Die schwierige Kunst, ein Museum zu entkolonisieren. Zur Wiedereröffnung des „Musée royal de l‘Afrique centrale“ in Brüssel

„Reorganisation (Umstrukturierung)“, 2002, von Chéri Samba (*1956). Sammlung RMCA, HO.0.1.3865.

„Wenn wir die koloniale Vergangenheit mit heutigen Augen betrachten, können wir nur zu dem Schluß kommen, daß die Kolonisierung als System und Führungsmodell unmoralisch ist und daß wir uns völlig davon distanzieren müssen. Kein Land hat das Recht, ein anderes zu unterwerfen, denn kein Volk hat je darum gebeten, kolonisiert zu werden.“ Die Worte des Generaldirektors des als „AfricaMuseum“ wiedereröffneten ehemaligen „Königlichen Museum für Zentralafrika“ sind eindeutig. Das Bild, das das neugestaltete und erweiterte Museum  von seinem Schwerpunkt Zentralafrika – hier vor allem der von dem belgischen König Leopold II. erst als Privatbesitz beanspruchten Kongo, später vom Staat Belgien als Belgisch-Kongo verwaltete und ausgebeutete Kolonie – vermitteln will, soll in nichts mehr an seine mehr als 100jährige Geschichte erinnern.

Das in einem großen Park 1897 für die Weltausstellung erbaute schloßartige Gebäude wurde bereits 1910 unter Denkmalschutz gestellt und damit auch wesentliche Dekorelemente wie die mächtigen Deckengemälde mit dem königlichen Emblem oder die Statuen des Erbauers. Hier konnten lebende afrikanische Tiere und Menschen in ihrem angeblich natürlichen „Habitat“ bestaunt werden. Wenn in den Folgejahrzehnten die lebenden Exponate von Gipsnachbildungen abgelöst wurden, blieb der Tenor dennoch eindeutig: Belgien und Belgier haben sich als aufopferungsvolle Zivilisationsbringer im Kongo Verdienste erworben. Ihre Verfehlungen, ihre Gräueltaten wurden, wenn überhaupt erwähnt, als Kollateralschäden behandelt. Die Reichtümer des Kongobeckens – Gold, Rohstoffe, Holz etc. – gehörten nach dem Verständnis der Museumserbauer und -betreiber selbstverständlich denen, die sie sich zu erobern wußten.

Kostbare afrikanische und europäische Originale der frühen kongolesischen Kolonialgeschichte seit dem 15. Jahrhundert wie  das Original des Briefes des ersten christianisierten Kongo-Königs Afonso I. an den portugiesischen König João III. werden sorgfältig gehütet. Im Museum befindet sich auch das Archiv des Abenteurers  Henry Morton Stanley, der mit rücksichtsloser Gewalt große Teile des Kongobeckens für den belgischen König Leopold II. in Besitz nahm.

Mit der Neugestaltung, die vor allem eine medientechnische Aufarbeitung und Neubewertung der bereits vorhandenen Ausstellungsobjekte für die Besucher beinhaltet, bemühen sich die Organisatoren in Kooperation mit kongolesischen und Diaspora-Gruppierungen um ein allumfassendes Narrativ, in dessen Mittelpunkt die Aufarbeitung der gemeinsamen schmerzhaften Geschichte stehen soll.

Was dem Museum einen eher pädagogischen Anstrich verleiht, bildet sich in den angeschlossenen Forschungseinrichtungen zu den diese Region betreffenden Sprachen, Sitten und Gebräuchen der einzelnen Völker in fundierten Publikationen ab.

In der neu aufgenommenen Abteilung „Afropea“ kommen die Diaspora-Kongolesen zu Wort. Zentrales Ausstellungsobjekt in diesem Rahmen ist das Werk des Künstlers Freddy Tsima. „Ombres“, Schatten, projiziert auf die weißen Wänder unter die belgischen Namen die Schatten und Namen von Kongolesen, die während der Weltausstellung 1897 in ihren „afrikanischen Dörfern“ ums Leben kamen. Dazu stellt er einen der eisernen Wagen, der den Weg zwischen der Hafenstadt Matadi und Kinshasa bahnte, bei dessen Bau zahllose in die Zwangsarbeit verschleppte Kongolesen ihr Leben ließen.

Eine gewaltige Herausforderung für die Museumsmacher bleibt diese architektonisch und museumsorganisatorisch abgeschlossene Neustrukturierung in jedem Fall. Vielleicht hilft hierbei ein Blick genau auf diesen Kontinent Afrika, worin ja der Daseinsgrund des Museums begründet liegt. Denn dort diskutieren Intellektuelle, Künstler und Medienschaffende die „schöne neue afrikanische Welt“ in Werken wie „L‘Afrique qui vient“, „Afrotopia“ oder  „Écrire l‘Afrique Monde“. Für diese kosmopolitischen Weltbürger ist die Epoche der „Post-Dekolonisierung“ bereits eine Selbstverständlichkeit. Dazu zählt u.a. auch die Rückgabe und nicht die europäische Neubewertung afrikanischer Kunstwerke an afrikanische Museen  als Grundvoraussetzung eines Zukunftsdialogs „auf Augenhöhe“. Ursula Daus

AfricaMuseum, Tervuren bei Brüssel. Katalog: Unvergleichliche Kunst: Wunderbare Objekte des Königlichen Museums für Zentralafrika. 25 €  http://www.africamuseum.be

„Nautische Werke“ von Jacques Devaulx. Ein Luxusobjekt, in dem sich auf geniale Weise „Bild“ und „Bildung“ vereinen.

Detail aus der Gebrauchsanweisung für die Volvelle namens „Gezeitenuhr“. Karte der Atlantikküste zwischen Nordfrankreich und Portugal mit Angaben zur Bestimmung der Gezeiten. Folio 25r, aus: Les Premières Œuvres de Jacques Devaulx, 1587.

Mit dem Faksimile-Druck und der wissenschaftlichen Aufarbeitung der „Nautischen Werke“ (1587) des aus Le Havre stammenden Ersten Lotsen und Steuermann Jacques Devaulx (1555?-1597) übertrifft sich der Taschen-Verlag erneut in Auswahl, Ausstattung und Präsentation eines historischen europäischen Werkes. Devaulx hatte nach einer Erkundungsfahrt über den Atlantik von Le Havre aus Brasilien, die Karibik, die Küste Amerikas bis nach Labrador bereist. Seine Kenntnisse über Längen- und Breitengrade, Gezeiten, Meßinstrumente, Volvellen, Kosmografie hatte er unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Kartographie in seinem nautischen Welt-Handbuch untergebracht. Doch er begnügte sich nicht mit der Darstellung simpler Fakten. Er stattete sein Werk opulent mit Zierbuchstaben und Illustrationen aus. Denn Jacques Devaulx, der normannische Kartograph, galt als einer der her-ausragenden Repräsentanten der französischen Hydrographie-Schule, der sogannenten „Schule von Dieppe“, die auch nach der Erfindung des Buchdrucks ihre Werke handschriftlich auf kostberen Papieren fertigten.

War das prachtvolle Original nur Königen, Herzögen und ihrer Entourage zugänglich, dürfen heute gewöhnliche Sterbliche dieses einstige „Luxusobjekt“, in dem sich auf geniale Weise „Bild“ und „Bildung“ vereinen, betrachten und besitzen. Ronald Daus

Nautical Works. Œuvres Nautiques. Nautische Werke, von Jacques Devaulx. Faksimile. 264 S. Farb- und s/w-Abb. 100 €. Taschen, Köln 2018. http://www.taschen.com

 

Mickalene Thomas: „Femmes Noires“ in der „Art Gallery of Ontario“, Toronto.

