Taggeträumt – Wiederentdeckt – Ausgeträumt

Fatimah Tuggar ist eine aus Kano in Nordnigeria stammende Künstlerin, deren Werke mit den Mitteln der Virtuellen Realität und der 3-D-Technik entstehen. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist das bis in den letzten Winkel des Planeten von der Globalisierung berührte Zuhause. „Home‘s Horizons“ zeigt ihre knallbunten Collagen in beeindruckenderweise (sie können per App auch zu bewegten Bildern mutieren).

Typisch afrikanische Hofszenen spielen sich vor einer neonbunt leuchtenden Las-Vegas-Kulisse ab in „Pleasures, 1996“. Eine reiche Afrikanerin leistet sich eine weiße Haushaltshilfe in „Lady and the Maid, 2000“. Ein Vintage-Roboter aus Stahl serviert einer afrikanischen Dinner-Party in „Robo Entertains, 2001“. Und der heimische Horizont breitet sich bei Tuggar sogar über den gesamten Kosmos aus, indem er die traditionelle Mobilität eines Einbaums mit der einer Weltraumkapsel verbindet, die per Fallschirm aneinander befestigt sind, wie in „Home‘s Horizon, 2019“ (siehe oben).

Fatimah Tuggar betont, daß es sich nicht um sciencefictionartige Projekte im Stile des „Afrofuturismus“ handelt, sondern um eine „alternative Vorstellung…, in der Wissenschaft und Technologie nicht nur den Europäern gehören, wohingegen die Afrikaner für Mystizismus, Magie und Geisterglauben zuständig sind.“ red

Fatimah Tuggar: Home‘s Horizon, hg. von Amanda Gilvin et.al. 144 S. Digitalfotos 34,90 €. Hirmer, München 2019 http://www.hirmerverlag.de

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„Dreaming of Elsewhere. Observations of Home“ hieß ein Vortrag von Esi Edugyan, den sie 2014 an der Universität von Alberta hielt. Und dieses Träumen von Woanders treibt sie auch in ihren literarischen Werken um. Als Kind von Migranten aus Ghana in Kanada geboren, fühlt sie sich als Weltbürgerin, ohne Rückkehrsehnsüchte nach Afrika. Und dennoch fragt sie sich, ob sie tatsächlich jemals „dazugehören“ werde, vollwertige Bürgerin ihres Geburtslandes.

Vor diesem Hintergrund entstand ihr aktueller Roman „Washington Black“, die Geschichte eines Sklavenjungens auf einer Zuckerplantage der Karibikinsel Barbados im 19. Jahrhundert. Ihm gelingt eine geradezu märchenhafte Flucht in einem Ballonfahrzeug mithilfe eines britischen Tüftlers. Der Roman beginnt mit der Schilderung der Grausamkeiten des Sklavenalltags, die sich vor den Augen des 11jährigen Washington Black abspielen. Doch die Autorin rettet ihren jungen Protagonisten relativ schnell aus diesem Martyrium. Denn nach nur wenigen Seite beginnt der 18jährige Washington Black als Ich-Erzähler in der Rückschau die erstaunlichen Erlebnisse seiner Irrfahrten von Barbados über die USA nach der kanadischen Arktis zu den gemäßigten kanadisch-atlantischen Provinzen bis nach England vor den teils überraschten, teils irritierten Lesern zu entfalten. Seinen relativen Aufstieg aus den schlimmsten Verhältnissen der Sklaverei zu einem selbstbestimmten Individuum verdankt er nicht zuletzt der Folie eines überspannten englischen Adligen, der das Talent des Jungen zur wissenschaftlichen Beobachtung und zum Zeichnen naturwissenschaftlich auswertbarer Objekte erkennt. Und selbst als ihn sein „Retter“, seine einzige Bezugsperson, heimlich verläßt, werden diese Talente ihn treu durch die Unwägbarkeiten seines weiteren Lebens begleiten. Denn sie bedeuten „Freiheit“, die wichtigste Gnade, die einem Menschen zuteil werden kann, dann „wenn er gehen kann, wohin es ihm gefällt“. So drückte es die Sklavin Big Kit aus, die ihn als Kind vor den Übergriffen der weißen Aufseher beschützt hatte.

In diesem Roman arbeitet Edugyan aber auch das ganz aktuelle große Thema Afrikas in historischem Gewand auf: die Migration. Einst wurden die Afrikaner in Millionen gezwungen, ihre angestammte Heimat zu verlassen. Heute ist es noch immer ein Privileg für die meisten Afrikaner, sich frei über den Globus bewegen zu können. Und so empfindet der einstige Sklavenjunge Washington Black eine bohrende Schuld gegenüber allen, die nicht über dieses Privileg verfügen, obwohl es auch ihm immer wieder entrissen werden soll, etwa von Kopfgeldjägern im Dienste einstiger Sklavenbesitzer, von Arbeitgebern, die seine Not ausnutzen und ihm nur die billigsten Jobs anbieten, oder von gutmeinenden Wissenschaftlern, die seine Mitwirkung als die ihre ausgeben. Die Welt scheint noch nicht bereit, die Genialität schwarzer Intellektueller und Wissenschaftler anzuerkennen.

