Die Macht exotischer Verführung

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Hakehau, Ua Pou, Marquesas-Inseln, Französisch-Polynesien 2016. Foto©Jimmy Nelson

Der Fotograf Jimmy Nelson in Berlin

Mit dem zweiten Teil seiner Großfotografie-Serie „Before They Part II“ ist dem britischen Fotografen Jimmy Nelson (*1967) eines noch überzeugender gelungen als im ersten Teil „Before They Pass Away“: Verführung durch übersteigerten Exotismus!

Die auf seinen teilweise wandfüllenden Fotos – 140 x 300 cm für „Hakahau, Ua Pou, Marquesas Islands, French Polynesia 2016“ – abgelichteten Porträts indigener Völker aus Polynesien, China und dem Sudan dienen in erster Linie wohl einem „dekorativen Effekt“. Kleidung, Schmuckelemente, Tätowierungen, Hausrat oder die umgebende Landschaft, alles was dem westlichen Betrachter seit mehr als 500 Jahren Entdeckungsreisen durch die Europäer bekannt sein sollte, wird hier wie ein Konzentrat noch einmal unter die Linse genommen. Vorläufer dieses Verfahrens waren Maler wie Louis Choris Anfang des 19. Jahrhunderts (Pazifik, Mikronesien), Paul Gauguin vom 19. zum 20. Jahrhundert (Polynesien), Gottfried Lindauer Ende des 19. Jahrhunderts (Neuseeland) oder Paul Jacoulet Mitte des 20. Jahrhunderts (Japan, Mandschurei, Mikronesien). Fotografen wie Paul-Émile Miot im 19. Jahrhundert (Marquesas, Polynesien), Martin Gusinde Anfang des 20. Jahrhunderts (Feuerland), Leni Riefenstahl Mitte 20. Jahrhundert (Sudan), oder Sebastião Salgado Ende 20./21. Jahhundert („die ganze Welt“). Jimmy Nelson jedoch dreht diese Exotismusschraube noch ein wenig weiter. Die ästhetischen Kompositionen reflektieren hier wie bei seinen Vorgängern alleine seinen Bick auf Familien, Gruppen, Stämme und Völker. „Er möchte Geschichten erzählen, keine Antworten geben“.

Besonders bildmächtig zeigen sich für diesen Ansatz die einst als unersättliche Kannibalen überaus gefürchteten Bewohner der Marquesas-Inseln im Südpazifik. Die sie umgebende spektakuläre Naturkulisse der aus dem Meeresboden aufgeschossenen Vulkaninseln verstärkt diesen Effekt theatralisch.

Dem Titel der Ausstellung „Before They Part II“ in den Camera Work in Berlin kann zwar die Geschichte dieser Inselgruppe und ihrer Bevölkerung dienlich sein. Denn bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Aussterben der Bevölkerung befürchtet. „Archipel der Erinnerung“ oder „Melancholie und Todessehnsucht“ titulierten Ethnographen und Reisende, wenn sie die traurigen Reste dieser einst so unbesiegbaren „Kannibalen auf wilden Pferden“ (Paul Gauguin) antrafen. Doch die angekündigte Auslöschung fand nicht statt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich das Bevölkerungswachstum so weit erholt, daß viele Bewohner zur Auswanderung nach Tahiti oder ins Mutterland Frankreich gezwungen sind.

Wer bleibt, feiert die wiedergefundene „Authentizität“, wie sie Jimmy Nelson so prachvoll inszeniert hat. Die Marquesaner sind ein „glückliches Volk“, so die einhellige Meinung heutzutage (s. dazu: U. Daus,  Die Völker Polynesiens im 21. Jahrhundert, Berlin 2010, S. 222). Sie singen, tanzen, trommeln und tätowieren ihre Körper nach den Vorlagen des deutschen Ethnographen Karl von den Steinen, der die Tätowiermuster auf Holzbeinen im 19. Jahrhundert vor der Zerstörung durch die europäischen Missionare rettete. Auch die pahu-Trommeln wurden wieder zum Leben erweckt. Das mana, die Kraft aus Schmuck, Tatoo und Pose, die von Jimmy Nelson so dekorativ eingesetzt wird, hat den Marquesanern die Freude am Leben zurückgegeben. „Before They Part II“ ist gerade für diese „verloren in den Weiten des Pazifik“ gelegene Inselgruppe daher kein überzeugender Titel. Er träfe wohl eher für die Minoritäten im südwestlichen Chinas oder die Südsudanesen innerhalb der Ausstellung zu. „Vivre aux Marquises, c‘est cool“, Auf den Marquesas zu leben, ist cool, heißt das Motto der jungen Leute – und dass vor eine großartigen Naturkulisse und in faszinierend schillernder Selbstinszenierung. Ursula Daus

Jimmy Nelson. Before They Part II, Ausstellung in der Galerie „Camera Work“, Berlin, 15. Oktober – 19. November 2016. http://www.camerawork.de

ORDOS – Bollwerk gegen die Barbaren

Mitten in der wasser- und baumlosen Steppe der Inneren Mongolei, dem sogenannten Ordos-Bogen, entsteht seit einigen Jahren eine phantasmagorische Stadtkulisse, deren Name Programm ist: Ordos. Hier bekämpften schon seit Jahrtausenden die chinesischen Kaiser die aus dem Norden eindringenden Barbarenvölker vergeblich mit dem Bau einer mächtigen Mauer. Um die Region machten über Jahrhunderte die großen Teekarawanen aus dem Südwesten Richtung Mongolei und Rußland einen großen Bogen aus Furcht vor der Unwirtlichkeit dieser Wüstenei.

