„Viel Lärm um das Nichts“. Anmerkungen zu Michel Houellebecq’s Roman „Serotonin“

: „Die grausamen Märchen der Paula Rego“. Ausstellung im Musée de l‘Orangerie, Oktober 2018-Januar 2019. Die portugiesische Künstlerin Paula Rego (*1935) hat schon in den 1980ern die menschlichen Abgründe des Landlebens in Szene gesetzt wie sie Michel Houellebecq in seinem Roman „Serotonin“ 2019 wieder aufnimmt.

„Viel Lärm um das Nichts“, könnte man diesen druckfrischen Roman des französischen Autors Michel Houellebecq überschreiben. Mit „Serotonin“ hat er ein dekadentes Lesevergnügen passend zu einer Epoche geschaffen, die zwischen „alternativlosem Ennui“ der sogenannten Eliten und rebellischer Verzweiflung der von ihnen ignorierten  „Indignados“, zu deutsch etwa Wutbürger, oszilliert.

Erstaunlich an dieser manchmal ironischen, manchmal wütenden, manchmal melancholischen, oftmals bissig-scharfen Lektüre ist, dass sie überhaupt existiert. Da setzt sich einer hin, und schreibt weiter, langsam, gemächlich, routiniert. Entsprechend gibt sich sein Protagonist jeden Tag aufs Neue seiner Alltagsroutine hin: eine halbe Tablette Anti-Depressiva der neusten Generation, 2 bis 3 Zigaretten und eine Tasse scharzen Kaffees aus einer Kaffeemaschine, die zu seinem Erstaunen überraschend schnell und effizient dieses Getränk bereitet.

Jetzt scheinen sowohl Autor als auch Protagonist bereit, den Widerwärtigkeiten des modernen Alltags zu begegnen. Doch trotz dieser angeblichen Gemeinsamkeiten stürzt der Autor ab diesem Moment seine Hauptfigur in eine unheilbare Melancholie angesichts des Verlustes einer großen Liebe und der Sinnlosigkeit, weitere Versuche des Scheiterns zu starten. Mit geradezu voyeuristischer Wollust begibt sich die nur wenig handelnde, von unzähligen Grübeleien gepeinigte Agrarökonom Florent-Claude auf die Suche nach dem schmerzfreien, „erfolgreichen“ Selbstmord.

Der Zeitraum zwischen Entschluss und Ausführung der Tat dient dem Autor dazu, genüßlich in seinem selbstverfassten Literatur-Archiv herumzuschmökern – wieder tauchen die Nudistencamps auf wie in „Ausweitung der Kampfzone“, die spanischen Urlaubsrefugien wie in „Lanzarote“, die Ausflüge in die Biochemie-Forschung wie in „Elementarteilchen“ – sowie ausführlich seine Lieblingsautoren der europäischen Weltliteratur in seine Geschichte zu verwickeln, allen voran Gogol‘s „Tote Seelen“.

Mit bekannter Schreibfertigkeit erzählt Houellebecq aber auch von den kruden, relativ aufwändigen Verfahren bei der Beantragung von Fördergeldern bei der EU oder der Zentralregierung in Paris, die angeblich dem Schutz der französischen Landwirtschaft dienen sollen in einem „mörderischen“ Auslöschungskampf des globalen Marktes. Und so erfahren wir, wie hochdotiert die Verträge für die Kopfgeburten dieser sogenannten Experten sind und wie nichts und niemand die Zerstörung der kleinen Landwirte und Unternehmer in den Weiten der französischen Landstriche aufhalten kann.

Mit Akribie bearbeitet der Roman eine einst bei Pariser Künstlern und Großbürgern hochgeschätzte Inspirations- und Erholungszone: die Normandie. Für Freunde der „Lebensart der Normandie“ aus Camembert-, Livarot- und Pont l‘Evêque-Käse, Cidre und Calvados bietet dieser Text erste Einblicke. Für Houellebecq jedoch steht die Region beispielhaft für den Niedergang einer einst prosperierenden französischen Provinz.

Einer der Höhepunkte des Romans bildet die „Zusammenrottung“ Barrikaden errichtender Milchbauern in der Nähe des idyllisch-elitären Küstenortes Deauville. Der aristokratische Anführer dieser von der Globalisierung ihrer Würde beraubten „Wutbürger“ – die derzeit als „Gelbwesten“ lautstark ihren Unmut in ganz Frankreich kund tun – katapultiert sich medienwirksam mit einer historischen Schußwaffe aus seinem bankrotten Viehbauern-Leben. Der Mut dieses Nachkommens eines Jahrtausende alten Geschlechts läßt den Protagonisten noch tiefer in seiner Depression versinken. Dass er selbst im Gegenzug nicht in der Lage ist, das Kind seiner einstigen Geliebten mit einer Jagdflinte aus dem Weg zu schaffen, zeugt gegen Ende des Romans von der großen Menschenliebe des oft als zynisch titulierten Autors Houellebecq.

Immerhin bleibt den Leserinnen und Lesern das Vergnügen, die politisch unkorrekte Sprachwahl, die Kraft- und Vulgärausdrücke bei der Beschreibung wenig erotischer Sexszenen bis hin zur Pädophilie und der intensive Einblick in die aktuelle französische „Malaise“ aus der Feder des bekanntesten „enfant terrible“ der französischen Literatur des 21. Jahrhunderts zu goutieren. Ronald Daus

Serotonin, von Michel Houellebecq. Aus dem Französischen. 336 S. 24 €. Dumont, Köln 2019. http://www.dumont-buchverlag.de

Advertisements