KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 39-40/2021 „500 Jahre Weltumsegelung“

Sie war ungeplant, wagemutig, kräftezehrend und Vielen den Tod bringend – die erste Weltumsegelung zwischen 1519 und 1522 unter dem Kommando des portugiesischen Generalkapitäns Fernão de Magalhães und dem spanischen Kapitän Juan Sebastián de Elcano. 500 Jahre später wird dieser „Meisterleistung des menschlichen Willens“ in vielfältigen Feiern rund um den Globus gedacht.

Exorbitante Profite erwarteten vor 500 Jahren denjenigen, der sich der „Gewürzinseln“ zwischen Indischem und Pazifischem Ozean bemächtigte. Muskatnüsse und Maze auf einer Plantage der Banda-Inseln. Foto R & U Daus, 2016

Mit einer prächtigen Ausstellung im „Archivo General de Indias“, kuratiert von Braulio Vázquez Campos, feierte Sevilla 2019 „El viaje mas largo. La primera vuelta al mundo“, Die längste Reise. Die erste Weltumrundung. Neben bekannten Dokumenten zur Rolle des Portugiesen Magalhães an dieser Entdeckungsfahrt rund um Südamerika und durch den Pazifik wurde ein weiterer Protagonist aus dem Dunkel der Geschichte erneut ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, einer, der die Welt tatsächlich umrundet hatte: „der vergessene Baske“ Elcano. Er hatte das „Undenkbare“ gewagt, den Beweis zu erbringen, daß die Erde eine Kugel ist. Sein Originalbrief von 1522, den er nach seiner Rückkehr an Kaiser Karl V. schrieb, war erst 2015 in den Archiven „wiederentdeckt“ worden. 

Wenig hingegen ist in Europa die Sichtweise der Bewohner Südostasiens auf die Ereignisse von vor 500 Jahren bekannt. Die Inseln Cebu und Mactan, die zu den Philippinen gehören, sollten nur eine Zwischenstation auf der Reise zu den „Gewürzinseln“ darstellen. Doch am 27. April 2021 feierte die gesamte philippinische Nation den 500. Todestag des portugiesischen Generalkapitäns in spanischen Diensten, Fernão de Magalhães. Dieser Tag gilt den Filipinos als ein erster Triumph über den europäischen Kolonialismus dank ihres Nationalhelden Lapulapu, der seine Krieger im Kampf gegen die spanischen Invasoren anführte. 

Die einst so begehrten „Gewürzinseln“ Ternate und Tidore zählen heute zum Vielvölkerstaat Indonesien. Und auch dort besinnt man sich auf seine historische Rolle. Denn es waren die kostbaren Gewürze, die einst nur auf den Inseln der Molukken und der Banda-See zu finden waren, die das Wettrennen der europäischen Seemächte auslösten. Die Regierung Indonesiens hatte bereits 2020 beantragt, die „Spice Route“, die „Maritime Gewürzroute“, in das UNESCO-Weltkulturerbe aufzunehmen, „nicht um einen überwundenen Kolonialismus zu zelebrieren, sondern um das verlorene Wissen über die wichtige Rolle der indonesischen Gewürze in ihrer 4500 Jahre währenden Geschichte weiterzutragen und als Teil des kulturellen Erbes der indonesischen Nation zu erhalten“. Denn Muskatnüsse aus Banda und Nelken aus Ternate hätten einen ganz eigenen, großartigen Beitrag zur Weltzivilisation geleistet.                                                                                                                            

Nach malaiischer Leseart hingegen steht unbestritten fest, daß es ihr Landsmann war, der als erster Mensch die Erde umrundete. Magalhães hatte den als „Enrique“ in die europäischen Annalen eingegangen jungen Mann aus Sumatra nach der Eroberung von Malakka durch die Portugiesen 1511 gekauft und nach Portugal gebracht. Für seine Expedition zu den Molukken diente der Sklave ihm als Übersetzer und Vermittler. Nach dem Tod seines Besitzers verschwand „Enrique“ aus der europäischen Geschichte.

Hommage an den Kapitän der Nau Victoria, Juan Sebastián de Elcano, der vor 500 Jahren die Expedition des Fernão de Magalhães zu den „Gewürzinseln“ nach dessen Tod auf Mactan mit dem Triumph der ersten Weltumsegelung krönte. Mural am Busbahnhof von Sanlúcar de Barrameda nach einem Entwurf der Designerin Mireia Leyton aus Sanlúcar de Barrameda, 2019.

Und dann gibt es noch einen in Europa weitgehend ignorierten Vorläufer der ersten europäischen Weltumsegelung. Es ist der chinesische Eunuchenadmiral Zheng He, der sich 1405 zu den größten Pfeffervorkommen des Globus aufmachte, und zwar von Ost nach West zur indischen Malabarküste. In den Folgejahren segelte seine Großflotte weiter nach Hormuz am Persischen Golf, nach Aden auf der Arabischen Halbinsel und nach Malindi und Sansibar in Ostafrika. 1421, also 100 Jahre bevor die Molukkenarmada der Spanier ihr Ziel erreichte, kommandierte er den größten Flottenverband, den die Welt bis zu diesem Zeitpunkt kannte, und provozierte mit seinen Pfefferaufkäufen in Indien einen wahren Preisschock im fernen Europa. Dies wiederum ermutigte die europäischen Seefahrer, allen voran die Portugiesen, einen Seeweg nach Indien zu suchen, indem sie erfolgreich seine Kontakt- und Handelsmethoden imitierten. Zheng He gilt heute in China als Vordenker der „Maritimen Seidenstraße“ des 21. Jahrhunderts, jedoch nun nicht nur bis Afrika, sondern rund um den Globus.       red

Inhalt

Beat Presser * Magalhães oder Die Liebe zur Gewalt

Clarita Avila * LapuLapu – ein philippinischer Nationalheld?

Exkurs: Resil B. Mojares * LapuLapu in der philippinischen Volkserzählung

Ronald Daus * „Panglima Awang“ oder „Enrique, der erste Weltumsegler“ 

Francisco de Borja Aguinagalde Olaizola * Juan Sebastián de Elcano (1487-1526): Der vergessene Protagonist der ersten Weltumsegelung

„Elcano. Un Viaje a la Historia“ von Tomás Mazón Serrano – Eine Wiedergutmachung?

Andri Prasetya Wibowo * Zum Verständnis der pikanten Ereignisse auf den Gewürzinseln zwischen 1519 und 1529

Ursula Daus * Zheng He, Ein chinesischer Seefahrer des 15. Jahrhunderts: Vorbild oder Bedrohnung?

In Berlin und anderswo: Filmstills in Berlin von Beat Presser und Danit * Ein „Rincón Mexicano“ in Andalusien * Kirchner und Nolde in Kopenhagen * Eine Mumie in Basel

Neue Bücher: Der subjektive Blick * Ausnahmezustände 

Kolophon: Sanlúcar de Barrameda: Eine verpasste Gelegenheit

KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 39-40/2021 „500 Jahre Weltumsegelung“ – 140 Seiten, 60 Abb. 20 €. ISSN 1433-397X