Die „Zukunftsmetropole“ des 21. Jahrhundert Ordos besteht bisher aus einer endlosen Zahl an Hochhäusern ohne Infrastruktur, d.h. ohne Wasser, Abwasser oder Stromversorgung. Die wenigen tausend Menschen, die sich bisher Ordos als ihren Lebensmittelpunkt erwählt haben, dienen ausschließlich dem Großprojekt. „Ordos“. So schreibt der Fotograf und Verfasser dieses exzellenten Zeugnisses megalomanen Repräsentationswahns: „Ordos ist eine riesige Immobilienblase von der Art, die die Wirtschaft eines ganzen Landes ruinieren könnte, doch die chinesische Regierung hält das Trugbild aufrecht“.

Denn nur mit heroischen Zivilisationswerken, die sich am überzeugensten in der chinesischen Stadt manifestieren, konnte und kann man die „Barbaren“ besiegen – und seien sie auch nur noch eine historische Phantasmagorie. Die riesigen bronzenen Pferdeskulpturen auf einem der endlosen leeren granitbelegten Stadtplätze zeugen bis heute von dieser Angst der Chinesen, letztendlich doch wieder von den Barbaren besiegt zu werden.

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Bronzepferde auf einem granitbelegten Stadtplatz in der „Geisterstadt“ Ordos, China. Foto© Adrien Golinelli

So steht die menschenleere Metropole Ordos nicht als Mahnmal einer mißlugenen Stadtplanung, sondern als Warnung an alle, die den mächtigen chinesischen Staatenlenkern des 21. Jahunderts auf ihrem Weg zur Weltmacht ins Handwerk pfuschen wollen.   red

Ordos. Stillborn City,  von Adrien Golinelli, et.al. 216 S., 128 Farbabb. Englisch, 45€. Kehrer, Heidelberg 2016

Weltstadtgefühle & Dorfgeborgenheit

 

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Moses-Mabhida-Fußballstation, Durban, Südafrika. Entwurf gmp Architekten et.al. 2010. Foto © Michael Jung Can

Die Zukunftseuphorie, die zahlreiche Nationen außerhalb Europas Anfang des 21. Jahrhunderts ergriffen hatte – sei es aufgrund einschneidender politischer Veränderungen oder wirtschaftlicher Verbesserungen großer Bevölkerungsteile – zeigte sich selbstredend auch in der gebauten Umwelt.

Beispielhaft seien hier Südafrika und Indonesien ausgewählt, wie es die beiden  Architekturführer zu diesen Ländern von DOM Publisher in Berlin darlegen.

Südafrikas Baugeschichte begann selbstredend lange vor einer formalen Architekturgeschichte. Der Führer konzentriert sich jedoch nur auf diejenigen Bauten, deren Architekten benannt werden können und die entsprechend dem europäischen Architekturkanon ihrer jeweiligen Epoche gebaut haben. So konzentriert er sich auf die vier wichtigsten Metropolen des Landes: Kapstadt, Johannesburg, Pretoria und Durban. Ihre Entwicklung – von der Ankunft der Europäer bis hin zu der heutigen „Regenbogen-Nation“ – wird an exemplarischen Bauwerken gezeigt. Neben der in Südafrika stark vertretenen Version des Art Déco legen beide Verfasser, Nicholas Clarke und Roger Fisher, besonderes Gewicht auf die Architekturentwicklungen in der Hochzeit der Apartheit, in welcher ein brutalistischer Internationaler Stil ihrer Einschätzung nach die brutale Unterdrückung des Großteils der Bevölkerung repräsentierte. Mit dem Ende der Apartheid wurde Südafrikas Architektur von einer Welle aus neo-modernen und post-modernen Gebäuden überzogen, deren wichtigste Repräsentanten sich in öffentlichen Anlagen wie Flughäfen, Stadien und Ausbildungsstätten wiederfinden.

Jede der vorgestellten Metropolen begrüßt die Leserinnen und Leser mit der persönlichen Einschätzung eines Bewohners dieser Agglomeration. Sehr einfühlsam versucht Nina Saunders, Architektin aus Durban, in ihrer Einführung „My Durban“ die enorme Lebensvielfalt mit ihren Licht- und Schattenseiten über ihre seit wenigen Jahren in den Kreis der „lebenswerten Metropolen des Globus“ aufgestiegenen Heimatstadt  in poetische Methaphern zu kleiden.

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Rekonstruktion eines Rumah Gadang (Versammlungshauses) der Minangkabau in West-Sumatra. Soc. of Sumpur, 2014. Foto © Sonny Sandjaya

Die indonesische Architektin und Architekturkritikerin Imelda Akmal hat sich der Mammutaufgabe gestellt, die nicht-traditionelle Architektur ihres Heimatarchipels aus 17 000 Inseln in dem „Architectural Guide Indonesia“ zu versammeln. Von der holländischen Kolonialarchitektur des 17. Jahrhunderts über das „Dutch Modern“, einer Mischung aus neoklassizistischen und modernen Vorläufern sowie Einflüsse traditioneller indonesischer Architektur, hin zur „Indonesischen Moderne“ der Unabhängigkeitsepoche bis zur Post-Moderne und der Rückbesinnung auf lokale Einflüsse reicht das Spektrum.