Portrait of Maya #10, 2017, von Mickalene Thomas. Strass, Siebdruck und Acryl auf einer auf Holzplatte gezogenen Leinwand, 96 x 84 Zoll.
Private Collection, Toronto.© Mickalene Thomas / SOCAN (2018).

Die afro-amerikanische Künstlerin Mickalene Thomas (*1974) wird in der „Art Gallery of Ontario“ in Toronto sowie im „Contemporary Arts Center“ in New Orleans mit einer großen Solo-Ausstellung ihrer wichtigsten Werke gewürdigt. Mickalene Thomas provoziert seit mehr als zwei Jahrzehnt ihr Publikum mit Inszenierungen, die sich immer weiter in von der Kunstgeschichte sanktionierte Werke vorwagen. Ölmalerei, Strass, Siebdruck, Fotografie oder Mischtechniken zeigen schwarze Frauen in den Posen der großen europäischen Meister. Meist ist die Künstlerin Selbstdarstellerin in ihren Tableaus, wie bei der Revision des berühmt-skandalösen „Origine du Monde“ (1866) von Gustave Courbet. In „Origin of the Universe“ (2012) inszenierte Thomas sich selbst als „Ursprung der Welt“ und lieferte davon auch gleich mehrere Versionen in unterschiedlichen Herstellungstechniken. In ihrer Serie „Maya“ dient die „Nackte Maja“ des 1795–1800 entstandenen Ölgemäldes von Francisco José de Goya als Model. Können, Witz, Ironie und Mut zeichnen diese engagierte Künstlerin aus.

Solo-Ausstellung bis 24. März 2019 in der „Art Gallery of Ontario“, Toronto. Weitere Informationen unter: http://www.ago.ca

 

Geschichten aus Tausend und einer Ölquelle

„Baku ist größer als jede andere Erdölstadt der Welt. Wenn das Erdöl König ist, ist Baku sein Thron…“, schrieb J.D. Henry im Jahr 1905. Der Erdölreichtum sowie die Existenz der Stadt Baku am Kaspischen Meer sind seit mehr als zwei Jahrtausenden belegt. Dort wo das Öl direkt aus dem Boden sprudelte, etablierte sich der Kult des Zarathustra, der bis heute fortbesteht. Doch mit der Ausbeutung dieser Naturressource ab Mitte des 19. Jahrhunderts in bis dahin ungekanntem Ausmaß machte auch die Stadt Baku einen qualitativen Sprung. Die „Erdölbaron-Stadt“ (1870-1918) entstand mit ihren stark ausdifferenzierten urbanen Teilen aus der „Schwarzen Stadt“ mit Bohrtürmen, Raffinerien und Arbeiterwohnungen und der „Weißen Stadt“ mit ihren Großbürgerhäusern, Kultureinrichungen und „Bulevars“. Ihr folgte die „Erdölstadt des sozialistischen Menschen“ (1920-1991) nach der Machtübernahme der Sowjets über diesen wichtigen Produktionsstandort mit sozialistischen Stadtexperimenten und neuen Technologien. Zwischen 1991 und 2012 richtet die Autorin den Blick in die Zukunft ohne Erdöl. Welche Auswirkungen wird diese relativ unsichere Entwicklung auf die Stadtplanung und die Lebensqualität ihrer Bewohner haben?

Mit zahlreichen Stadt- und Entwicklungsplänen, teilweise aus bisher verschlossenen sowjetischen Archiven, werden die einzelnen Phasen dieser Boom-Town des 19. bis 21. Jahrhunderts erörtert. Die wichtigsten Etappen einer Neuplanung im 19. Jahrhundert durch die Brüder Nobel, die sowjetischen Expansionspläne weit über die Stadtgrenzen hinaus in die Förderregionen der Abscheron-Halbinsel, die den historischenTempel des Zarathustra einkreisten  und ihm seine natürlichen Ölquellen abgruben (seine Feuerstellen werden heute durch künstlich zugeführtes Öl am Brennen gehalten), bis zu den märchenhaft-futuristischen Architektursolitären und der gentrifizierten Verbindung zwischen der einst „Weißen“ und „Schwarzen“ Stadt läßt sich bis ins kleinste Detail nachvollziehen.

Dass für die expansive Metropole nicht immer alles nach „Plan“ lief, zeigten die ständigen, bei der Bevölkerung oft umstrittenen Abriß- und Neubauphasen in Aufbau- und Niedergangsepochen. Doch noch immer herrscht – wie im 19. Jahrhundert – eine kosmopolitische Grundstimmung in dieser Vielvölkerstadt mit enormen Einkommens-, Kultur- und Glaubensunterschieden. Dank ihrer relativ toleranten Haltung reüssierte die Metropole bereits in ihrer eklektizistischen Phase und hat sich mit einer extremen Formensprache mit ihrer neo-eklektizistischen Phase in die Topliste der Mega-Metropolen des 21. Jahrhunderts wie Dubai, Singapur oder Astana katapultiert.

Diesen hochspannenden Weg nachzuzeichnen gelingt Eva Blau in ihrem Band „Baku. Oil and Urbanism“ mit leichter Hand und zahlreichen historischen und aktuellen Fotografien. Alex Westwood

Baku. Oil and Urbanism, von Eva Blau, mit einem Fotoessay von Ivan Rupnik. 302 S. Karten, Pläne, Index, Bibliographie. 48 €. Park Books, Zürich 2018. http://www.scheidegger-spiess.ch

 

Über das Meer hinaus

Doppelseite aus dem Tagebuch des norwegischen Matrosen Daniel Trosner (1685-1741) von 1710

Mit der Ausstellung „Europa und das Meer“ hat sich das Deutsche Historische Museum in Berlin ein wahrhaft gigantisches Thema gewählt. Unter der Prämisse, daß Europa, „gemessen an Küstenlänge und Gesamtgröße mehr Berührungspunkte mit dem Meer“ habe als jeder andere Kontinent, wird die Bedeutung des Meeres als Motor für die europäische Entwicklung über mehrere Jahrtausende untersucht. Von mythischen Vorstellungen hin zur tatsächlichen Seefahrt, der Herrschaft über die Meere, dem Künstenhandel, Sklavenhandel sowie der Meeresforschung reicht das Spektrum des mit archäologischen Funden, historischen Dokumenten und digital-animierten Inszenierungen belegten „Sehnsuchtsraums“.

Europäische Weltherrschaft wäre ohne die Erforschung der sich über den gesamten Globus ausbreitenden maritimen Verkehrswege undenkbar gewesen. Und dennoch sind es heute die risikobereiten Bewohner der Küsten Amerikas, Arabiens, Afrikas, Indiens, Asiens oder Australiens, die die einst von den Europäern kontrollierten Meeresstraßen befahren und den daraus profitträchtigen Handel für sich beanspruchen.

Dass der Alltag auf den diese oftmals wilden Gewässer durchpflügenden Schiffen immer eine besondere Herausforderung für die Besatzungen darstellte, ist  hundertfach dokumentiert worden. Daß sich daran auch im 21. Jahrhundert wenig geändert hat, sieht man an der noch immer niedrigen Wertschätzung der Seeleute, die für ein geringes Salär ihr Leben im Kampf mit den Elementen und für den Profit einiger Weniger riskieren. Dennoch schafften es manche unter diesen „Männern aus Eisen“, die „auf Schiffen aus Holz“ fuhren, ihre Eindrücke, Erlebnisse und Überlegungen in kunstvoll gestalteten Schrift- und Bildseiten festzuhalten, wie die Doppelseite aus dem Tagebuch des norwegischen Matrosen Daniel Trosner (1685-1741) von 1710 bezeugen.

