Mehr als schönes Dekor

Das Motiv des Lebensbaums gehörte zu den weit verbreiteten Darstellungen auf Indiennes. Der Einfluss der Chinoiserien ist bei diesem Exemplar unverkennbar.
Wandbehang, um 1740, Koromandelküste. Museum Rietberg, Zürich

In der Ausstellung „Indiennes. Stoff für tausend Geschichten“ des Schweizerischen Nationalmuseums wird weitaus mehr als nur eine Fußnote zur globalen Textilgeschichte präsentiert. Es geht um die Rolle, die Schweizer Textil- und Baumwollimporteure zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert einnahmen. Die als „Indiennes“ bezeichneten bedruckten und bemalten Baumwollstoffe aus Indien galten als Kostbarkeit und provozierten einen regelrechten „Hype“ in den adligen und später bürgerlichen Kreisen, die sich diesen Luxus erlauben konnten.

Daß Schweizer Textilproduzenten überhaupt in dieses ihnen eher fernliegende Unternehmen einstiegen, lag an zwei historischen Ereignisse: 1. die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich, die über das Wissen zur Herstellung dieses Produkts verfügten, und 2. die risikoreiche Suche nach hochprofitablen Erzeugnissen, wie sie die „Indiennes“ nach ihrem Einfuhrverbot durch die merkantilistische Regierung von Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert nach Frankreich boten.

Die Schweizer taten sich schnell als „Transitakteure“ dieses Handels hervor, der u.a. auch dem sogenannten Dreieckshandel zwischen Europa, Amerika und Afrika diente. Die afrikanischen Potentaten etwa konnten sich offensichtlich nur mit dem Verkauf ihrer Landsleute die für den Erwerb der teuren Stoffe notwendigen Mittel beschaffen. Doch die Schweizer bildeten in diesem Geschäft nicht nur Mittelsmänner, Produzenten in der Heimat, sondern unterhielten auch regelrechte „Kolonialbetriebe“, wie etwa die der Basler Mission, die ab 1834 in Indien präsent war und später dort auch „Indiennes“-Werkstätten anlegte. Es gelang diesen umtriebigen Schweizer Unternehmern also früh auf der Seite der Kolonialismus-Gewinner zu stehen, ohne sich die „schmutzige Weste“ des Kolonialisten überziehen zu müssen. Mit prächtigen Luxusstoffen zu handeln oder sie in den eigenen Manufakturen zu imitieren, ganz dem Geschmack der Abnehmer aus Europa und Afrika entsprechend, führte zu immensen Profitmargen, bis billigere Industrieverfahren diese hochklassige Handwerkskunst überflüssig machten. Doch die Erfahrungen im Textilhandel befähigte die Entrepreneure weiterhin in dieser Branche zu reüssieren. Sie setzten auf den weltweiten Im- und Export der Rohbaumwolle nach Europa – ohne selbst mit dem Anbau, der Ernte oder der Verschiffung belästigt zu sein – und gingen erneut als Gewinner aus diesem technologischen Umbruchs hervor. Anders die indischen Klein-Produzenten der „Indiennes“, die sich nie wieder von diesem ungleichen Konkurrenzkampf erholten. Selbst Mahatma Gandhis Aufruf beim Kampf für die Unabhängigkeit, „Zurück an die Spinnräder“, konnte den Niedergang der indischen Baumwollhersteller nicht aufhalten.

Der kostbar in Leinen gebundene Ausstellungskatalog mit seinen kurz gefaßten, fundierten Beiträgen, seinen historischen Fotos sowie prächtigen Farbbeispiele berühmter „Indiennes“ macht Lust, den üblicherweise eher bescheiden gehandelten Stoff in seinen ästhetischen und qualitativen Möglichkeiten neu zu erproben. Ursula Daus

Indiennes. Stoff für tausend Geschichten. 136 S. 75 Abb. 32 €. Christoph Merian, Zürich 2019. Ausstellung bis 19. Januar 2020 im Schweizerischen Nationalmuseum, Bern. http://www.merianverlag.ch

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Von Mossul nach Palmyra

Beschädigter Suk al-Saqatiya in Aleppo.
Restaurierungsansicht, Schnitt und Grundriss.
Foto und Entwurfszeichnungen Al-Turrath/
Aga Khan Trust for Culture, 2017.