Der Löwenanteil der ausgewählten Projekte findet sich selbstverständlich in dem als „Jabodetabek“ bezeichneten Großraum um die Hauptstadt Jakarta. Die Autorin nennt sie „Die boomende Mega-Dorf-Stadt“, da auch die städtische Bevölkerung Indonesiens noch immer im dörflichen Kampong-Stil ihr Wohnideal sieht. Öffentliche Gebäude, Wohnhäuser, Geschäftshäuser, Bars, Restaurants, Museen, Busstationen, Lehranstalten, jeder Bautyp wird mit älteren und neueren Beispielen abgehandelt. Eines der Schwergewichte des Bandes ist auch die für ihre frühen modernen Entwürfe bekannte Architekturhochburg Bandung. Fast alle indonesischen Architekten der Kolonialzeit und der postkolonialen Ära stammen aus dieser Hochschule.

Für die Liebhaber der weltweit geschätzten Ferienarchitektur im „balinesischen Stil“ aus Naturmaterialien, offenen Räumen und pseudo-traditionellem Kunsthandwerk gibt es ein eigenes Kapitel. So bleibt den „anderen Inseln“ leider nur noch ein kleiner editorischer Seitenrest, was besonders der Architektur in den aufstrebenden Metropolen wie Makassar und Manado auf Sulawesi nicht gerecht wird. Auch dort finden sich Beispiel des kolonialen „Dutch Modern“, des nachkolonialen „Indonesian Modern“ und der aktuellen bunten Mischung aus Neo-Modern und Neo-Eklektizismus.

Einige interessante Beispiele restaurierter traditioneller Architekturstile auf verstreut im großen indonesischen Archipel liegenden, schwer erreichbaren Inseln runden das Bild ab. Beispielhaft dafür stehen die traditionellen Holzhäuser in Süd-Nias, einer Insel auf der stürmischen Westseite der Insel Sumatra. Ihr auf Stelzen stehender rechteckiger Baukörper schwingt sich an den beiden Längsseiten weit nach außen. Darüber steigt das steil ansteigende Dach auf. Die Seitenausleger erweitern den Innenraum und ermöglichen eine bessere Lichtdurchlässigkeit. Dieser Architekturstil ist einzigartig in der traditionellen indonesischen Baukunst. Sein Ursprung drüfte sich in Zentrallaos finden, wo dieser Bautypus aus Bambus und Palmblättern seinen Ursprung hat.

Indonesiens Architekturszene hat sich während der vergangenen 30 Jahre nicht nur von seinen kolonialen Baumeistern, vom „Diktat“ des Internationalen Stils durch die Unabhängigkeitsjahre, sondern teilweise auch von den global agierenden Großinvestoren und ihrer Spekulationsarchitektur befreit. Die Fülle existierender lokaler und traditioneller Vorbilder, die Vernetzung zwischen den Gestaltern in ganz Südostasien hat enorme Fortschritte ermöglicht und das Selbstbewußtsein gestärkt. Ursula Daus

Architectural Guide South Africa, von Roger D. Fisher/Nicholas J. Clarke et.al. 250 S. 700 Abb. 28 €. DOM publ., Berlin 2014

Architectural Guide Indonesia, von Imelda Akmal. 400 S. 350 Abb. 38 €. DOM publ., Berlin 2015

 

Von Berlin nach Astana

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Central Concert Hall, Astana. Studio Nicoletti Associati, 2010. Foto © Philipp Meuser

Viel schneller als in früheren Zeiten wechseln die Lebenswelten in den aktuellen Großstädten. Für die Zeitgenossen vermischen sich „Urzeit“ und „Science Fiction“. Es läßt sich reich und mächtig werden als zufälliger Bewohner einer rohstoffreichen Region oder als skrupelloser Analphabet eines Millionen-Slums. In dieser Hinsicht beherbergen die heutigen Metropolen gesetzestreue Bürger, korrupte Politiker, Börsenzocker, Wirtschaftsbosse, Mafia-Clans oder auch engagierte Mitglieder von Weltenretter-Organisationen. Sie alle sind die neue Art von Kosmopoliten. In diesem globalen Netzwerk entstanden „Neue Stadtbilder“, die „Neue Gefühle“ provozierten (s. auch: „Neue Stadtbilder – Neue Gefühle. Das permanente Chaos“. von Ronald Daus, Berlin 2012, S. 13ff.)

Wenn man von der deutschen Hauptstadt Berlin sich Richtung Osten aufmacht, die großen Transiträume Polens, Weißrußlands und Rußlands durchquert, wird man früher oder später in den endlosen Weiten Eurasiens landen. Dort, in der Isoliertheit der Wüstenregion Kasachstans entsteht das Herzstück eines neuen Staates: Die Metropole Astana, eine Repräsentantin der „Neuen Stadtbilder“. Ihr Chefplaner Vladimir Laptew erklärte 1998, eher überraschend, er wolle ein „Berlin in eurasischer Version“ erbauen, kein Brasília oder Canberra.

Der Entwurf und die Gebäude der neuen Hauptstadt des neugeborenen Staates liegen in den Händen russischer und internationaler Architekten. Neben gewaltigen Ministeriumsbauten finden sich Baukasten-Bunker, von strahlenden Kugeln auf Stahlgerüsten überragt. Sie alle reihen sich in den auf Abbildungen seltsam chronisch leeren Straßen dieser zentralasiatischen „Metropolis“ aneinander, Ausdruck der reinen Geometrie und der Kraft des monetären Vermögens eines an Bodenschätzen reichen Landes. Bei winterlichen Nachtfrösten von über 40 Grad minus und sommerlichen Hitzewellen von über 35 Grad plus wirken auf die Gebäude mit so blumigen Namen wie „Smaragd Tower“, „Pyramide des Friedens“ oder die Beton-Lotusblütenblätter der Konzerthalle gewaltige Naturkräfte ein, deren zerstörerisches Werk ständig im Zaun gehalten werden muss.

