Dekolonisierung und kein Ende. Teil 2…..

„ Die Strecke (Selbstportrat)“ von Wilhelm Kuhnert, 1915. Ausschnitt.
Aus dem rezensierten Band „König der Tiere“, 2018

Monumental und bildmächtig präsentiert die Kunsthalle Schirn in Frankfurt das nahezu vergessene Werk des Berliner Malers Wilhelm Kuhnert (1865-1926). Dieser prägte mit seinen Zeichnungen, Aquarellen und Ölgemälden von afrikanischen Tieren, Landschaften und Menschen das Bild eines faszinierend-phantastischen Afrikas bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Seine Tier- und Naturdarstellungen bereicherten nicht nur Brehm‘s „Tierleben“. Sie fanden sich auch auf Plakaten, Briefmarken, Schautafeln und als Reproduktionen in Kolonialromanen und Reisebüchern.

Sein Werk beförderte den exotistischen Eskapismus genauso wie den imperialen Kolonialismus des deutschen Reiches in Ostafrika. Seine eigenen Reisen durch diesen Teil Afrikas dienten ihm zur Vorortrecherche, zum Abgleich zwischen Realität und Kunstwerk – sowie zur Befriedigung seiner Leidenschaft als Großwildjäger. Anders als bei seinen Jagderfolgen, wo er sich im Selbstporträt mit erlegter Beute darstellte, haderte er dennoch mit dem von ihm so beeindrucken wiedergegebenen Sujet: „Das Malen hier ist keine Leichtigkeit“.  Was genau er damit ausdrücken wollte, bleibt sein Geheimnis: waren es die klimatischen Bedingungen, die Reiseschwierigkeiten, das Essen, die Lichtverhältnisse, die Gefahren des Buschlands – immerhin deponierte er vier Jagdflinten in Reichweite seiner Staffelei? Oder berührten auch ihn, den überzeugten Kolonialisten, die menschlichen Schicksale der Bewohner, wie es seine Skizze eines an einem vertrockneten Ast Erhängten festhielt: „Mabruk, der Geliebte der Ndekocha, erhängt, 1905“?

Aus heutiger Sicht erscheint die Kunst eines Wilhelm Kuhnert als ein zeittypisches Kuriosum: einerseits bedienen seine hochklassig ausgeführten Ansichten von Fauna und Flora Afrikas einen ungebrochen aktuellen Eskapismus bei westlichen Betrachtern. Andererseits provozieren sie offenen und berechtigten Widerspruch angesichts der derzeit hochaktuellen Dekolonisierungs-Diskussion und Kunst-Rückgabe-Ansinnen der auf der Suche nach Eigenständigkeit bestärkten afrikanischen Intellektuellen und Künstler.

Nur zwei Jahrzehnte nach Wilhelm Kuhnerts letztem Afrika-Aufenthalt wurde in Nairobi der kenianische Fotograph Priya Ramrakha geboren. Abkömmling eines im 19. Jahrhundert aus Indien in die britische Kolonie Uganda ausgewanderten Familie, wuchs er in einer von Unabhängigkeit und Freiheitsträumen imprägnierten Großfamilie in Nairobi auf. Sein Onkel besaß eine Druckerei, in der die anti-koloniale Tageszeitung „The Colonial Times“ und der auf Kisuaheli erscheinende Ableger „Habari za Dunia“ erschienen.

König der Tiere. Wilhelm Kuhner und das Bild von Afrika, Ausstellungskatalog. 264 S., 171 Farbabb. 39,90 €. Hirmer, München 2018. http://www.hirmerverlag.de

Gefangene Aufständische vor dem Verhör in britischen Konzentrationslagern in Kenia.
Foto von Priya Ramrakha, 1953-54.

 

Priya Ramrakha hatte von Kindesbeinen an nur einen Wunsch: er wollte als Fotograf die kolonialen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten dokumentieren und damit ihr Ende beschleunigen.

Er erhielt ein Stipendium zum Studium in den USA. Er kehrte zurück und nutzte sein neuerworbenes Wissen, um die Freiheitskämpfe, die Schlachtfelder, das menschliche Leid direkt aus der Mitte der Ereignisse in die Welt zu transportieren. Seine gegen sich selbst rücksichtslose Arbeitswut katapultierte seine Bilder bis in die europäischen und US-amerikanischen Top-Gazetten wie etwa das Time-Life-Magazin. Dieser Bild-Fantatismus beendet 1968 sein junges Leben, als er im nigeriansichen Biafra-Krieg in einen Hinterhalt geriet.

Die späte Hommage durch den vorliegenden Fotoband ist ein unverzichtbares Zeugnis einer ungebrochenen Überzeugung, daß nur ein kämpferischer gemeinsamer Einsatz die Freiheit bringen kann

Der kenianische Fotograf Priya Ramrakha, hg. von Shravan Vidyarthi & Erin Haney. 200 S. 225 Fotoabb. 39,90 €. Kehrer, Heidelberg 2018. http://www.kehrerverlag.com