Was den jungen Washington Black jedoch noch mehr umtreibt, ist die grausame Erfahrung, von seinem englischen Freund und Retter verlassen worden zu sein. Und so macht er sich auf die Suche nach ihm, reist von London nach Amsterdam und von Amsterdam nach Marrakesch, wo er endlich fündig wird. Dort hatte sich der weiterhin zu den Sternen strebende „Titch“ ein kleines Labor angelegt und wiederum einen Jungen als Hilfsassistenten angenommen. Washington Black schwankt zwischen Eifersucht und Trauer um die verlorene Freundschaft, weil ihn weiterhin seine existentielle Angst vor der Freiheit, die er nun besitzt, nicht losläßt. Er sucht seine „Identität“, „in dieser schrecklichen Leere einer weiten Welt, wo er nirgendswohin und zu niemandem gehört“. Als er erfährt, dass die Sklavin Big Kit seine Mutter war, fühlt er seine Lebensgeister zurückkehren. Immerhin ein Fixpunkt in seiner Verlorenheit.  Washington Black macht sich auf den Rückweg nach London, wo er endlich die offizielle Anerkennung als Erfinder und Wissenschaftler eines einzigartigen Ozeaneums gefüllt mit lebenden Meerestieren statt toten Präparaten einfordern will.

Um den Protagonisten kreisen einige wenige Nebenfiguren in stereotypen Rollen wie eine junge Mischlingsfrau, deren englischer Vater auf langen Forschungsreisen ihre melanesische Mutter schwängerte und das kleine Mädchen nach deren Tod mit nach London nimmt. Sie wird die Geliebte des entstellten Schwarzen, der als Kind die Hälfte seines Gesichts bei einem unglücklich verlaufenen Experiment mit dem Ballongefährt verloren hat.

Edugyan schafft mit ihrem „Washington Black“ den literarischen Vorläufer des kosmopolitischen Afrikaners, „der sich selbst findet in der Suche nach dem Wissen über die Welt, in der er lebt.“  Erst dann wird der afrikanische Alptraum enden, nur Spielball für Andere und nicht selbstbestimmtes Subjekt in diesem Spiel zu sein. Ursula Daus

Washington Black, Roman von Esi Edugyan. Aus dem Englischen von Anabelle Assaf. 512 S. 24 €. Eichborn/Bastei Lübbe, Köln 2019. https://www.eichborn.de

 

Erster Entwurf Walter Andreas zur farbigen Wiedergabe der Front des Ischtar-Tores. Die übergroße Höhe, die Andreae seinem Entwurf zugrundegelegte hatte, den Angaben Herodots folgend, musste während des Aufbaus des Tores im Pergamon-Museum an die vorhandene Raumhöhe angepaßt werden. So wirkt es heute weitaus
gedrungener als in der gezeichneten Rekonstruktion. Aquarell auf Karton, Deutsche Orient-Gesellschaft, Berlin.

Schon auf der ersten Seite ist die „Marschrichtung“ dieses ironisch-abgeklärten Nachrufs auf den heldenhaften deutschen Grabungsleiter des riesigen Ruinenfeldes von Babylon vorgegeben: „Buddensieg, sagte Koledewey, als sie nach Tagen oder Wochen Konstantinopel erreichten, und wies in eine Richtung, von der beide wussten, wohin sie führte. Dr. Koledewey? Gehen Sie, Buddensieg, wir sind geschiedene Leute. Melden sie sich als Kriegsfreiwilliger, vielleicht finden Sie an der Front noch einen anständigen Tod. Er ging und meldete sich, kam in Palästina in Gefangenschaft und setzte nach seiner Heimkehr in den Berliner Museen seine Arbeit fort, die wie einst in Babylon darin bestand, Fundgegenstände mit einer Inventarnummer zu versehen.“

Nur Helden sterben einen berichtenswerten Tod, alle anderen vegetieren bis zum „Verfallsdatum“ in den Archiven oder im Fundus. Die Bewunderung der Autorin Kenah Cusanit, Altorientalistin und Ethnologin, für die Renitenz des Dr. Robert Koldewey (1855-1925), Architekt und Grabungsleiter, mit der er sich seinen Aufttraggebern oder auch seiner unappetitlichen wie gefährlichen Blinddarmentzüdung entgegenstellt, durchzieht den Roman von A bis Z.

Der Einzige, der sein Vertrauen genießt, ist sein Grabungsassistent Walter Andrae, nebenbei ein überaus begabter Zeichner, der jedoch schnell zum Grabungsleiter in Assur befördert wird und Koledwey einsam in Babylon zurückläßt, umgeben von seinen mediokren Mitarbeitern. So entsteht zwischen den Beiden ein intensiver Briefwechsel, der von der Autorin dokumentiert wird wie ein Berliner Baumkuchen, wo sich schmale Schichten aus Dringlichkeitsschreiben der Generalverwaltung der Königlichen Museen oder dem Minister für auswärtige Angelegenheit oder der Deutschen Orientgesellschaft abwechseln mit den persönlichen Mitteilungen von Andrae an seinen ehemaligen Chef, etwa über eine gestohlene Stute und die wütende Reaktion ihres beraubten Besitzers.