Und dennoch: aus der naturbedingten Sackgasse von Steppen und Gebirgen entwickelte sich erstaunlicherweise eine explosive Dyamik durch Hightech und Flugverkehr. Der von dem japanischen Architekten Kisho Kursawa entwickelte Internationale Flughafen, benannt nach dem auf Lebenszeit gewählten Präsidenten, Nursultan Nasarbajev, gilt als Dreh- und Angelpunkt einer Zukunft dieser fernen Megalopolis, deren Lage an der einst weltberühmten Seidenstraße erneut wieder als Chance erkannt wird.

In den sorgfältig und umfassend von einem der besten Architekturkenner Zentralasiens deutscher Sprache, Philipp Meuser, edierten Architekturführer zu Astana und Kasachsten, finden interessierte Leser und Experten ein umfassendes Bild zu der neuen Hauptstadt und zu den andauernden Diskussionen über die Rolle der Stadt in einer einst von Nomaden bewohnten Großregion Zentralasiens. Den Städten Astana, Almaty, Atyrau, Kaptschagai, Semipalatinsk, Ust-Kamenogorsk, Ridder, Leninogorsk, Pawlodar und dem Weltraumbahnhof Baikonor sind eigene Kapitel gewidmet. Von der islamischen Architektur des Mittelalters bis zur russischen Kolonialarchitektur des 19. Jahrhunderts, vom sowjetischen Großprojekt des 20. Jahrhunderts bis zum neo-eklektizistischen Monumentalbau des 21. Jahrhunderts, alle diese Stilrichtungen werden ausführlich von einheimischen und deutschen Autoren diskutiert  und in zahlreichen Abbildungen dargestellt.

Dem Astana-Führer wurde zusätzlich ein Kapitel zu der 2017 stattfindenden Expo beigefügt. Unter der Überschrift „Back to the Future: Spherical World Fair Visions“ fasst der kasachische Kulturhistoriker Adil Dalbai die Vorgaben dieses Großprojekts zusammen. Ausgehend von Étienne-Louis Boullées Kenotaph und Iwan Leonidovs Entwurf für das Lenin Institut in Moskau zeigen zeitgenössische Architekten ihr Kreationen zu einer neuen sphärischen Architektur.

Die Lektüre der beiden „Architekturführer“, die weit über ihre eigene Disziplin hinausweisen, ist eine bereichernde Erfahrung. Ronald und Ursula Daus

Architekturführer Kasachstan, hrsg. von Philipp Meuser et.al., mit 800 Zeichnungen und Fotos. 540 S. , 48 €. DOM publ., Berlin 2015. (Dieser Band beinhaltet bereits das Kapitel „Astana“ ohne die Expo-Sonderausstellung)

Architectural Guide Astana, hrsg. von Philipp Meuser et.al., mit 400 Zeichnungen und Fotos. 224 S. , 38 €. DOM publ., Berlin 2015.

Asli Erdogan: Ein Haus aus Stein

Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan (*1967 in Istanbul) wurde in der Nacht vom 16. zum 17. August 2016 in ihrer Wohnung verhaftet. Seither wird sie im Frauengefängnis Barkirköy festgehalten. Asli Erdogan durchlebt derzeit ganz real die grausame Erfahrung eines Gefängnisaufenthalts wie sie ihn in ihrem 2009 erschienenen Roman „Tas Bina ve Digerleru“ (Das Steingebäude und anderes) für ihre Protagonisten – Intellektuelle und Schriftsteller – ersonnen und niedergeschrieben hatte.

Sie selbst verhedderte sich in den Netzen der seit dem niedergeschlagenen Putsch vom 15. Juli 2016 verhängten Notstandsgesetze und wurde Opfer der sogenannten „Säuberungen“. Wegen ihrer journalistischen Arbeit für die kurdisch-türkische Tageszeitung „Özgün Güden“ wird ihr vorgeworfen, „Propaganda für eine terroristische Organisation“,  „Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation“ sowie „Aufruf zu Unruhen“ zu betreiben.  Die 20 anderen verhafteten Mitglieder der Redaktion wurden wieder auf freien Fuß gesetzt.

Asli Erdogan, die mit ihrem dritten Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine“ (türkisch 1998; dt. 2008) auch international bekannt wurde, belegt in dieser autobiographisch inspirierten Erzählung, wie sehr sie bereits in dieser frühen Phase ihrer Karriere von Gedanken an das Eingesperrtseins, der Unfreiheit, der Unmenschlichkeit der Mitmenschen untereinander, des Todes bestimmt war.

Die Autorin hatte diesen Roman abgefasst, als sie für zwei Jahre in die „tropische Verlockung“ Rio de Janeiro eintauchte, weil sie sich in Istanbul bedroht fühlte.  Statt einen Ort der Ruhe und Freude zu finden in dieser weltberühmten „cidade maravilhosa“, dieser wunderbaren Stadt, wie sie in einem Volkslied besungen wird, trifft die Romanprotagonistin nur auf Verfall, Elend, Mißgunst, Neid, Gier, Grausamkeit, Desinteresse, Mord und Tod. Die in der Nacht aus den von Millionen Armen bewohnten „Favelas“ in ihre armselige Behausung herüberschallenden Maschinengewehrsalven bilden die tödliche Geräuschkulisse einer in Müll, Gestank, Hitze erstickenden Stadt. Ihre Alpträume bringen sie nur nicht um, weil sie sich von diesen Erlebnissen immer wieder, vor einem weißen Blatt Papier sitzend, regeneriert, indem sie alles wie im Delirium festhält. Das Leben findet beim Schreiben statt während draußen der Tod herrscht.