Palmyra, Mossul, Aleppo, Leptis Magna – vier Städtenamen, die für ein Entsetzen stehen: ihre Zerstörung durch Fanatismus und Krieg. Was bei dieser virtuellen Zusammenschau erstaunt, ist die Verknüpfung von willkürlich zertrümmerten Jahrtausende alten Ruinenstätten mit noch immer bewohnten Metropolen des Nahen Ostens, in deren kriegszerstörten Ruinen die Menschen versuchen, ein neues Leben zu beginnen. Das Verlorene sowie das Zerstörte zeigen historische und aktuelle Fotos in der Ausstellung, die im „Institut du Monde Arabe“ in Paris konzipiert wurde. Das hoffnungsvoll Aufzurichtende liefern die virtuellen Ansichten. Daß es sich bei den ausgewählten Projekten um Weltkulturerbe-Stätten handelt, macht das Anliegen nicht weniger kurios. Fragen zum „Neubeginn für Aleppo“ oder in Mossul weisen in die einzuschlagende Richtung für die ausharrenden oder zurückkehrenden Bewohner. Ob man die Ruinenstätte Palmyra, trotz ihres historisch so bedeutsamen Wertes, wieder in ihren Zustand vor der Zerschlagung durch den sogenannten IS versetzen soll, ist kein drängendes Problem. Und Leptis Magna, die wenig besuchte römische Ruinenstadt in Libyen, braucht derzeit nur eines – Schutz vor weiterer Plünderung ihrer Antikenschätze.    red

Von Mossul nach Palmyra. Eine virtuelle Reise durch das Weltkulturerbe. 120 S., 120 Farb-Abb. 27,50 €. Hirmer, München 2019. Bis 3. November 2019 in der Bundeskunsthalle, Bonn. http://www.hirmerverlag.de

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ANNÄHERUNGEN

Die Moderne in Südostasien steht im Mittelpunkt eines Netzwerks mit dem vielsagenden englischen Akronym SEAM (South East Asian Modernism), was auch als „Naht“ gelesen werden kann. Es beschäftigt sich mit Stadträumen, die als Folge der Bauhaus-Moderne der 1920/1930er Jahre in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch in Südostasien  – vor allem nach der Unabhängigkeit der vier Nationen von ihren europäischen Kolonialmächten – ihre Wirkung entfalteten. Vier Metropolen stehen im Zentrum des Projektes: Phnom Penh, Jakarta, Yangon und Singapur. In jeder der genannten urbanen Zentren werden Symposion in offenen Diskussionen und zum Stand der Forschung veranstaltet. Jede der ausgewählten Agglomerationen steht derzeit an einem Scheideweg ihrer zukünftigen Entwicklung ausgehend von ihren historischen Strömungen. Yangon hat vor einer Dekade den Status als Hauptstadt an die Neugründung Naypyitaw verloren, ist jedoch mit der Öffnung des Landes von einem expansiven Bauboom betroffen, der eher rücksichtslos als durchdacht wirkt. Phnom Penh gilt als „Opfer“ frenetischer ausländischer, vor allem chinesischer Immobilieninvestoren. Jakartas Zukunft ist ungewiss, da bereits konkrete Verlagerungspläne für eine neue Hauptstadt diskutiert und angegangen werden. Einzig Singapure kann als zuverlässiger Zukunftsmotor für das Weiterdenken einer vor hundert Jahren begonnenen Moderne im Sinne des Bauhauses verstanden werden. Wo in dieser hektischen Phase der globalen Veränderung das „Lokale“ noch seinen Platz einnimmt und ob eine Rückkehr zu einst weitverbreiteten lokalen Bautechniken überhaupt möglich scheint, wird zu diskutieren sein. Architekten und Stadtplaner Südostasiens, aber auch weltweit gefragte „Stararchitekten“ sollen in diesen Diskurs miteinbezogen werden, innehalten und „bereits vorhandenes Wissen zur weiteren Entwicklung für die Stadt von Morgen“ in ihre Planungen miteinbeziehen, schreiben die Initiatoren. red

seam encounters – connecting ideas through spaces. Veranstaltungsreihe des in Berlin beheimateten Netzwerks vom 21. Oktober bis 23. November 2019 in Jakarta, Phnom Penh, Singapore, Yangon. http://www.sean-encounters.net

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„Yangon Backstage“.
Verwitterte historische Altstadtfassade im indo-burmesischen Stil. Ausschnitt.
Foto Wolfgang Bellwinkel, 2015

Offensichtlich gehört das Gründen von Hauptstädten zur nationalen DNA der Burmesen. Der jüngste Sproß dieser Leidenschaft ist die 2005 von der Nationalregierung, dem Militär und dem Parlament offiziell bezogene Kapitale Naypyitaw im wenig erschlossenen Zentrum des Landes. „Der einer verbotenen Stadt gleichende Parlamentskomplex wird von Ortskundigen mit dem Präsidentenpalais und den Ministerbüros, als das vor der Öffentlichkeit matrialisch abgeschirmte Herz von Naypyitaw bezeichnet“, schreibt Heinz Schütte, der Verfasser der Studie „Naypyitaw. Eine Annäherung“. Der Titel ist absichtlich vage gehalten, da die meisten Informationen zur Gründung, Realisierung und Besiedelung dieses immensen, auch 2018 noch immer relativ leeren Raumes auf Gesprächen, Annahmen und Vermutungen basieren.