Weitere Themenschwerpunkte sind die Nutzung und Ausbeutung von Meeresressourcen, Umwelt und Klimafragen sowie die erneut in den Fokus gerückte Flucht und Migration über das Meer nach Europa.

Bezüglich Malerei und Literatur bleibt die Ausstellung seltsam verhalten. Die ausgewählten Gemälde deutscher oder anderer europäischer Maler erzählen von einem düsteren Wellental, von gänzlich bekleideten Strandurlaubern, wo nur Erich Heckels nackten „Badenden an der Förde“ von 1913 einen Kontrapunkt bilden. Aber auch hier wirkt der Himmel bedrohlich, von dunklen Gewitterwolken überzogen, und die Strandflora vom aufkommenden Winde verweht. Tamara Pracel

Europa und das Meer, Katalog zur Ausstellung (bis 6.1.2019). 448 S., 415 Abb. 39,90 €. Hirmer, München 2018. http://www.hirmerverlag.de

Eindrucksvolle Eigenständigkeit: Der „Modernisme“ in Mallorca

 

Villa in Gènova im mallorquinischen Modernisme.
Foto R & U Daus, 2018

Der modernisierende Architekturstil um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert brachte in den Großstädten Europas wie Barcelona, Wien, Paris, Glasgow, Brüssel, London, St. Petersburg oder Riga hervorragende Beispiele eigenständiger Varianten des Bauens hervor. Im Zuge der Industrialisierung Europas setzten die Architekten für Wohn- und Geschäftsgebäude auf eine lokale Formenvielfalt, die auch künstlerischen Ansprüchen genügen sollten. Auch wenn diese Architekturausprägung jeweils einen eigenen Namen erhielt – in Österreich waren es die „Wiener Sezessionisten“, in Deutschland der „Jugendstil“, in Frankreich und Belgien das „Art Nouveau“, in Italien der „stilo liberty“, in Schottland und England der „Modern Style“ – war den Gestaltern in erster Linie die Rückkehr des handwerklich-künstlerischen Arbeitens ihrer Zunft ein Anliegen.

In Katalonien bildete sich so der „Modernisme“ heraus, dessen berühmtester Vertreter Antoni Gaudí i Cornet (1852-1936) wurde. Er engagierte sich in Mallorca jedoch nicht als Architekt, sondern als Künstler. Er schuf eine eigenwillige Interpretation der Kreuzigung Christi für die Kathedrale von Palma und entwarf ein eher traditionell ausgerichtetes Mosaik vor dem Eingangsportal (1904-1910).

Den eigentlichen Beginn des mallorquiner „Modernisme“ findet man in der ersten Phase der Entwicklung des Tourismus auf der Insel. Berühmtestes Beispiel für diesen Baustil wurde somit ein Gebäude der touristischen Infrastruktur: das „Gran Hotel“ (1903) an der Plaça Weyler, außerhalb der Altstadt, mitten im Zentrum der neugeschaffenen Geschäftsstadt. Sein Architekt war der aus Barcelona stammende Lluís Domènech i Montaner (1849-1923). Noch fehlte den einheimischen Baumeistern nach Ansicht der Investoren anscheinend die ausreichende Erfahrung für ein derartiges Großprojekt. Die eher mit historizistischem Dekor und Fayencen überladene Fassade läßt wenig ahnen von der Finesse im Inneren des Gebäudes. Die Ausstattung der Zimmer und Suiten entsprachen dem allerneuesten Stand in Design und Technik. 70 Jahre später stand das Gebäude verlassen da und wurde erst 1993 unter großem Aufwand denkmalgerecht renoviert und in ein Kulturzentrum verwandelt.

Mit dem Bau des „Gran Hotel“ veränderte sich jedoch auch die Auftragssituation für die mallorquiner Architekten. Außerhalb Palmas entstanden neue Sommerfrischen wie etwa in Cala Mayor oder Gènova. 1906 eröffnete das Hotel „Príncipe Alfonso“, erbaut nach einem Entwurf des aus Palma stammenden Architekten Gaspar Bennássar (1869-1933). Das Gebäude besteht aus mehreren, voneinander unabhängigen Bauteilen. Der Fassadenschmuck reicht von bäuerlichen Fayencen bis zu Imitationen von Ziegeldekor und Arabesken aus der Alhambra in Granada.

Fassadendetail des Hotel „Príncipe Alfonso“, 1906 erbaut und aktuell vom Abriß bedroht.
Foto R & U Daus, 2018

Den Hotelbauten folgten Privatvillen im nun anerkannten „mallorquischen“ Stil. Die meist zweistöckigen Gebäude besaßen breite Fensterfronten mit reichem Außendekor, einen kleinen, minarettartigen Turmbau mit offener Veranda und reichverzierten eisernen Gartentoren. Palmen und Blütenbüsche sollten ein idyllisches Ambiente vortäuschen in den sehr eng bebauten, teuren Grundstücken. Die meisten dieser architektonischen Kleinode wurden für 20stöckige Apartmentblöcke abgerissen. Nur noch einige wenige haben, sorgfältig renoviert, dem Tourismus- und Bau-Boom widerstanden, der die Insel Mallorca seit mehr als 40 Jahren heimsucht.                                         Ursula Daus

Weiterführende Literatur: Tomàs Vibot, El Modernisme a Mallorca. Guia per a una descoberta, El Gall Editor, Pollença 2014. http://www.elgalleditor.com

 

Foto©Sebastian Copeland/Courtesy of CAMERA WORK

 

Im Ewigen Eis? Fotografien von Sebastian Copeland in Berlin

Bis 1. Dezember 2018 zeigt die Galeire CAMERA WORK in extremen Großformaten eine Auswahl von Fotografien des New Yorker Fotografen Sebastian Copeland (*1964). Er hat sich nach einer Karriere als Musikvideo-Regisseur und Fashion-Label-Fotograf ganz auf die Abbildung der eisigen Polarkappen oder auch der Eiswüsten Grönlands spezialisiert.

Voraussetzung für diese Annäherung an einen sich permanent verändernden Naturzustand sind offensichtlich ein im Extremsport gestählter Körper und der Mut, ihn den Herausforderungen solcher Expeditionen zu opfern. Das Ergebnis ist in Berlin zu bestaunen. Seine Naturbilder, die in ihrer Vollendung an die abstrakten Idealformen der Geometrie erinnern, belegen einmal mehr, daß die Grundlage allen geistigen Fortschritts das Vorhandensein unserer tatsächlichen Umwelt darstellt. Nur so kann sich auch die Menschheit weiterentwickeln. Ist diese Grundlage zerstört, werden den Menschen die natürlichen Vorbilder zu genialen Zukunftsideen abhanden kommen.

Sebastian Copeland nutzt seine weltumspannende Bekanntheit, um auf die konkrete Gefahr der Zerstörung dieser besonders anfälligen Erdregionen durch den Klimawandel aufmerksam zu machen.                                         red

Sebastian Copeland. Bis 1. Dezember 2018 bei CAMERA WORK, Berlin. http://www.camerawork.de

Dekolonisierung und kein Ende. Teil 1…

Tiflis-Impression des in Berlin lebenden russischen Architekten und Zeichners Dmitrij Chmelnizki, 2018.

KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 33-34/2018 „Walkabout“ wird am Stand des Ehrengastes „Georgien“ präsent sein. In der gedruckten Ausgabe unserer Zeitschrift finden Sie einen ausführlichen Beitrag zur aktuellen, ins Deutsche übersetzten Literatur Georgiens aus den Verlagen Weidle, Bonn; edition.fotoTAPETA, Berlin, Hans Schiler, Berlin, Niggli, Zürich.