Mit ihrem Gefängnis-Roman „Das Steingebäude und anderes“ dreht sie an dieser alptraumartigen Gedankenschraube weiter: „Die Wahrheit spricht nur mit den Schatten. Heute werde ich von dem Haus aus Stein erzählen, wo sich das Schicksal in einer Ecke versteckt, dort, wo man aus der Distanz die Verkehrung der Worte erkennt. …“ In diesem Roman scheint sie sämtliche Krankheiten der türkischen Gesellschaft vorweggenommen zu haben, mit all ihren abartigen Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten, Allmachtsphantasien und zahllosen ungeklärten Toten. „Zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Errinnerung, Traum und Schreien erzählt eine Frau mit fremdartiger Stimme von den gerade nach Überlebenden und von den Toten.“ (Verlagstext Actes Süd, 2013)

Etwa in der Mitte ihrer Erzählung über Rio de Janeiro zitiert Asli Erdogan ein persisches Sprichwort: „Von der Hölle ins Paradies: ein langer Ritt. Vom Paradies in die Hölle: ein kleiner Schritt“. (S. 89) Am 17. August 2016 wurde dieses Sprichwort zur grausamen Realität für Asli Erdogan. Am 3. September 2016 erhielt der Schweizerische Rundfunk von ihr einen Brief aus dem Gefängnis“ „Vergesst mich nicht. Und meine Bücher. Es sind meine Kinder.“

Nach der Verhaftung weiterer Schriftsteller und Journalisten in der ersten Septemberhälfte 2016 empörte sich der  türkische Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk: „Die Gedankenfreiheit exisiert nicht mehr. Wir bewegen uns mit großer Geschwindigkeit von einem Rechtsstaat zu einem Terrorregime“. (zeit online, 12.09.2016)

Mit den Worten des deutschen Dichters Friedrich Schiller aus seinem Theaterstück „Don Karlos“ (1787) wendet sich heute die aufgeklärte Weltgemeinschaft an den türkischen Herrscher des 21. Jahrhundert: “Ein Federzug von dieser Hand,/und neu Erschaffen wird die Erde. /Geben Sie, Gedankenfreiheit.“

Prof. Dr. Ronald Daus (FU Berlin) und Ursula Daus

Die Stadt mit der roten Pelerine,  von Asli Erdogan. 208 S. 22,95€. Unionsverlag, Zürich 2008

Le bâtiment de pierre, von Asli Erdogan. 13,50€. Actes Sud, Arles 2013

KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 30/2016 „Gegen den Strich“

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Französische Delikatessen gehören im kommunistisch regierten Laos wieder zum angesagten Lifestyle. Foto R & U Daus, 2016

Bei dieser Ausgabe stand natürlich der 1884 erschienene und einst berühmte Dekadenz-Roman „Gegen den Strich“ des französischen Autors Joris-Karl Huysmans Pate. Die Abkehr von den Zeitgenossen durch Flucht in die luxuriös-gestylte Einsamkeit eines Provinzchalets schien dem adlig-versnobbten Protagonisten der einzige Ausweg zu seiner Seelenrettung. Die Flucht des Protagonisten aus Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, 2015, wiederum in diesen Dekadenzroman sollte ihn vor den rechtsextremistischen und islamistischen Exzessen im aktuellen Frankreich retten.
Unseren Autorinnen und Autoren scheint dies kein gangbarer Weg. Sie zeigen mit künstlerischen Mitteln, daß das derzeitig politisch aufgeheizte Weltenchaos mit kleinen, aber wirksamen Gegenentwürfen konterkariert werden muß.
Mit dem „Chiangrai Ferrari“ liefert der thailändische Künstler Anon Pairot den kompromißlosesten Beitrag. Das im Frühjahr 2016 auf der „Art Stage Singapore“ gezeigte „Superauto“ wurde von Rattanflechtern in Nordthailand gefertigt, die mit dem langwierigen Arbeitsprozess auch einen Alternativbeitrag zum hektischen Metropolen-Leben ablieferten.
Der japanische Modeschöpfer Issey Miyake versteht sein gesamtes Lebenswerk als Gegenentwurf zur „Mainstream“-Designwelt. Frauen, die sich zu seinen Kreationen bekennen, brauchen weder Alter noch den Verlust körperlicher Idealmaße fürchten. Denn nur durch die Bewegung des menschlichen Körpers entfalten diese Materialkreationen ihre Schönheit.
Zwei Fotografen und Reiseschriftsteller, der eine Schweizer, Beat Presser, der andere Indonesier, Agustinus Wibowo, führen ein Leben im Rhythmus ihrer Fotomotive. Sie leben mit den Menschen, manchmal Tage, oft auch Wochen, bis sie die Bildgeschichten nach ihren Vorstellungen eingefangen haben.
Aber auch Schriftsteller in Mexiko oder Panama – wie etwa in den literarischen „Panama Papers“ – suchen akribisch nach unerzählten Geschichten von Menschen, die bis dato als Unsichtbare totgeschwiegen wurden.

