Die schwierige Kunst, ein Museum zu entkolonisieren. Zur Wiedereröffnung des „Musée royal de l‘Afrique centrale“ in Brüssel

„Reorganisation (Umstrukturierung)“, 2002, von Chéri Samba (*1956). Sammlung RMCA, HO.0.1.3865.

„Wenn wir die koloniale Vergangenheit mit heutigen Augen betrachten, können wir nur zu dem Schluß kommen, daß die Kolonisierung als System und Führungsmodell unmoralisch ist und daß wir uns völlig davon distanzieren müssen. Kein Land hat das Recht, ein anderes zu unterwerfen, denn kein Volk hat je darum gebeten, kolonisiert zu werden.“ Die Worte des Generaldirektors des als „AfricaMuseum“ wiedereröffneten ehemaligen „Königlichen Museum für Zentralafrika“ sind eindeutig. Das Bild, das das neugestaltete und erweiterte Museum  von seinem Schwerpunkt Zentralafrika – hier vor allem der von dem belgischen König Leopold II. erst als Privatbesitz beanspruchten Kongo, später vom Staat Belgien als Belgisch-Kongo verwaltete und ausgebeutete Kolonie – vermitteln will, soll in nichts mehr an seine mehr als 100jährige Geschichte erinnern.

Das in einem großen Park 1897 für die Weltausstellung erbaute schloßartige Gebäude wurde bereits 1910 unter Denkmalschutz gestellt und damit auch wesentliche Dekorelemente wie die mächtigen Deckengemälde mit dem königlichen Emblem oder die Statuen des Erbauers. Hier konnten lebende afrikanische Tiere und Menschen in ihrem angeblich natürlichen „Habitat“ bestaunt werden. Wenn in den Folgejahrzehnten die lebenden Exponate von Gipsnachbildungen abgelöst wurden, blieb der Tenor dennoch eindeutig: Belgien und Belgier haben sich als aufopferungsvolle Zivilisationsbringer im Kongo Verdienste erworben. Ihre Verfehlungen, ihre Gräueltaten wurden, wenn überhaupt erwähnt, als Kollateralschäden behandelt. Die Reichtümer des Kongobeckens – Gold, Rohstoffe, Holz etc. – gehörten nach dem Verständnis der Museumserbauer und -betreiber selbstverständlich denen, die sie sich zu erobern wußten.

Kostbare afrikanische und europäische Originale der frühen kongolesischen Kolonialgeschichte seit dem 15. Jahrhundert wie  das Original des Briefes des ersten christianisierten Kongo-Königs Afonso I. an den portugiesischen König João III. werden sorgfältig gehütet. Im Museum befindet sich auch das Archiv des Abenteurers  Henry Morton Stanley, der mit rücksichtsloser Gewalt große Teile des Kongobeckens für den belgischen König Leopold II. in Besitz nahm.

Mit der Neugestaltung, die vor allem eine medientechnische Aufarbeitung und Neubewertung der bereits vorhandenen Ausstellungsobjekte für die Besucher beinhaltet, bemühen sich die Organisatoren in Kooperation mit kongolesischen und Diaspora-Gruppierungen um ein allumfassendes Narrativ, in dessen Mittelpunkt die Aufarbeitung der gemeinsamen schmerzhaften Geschichte stehen soll.

Was dem Museum einen eher pädagogischen Anstrich verleiht, bildet sich in den angeschlossenen Forschungseinrichtungen zu den diese Region betreffenden Sprachen, Sitten und Gebräuchen der einzelnen Völker in fundierten Publikationen ab.

In der neu aufgenommenen Abteilung „Afropea“ kommen die Diaspora-Kongolesen zu Wort. Zentrales Ausstellungsobjekt in diesem Rahmen ist das Werk des Künstlers Freddy Tsima. „Ombres“, Schatten, projiziert auf die weißen Wänder unter die belgischen Namen die Schatten und Namen von Kongolesen, die während der Weltausstellung 1897 in ihren „afrikanischen Dörfern“ ums Leben kamen. Dazu stellt er einen der eisernen Wagen, der den Weg zwischen der Hafenstadt Matadi und Kinshasa bahnte, bei dessen Bau zahllose in die Zwangsarbeit verschleppte Kongolesen ihr Leben ließen.

Eine gewaltige Herausforderung für die Museumsmacher bleibt diese architektonisch und museumsorganisatorisch abgeschlossene Neustrukturierung in jedem Fall. Vielleicht hilft hierbei ein Blick genau auf diesen Kontinent Afrika, worin ja der Daseinsgrund des Museums begründet liegt. Denn dort diskutieren Intellektuelle, Künstler und Medienschaffende die „schöne neue afrikanische Welt“ in Werken wie „L‘Afrique qui vient“, „Afrotopia“ oder  „Écrire l‘Afrique Monde“. Für diese kosmopolitischen Weltbürger ist die Epoche der „Post-Dekolonisierung“ bereits eine Selbstverständlichkeit. Dazu zählt u.a. auch die Rückgabe und nicht die europäische Neubewertung afrikanischer Kunstwerke an afrikanische Museen  als Grundvoraussetzung eines Zukunftsdialogs „auf Augenhöhe“. Ursula Daus

AfricaMuseum, Tervuren bei Brüssel. Katalog: Unvergleichliche Kunst: Wunderbare Objekte des Königlichen Museums für Zentralafrika. 25 €  http://www.africamuseum.be

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