 

Unsere Rezensionen zu Neuerscheinungen im Sommer/Herbst 2018

Detail des Cover-Foto des im Taschen-Verlag in Köln erschienenen Bandes „National Geographic. In 125 Jahren um die Welt, Afrika“, 2018

Dekolonisierung und kein Ende…

Obwohl die eigentliche Epoche des europäischen Kolonialismus seit mehr als 60 Jahren als beendet gilt, häufen sich die unterschiedlichsten Textsorten zu diesem Thema auf den Publikationslisten von Verlagen, Universitäten oder interessierten Vereinigungen im In- und Ausland.

Mal sind es Erinnerungsberichte – wie Eva König-Werners „Kolonialismus und die Erfahrungen des jungen Java-Chinesen Tan Tjwan Hie“, mal romanesk aufgearbeitete Reisejournale auf den Spuren ehemaliger europäischer „Entdecker“ wie Patrick Deville‘s „Äquatoria“, mal aktuelle Überlegungen zu vergessenen „Kampfschriften“ aus der gerade entkolonisierten Welt wie Ngugi wa Thiong‘os „Dekolonisierung des Denkens“, José Eduardo Agualusas „Das Lächeln des Geckos“ oder wundersame Wiederentdeckungen historischer Zeugnisse in Form von großartigen Bildbänden wie „Afrika. In 125 Jahren um die Welt“ mit Fotografien aus der US-Zeitschrift „National Geographic“.

Natürlich findet man dieses neuerwachte Interesse an der einst den gesamten Globus verändernden Weltordnung –initiiert von den portugiesischen Seefahrern zu Beginn der modernen Zeitrechnung – in der Hauptsache bei den Verursachern dieser Zeitenläufte. Sie beobachten aufmerksam die sie beunruhigenden Entwicklungen, denen man oftmals den Zusatz „Krise“ anhängt: Klimakrise, Freihandelskrise, Bevölkerungskrise oder Migrationskrise.

Die Welt ist mehr denn je in Bewegung und die Menschheit sucht ihr Glück im Fortschreiten: „Globalisierung“ von Waren und Kapitalströmen galt seit der „Erfindung des Kolonialismus“* durch die Portugiesen als Gewinn. „Globalisierung“, in Form von Wanderung von Menschen und Kulturen, sollten damals wie heute starken Kontrollen unterworfen sein. Anhand des Studiums des portugiesischen Kolonialismus lassen sich die dabei gewonnenen Erkenntnisse auf die aktuelle Situation übertragen: „Von der Erweiterung des Horizonts zur Verengung des Geistes“* lautete das Fazit portugiesischer Historiker zu ihrer Zeit. Ähnlich präsentiert sich der intellektuelle Umgang aktueller Auseinandersetzungen mit den nun Dekolonisierten.  Die Neugierde auf das Fremde scheint an ihre Grenzen gelangt zu sein. Die Autonomie der Fremden, ihr Glück ebenfalls in der Bewegung nach außen zu suchen wie einst die europäischen Seefahrer und „Entdecker“, beginnt die Verursacher dieser Ausbreitungseuphorie in ihrer eigenen Bewegungsfreiheit zu begrenzen.

Wer sich der Mühe unterzieht, die hier präsentierten Publikationen gegen- und miteinander zu lesen, wird zu dem Schluß kommen, daß mehr als 500 Jahre europäischer Beherrschung der Weltmeere und Kontinente wohl weitere Jahrhunderte der Aufarbeitung benötigen werden, bis alle individuellen und kulturellen Facetten beleuchtet sein werden und nicht nur die machtpolitischen und wirtschaftsrelevanten Ereignisse aneinandergereiht den historischen Kontext ergeben. Denn die heutigen Erben, seien es die Kinder und Enkel der Kolonisierer oder die der Kolonisierten müssen sich den Planeten ab sofort teilen ohne „Die Verewigung nach Oben und Unten“*. Denn keiner von ihnen kann mehr „Den Wunsch nach dem Unter-Sich-sein“* durchsetzen.

Eva König-Werner legte mit „Kolonialismus und die Erfahrungen des jungen Java-Chinesen TanTjwan Hie“ eine fundierte Auseinandersetzung mit einer im deutschen Kontext wenig beachteten Minorität Indonesiens vor, den vor mehreren Jahrhunderten auf die Insel Java zugewanderten Festlandchinesen. Sie hatten nach der Entkolonisierung Indonesiens und dem Aufstieg der Nationalisten in großer Zahl Java in Richtung Europa verlassen. Sie suchten ihre Zuflucht beim ehemaligen Kolonisator, den Niederlanden. Obwohl die Begegnung mit dieser Fremdkultur und ihrer Sprache dem jungen Tan Tjwan Hie permanent das Gefühl der Erniedrigung vermittelte, zogen er und die meisten seiner „Leidensgenossen“ ein Leben im Exil der Lebensbedrohung durch die einstigen javanischen Mitbürger vor. Diese innere Zerrissenheit äußerte Tan Tjwan Hie mit dem Ausspruch, er befinde sich  „immer im Ausnahmezustand“.  Dass die soziologische Studie der eigentlichen Intention eines „Literarischen Projekts“ vorgezogen wurde, hat wohl vor allem administrative Gründe. Wenn man sich die zahlreichen „Testemonios“ lateinamerikanischer Schriftsteller vor Augen führt, hätte das „Zeugnis“ dieses Java-Chinesen eine Bereicherung der postkolonialen Literatur dargestellt.

Mit seinem heute als Klassiker gehandelten Essay „Dekolonisierung des Denkens“ ist der kenianische Autor Ngugi wa Thiong‘o im hohen Alter von 80 Jahren zum Literatur- und Festival-Star des 21. Jahrhunderts mutiert. Er selbst stellt diese Volte seines an unerwartete Wendungen gewöhnten Lebenswegs mit Erstaunen fest. Als er Mitte der 1980er Jahre die „Anweisung für eine wahrhaft afrikanische Literatur“ veröffentlichte, schlug ihm von vielen afrikanischen Autoren Kritik und Unverständnis entgegen. Weshalb sollten sie, die gerade mit ihren Werken auf Französisch, Englisch oder Portugiesisch ins Rampenlicht traten, sich in einer der einheimischen Muttersprachen artikulieren? Wer würde sie lesen? Wer würde sie verlegen? Wer würde ihre Stimme in der „Welt dort draußen“ überhaupt wahrnehmen? Auch für Ngugi wa Thiong‘o waren dies wichtige Fragen, die er in seiner Schrift mit sich selbst diskutierte. Da er neben Romanen auch Theaterstücke verfaßte, stellte für ihn das Schreiben in Kikuyu eine wichtige Prämisse dar, mit der er die normalen Menschen, die Analphabeten in den Dörfern, die wenig Gebildeten erreichen konnte. Er ermutigte seine kenianischen Mitautoren, ihre Werke in Suaheli zu verfassen,der jahrhunderte alten Schriftsprache Kenias. Er wollte Übersetzer anwerben und ausbilden und er erfand das uralte Erzählen am Lagerfeuer neu, indem er Leser engagierte, die abends in den Dörfen seine Geschichten vorlasen, in den Kneipen gegen ein, zwei Bier auch die anderen Gäste an dieser neuen Art des Austauschs statthaben ließen. Hätte er nur auch Englisch geschrieben, wäre er von all diesen nicht gehört worden.

Und heute? Afrikanische Autoren verfassen ihre Texte noch immer in den Sprachen der einstigen Kolonialmächte. Sie werden in relativ großer Zahl in Europa, den USA, in eher geringer Zahl in Afrika selbst verlegt und gelesen. Doch ihre Gedanken und ihre Kritik an den Verhältnissen haben einen neuen Ausweg gefunden: das Internet sorgt für eine ungeahnte Verbreitung ihrer Romaninhalte, Erzählungen, Theaterstücke, Gedichte. Und dort finden sich dann auch wieder die so dringend gesuchten Übersetzer in die einheimischen Muttersprachen des afrikanischen Publikums. Ngugi wa Thiong‘os emanzipatorischer Schritt zu einer wirklich afrikanischen Literatur hat somit im 21. Jahrhundert sein Versprechen erfüllt.