Aus dem Inhalt:
Ronald Daus * „Eine zweite Friedliche Eroberung“. Laos im Frankophonie-Fieber
Hommage an ein Lebenswerk. Der Japanische (Mode-)Künstler Issey Miyake
Peter B. Schumann * Mexico: Land immenser Widersprüche.
Der Schriftsteller Juan Villoro im Gespräch
Pamira Uygur * Zwei Reiseschriftsteller/Fotografen weitab von touristischen Trampelpfaden: Beat Presser & Agustinus Wibowo
Ursula Daus * „Panama Papers“: Stimmen aus der Vergangenheit
Ronald Daus * Sandro Botticelli. Ein Renaissance-Maler für jeden Geschmack

In Berlin und anderswo:
Lob des Schattens * Eine Liebeserklärung: „L‘Amour pour L‘Amour“ * Sowjetischer Palladianismus

Neue Bücher:
Im Unterholz * Angolanische Reminiszenzen * Nachrichten aus der einstigen „Mitte der Welt“ * Mega-Stadt im Fluss * Leben am Meer * Von Ozean zu Ozean * Heimatsuche * Ganz zum Schluss

90 S., 48 Abb., 10 €

 

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Foto-Workshop in Poetere, dem traditionellen Hafen von Makassar. Foto Beat Presser, 2016

Zwei Reiseschriftsteller/Fotografen weitab von touristischen Trampelpfaden: Beat Presser & Agustinus Wibowo

von Pamira Uygur

(Leseprobe. Den Gesamtbeitrag finden Sie im aktuellen Kosmopolis 30/2016)

… Vier Jahre später ist Beat Presser eingeladen, sein Buch „Surabaya Beat“ am „Makassar Writers Festival“ und seine Fotografien in einer Ausstellung zu präsentieren. Gleichzeitig soll er einen Fotoworkshop für 20 Fotografen aus Makassar leiten. Zudem erhielt er eine Anfrage aus Berlin, ob er nicht Lust und Zeit hätte, mehr über den Fotografen Agustinus Wibowo und sein Schaffen in Erfahrung zu bringen.  Das Literaturfestival in Makassar findet heuer zum sechsten Mal statt. Es wird geleitet von der Schriftstellerin Lily Yulianti Farid, die das Festival gegründet hat und ursprünglich aus Makassar stammt, heute aber in Australien zuhause ist. Die meisten Aktivitäten, die jeweils von Mittwoch bis Samstag dauern, sind im Fort Rotterdam angesiedelt, eine wichtige Begegnungsstätte für all jene, die gerne mehr lesen als Kurznachrichten auf Twitter, Facebook oder per SMS. Die meiste Arbeit wird von freiwilligen Helfern übernommen, die von den verschiedensten Inseln anreisen, um Lily bei ihrer Arbeit zu unterstützen, in unzähligen Überstunden versuchen allen alles recht zu machen, oder selber in einer Doppelfunktion ihre literarischen Arbeiten zum besten geben.

Eines der ersten Highlights des diesjährigen Festivals ist ein Workshop von Agustinus Wibowo. Die Kapelle des Forts ist bis auf den letzten Platz besetzt, die Luft ist zum schneiden, das Thermometer macht kurz vor 45 Grad Celsius halt. Das in Massen herbeigeeilte Publikum wartet geduldig, was Agustinus, Indonesiens jüngster und erfolgreichster Reiseschriftsteller und Fotograf, zu erzählen hat. Er zeigt Bilder auf einer Grossleinwand, erzählt auf indonesisch von seinen Reisen. Und wird bewundert, von allen Seiten. Hier steht jemand, der durch seine einfache und sympathische Art das vorwiegend junge Publikum in seinen Bann zieht. Dann stellt er den Anwesenden eine Aufgabe, verlässt den Raum um etwas Luft zu schnappen, eine halbe Stunde später ist er zurück, um sich zu erkundigen, mit was für Geschichten die Teilnehmer aufwarten. Aber so weit kommt es gar nicht, die Zeit ist zu kurz, um der Sache auf den Grund zu gehen, lieber wird der Rest der Zeit ausgiebig für «Selfies mit Agustinus» genutzt.

Agustinus Wibowo und Beat Presser treffen sich erstmals persönlich auf dem Empfang, der zu Ehren des Schweizer Fotografen bei der Schweizer Honorarkonsulin Julia Pupella stattfindet. Die Idee ist, dessen Buch „Surabaya Beat“ den geladenen Gästen vorzustellen. Soweit kommt es allerdings nicht. Irgendwo ist das Buch, das von der Seefahrt, den Schiffen und vom Handel im Archipel der 17 000 Inseln handelt, in der Post von Jakarta nach Makassar steckengeblieben und sollte auch bis Ende des Festivals nicht auftauchen.  Zwei junge Damen, eine davon Teilnehmerin an Beat Pressers Fotoworkshop, reden auf den Schweizer ein und versuchen ihm klarzumachen, dass ein Leben ohne die Plattform „What’s Up“ in Indonesien nur halb so spannend sei und versuchen vergeblich die App auf dessen Telefon zu installieren. In dem Moment steht Agustinus vor dem Trio und meint lächelnd aber bestimmt: „Don’t do it! You are wasting your time!“

Agustinus Wibowo wurde in Lumajang, einem kleinen Dorf am Fusse des Vulkans Semeru auf Java in Indonesien geboren, studierte Computer Engineering in Beijing und machte sich von dort auf den Weg, um seinen Traum zu verwirklichen. Er wollte Journalist werden und war der Meinung, das Unterwegssein sei die beste Universität. Er bereiste Afghanistan, Tajikistan, Kyrgyzstan, Kazakhstan, Uzbekistan und Tibet und schrieb drei bemerkenswerte, unterhaltsame und spannende Bücher über seine Reisen und Abenteuer. Sein neuestes Buch, „Ground Zero. When the Journey Takes You Home“ ist inzwischen auch auf Englisch erschienen und schickt den Leser auf eine 568-seitige, aufregende Reise. Es ist aber nicht nur eine wagemutige Exkursion an die Ecken und Enden der Welt, es sind auch die bewegenden Briefe und Gedanken an seine Mutter, die zur Zeit seiner Reise im Sterben liegt, ein Umstand, der ihn schlussendlich zurück nach Indonesien bringt.

