KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 35-36/2019 Thema: „Pura Vida“

Bronzestatue des Fray Juníper Serra (1713-1784) mit seinem Begleiter, dem aus Baja California stammenden Indio Juan Evangelista Benno vor der Kirche San Francesc in Palma de Mallorca. Foto R & U Daus, 2018

„Pura Vida“ wurde während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Rio de Janeiro zum fröhlichen Begrüßungsritual aller, die den Spielen der Mannschaft aus Costa Rica beiwohnten. Doch was bedeutet „Pura Vida“ eigentlich? Handelt es sich um einen angeblich unübersetzbaren Ausdruck, wie es der französische Schriftsteller Patrick Deville in seinem Essay „Pura Vida“ (2004) über permanent gescheiterte Revolutionen in Zentralamerika konstatierte? Oder ist es zu einer alltäglichen Plattitüde verkommen, wo sich „Pura Vida“- Zeitungsbeilagen, „Pura Vida“-Biersorten und -Milchprodukte oder eine internetaffine Generation zu „Pura-Vida“-Sex und Drogengelagen verabreden? Der spanische Autor José María Mendiluce deutete den Titel seines Romans „Pura Vida“ (1998) folgendermaßen: „In dieser Region – Costa Rica – aus undurchdringlichen Dschungeln und unerträglicher Hitze scheinen die Regeln der Vernunft außer Kraft gesetzt. Überbordene Gefühle und Leidenschaften bestimmen das menschliche Zusammenleben.“

Seine Verbreitung fand der Begriff in Mittelamerika durch den mexikanischen Film „Pura Vida“ von 1956. Der Regisseur Gilberto Martínez Solares hatte seinen Anti-Helden Melquiades Ledezma mit einer unerschöpflichen Gutmütigkeit ausgestattet, der jeden Mißerfolg als neue Herausforderung zu noch größerer Anstrengung interpretierte. Und tatsächlich kam durch Zufall ein Lotterielos in seine Hände, das sein bisheriges trauriges Leben vergessen machte.

Unsere Autorinnen und Autoren haben sich ganz in diesem Sinne mit den Höhen und Tiefen des „Pura Vida“ befaßt, unbesehen ob es sich um einen im 18. Jahrhundert vom Unglück verfolgten und schlußendlich im 21. Jahrhundert heiliggesprochenen Franziskaner-Missionar aus Mallorca handelt, um einen liebevoll unterhaltenen Tangoclub bei Medellín, dem Ort des Todes von Carlos Gardel, um im Verborgenen arbeitende Holzbildhauer auf der abgelegenen indonesischen Insel Tanimbar, das snobistische Ringen um Optimismus oder um das pralle Leben einer nicaraguanischen Ex-Revolutionärin und Schriftstellerin.

Aus dem Inhalt:

Ronald & Ursula Daus * „Sempre endavant. Mal enrera“. Reise  des Mallorquiners Juníper Serra In die neue Welt

Beat Presser * Nuqui, Honda und Carlos Gardel oder „La Pura Vida“

Antonius Moonen * Der simple Optimismus des Snobismus

Mickalene Thomas * „Á la Manière de…“. Die Ausstellung „Femmes Noires“ in Montréal

Will Buckingham * Mit den Augen stehlen. Holzbildhauer auf Tanimbar in Indonesien

Gratulation zum 250. Geburtstag Alexander von Humboldts

Peter B. Schumann * Wenn das pralle Leben die Literatur überholt. Gespräch mit der Schriftstellerin Gioconda Belli aus Nicaragua

Ursula Daus * Die schwierige Kunst, ein Museum zu entkolonisieren. Das  „Musée Royal de l‘Afrique centrale“ bei Brüssel

„Im Ewigen Eis?“ Sebastian Copeland in der Fotogalerie CAMERA Work in Berlin

In Berlin und anderswo: Dekolonisierung und kein Ende… mit Ngugi wa Thiong’o und Yambo Ouologuem, 125 Jahre mit „National Geographic“ in Afrika, dem deutsche Maler Wilhelm Kuhnert und seinem Bild von Afrika, auf den Spuren von Pierre Savorgnan de Brazza am Kongo, dem „Verkäufer von Vergangenheiten“ in Angola u.v.a. *  „Cimarrónes“ * Verführung in Breslau

Neue Bücher: Gescheiterte Existenzen in Rom, Montevideo, São Paulo, Oslo und Berlin und Tiflis sowie in Paris und der Normandie * Baku: Geschichten aus Tausend und Einer Ölquelle * Über das Meer hinaus von Europa aus * Einsame Weltreise * Sizilianische Literaturen * Fotokunst auf Goethes Spuren durch Italien im 21. Jahrhundert * Ganz zum Schluß: ein Leben als Gesamtkunstwerk

Kolophon: Eindrucksvolle Eigenständigkeit – Der „Modernisme“ in Mallorca