Mit der Veröffentlichung von 200 Afrikabildern aus den Archiven der US-amerikanischen Zeitschrift „National Geographic“, die dort im Verlauf der vergangenen 125 Jahre veröffentlicht wurden, betritt der Taschen-Verlag ein einigermaßen vermintes Terrotorium . Was den Blick der  Leser der Zeitschrift über mehr als ein Jahrhundert hinweg so begeisternd und faszinierend an Landschaften, Menschen, Lebensarten oder Ausgrabungsfunden fesselte, muß heute mit einer Art „Leserwarnung“ versehen werden. „Stationen dieser transkontinentalen Zeit- und Bilderreise… bilden ein spannendes Afrikapanorama, das den jeweiligen Zeitgeist abbildet und nachverfolgen lässt, wie der voyeuristische Blick und der Kult des Ausgefallenen von einst einer realistischen Wahrnehmung gewichen sind, die auch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Kolonialismus und Globalisierung nicht ignoriert“. (Pressetext des Verlages)

Die spektakulären Tieraufnahmen, die atemberaubenden Landschaften, die noch immer bunt bemalten, raffiniert mit Gold, Silber oder exzellentem Knochenschmuck dekorierten Menschen des afrikanischen Kontinents dürfen wohl weiterhin bewundert werden. Damit das jedoch im Geiste der politischen Korrektheit erfolgt, hatte sich im April 2018 die Herausgeberin des Verlages für die – dem Zeitgeist geschuldete – oft wenig sensible Darstellung der afrikanischen Lebensverhältnisse in den zurückliegenden 130 Jahre entschuldigt. Denn man wolle endlich das Etikett einer „rassistischen, tief im kolonialen Denken verwurzelten Institution“ loswerden. (zit. nach: africaisacountry.com)

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sich in dem Großband nur wenige der Fotografien aus den Anfangsjahren des Magazins finden. Der Schwerpunkt liegt auf den Jahren nach  der langersehnten Unabhängigkeit der afrikanischen Nationen in den 1960er Jahren und reicht bis in die Gegenwart. Hierbei nimmt man Rücksicht darauf, das Leben der Afrikaner sich im neuen Millenium in der Hauptsache in den Millionenmetropolen abspielt, so daß auch die Zeitschrift sich diesen Schauplätzen widmet, wie einige der Aufnahmen in ungeschönter Realitätsnähe zeigen. Obwohl sich Europa und der Westen seit mehr als 500 Jahren mit Afrika und seinen Menschen sowie seinen Lebensräumen beschäftigt, erstaunt die Aussage des Vorwortschreibers dann doch: „Afrika bleibt eine komplexe und rätselhafte Weltgegend…“ Nur wenn der Mythos weiterhin gewahrt bleibt, kann man anscheinend neue Leserschichten an diesen „geheimnisvollen“ Kontinent heranführen.

Der Faszination dieser „rästelhaften Weltgegend“ erliegen im 21. Jahrhundert aber nicht nur Fotografen und Reisereporter. Auch Schriftsteller aus Europa oder den USA lassen sich weiterhin verführen, ihre eigenen Entdeckungsreisen zu unternehmen, vorzugsweise „auf den Spuren…“ eines bereits sakrosankten europäischen Abenteurers. So werden koloniale Helden des 19. Jahrhunderts von zeitgenössischen, postkolonialen  Anti-Helden erneut ins Licht der Öffentlichkeit befördert und ihr einstiges Wirken einem heutigen literarisch-intellektuellen Urteil unterworfen.  Der Autor von „Äquatoria“, der Franzose Patrick Deville,  hat sich 2006 nach Afrika aufgemacht, um dem einst bewunderten, kurz darauf jedoch von der französischen Kolonialregierung geächteten italienischstämmigen Abenteurer und Afrika-Reisenden Pierre Savorgnan de Brazza zu folgen. Brazza reiste zuerst im Auftrag, später auf eigene Kosten durch das weitgehend unkartographierte Gabun, Angola, den Kongo, an die Ufer des Tanganjikasees und nach Sansibar. Brazza legte den Grundstein der späteren Kapitale Brazzaville auf der rechten Seite des Kongo (gegenüber errichtete Henry M. Stanley im Auftrag der belgischen Königs Leopoldville, heute Kinshasa).

Brazza, der Menschenfreund und Sklavenbefreier, durfte seinen Entdeckerruhm nicht lange genießen. Er war zu weichherzig, zu aristokratisch, hatten nicht den „Biß“ eines guten Kolonisten. Deville gelingt es auf seiner tatsächlichen und literarischen Reise durch dieses immense, noch immer gefährlich zu bereisende afrikanische Herz im Kongobecken und der Ostküste Afrikas die gesammelten Widersprüche europäischer Kolonialisierung und Dekolonisierung sowie afrikanischem postkolonialem Schlendrian und Versagen in einen einzigen Roman zu packen. Den Höhepunkt dieser afrikanischen Absurditäten-Sammlung liefert ganz zum Schluß die 2006 erfolgte Eröffnung eines Mausoleums für die sterblichen Überreste de Brazzas und seiner Familie in Brazzaville. Es soll ein Kulturzentrum werden, erbaut im neoklassischen Stil eines Pantheons, eine „Mausoleum zu Ehren des Kolonialismus“, wie seine in- und ausländischen Kritiker meinen. Vielleicht werden es aber auch die Bewohner der umliegenden Wellblechhütten-Viertel in absehbarer Zeit einer neuen Verwendung zuführen.

Eine Auswahl der Reiseberichte des Pierre Savorgnan de Brazza liegt in deutscher Übersetzung seit 2016 bei der Edition Erdmann vor. Diese Ausgabe ist mit einigen zeitgenössischen Abbildung, einer ausführlichen Einleitung zu Leben und Werdegang des Abenteurers und Verwalters in französischen Staatsdiensten, Berichte zu seinen ersten drei „Missionen“ und einigen persönlichen Briefen erweitert. Anhand des Glossars, mehrerer Karten und einer weiterführenden Bibliographie wird das weitgefasste Thema der Erkundung und Besetzung des Kongo-Beckens durch die Europäer im 19.  Jahrhundert näher beleuchtet. Mit dieser Textauswahl geht einher, dass den Leserinnen und Lesern diejenigen Passagen aus den Reiseberichten, Reden und Briefen präsentiert werden, die der Ausgabe „Pierre Savorgnan de Brazza, Conférences et lettres de P. Savorgnan de Brazza sur ses explorations dans l’ouest Africain de 1875-1886“ entsprechen, die unter Federführung von Napoléon Nay 1887 in Paris erschien.. Auffällig sind die vielen Zweifel, die den doch sehr von seiner Mission erfüllten Savorgnan de Brazza quälten. Von einem enthusiastischen Abenteurer und „Entdecker“ entfernte er sich mit zunehmender Orts-, Sprachen-  und Völkerkenntnis immer weiter. Und dennoch brach er fünfmal bis tief ins „Herz der Finsternis“ auf, wo er – nach Aussage seiner Ehefrau – während der letzten Reise 1905 angeblich vergiftet wurde und auf dem Weg zurück nach Europa in Dakar verstarb. Obwohl er von seinen Auftraggebern, dem Kolonialministerium in Paris, regelrecht torpediert wurde, gehörte er fast ein Jahrhundert lang zu Frankreichs Nationalhelden, bevor im Zuge des Postkolonialismus auch er in Ungnade der zeitgenössischen Interpreten fiel. Wie ein Racheakt der einst Kolonisierten am ehemals kolonialen Mutterland erscheint in dieser Abfolge die Errichtung des Mausoleums in Brazzaville zu seinen Ehren. Der Band ist eine historisch erhellende Ergänzung zu jedweder literarischen Auseinandersetzung mit diesem  Kolonisator wider Willen.