Auf der Suche nach dem legendären „Turm von Babel“ breitet sich auf der Grabungsstätte ein ebenso babylonisches Sprachgewirr aus wie bei seinem Bau. Deutsche Experten, türkische Offizielle, arabische Stammesführer, deren Angehörige Tonnen von altbabylonischem Ziegelschutt und neuzeitlichem Wüstenstaub abtragen und nebenbei ihre ureigenen alltäglichen Scharmützel in dem „Wahnsinnsprojekt“ ausfechten, das sind die Ingredienzen, die dem von Blinddarmschmerzen geplagten Grabungsleiter das Leben versauern. Die Liste der 202 Namen seiner Arbeiter kann er trotz aller Fieberanfälle immer noch auswendig hersagen, wobei er auch noch seine Visionen, seine Pläne, seine architektonischen Fragen an die Baugeschichte sowie die Namen aller babylonischen Herrscher, Eroberer und Zerstörer im Kopf behält. In dieser „Farce deutscher Großmannssucht“ wird er zu einem echten Helden, obwohl er im heutigen Berliner Kulturbetrieb nahezu vergessen ist.

Während eines Intermezzos im heimischen Berlin bei kaiserlichen Empfängen und Audienzen, bei Treffen mit Honoratioren und Kollegen erfasst die Leserin ein ebensolch gärendes Gefühl langweiliger Nutzlosigkeit und Zeitverschwendung wie den Grabungsleiter Koldewey. Daß die beeindruckende Architektur, die sich mit dem Ischtartor und der Prozessionsgasse im Pergamon-Museum in Berlin darbietet, überhaupt existiert, haben wir diesem oft mißmutigen, genialen Einzelkämpfer Robert Koldewey zu verdanken. An ihn einmal mehr zu erinnern und ihn dennoch nicht ins Pantheon der „ungeliebten alten weißen Männer“ zu verbannen, sondern ihn als besondere historische Figur mit Mut und Weitblick zu zelebrieren, das ist der Autorin gelungen. „In dieser Weise fing Koldewey an zu zeichnen und sich, sein Pferd neben sich traben lassend, der Stadt zu nähern, bis zu der Stelle, an der er bereits auf der Vorexpedition Bruchstücke von Drachen und Löwen und Stieren entdeckt hatte, begleitet von einem Philologen, dem einflussreichsten Mitglied der Deutschen Orientgesellschaft, versiert in ausgestorbenen Keilschriftsprachen, aber nicht kundig des modernen Arabisch. Kleinste Bruchstücke blau und gelb leuchtender Glasurreliefs waren es, die Koldewey damals nach Berlin mitgenommen hatte und deren Anblick die Veranstalter der Grabung überzeugte, Babylon auszugraben.“ Ursula Daus

Babel, Roman von Kenah Cusanit. 268 S. 23 €. Hanser, Berlin 2019 http://www.hanser-literaturverlage.de

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Die Erbauer von „Friedrichstein“, des Schlosses der Grafen von Dönhoff hätten sich zu keinem Zeitpunkt vorstellen können, daß von diesem mächtigen, in Stein gehauenen Vermächtnis deutscher Adelsgeschichte in Ostpreußen nach etwa 280 Jahren nichts weiter existieren würde als einige Fundamentsteine. Es brannte durch Unachtsamkeit der russischen Besatzer 1945 bis auf die Grundmauern nieder.

Romantisierende Darstellung von Schloß Friedrichstein, vom See aus gesehen.
Farblithographie aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Der vorliegende Band „Friedrichstein. Das Schloss der Grafen von Dönhoff in Ostpreussen“ geht der Geschichte dieser Adelsfamilie und ihrer Rolle in diesem ganz weit im Osten des Preußischen und später Deutschen Reichs gelegenen Außenposten nach. Es ist die überarbeitete 2. Auflage mit aktuellen Ergänzungen wie einer „virtuellen Rekonstruktion“, die den Verlust des Herrenhauses und seines Inventars aus kostbaren Möbeln, Tapisserien, Kunstwerken, Silbergerätschaften und Bibliotheksbeständen, wie einer Orginalschrift der Kant‘schen „Physischen Geographie“, augenfällig verdeutlicht. Gemälde, Aquarelle, historische Luftaufnahmen, Fotografien belegen, daß die Bewohner des Schlosses, die sich bis zum Schluß einer intellektuellen und technologischen Moderne aufgeschlossen zeigten, tief in der ostpreußischen Landschaft und ihrem Sozialgefüge verwurzelt waren.

Im späteren Westdeutschland wurde eine ihrer Nachkommen zur wichtigsten Repräsentation eines demokratischen Neuanfangs. Marion Gräfin von Dönhoff gelang ihre Integration in dieses, von außen angeordnete künstliche Konstrukt „Bundesrepublik“ durch ihre Arbeit bei der überregionalen Wochenzeitung „Die Zeit“, deren Herausgeberin sie in ihren letzten Lebensjahren war. Dies entsprach wohl ihrer Erziehung, „die Dinge von oben zu betrachten und zu beurteilen“. Im vorliegenden Band sitzt diese letzte Kennerin der riesigen Güter und des intakten Schlosses Friedrichstein vor einer der wenigen geretteten Tapisserien. Sie stellt eine Jagdszene dar, zu deren Füßen ein Hund lagert, was die Vorlieben der einstigen Schloßbesitzerin unterstreicht.

