„Verführung“ in Breslau und „Lust auf Täuschung“ in Aachen

 

„Umschlungenes Paar“, 1918/19, von Otto Mueller. Leimfarbe auf Leinwand.

Von 1919 bis 1930 faszinierte und verführte der Expressionst Otto Mueller mit seiner Persönlichkeit, seiner Malerei und seiner avantgardistischen Lebensweise nicht nur eine große Zahl junger Künstlerinnen, sondern auch Künstlerkollegen und Sammler. Er war 44 Jahre alt, als er 1919 nach Breslau berufen wurde. Seine Leidenschaft der Akt-Malerei, besonders der Aktmalerei in freier Natur, berührte und revolutionierte die Breslauer Akademie tiefgreifend. Seine Sujets wie blutjunge, fragile junge Frauen, aber auch seine sogenannte „Zigeuner-Malerei“ galt als anti-bürgerlich und somit in etablierten Kreisen dieser schnell gewachsenen, jedoch „erstaunlich provinziellen“ Metropole als kritikwürdige Verführung. Mueller machte die Leimfarbenmalerei auf Rupfen „hoffähig“, die ein schnelles und entschiedenes Arbeiten des Künstlers erfordert, da die Leimfarbe schnell auf diesem ausgefallenen Untergrund trocknet.

Otto Mueller selbst empfand seine Breslauer-Zeit eher als einen „widerwilligen Lebensabschnitt“. Die langen Semesterferien nutzte er für Reisen nach Rumänien, Bulgarien oder Ungarn, zu den Modellen, die er liebte, „seinen Zigeunern“, deren Freiheit ihn oft deren Elend vergessen ließ.

Im Katalog zur gleichnamigen Berliner und Breslauer Ausstellung werden neben zahlreichen Mueller-Gemälden, Druckgrafiken und Skizzen auch die seiner Zeitgenossen, seiner Berliner Künstlerfreunde z.B. der „Brücke“, und heutigen polnischen Nachgeborenen präsentiert. red.

Maler. Mentor. Magier. Otto Mueller und sein Netzwerk in Breslau. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung (12.12.2018-3.3.2019 im Haburger Bahnhof, Berlin; 8.4.2019 bis 30.6.2019 im Museum Narodwe in Breslau). 440 S., 186 Farb und 144 S/w-Abb. 39,90 €. Kehrer, Heidelberg 2018.

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Bis zum 30. Juni 2019 ist im Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen die Ausstellung „Lust auf Täuschung“ zu sehen. Zeugnisse von der Antike bis zur virtuellen Realität versammelt diese Bilderschau des Vergnügens und des Augenirrtums. Bekanntes, wie das hier abgebildete „Brett mit Briefen, Federmesser und Schreibfeder hinter roten Bändern“, von Wallerant Vaillant, 1658, wie auch weniger Augenfälliges wie Hans-Peter Reuters „Kachelraum ohne Ding, Nr. 110“, 1976. „Die Welt ist das, was wir wahrnehmen“, ließ einst  Maurice Merleau-Ponty verlauten. Wer möchte sich da noch über „Fake-News“ echauffieren?

Katalog zur Ausstellung mit 3-D-Effekten, 39,90 € bei Hirmer, München 2018.

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