Doch auch in der portugiesischsprachigen Literatur Afrikas will die Dekolonisierung nicht wirklich gelingen. Ihr bekanntester Vertreter in Europa und Lateinamerika, José Eduardo Agualusa aus Angola, nimmt sich in seinem 2004 auf portugiesisch erschienenen Roman „O Vendedor de Passados“ (Der Händler der Vergangenheiten) erneut der unbewältigten Kolonial-, Bürgerkriegs- und Dekolonisierungsgeschichte Angolas an. In dem 2008 auf Deutsch unter dem Titel „Das Lachen des Geckos“ veröffentlichten Roman, der 2018 als Taschenbuch im Unionsverlag wieder vorliegt, bietet ein in Luanda beheimateter Buchhändler seinen Kunden neben antiquarischen Büchern aus den Bibliotheken der geflohenen portugiesischen Kolonialherren eine weitere Dienstleistung an. Er verschafft denen, für die es im neuen Angola  überlebensnotwendig oder karrierefördernd ist, eine präsentable Vergangenheit. Bei dieser geradezu alchimistischen Geheimwissenschaft schaut ihm ein lächelnder Gecko von der Zimmerdecke aus zu, kommentiert und versucht dabei, nicht in den Zangen eines aggressiven Skorpions zu landen, der von Zeit zu Zeit vom Garten in die Behausung des Buchhändlers eindringt.

Während der „Händler der Vergangenheiten“ in den alten und neu geschaffenen Leben seiner Klientel unterwegs ist, gelingt es ihm, sein eigenes, wenig erbauliches Schicksal zu vergessen. Als Albino wird er von der schwarzen Mehrheit offen diskriminiert, noch kann er sich mit  seinen wenigen Tropfen portugiesischen Blutes in anderen Gefilden Freunde verschaffen. So wählt er die Möglichkeit, ein Anderer zu sein, auch für sich und begibt sich mit „alten“ Medien wie Schallplatten, Zeitungen, Dias, Folianten, die er in einem „alten“, kolonialen Gebäude versammelt hat, stunden- oder tageweise in eine untergegangene Welt, wie sie tatsächlich so nie existiert hat. Doch die alltägliche Gewalt der Vergangenheit und Gegenwart holt ihn immer wieder ein in Form seiner „Kunden“: blutrünstige Kolonialisten, mörderische Revolutionäre, vergewaltigte Mulattinnen, gefolterte Intellektuelle, alle suchen mit dieser grausamen Vergangenheit der letzten 50 Jahre angolanischer Geschichte abzuschließen, endlich von ihr befreit zu sein und tatsächlich ein neues Leben zu beginnen.

Dem Angolaner José Eduardo Alves da Cunha scheint ein neues erfolgreiches Leben unter spontaner Annahme eines Künstlernamens gelungen zu sein. „Agualusa“, so seine Erklärung, ist der Namen eines sehr kleinen einzelligen Organismus im Meer, der das Licht der Sterne am Nachthimmel widerspiegelt. „Ich kenne Leute, die bei dieser Erfahrung in Panik gerieten. Viele sprachen von Trunkenheit, die meisten aber von Träumen.“ Vielleicht schaffen sich die Menschen in Angola nach Jahrzehnten der Alpträume endlich ein Zeitalter der Wunschträume, wie es Agualusa in seinen Büchern hauchdünn skizziert. Denn auf alten Zeichnungen und in alten Filmen sieht Luanda noch hinreißend schön aus. „Vielleicht gibt es so etwas noch einmal in der Zukunft.“

Ronald Daus

Kolonialismus und die Erfahrungen des jungen Java-Chinesen Tan Twjan Hie. Ein postkolonialer Beitrag zur Erinnerungskultur, von Eva König-Werner. 324 S., 39,90 €. Waxmann, Münster 2018

Dekolonisierung des Denkens, von Ngugi wa Thiong‘o.  Aus dem Englischen. Mit Essays von Boubacar Boris Diop, Achille Mbembe, Petina Gappah, Sonwabiso Ngcowa, Mukoma wa Ngugi, 271 S. 18 €. Unrast, Münster 2017

National Geographic, In 125 Jahren um die Welt. Afrika, hrsg. von Joe Yogerst und Reuel Gordon, 312 S. 200 Abb. 50 €. Taschen, Köln 2018

Äquatoria. Auf den Spuren von Pierre Savorgnan de Brazza, von Patrick Deville. Roman aus dem Französischen. 353 S. 13,95 €. Unionsverlag, Zürich 2018

Expeditionen nach Westafrika. Vom Ogowé zum Kongo 1875-1886, von Pierre Savorgnan de Brazza, mit einer Einführung von Anja Streiter. Aus dem Französischen. 296 S. 24 €. Ed. Erdmann, Stuttgart 2016

Das Lachen des Geckos, von José Eduardo Agualusa. Roman aus dem Portugiesischen Angolas. 192 S. 12,95 €. Unionsverlag, Zürich 2018

  • mit Stern gekennzeichnete Zitate aus: Ronald Daus, Die Erfindung des Kolonialismus – revisited. Ungekürzte, völlig überarbeitete und aktualisierte Ausgabe. 846 S. Berlin 2014

KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 33-34/2018 „Walkabout“

Zwei Männer mit Dingo auf einer langen Wanderung. Felsmalerei in Kimberley, Nordwest-Australien.

„Dulwan mamaa“ nennen die Angehörigen des Ngarinyin-Stammes im australischen Nordwesten der Kimberley-Region die geheimen Pfade auf denen sie seit Urzeiten altes Wissen ihren Nachkommen übermitteln. Es gibt nur „eine Straße, einen einzigen Weg. Wir gehen diesen Weg“ singen sie und tanzen dazu die heiligen Schritte. Denn Wissen muß weitergegeben werden. Und im 21. Jahrhundert haben sie zusätzlich den Weg ihrer Zeit gewählt, den digitalen Pfad, damit die zukünftigen Stammesmitglieder die Bedeutung der überlieferten Botschaften verstehen. Die lange Wanderung auf den historischen Traumpfaden ihrer Totemtiere wird um die virtuellen Kommunikationsmittel ergänzt. Die direkte Verbindung zur Erde, die die Aborigines während ihres Walkabout durch trockene Täler, über Sanddünen und entlang der Billabongs unter ihren Füßen spürten, scheint nicht mehr im Zentrum der Traditionsvermittlung zu stehen.

Und so legen auch unsere Autorinnen und Autoren virtuelle und tatsächliche geheimnisträchtige Pfade wie ein vielmaschiges Netz über unseren Globus. Sie berichten von ihren gesammelten Erfahrungen aus Europa und Afrika genauso wie aus Südamerika und Asien. Sie vermitteln uns ihr subjektives Bild von einer Welt, die sich erneut in einem schöpferischen Chaos befindet, wo Erschaffen in Kunst und Literatur genauso seinen Platz hat wie gedankenlose oder prämeditierte Zerstörung der Lebensumwelt.
Auch wenn Milliarden Klicks im Internet das virtuelle Reisen zu einer alltäglichen Erfahrung gemacht haben, lösen tatsächliche Eindrücke noch immer die stärksten Emotionen aus. So verursacht eine millionenfache Bewegung von Menschen auf der Suche nach einem besseren oder abwechslungsreicheren Leben bei einigen Beobachtern auch negative Vorahnungen. „Das große Gleiten ist jetzt in das gesamte Spektrum menschlichen Lebens eingedrungen“, konstatiert der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk.
Das jahrtausendealte australische Konzept des Walkabout hat schlußendlich die gesamte Menschheit erfaßt.