Das Marburger Herder-Institut zeichnete veranwortlich für das Projekt der „virtuellen Rekonstruktion“. Dort werden digitale 3D-Animationen zerstörter Architektur gemeinsam mit der Technischen Universität Darmstadt erstellt. Weitere Beteiligte waren die Universät von Posen, die Universität von Lodz in der Ukraine, Museen in Ermland und Masuren, in Kaliningrad, die Universität von Greifswald, die Technische Universität von Warschau. Die Aufzählung zeigt das große gemeinsame Interesse europäischer Wissenschaftler, die gemeinsamen europäischen Wurzeln nicht der Dunkelheit des Vergessens anheimfallen zu lassen, sie auch für die nachkommenden, digitalaffinen Generationen sichtbar zu machen. Was sich besonders notwendig erweist, da die Gegenwart vorgibt, schlicht keine Vergangenheit zu haben, sozusagen eine Hypergegenwart sein möchte, die sich ganz der Zukunft verschrieben hat. Corinna Rohloff

Friedrichstein. Das Schloss der Grafen von Dönhoff in Ostpreussen,  hrsg. von Kilian Heck und Christian Thielemann. 380 S.  Zahlreiche Abb. 48 €. Deutscher Kunstverlag, Berlin/München 2019 http://www.degruyter.com

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Zu seinem 75jährigen Bestehen offeriert der einstmals in Zürich residierende, für seine kostbaren Klassikausgaben wie „Die Geschichte vom Prinzen Genji“ berühmte Manesse-Verlag eine eher untypische „Abenteuerstory“ aus dem 19. Jahrhundert: Herman Melville‘s „Mardi and a Voyage Tither“ von 1849. Mit „Mardi und eine Reise dorthin“, übersetzt von Rainer G. Schmidt, stürzte der zu seiner Zeit durch phantasmagorische Südsee-Romane wie „Typee“ (1842) und „Omoo“ (1847) berühmte Schriftsteller in einen tiefen publizistischen und emotionalen Abgrund, geradeso als hätte ihn eine unsichtbare Hand in einen der „dunklen fürchterlichen Abgründe, die durch scharfkantige, senkrechte Felswände gekrönt waren, hinabgestoßen“.

Galt er bei seinen ersten halb autobiographischen Erzählungen noch als Inspiration für Möchtegernabenteurer in den pazifischen Weiten auf der Suche nach polynesischen Nymphen, ging die Literaturkritik bereots zu diesem frühen Zeitpunkt harsch ins Gericht mit dem mutigen literarischen Außenseiter: „Typee: Die Verleumdung der Missionen! Eine Apotheose der Barbarei! Eine Lobrede auf kannibalische Vergnügungen!“

Dennoch wird Melville sein Leben lang sich nach diesen starken Emotionen seiner Jugend sehnen, sich über seine damalige Feigheit ärgern und mit „Mardi und eine Reise dorthin“ endlich den Mut aufbringen, sich von den Urteilen und Vorurteilen seiner Epoche zu befreien: „Nachdem ich in jüngster Zeit zwei Reiseerzählungen aus dem Pazifik veröffentlicht hatte, die mancherorts ungläubig aufgenommen wurden, kam mit der Gedanke, tatsächlich ein Südseeabenteuer als Fantasieerzählung zu schreiben, um zu sehen, ob diese Fiktion nicht möglicherweise für wirklich genommen werden kann: in gewissem Grade die Umkehrung meiner vorigen Erfahrung. Diesem Gedanken entsprossen andere, die ‚Mardi‘ zum Ergebnis hatten. New York, Januar 1849.“

Melville präsentierte seinem erstaunten Publikum ein Konglomerat aus saltimburlesken Abenteuern, Politikerschelte, Kolonialismuskritik, Bigotteriegehabe, Lobeshymnen auf seefahrende Völker, pazifische Wetterkapriolen. „Borabolla war fröhlich und laut, Jarl war ernst und still; Borabolla war ein König, Jarl nur ein Wikinger – wie kamen sie zusammen? Ganz einfach, um es zu wiederholen: weil sie verschiedenartig waren; daher rührte ihre Affinität… die Affinität zwischen Borabolla und Jarl (wurde) durch die Wärme des Weins befördert, den sie bei diesem Fest tranken. Denn von allen segensreichen Flüssigkeiten ist der Traubensaft der größte Feind der Kohärenz. Er lässt zwar den Gürtel enger werden, doch löst er die Zunge und öffnet das Herz.“ (S. 359f.) Südseekönig und Wikinger-Matrose verbrüdern sich dank des uralten mediterranen Getränks, das schon die griechischen Götter zu freundlichen Genossen machte. Gewollte Absurdität?

