2019). 448 S., 415 Abb. 39,90 €. Hirmer, München 2018. http://www.hirmerverlag.de

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