Aus dem Inhalt:
* Inszenierte Gesänge der bezaubernden Walés im Kongo
* Ronald & Ursula Daus * Wandeln auf Traumpfaden. Afrikanischer Walkabout im 21. Jahrhundert
* Beat Presser * Walkabout, Roundabout and Talkabout
* Reise durch die neuen Ungewissheiten des 21. Jahrhunderts
* „Bleibt Zuhause!“ 9 Projekte gegen die Landflucht in Südchina
* Peter B. Schumann * Reise zu den verseuchten Dörfern. Gespräch mit dem argentinischen Regisseur und Politiker Fernando Solanas
* Luis Pulido Ritter * „Der Marienkomplex“. Melancholischer Walkabout
* Antonius Moonen * Ferien eines Snobs
* „1406“ – Der Fotograf Christian Tagliavini bei CAMERA WORK in Berlin
* Ursula Daus * Marrakesch: Zeitgenössische Afrikanische Kunst hinter Oasenmauern
* In Berlin und anderswo: 100% Afrika * 100% Japan * Paris Megaloman * Ehrengast Georgien bei der Frankfurter Buchmesse 2018 * Neue Bücher aus 30 deutschen Verlagen: * Kolophon: 10 Jahre „Museu do Oriente“ in Lissabon

Datum: Juli 2018; 122 S.; 56 Abb.; 18 €.

 

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Inszenierte Gesänge der bezaubernden Walés aus dem Kongo

„Walé Bontongus Teich“. Bontongu stammt aus dem Dorf Ikoko und gehört zum Itele-Clan.
Foto © Patrick Willocq. Aus:„Songs of the Walés“, 2017

Tief im Dschungel des Kongos leben die Pygmäen-Stämme der Ekonda und Ntombas. Gemäß ihrer Tradition muß eine junge Mutter nach der Geburt ihres ersten Kindes in das Haus ihrer Eltern zurückkehren, dort über Jahre im Verborgenen leben und strengen traditionellen Regeln folgen. Da das Erstgeborene immer das zukünftige Familienoberhaupt darstellt, muß es vor allen möglichen Gefahren geschützt werden und unter den bestmöglichen Bedingungen seine ersten Lebensjahre verbringen. Oberstes Gebot ist jedoch, die Vermeidung jeglichen Geschlechtsverkehrs, sei es mit dem Vater oder mit anderen Männern. Denn nach der Überzeugung dieser Pygmäen verdirbt Sperma die Muttermilch.

Walés sind angehalten, sich nur um ihr Baby und ihren eigenen Körper zu kümmern. Kleidung, Schminke und Frisuren werden tagtäglich sorgfältig neu in Szene gesetzt.

Die größte Herausforderung für die Clans ist jedoch die Abschlußzeremonie, wenn die Walés ihr Versteck verlassen dürfen und wieder in die Gemeinschaft zurückkehren. Diese Zeremonie ist nicht nur von Äußerlichkeiten bestimmt, sondern beinhaltet auch Gesänge und Tänze, die die Walés in ihrer Abgeschiedenheit komponieren und choreographieren.

Hier setzt die Arbeit des französischen Fotografen Patrick Willcoq an. Gemeinsam mit einem Ethno-Musikologen, einem Künstler und vielen Handwerkern der Pygmäen-Clans inszenierten sie „surreale Szenerien“ mitten im Urwald, die sich an den Gesängen einiger Walés inspirierten. Unübertroffen ist hierbei der kreative Umgang mit den Naturmaterialien, die der Wald liefert und die die Menschen dieses Landstrichs seit Urzeiten sich zu nutze machen und verfeinern.

In der Installation von Bontongu, einer 19jährigen Mutter, die drei Jahre in Abgeschiedenheit lebte, steht ein kleiner Lilienteich im Zentrum ihres Zeremonienliedes: „Ich bin wie ein Teich im Wald/wie Fischhaut, die sich nicht abschuppt/wie ein Tier, das man nicht sehen kann/und ich bewege mich wie ein Fisch im Wasser.“

Andere Walés wählten Beigaben der westlichen Moderne für ihre Installation, wie Fahrräder oder Flugzeuge, so die Walé Asongwaka, genannt „die Schöne“, vom Dorf Bioko des Ilonga-Clans. Asongwaka besteigt für die Installation mutig ein aus Schilfruten und Palmwedeln geflochtenes Flugzeug, das an Seilen zwischen zwei Bäumen baumelt. Um sie her flattern Modellflugzeuge vor einer blaugestrichenen Flechtwand.

Am Beginn und am Ende des Bandes stehen Einblicke in das Habitat dieser Pygmäen-Stämme: grüner Dschungel, der nur von schmalen roten Pfaden durchzogen wird. Und dennoch sieht man bereits das Werk der zivilisatorischen Maschinerie, wenn der Weg von Radspuren verbreitert ist oder gesäuberte Böschungen die Durchfahrt erleichtern.

Die Fotografien des Bandes entstammen den Serien „I Am Walé Respect Me“ (2013), „Forever Walé“ (2014) und „The Untouchables“ (2014). Die Tradition der Walés scheint mit dieser hier abgebildeten Generation junger Frauen an ihre Ende gekommen zu sein. Ursula Daus

Songs of the Walés, Fotos von Patrick Willocq, Texte von Martin Boilo Mbula, Laurence Butet-Roch, Alain Mingam, Azu Nwagbogu. 208 S., 178 Farbabb., 39,90 €. Kehrer, Heidelberg 2017

 

ANSICHTEN DES LEBENS

Das in 29 Kapiteln verfaßte „Logbuch des Lebens“ von John Steinbeck kann nach mehr als einem halben Jahrhundert als Neuübersetzung in einer klassisch gebundenen Ausgabe aus dem „mare Verlag“ wieder goutiert werden.

Ein Lesevergnügen ist dieses Reisetagebuch vom 12. März bis 13. April 1940 entlang der Küste Baja Californias allemal. Der vorliegende Text basiert auf der 2. Ausgabe mit dem Titel „The Log from the Sea of Cortez“ von 1951, die um einige wissenschaftliche Anmerkungen der Erstausgabe von 1941 gekürzt wurde. Sie brachte den gewünschten Verkaufserfolg gegenüber dem breiten Publikum.

Die Halbinsel „Baja California“, hier mit Niederkalifornien übersetzt, erhielt bei den spanischen Conquistadoren ihren Namen als Gegenstück zum „Alta California“, dem heutigen US-Bundesstaat Kalifornien.

John Steinbeck machte sich in Begleitung seines wissenschaftlich geschulten Freundes und Meeresbiologen Ed Rickett plus einer mehrköpfigen Crew im Frühjahr 1940 mit einem Fischkutter auf die Reise, um die bis zu diesem Zeitpunkt wenig erforschte Fauna der Küstengewässer des Golfs näher in Augenschein zu nehmen. Sie wollten kleine Meereslebewesen sammeln und präparieren, um sie später zuhause zu ordnen und zu analysieren. Irgendwie, so schreibt der Autor, war diese Reise auch eine Flucht aus der bedrohlichen Realität des 2. Weltkriegs, in den die USA hineingezogen worden waren.