Mit „Mardi und eine Reise dorthin“ stürzte der zu seiner Zeit durch phantasmagorische Südsee-Romane wie „Typee“ (1842) und „Omoo“ (1847) berühmte Schriftsteller in einen tiefen publizistischen und emotionalen Abgrund, geradeso als hätte ihn eine unsichtbare Hand in einen der „dunklen fürchterlichen Abgründe, die durch scharfkantige, senkrechte Felswände gekrönt waren, hinabgestoßen“.
 Felsformationen auf der Marquesas-Insel Hiva Oa. Foto R & U Daus, 2009

Statt dem zeitgemäßen Naturalismus zu folgen, stürzte sich Melville in die Rekonstruktion eines Südseeuniversum angelehnt an „Geschichten von Narrenschiffen“, mittelalterlichen Rittersagen oder berühmten Erzählungen von „Irrfahrten“, – unter portugiesischen Seefahrern als „Peregrinção“ bekannt. Berühmtes Beispiel dafür war die Reise des Asienfahrers Fernão Mendes Pinto aus dem 16. Jahrhundert. Wie bei diesen in Hunderte Kapitel gegliederten Texten so müssen auch bei Melville 195 Kapitel auf 798 Seiten durchgestanden werden, ehe der Leser sich mit einer sehr realen, sehr typischen Szene von den Protagonisten der Insel Mardi verabschieden kann, nämlich die gefährliche Durchfahrt durch das Riff, das die Insel vor den zerstörerischen Wellen des Ozeans schützt: „Jetzt bin ich selbst der Herrscher meiner Seele. Und meine erste Tat ist Verzicht! Gegrüßt seiest du, Schattenreich! Und indem ich meinen Bug der tobenden Flut zuwandte, die mich wie eine allmächtige Hand ergriff, schoss ich durch die Bresche. Der Ozean draußen schäumte so hoch, dass er die Wolken peitschte. Und geradewegs in meiner weißen Kielspur jagte ein Boot dahin, über dessen Bug sich drei starre Gespenster beugten – drei Pfeile in ihrem Bogen wiegend…“ (S. 798)

Vielleicht läßt sich „Mardi und die Reise dorthin“ auch als ein Vorläufer der das 21. Jahrhundert so stark prägenden Fantasy-Serien interpretieren. Die deutsche Erstausgabe 1997 wurde von der Literatur- und Medienkritik euphorisch aufgenommen: „Ein solches Buch hat man noch nicht gesehen“ oder noch übersteigerter „Ein ebenso hinreißend wie monströses Werk – der helle Wahn.“ Wie sollte man da die zeitgenössische Kritik dieses „monströsen“ Werks tadeln, wenn auch die mehr als ein Jahrhundert später Geborenen in ihm nur ein Unterfangen der „Wahnhaftigkeit“, und des „rauschhaften Erzählens“ wiederfinden? Ronald Daus

Mardi und die Reise dorthin, Roman von Herman Melville. 832 S. 45 €. Manesse, München 2019 http://www.manesse.verlag.de

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Alles hatte sich bereits angekündigt. 2010 hießen die Losungen an den Bushaltestellen von Caracas „Ich bin auferstanden! Vaterland, Sozialismus oder Tod! Wir wollen siegen!“ Darunter befanden sich die überlebensgroßen Porträts von Simón Bolívar, Jesus Christus und Hugo Chávez. Der vorzeitige Krebstod des Erfinders der Bolivarianischen Revolution, Hugo Chávez, katapultierte einen wenig charismatischen, jedoch umso verbisseneren ehemaligen Busfahrer und Gewerkschafter, Nicolás Maduro, an die Spitze der „Volksdiktatur der Rothemden“, wie die Autorin des Romans „Nacht in Caracas“ dieses unterdrückerische und zerstörerische Regime nennt. Innerhalb von weniger als einer Dekade ruinierte Maduro das ölreiche südamerikanische Land und setzte eine nie gekannte Fluchtbewegung der Venezolaner in die Nachbarländer in Gang. Zuerst gingen die Reichen, dann die Wohlhabenden, dann die „kleinen Leute“ der sogenannten Mittelschicht, und aktuell auch diejenigen aus den Armenvierteln, denen die Bolivarianische Revolution ein wunderbares Leben ohne Not und Elend versprochen hatte. Auch viele von ihnen wollten sich dem System aus kontinuierlicher Unterdrückung, Gewalt, Mord und weiterem Elend nicht fügen.

Eines dieser Mittelschichts-Opfer der ins Absurd-Groteske entgleisten Revolution ist die Protagonistin des Romans „La Hija de la Española“, Die Tochter der Spanierin, (deutscher Titel: „Nacht in Caracas“), von Karina Sainz Borgo. Die Autorin verließ Caracas bereits vor zehn Jahren und lebt seither in Spanien. Auffällig an der Publikation dieses Romans ist, daß er gleichzeitig in 22 Ländern und Sprachen erschien. Entweder war es einer gelungenen Marketing-Strategie zu danken oder es gab politische Schützenhilfe von ungenannter Seite für die noch immer unterlegene Opposition in Venezuela.