Seit sich das Militär offiziell aus den meisten Regierungsämtern zurückgezogen hat, die mit einer wirtschaftlichen Öffnung des Landes einherging, kann Naypyitaw auch von Ausländern unter Auflagen besucht werden. Sie sind in bewachten Luxus-Resorts untergebracht und dürfen sich nur eingeschränkt innerhalb des Areals bewegen. Nach Ansicht des Autors dient die neue Hauptstadt in erster Linie der Wiederherstellung der „Reinheit des burmesischen Reiches“ als Einheit der buddhistischen Bama und nicht einer multiethnischen und multireligiösen Nation.

In dieser megalomanen, in „unmenschlichen Dimensionen“ geschaffenen Nicht-Stadt sollen nicht nur abgeschlossene Wohnareale für die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen einer „gloriosen Zukunft“ mit fließendem Wasser und Internetanschluß entgegensehen. Auch klimatisierte Shopping Malls und Vergnügungseinrichtungen sind im Entstehen. Realisiert wurden die bisherigen Gebäude unterschiedlicher Funktionen in erster Linie von chinesischen Kontraktoren, die sich damit weitere, lukrativere Investitonen in den Grenzregionen und in der Wirtschaftsmetropole Yangon sicherten. Dennoch gibt es auch „abgelegene Ecken mit menschlicher Nähe“ wie am Busbahnhof oder in den einstigen Reisbauerndörfern, die sich mitten im Hauptstadt-Distrikt befinden.

Offensichtlich dient in diesem Fall „Raumplanung zur Unterdrückung der sozialen Akteure“ oder anders gefaßt, findet hier „Diktatur durch Kartographie“ statt. Insofern eignet sich Naypyitaw nicht zu einem Vergleich von ähnlichen Projekten wie der Gründung des australischen Canberra, Brasilia oder dem nigerianischen Abuja, wo sich im Laufe der Jahre eine großstädtische Normalität unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und Interessen eingestellt hat. Der Autor kommt zu dem Schluß, daß man es in diesem Fall mit einer „pluralen Gesellschaft ohne Gemeinschaft“ zu tun habe. Wer von den zwangsverpflichteten Funktionären aus Regierung und Verwaltung es sich leisten kann, verläßt, wann immer möglich, diesen „unheimlichen Ort einer Fantasy-Szenerie“ und kehrt in die „Realität“ von Yangon, der einstigen Hauptstadt und heutigen Wirtschaftsmetropole zurück.

Schon zwei Jahre zuvor hatte Heinz Schütte mit „Yangon. Ein historischer Versuch“ eine umfassende Monographie vorgelegt über die Entstehung der Königsstadt „Dagon“, ihre Unterwerfung unter die britische Kolonialherrschaft als „Rangun“ im 19. Jahrhundert, die unerfüllten Hoffnungen der Stadtbewohner auf Selbstbestimmung während der japanischen Besatzung im 2. Weltkrieg und ihr allmählicher Niedergang in den Unabhängigkeitswehen und als neubenanntes „Yangon“ während der Militärdiktatur.

Es ist ein gelungene „Erzählung“ über Yangons multikulturelle Vergangenheit und mißlungene postmoderne Gegenwart. Deren Bevölkerung will den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nur mühsam ein Lächeln abgewinnen und rettet sich angesichts des globalen Wettbewerbs in die überkommenen Rituale buddhistischer Selbstversenkung und eines Gemeinschaftskonsenses. Das „Andere“ wird mit zunehmender Präsenz noch vehementer abgelehnt, seien es westliche Langzeitbewohner (s. unseren Beitrag in dieser Ausgabe S. 43ff.) oder bereits seit altersher in Yangon lebende Nicht-Bama und Nicht-Buddhisten.

Die Fotoserie „Yangon Backstage“ von Wolfgang Bellwinkel gibt einen Einblick in die baulichen Herausforderungen, die das historische Zentrum, aber auch die schnell errichteten Vorstädte des ausgehenden 20. Jahrhunderts an Fachleute und Bewohner stellen. Bei allen Schwierigkeiten scheinen die Bewohner Yangons dennoch weiterhin im Gleichklang mit ihrem Zentrum zu leben, denn hier steht – unbeeindruckt und zeitloses Vertrauen – einflößend die golden strahlende Schwedagon-Pagode. „Herz, was willst Du mehr“, könnte man dieses Phänomen lobpreisen. Denn welche Millionenmetropole bietet Bewohnern und Besuchern ein solches Privileg, einen überirdisch, geradezu himmlischen Ort in seiner Nähe zu wissen, der einen offen empfängt und dessen schattige mit lächelnd-ruhenden Buddhastatuen bestückten Pavillons zu Ruhe und Einkehr einladen? Ronald Daus

Naypyitaw. Eine Annäherung, von Heinz Schütte. 114 S. 19,90 €. regioSPECTRA, Berlin 2019

Yangon. Ein historischer Versuch, von Heinz Schütte. Fotos Wolfgang Bellwinkel (s. S. 46/51 in dieser Ausgabe). 364 S. 29,90 €. regioSPECTRA, Berlin 2017. http://www.regiospectra.de