Ihre Forscherarbeit hatte nach eigenen Aussagen nur wenig mit exakten Wissenschaftsmethoden anderer Expeditionen gemein. Und genau diese Lücke zwischen fröhlichem Dilettantismus und wissenschaftlicher Pedanterie wollte John Steinbeck mit seinem Logbuch füllen. Die Teilnehmer waren zwar ambitioniert, begeistert, zeigten Durchhaltevermögen auch in widrigen Situationen, genossen aber die sich bietende Freiheit dieser ungewöhnlichen Beschäftigung in wilder Natur in vollen Zügen. Trotz aller Widerstände kehrten sie mit Hunderten gefüllten Glasröhrchen vollter Küstenbewohner des Litoral von Niederkalifornien zu ihrem Heimathafen Monterrey zurück.

Ausführlich beschrieb Steinbeck das Küstenrelief, die kleinen armseligen Hafenorte entlang der südlichen Ufer sowie die zunehmend menschenleeren Küstenstriche im Golf selbst. Philosophische Nachtgedanken zum Ursprung des Lebens sowie über den kargen, aber wohl zufriedenen Alltag der wenigen Indianer, die man antraf, füllten die Zeit zwischen den Sammelausflügen. Steinbeck urteilte nur aus der distanzierten Perspektive, von einem Boot aus, das sehr selten einen direkten Kontakt mit dem Land, den Menschen und ihrem Habitat aufnahm.

Seine Kenntnisse über diese Region bezog er aus den schriftlichen Zeugnisse der mehr als 400jährigen Präsenz der Spanier. Referenzpublikation war für ihn das 1789 erschienene Werk des Jesuiten F. X. Clavijero. Aus mexikanischer Feder erschien erst 1951, also zum Zeitpunkt der 2. Auflage von Steinbecks Logbuch, ein umfassender Reiseessay zu Baja California. Der Schriftsteller Fernando Jordán gab ihm den Titel „El Otro México“, Das andere Mexiko, und zementierte damit diesen kalifornischen Appendix bis Ende des 20. Jahrhunderts zu einem Fremdkörper der mexikanischen Nation.

Die gefährlichen Küstengewässer, durch die Steinbecks Tour führte, galten seit ihrer Rekognoszierung durch die Spanier im 16. Jahrhundert bis Anfang des 21. Jahrhunderts als eher zu meidendes Terrain. (s. dazu auch: R&U Daus, „Die Spanier im Pazifik – Reloaded. 1520-2015“, Berlin 2013) Sie präferierten deswegen die Landroute entlang des mühsam angelegten „Camino Real“, Jahrhunderte später, in den 1970er Jahren, die Grundlage einer asphaltierten Autostraße von der US-amerikanischen Grenze bis zur Bucht von San Lucas bildete. Anfangs fuhren zivilisationsflüchtige Aussteiger mit Steinbecks Logbuch im Gepäck über diesen 1300 Kilometer langen gewundenen Weg Richtung Süden. Später folgte ihnen der Massentourismus. Der von Steinbeck als „traurigster Fischerort“ beschriebene Küstenflecken Cabo San Lucas mauserte sich in den darauffolgenden Jahrzehnten zu der Luxusdestination „Los Cabos“.

Auch im 21. Jahrhundert gilt Steinbecks „Logbuch des Lebens“ der US-amerikanischen Öko-Gemeinde als eine Art „Bibel der Ökologie“. Es überzeugten seine konkreten Einlassungen zur Beschäftigung mit dem fragilen Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur. „Unsere Gastgeber waren so freundlich zu uns wie es nur Mexikaner sein können. Außerdem zeigten sie uns die besten Jagdmethoden. Wir werden keine anderen mehr anwenden, obwohl wir anmerken müssen, daß wir sie etwas verbesserten. Wir verzichteten vollständig auf die Mitnahme eines Gewehrs, sodaß wir in keinem Fall eine Jagdtrophäe in Form eines getöten Tieres vorweisen konnten… Statt des Kopfes eines Borrego cimarrón, Großhornbergschafes, befestigten wir auf einem Holzbrett die erbeuteten Schafsköttel. Wo andere sagten: ‚Hier lebte ein Tier, aber weil ich mächtiger bin als dieses Tier, ist es jetzt tot‘, konstatierten wir, ‚hier lebte ein Tier und so weit wir wissen, lebt es hier immer noch – und das ist der Beweis, daß es gesund und munter war, als wir ihm das letzte Mal begegneten.“ (S. 188)

Aber Steinbeck beließ es nicht bei diesen konkreten Einlassungen. Er ordnete das Erfahrene in seine Universalansicht zur Zivilisation des 20. Jahrhunderts ein und sprach eine Warnung aus. „In den Vereinigten Staaten haben wir unsere Ressourcen so gründlich zerstört, unser Holz, unser Land, unsere Fische, dass wir als abschreckendes Beispiel herhalten können. Jede Regierung und jedes Land, dessen Bürger so aufgeklärt sind, dass sie mit der Idee nachhaltigen Wirtschaftens etwas anfangen können, sollte unsere Methoden vermeiden.“ (S. 275)

Seinem Freund und Reisegefährten Ed Rickett, der kurz nach diesem gemeinsamen Abenteuer verstarb, widmete er einen langen Nachruf am Ende des Bandes.

Steinbecks „Logbuch des Lebens“ aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts beschenkt auch heutige Zeitgenossen mit einem extravagantes Lesevergnügen über eine unorthodoxe Forschungsreise zu einer einst lebensprallen, fast menschenleeren Küste. Ronald Daus

Logbuch des Lebens, von John Steinbeck. Neuübersetzung von Hennig Ahrens. Gebundene Ausgabe im Schuber. 365 S. 32 €. mare, Hamburg 2017

„1406“ – Christian Tagliavini bei „Camera Work“ in Berlin

„Tolemaide“, 2017. © Christian Tagliavini / Courtesy of CAMERA WORK.

Welch‘ eine Hingabe des Fotokünstlers Christian Tagliavini (*1971) an sein Sujet bei der Vorbereitung und Vollendung seiner Serie „1406“! In grandiosen Porträts läßt er die „Würde, Grazilität, Anmut und Kraft“ der Frührenaissance wieder aufleben. In einer Referenz an den florentinischen Maler Filippo Lippi (1406-1469) nimmt er dessen Geburtsjahr als Titel seiner Fotoserie.

Die prächtigen Kleider und Accessoires der Renaissance erschuf er sämtliche selbst sowie die Ausstattung und Kunstobjekte, die einst auch die Gemälde dieser  Epoche füllten. Mehr als zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen für dieses ausgefallene Serienwerk. Christian Tagliavini ist jedoch kein Neuling in dieser Sparte. Mit „1503“ (2010), deren Fotografien ebenfalls der Epoche der Rennaissance gewidmet waren, sowie „Carte“ (2012) und „Voyages Extraordinaires“ (2015) hatte er sich unter Liebhabern bereits einen Namen gemacht.

Seine Fotoporträts ähneln nicht nur frappant den gemalten Vorbildern. Sie tragen auch Funktionsnamen, die sich an dieser umwälzenden Zeit orientieren wie „La Moglie dell Orefice“, Die Frau des Goldschmieds, oder „Alchimiade“, die Alchimistin, oder „Tolemaide“, die Ptolemäerin.

Bei „Camera Work“ gehört das gesamte Erdgeschoss den Großfotografien von „1406“. Im Obergeschoss finden sich Beispiele aus den vorangegangenen Serien des Künstlers.

Im Fabruar 2018 erscheint im teNeues Verlag das Fotobuch „Christian Tagliavini“, das bei der Finissage in Berlin am 24. Februar von dem Künstler persönlich signiert wird. Ab 9. März 2018 sind die Werke von Tagliavini in einer Retrospektive im „Museum Fotografiska“ in Stockholm zu sehen.                                                                                   red

„Christian Tagliavini. 1406“, in Berlin bis 24.02.2018. http://www.camerawork.de