Zwei Tage nach dem Empfang treffen sich die beiden Fotografen, deren Laufbahn verschiedener nicht sein könnte, im „Same Hotel“, einem der Sponsoren und Wohnort der meisten Teilnehmer des Festivals in der Lobby zum Gespräch. Beide haben – wenigstens zu Beginn ihrer beider Karrieren – eine ähnliche Vita, obwohl der eine gut 30 Jahre jünger, resp. älter ist als der andere. Nach ihrem Schulabschluss macht sich ein jeder auf den Weg; beide ohne Kamera und beide wollen nach Südafrika. Doch keiner kommt je dort an. Der eine reist via dem Nahen Osten, den Nil hinunter, von Ägypten durch den Sudan bis Ostafrika. Dann aber kommt Beat Presser von der geplanten Route ab, fährt mit einem Flüchtlingsschiff nach Indien und von dort aus nach Südostasien. Der jüngere, Agustinus, kommt auch nicht bis Südafrika und bleibt stattdessen in Afghanistan. Eine weitere Parallele, beide haben fast kein Geld, leben unter den einfachsten Bedingungen und keine Anstrengung ist ihnen zu viel, jedes Abenteuer eine Herausforderung. Sie leben zusammen mit den Leuten vor Ort und machen so ihre ersten Begegnungen mit Kulturen, die beiden vorerst noch fremd sind. Beide kaufen sich unterwegs an irgendeinem Punkt ihrer Reise eine Kamera. Der eine in Hong Kong. Der andere in Kabul. Aber von dem Moment an nimmt der Lebensweg der Beiden jeweils eine völlig andere Richtung. Der Schweizer, der Ältere, kehrt mit seiner Kamera in die Schweiz zurück und lernt den Beruf des Fotografen von der Pike auf, arbeitet über Jahre als Assistent, in der Dunkelkammer und legt viel Wert auf die Verfeinerung seiner Technik. Agustinus, mit digitalen Medien grossgeworden hat keine Berührungsängste, kennt die Arbeit in der Dunkelkammer nur vom Hörensagen und hat auch nie mit Film gearbeitet. Auch die Technik ist ihm fremd, er arbeitet nur mit einer Optik, einem Zoom mit Autofocus, kennt weder die Funktion von Blende, noch die Verschlusszeiten, noch interessiert es ihn gross. „I only work on the automatic mode“ meint er lachend. Und dennoch, seine Fotografien sind von grosser Qualität, beweisen ein grosses Einfühlungsvermögen und Können.

Aber wie ist solches nur möglich? sinniert der Ältere und fragt Agustinus, nach seinem Vorgehen, wenn er eine Geschichte wie beispielsweise „Happy Afghanistan“ fotografiere, weit ab von den Schreckensbildern und Horrorgeschichten, welche vor allem die westlichen Medien in regelmässigen Abständen um die Welt schicken. Er lebe mit den Leuten, die er fotografiere, meint er. Manchmal nur einige Tage, manchmal auch über Wochen, solange bis er die Bilder und die Geschichten realisiert habe, die er suche. Spätestens hier stellt sich für Beat Presser die Frage, wie er denn kommuniziere mit den Leuten, die er fotografiere. Er lerne einfach die Sprache der Leute, nur so könne er den Dingen auf die Spur kommen. Was, Farsi, Urdu, Hindi, Chinesisch? Ja, das sei kein Problem für ihn, in zwei bis drei Wochen würde er eine Sprache so gut beherrschen, dass er problemlos mit den Leuten kommunizieren könne und ihre Nöte, Geschichten und Erfahrungen in seine schriftstellerische Arbeit miteinfliessen lassen kann. Auf die Frage, wieviele Sprachen er denn in spreche, meint er, etwa 15 an der Zahl und mit einem Mal switch Agustinus vom Englischen ins Deutsche.

Für Beat Presser, der neben einer Handvoll europäischer Sprachen keine asiatische oder afrikanische spricht, ein echtes Aha-Erlebnis! Der eine, Meister der Nonverbalen Kommunikation, der andere ein wahres Sprachgenie. Aber beide mit dem gleichen Ziel unterwegs, Geschichten zu erzählen – in Wort und Bild – weit ab von den gängigen Trampelpfaden und Dejà-Vu, vor allem nicht immer die wiederkehrenden gleichen Stories über Dschungelcamps, Himalayastürmern und ähnlichen Themen.

Makassar, 22. Mai 2016

Literaturhinweise:

Surabaya Beat, Fotografien von Beat Presser, Gedichte und Kurzgeschichten indonesischer Autoren. 70 US$. 224 S. Afterhours Books, Jakarta; in Europa bei: Scheidegger & Spiess, Zürich 2015

Ground Zero. When the Journey Takes You Home, von Agustinus Wibowo. Engl. 568 S. 39,50 US$. Gramedia Pustaka Utama, Jakarta 2015

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30 Jahre BABYLON Metropolis Studies URSULA OPITZ VERLAG 1985-2015

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Unser Verlag BABYLON Metropolis Studies URSULA OPITZ VERLAG feiert sein 30jähriges Bestehen. 1985 mit der Reihe „Großstädte Außereuropas“ gegründet, erweiterten wir 1990 das Programm mit der Reihe „BABYLON Dichtung“. 1994 erschien der erste Band der „Kolonialismus-“Reihe und 1997 die erste Ausgabe unseres Magazins „KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin“. Seit 2013 finden sich aktuelle Beiträge auch auf unserem BLOG „babylonmetropolis.wordpress.com“.