Adelaida, die denselben Vornamen wie ihre gerade verstorbene Mutter trägt, steht ab sofort völlig allein im Leben. Abgesehen von zwei uralten Tanten in dem Geburtsort ihrer Mutter an der Karibikküste hat sie keine Angehörigen mehr. Eine vor einigen Jahren vorgesehene Eheschließung mit einem Investigativjournalisten wurde aufgrund dessen Ermordung durch das Regime torpediert. Mit dem Tod der Mutter umkreist der „Sensenmann“ Adelaidas Alltag, und zwar nicht nur draußen auf der Straße, wo Oppositionelle wie Eintagsfliegen unter den Maschinengewehrsalven der Revolutionsmilizen in ihrem eigenen Blut ertrinken. Auch in ihrem Freundeskreis, in den Nachbarwohnungen des Apartmenthauses wird ohne Gegenwehr gestorben. Selbst auf dem Friedhof während einer Beerdigungszeremonie ist man seines Lebens nicht sicher, wenn die „Hijos de la Revolución“, in rote Hemden gekleidet, auf ihren Motorrädern den Ausputzer für das Regime spielen. Kapitel um Kapitel schichten sich die Toten auf. „Die Versammlung von Männern und Frauen glänzte wie ein Ofenrost von Leben und Tod.“ oder „Die Tage türmten sich wie die Toten in den Schlagzeilen.“

Als sie nach einem Besuch im Krankenhaus, wo eine weitere Bekannte gerade verstorben ist, in ihre Wohnung zurückkehren will, stellt sie fest, daß das Schloß ausgewechselt worden war und zwar von den berüchtigten „Bachaqueras“, den Blattschneideameisen, wie man die kräftigen Schwarzmarkthändlerinnen aus den Armenvierteln nennt. Sie reissen sich alles unter den Nagel, was man fürs Überleben braucht: Eier, Reis, Monatsbinden, Öl, Mehl, etc.etc. Die schwitzenden, fetten Frauen haben die Wohnung für die „Revolution“ requiriert, um dort ihre Schwarzmarktwaren kundennah zu deponieren. Adelaida erhält einen Schlag auf den Kopf, als sie versucht, in ihre Wohnung einzudringen. Sie sucht Zuflucht bei ihrer Nachbarin, deren Türe erstaunlicherweise nicht abgeschlossen ist. Sie entdeckt darin eine weitere Tote, die Nachbarin selbst. Der Kadaver der Frau muß entsorgt werden. Sie wirft ihn über die Balkonbrüstung auf die Straße zu den anderen Opfern der „Hijos de la Revolución“. Die Frage der Schuld treibt Adelaida um: „Ich hatte keine Schuld. Du hast keine Schuld, Adelaida.“

War zu Beginn des Romans noch die Literatur ein Trost, gibt es jetzt nur noch den Geruch des Todes und den Willen zu überleben.  Sie kauft einen gefälschten Pass mit den Daten der Toten, denn diese war „die Tochter einer spanischen Einwanderin“, deren Rente noch Jahre nach deren Hinscheiden von Spanien aus direkt auf das venezolanische Konto floß. Mit diesen unrechtmäßig erworbenen Euros gelingt Adelaida die Flucht aus dem venezolanischen Totenhaus, ganz „legal“ mit gefälschten Papieren. Mit der Landung auf dem Flughafen von Madrid erreicht sie das sichere, wohlhabende friedliche Europa, von wo aus einst die Armutsflüchtlinge kamen, die ihre Glück im reichen Venezuela machen wollten, dabei weiterhin auf der Suche nach dem legendären El Dorado der Conquistadores des 16. Jahrhunderts. Tamara Pracel

Nacht in Caracas, Roman von Karina Sainz Borgo. Aus dem Sapanischen von Susanne Lange. 224 S. 21 €. S. Fischer, Frankfurt/Main 2019

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Hatte sich der angolanische Schriftsteller José Eduardo Agualusa in seinem Roman „Barocco tropical“ noch mit der Extrapolation des Alltags in der wahnwitzigen Glitzermetropole Luanda beschäftigt, in der alle Zeitebenen verknäuelt und verdreht werden, wo es im Jahr 2029 nur noch ums Überleben geht, finden sich die Bewohner Luandas in seinem Roman „A sociedade dos sonhadores involuntarios“ von 2017 bereits ganz nah an einer „irgendwie“ gearteten Zukunft. Und noch immer geht es den Hauptfiguren und den Nebendarstellern nur um die Bewältigung einer blutigen Vergangenheit, die nicht enden will.

Das Zentrum, um das die „Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer“ kreist, bildet ein ehemaliger Savimbi-Guerillero und aktuell Besitzer einer kleinen Bungalow-Anlage am Strand südlich von Luanda. Sie ist gerade weit genug entfernt, um sich von dem Großstadttumult zu entspannen, doch immer noch nahe genug, um in „angemessener“ Zeit in den Moloch zurückkehren zu können. Und angesichts der andauernden Aufarbeitung des erlittenen Unrechts zwischen Tätern und Opfern oder Opfern, die zu Tätern wurden und deren Nachkommen, läßt Agualusa ein weiteres Mal die Leichen im Schrank, im Keller, von den Scheiterhaufen, aus den Massengräbern wiederauferstehen.

Angolanische Befindlichkeiten einer von Amnesie heimgesuchten korrupten „Elite“ aus Politik und Wirtschaft und hilflos in ihre Alpträume und Ohnmacht verstrickte Intellektuellenschicht, die ständig Zukunftsprojekte erfindet, ohne auch nur eines in Angriff zu nehmen, diese wenig erbauliche Diagonse breitet der Autor erneut auf 300 Seiten vor den Lesern aus.

Einmal mehr ist ein Erlöser gefragt, und diesen wird in dieser Romanversion der einstig blutrünstige Geheimagent, Guerillakämpfer und Bungalowbesitzer Hossi spielen, er, der die Fähigkeit besitzt, andere zum Träumen zu bringen, die ihm selbst nach zwei Blitzeinschlägen abhanden gekommen ist.

Zeuge der erneut zwischen Angola, Brasilien, Südafrika hin- und herwogenden Ereignisse ist der bereits im Vorläuferroman „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ protokollierende Journalist Daniel Benchimol. Da seine Ehe ruiniert ist, seine Tochter sich seinen Erziehungsanfällen widersetzt und seine unliebsamen politischen Artikel ihn arbeitslos gemacht haben, bleibt ihm ausreichend Zeit, den unfreiwilligen Träumern nachzuspüren. An seiner Seite findet sich wieder eine Muse, eine moçambikanische Künstlerin, die in Kapstadt lebt, und der es geling, ihre eigenen Träume in schönen, bunten digitalen Fotos und Videos festzuhalten. Last but not least taucht auch noch ein brasilianischer Neurologe auf, dessen High-Tech-Vorrichtungen die Träume der Probanten in Wellenform aufzeichnen und sie in schrägen Farben zu neuartiger Kunst werden lassen.

Agualusa streunert thematisch zwischen naher Zukunft, eher science-fiction-artigen Technogadgets und weiterhin von Kolonialzeit und Bürgerkrieg gezeichneten angolanischen Psychen. Und er teilt uns mit, daß die Zukunft Angolas nicht mehr die Aufgabe seiner Generation sei (er ist Jahrgang 1964). Sie gehört den Jungen, den neuen Rebellen, den friedfertigen Kämpferinnen und Kämpfern für Freiheit und Demokratie, darunter seine fiktive Tochter Lúcia, „Karinguiri“ gerufen, nach einem kleinen, immer aktiven Vögelchen aus dem Süden Angolas. Sie wächst in dem dem Volk gestohlenen Wohlstand in der Südzone Luandas in einem Reichenghetto auf. Zwischen den anderen Reichenghettos und ihrem Zuhause gibt es nur Einöde, die man „Afrika“ nennt. Darüberhinaus kennt sie auch noch die Treffpunkte der Intellektuellen und Künstler in Luanda, wo man Marihuana raucht und Bier trinkt: „Das Angola der Armen – ich sage bewußt nicht das echte Angola, aber das der allermeisten – lernte ich erst vor ein paar Jahren kennen. Und, so merkwürdig es scheint, identifizierte ich mich damit. Ich sitze nun im Gefängnis, weil ich mich dafür entschieden habe, Angolanerin zu sein. Ich kämpfe dafür, dazuzugehören,“ schreibt die Tochter an ihren Vater. (S. 243) Sie hatte mit anderen „Kindern der Elite“ ein „Attentat“ aus Papierbomben auf den ewigen Präsidenten Eduardo dos Santos verübt und wurde eingesperrt. Ein Hungerstreik soll die Weltöffentlichkeit auf die Situation der „Freiheitskämpfer“ aufmerksam machen, was ironischerweise auch gelingt. Und auch die „unfreiwilligen Träumer“ entdecken ihre Freiheitsliebe plötzlich wieder und fordern die Freilassung der Jugendlichen. Ohne Blutbad, ohne Folter, ohne jahrelange Haftstrafen soll die Zukunft des neuen Angola beginnen.

Und dennoch braucht die Geschichte auch für diesen heeren Wunschtraum ein Opfer. Es ist der Initiator der unfreiwilligen Träume, Hossi, der ausversehen auf den letzten Metern vor der neuen Demokratiewelle, die Angola erfaßt hat, vom Staatsschutz erschossen wird.  Auch Journalist Daniel Benchimol verschwindet nach Erfüllung seiner selbstgestellten Aufgabe zu einem längeren Tête-à-tête mit der moçambikanischen Künstlerin auf die idyllische Insel Ilha de Moçambique. In ihren heute teilrestaurierten, teils verfallenden Kolonialbauten wurden einst Frischwasser, Lebensmittel und Sklaven für die portugiesischen Indienfahrer gelagert.

Der Autor Agualusa hatte bereits vor einigen Jahren seinen Wohnsitz dorthin verlegt, als die Situation für Intellektuelle und Künstler in Angola immer brenzliger wurde. Ob er nach den ersten demokratischen Wahlen von 2017 wieder nach Luanda zurückkehren wird, läßt er offen. Vielleicht sieht er auch seine Aufgabe als der „Protokollant des Erinnerns“ als abgeschlossen an und wendet sich nun, wie bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten von einem Großteil kosmopolitischer afrikanischer Intellektueller vorexerziert, der Suche nach einer Zukunft für den ganzen Kontinent, zu. Ronald Daus

Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer, Roman von José Eduardo Agualusa. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. 304 S. 22 €. C. H. Beck, München 2019 http://www.chbeck.de

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Hier träumt keiner mehr. Dafür sind alle mehr oder weniger traumatisiert: emotional, sozial, politisch. In dem Debütroman des aus dem Norden Nigerias stammenden Autor Abubakar Adam Ibrahim werden die sozialen Beziehungen im wahrsten Sinne des Wortes „bis auf die schieren Knochen“ bloßgelegt. Auseinandersetzungen innerhalb der Familie, zwischen Nachbarn, zwischen Religionen, zwischen politischen Anhängern, zwischen Alt und Jung, Männern und Frauen werden mit purer Gewalt geregelt. Blut, Schweiß und Tränen gehören zum Alltag wie das fünfmalige Gebet Richtung Mekka. Das Mehrheitlich dem Islam sich unterwerfende nördliche Nigeria, zwischen Jos und Abjua, strahlt keinen Zukunftsoptimismus aus und ein „Afrotopia“ ist über Hunderte von Kilometern in dieser Region nirgendwo auszumachen. Westliche Anhänger einer neuartigen Gesellschaftsform, „in der das Zusammenleben jeden Tag aufs Neue ausgehandelt werden muß“, sollten sie unbedingt der Lektüre dieses Romans unterziehen. Am Ende werden sie wohl unsanft aus ihren ideologischen Wunschträumen gerissen.

Keiner der beiden Protagonisten hat diese unsichere und wenig zukunftsträchtige Gesellschaft gewählt. Sie wurden in sie hineingeboren: die 55jährige verwitwete Lehrerin, Mutter von vier Kindern, und der 25jährige Bandenchef und Schulabbrecher Reza. Ihre Leidenschaft füreinander war nicht vorhersehbar. Ihre Begegnung eher typisch. Er raubt ihr Haus aus, indem er ihr ein Messer an die Kehle setzt. Sie spürt nach vielen Jahren endlich wieder die Lust auf eine männliche Berührung. Die beiden werden ein heimliches Liebespaar unter erschwerten Umständen. Denn im Haus der Witwe lebt eine Nichte, deren Vater bei religiösen Unruhen von christlichen Fanatikern mit der Machete vor den Augen der Tochter zerstückelt wurde. Auch eine Enkelin hat sich in das Haus der Großmutter geflüchtet, weil ihre Mutter sich an einen neuen Ehemann auf dem Dorf gebunden hat. Die Augen der Nachbarn erweitern den Kreis der ständig auf moralische Vergehen und Todsünden ausgerichteten kleinen Gesellschaft.

Aber auch der junge Mann hat seine sozialen Verpflichtungen. Er kontrolliert eine Bande von Jugendlichen, die er als Drogenkuriere oder „Wahlkampfhelfer“ für einen hohen Politiker einsetzt. Auch hier sind Streit, Schlägereien, Polizeirazzien, Erpressung, Einbruch bis hin zum Mord sein Tagesgeschäft. Sein Trauma liegt jedoch noch weiter zurück, damals als seine Mutter beschloß, ihren Lebensunterhalt als Prostituierte in Dschidda, Saudi-Arabien, zu verdienen. Er war erst vier Jahre alt. Sie besuchte ihn im folgenden Jahrzehnt nur ein einziges Mal und verließ die Familie dann wieder. Das, woran er sich erinnerte, war ihr goldener Zahn und ihre Abwehr seiner kindlichen Liebe.

Die „normalen“ Bewohner in diesem Vorort der unteren Mittelklasse von Nigerias Hauptstadt Abuja führen einen ebenso prekären wie strikten Gesellschaftsregeln aus Stammestraditionen und der jeweiligen Religion unterworfenen Alltag, wobei im Roman der Islam dominiert. Die beiden ungleichen Liebenden sehen sich immer mehr zu absonderlichen Treffen gezwungen. Ihre Leidenschaft macht sie unvorsichtig trotz aller umsichtigen Maßnahmen. Und gleichzeitig fühlen sie, daß sich die Schlinge zuzieht, die ihnen ihre Gesellschaft aus Mißgunst, Neid, Intoleranz, Haß, Gewalt und religiösem Wahn ausgelegt hat. Am Ende verliert die Witwe, die zum ersten Mal in ihrem Leben Leidenschaft und Erregung kennengelernt hat, durch einen Zornesausbruch nicht nur ihren Liebhaber, sondern auch ihren zweiten und letzten Sohn.

Die teils witzigen, teils nachdenklichen Kapitelüberschriften geben wohl nigerianische Sprichwörter wieder wie „Wer einen alten Mann verspeist, darf sich nicht beschweren, wenn er anschließend graue Haare spuckt“ oder „Ein ausgemergelter Elefant ist immer noch besser als zehn Frösche“. Die zahlreichen aus dem Arabischen, dem Hausa oder anderen nigerianischen Sprachen entstammenden Ausrufe oder typischen Alltagswendungen erfordern zum Verständnis ein umfangreiches Glossar, das sich am Ende des Buches befindet.  Ursula Daus

Wo sie stoplern und wo sie fallen, Roman von Abubakar Adam Ibrahim. Aus dem Englischen von Susanne Urban. 300 S. 24 €. Residenz, Linz 2019 http://www.residenzverlag.com