In der Reihe „Großstädte Außereuropas“ versammeln sich Untersuchungen über den Paradigmenwechsel in der globalen Wahrnehmung großstädtischen Lebens, wie er sich seit den 1960er Jahren rund um den Globus manifestiert. Kolonialeuropäische und lokale Elemente verschmolzen zu einem unauflöslichen Amalgam. Dieser neuen Sachlage nahmen sich zu Beginn vor allem Intellektuelle und Künstler an. Sie schufen in dichterischen Texten, Bildern oder Installationen individuelle und kollektive Lebensentwürfe in einem ganz eigenen Dekor. Die Stadtentwicklung folgte ihnen – von einem imaginierten Modell zu einer oft überwältigenden Realität. Die Metropolen Außereuropas übernahmen für sich den Titel der „Weltstadt“ und perfektionierten ihn im 21. Jahrhundert.  Die klassischen Weltstädte Europas sahen sich gezwungen, diese neuen Konkurrenten ernst zu nehmen. So erweiterte sich auch das Spektrum unserer Publikationen, hin zu einer detaillierteren Untersuchung der kolonialen Vorläufer dieser „Weltstädte“ und über den aktuellen Zustand hinaus. Die Literatur, die Kunst und die globale Vernetzung durch das Internet veränderten die Sicht auf diese Agglomerationen erneut.

Mit unserem Magazin „KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin“ schufen wir ein Medium, das diese Entwicklungen mit aktuellen Beiträgen begleitet. Zu unseren kosmopolitischen Autoren zählten in den letzten Jahren Nobelpreisträger wie Herta Müller, Mario Vargas Llosa oder der spanische Bestseller-Autor Manuel Vázquez Montalbán.

Wir freuen uns auf die Zukunft, denn das „permanente Chaos“ in unseren zeitgenössischen Mega-Metropolen benötigt eine profunde intellektuelle Begleitung. red

In Berlin und anderswo

Timor Leste zu Gast beim „Filmfestival der kleinen Völker“ in der Bretagnekosmo 28 - timorfilm

Vom 22. bis 30. August 2014 fand in dem bretonischen Küstenort Douarnenez zum 37. Mal das „Filmfestival der kleinen Völker“ statt, das in diesem Jahr die Minoritäten in Indonesien, dem unabhängigen Osttimor und die Papua-Stämme Neuguineas zum Thema hatte.

Dem Festival kommt das Verdienst zu, dem bisher kaum in Europa in Erscheinung getretenen Filmland „Timor Leste“ eine ausführliche Präsentation zu widmen. Ein gutes Dutzend Dokumentar- und Spielfilme wurden gezeigt. Im Zentrum des Interesses der Filmemacher aus Osttimor, Australien, den USA und Frankreich stand die Aufarbeitung der Geschichte der letzten 30 Jahre, die gekennzeichnet war von der portugiesischen Entkolonisierung, Annektion durch den Nachbarstaat Indonesien, einen langen Befreiungskrieg und endlich im Jahr 2002 die von der Völkergemeinschaft anerkannte Unabhängigkeit der „Demokratischen Republik Timor Leste“.

Die Insel Timor wurde 1511 von den Portugiesen entdeckt. Im 19. Jahrhundert teilten sich Holland und Portugal die Insel auf. Die östliche Hälfte der vor Australien liegenden Insel blieb bis 1974 portugiesisch. Mit der Unabhängigkeit 2002 waren die inneren Probleme der oftmals sehr zerstrittenen Clans und Dorfchefs nicht beseitigt. Bis heute zeigt sich dies in zahlreichen, oft auch tödlichen Übergriffen von einer Dorfgemeinschaft auf die andere. Der Dokumentarfilm „Uma Lulik“ (2010), Das heilige Haus, des Timorensers Victor de Sousa Pereira zum Beispiel, begleitet den Bau eines besonderen Gebäudes in einem Dorf. Er wiederholt sich alle 10 Jahre, um die Verbindung zu den Ahnen, aber auch zu den weit in der Welt verstreut lebenden Verwandten wieder herzustellen, die anläßlich der Massaker durch die Indonesier und die einheimischen Maoisten geflohen waren.

In dem Spielfilm „Atambua 39° Celsius“  (2012) des Indonesiers Riri Riza wird dieses Thema aktuell behandelt. In dem Grenzdorf Atambua, das auf einer trockenen Ebene liegt, treffen ein Vater und ein Sohn aus Osttimor auf eine junge Frau aus Kupang, der indonesischen Hauptstadt Westtimors. Der junge João verliebt sich in die junge Nikia Dos Santos, die selbst jahrelang als Flüchtling mit ihrer Mutter im Westteil der Insel lebte und zu ihrer Familie zurückkehren möchte. Der Film erzählt die emotionalen, aber auch faktischen Schwierigkeiten dieser jungen Menschen, auf die sie bei einem Neuanfang im unabhängigen Osttimor stoßen.

Wie zerrissen das kleine Land noch immer ist, zeigt der Dokumentarfilm „Brief an meine Mutter“ (2013) der in Hawaii lebenden Timorenserin Francisca Maia. Als es 2006 erneut zu Aufständen in Dili, der Hauptstadt von Timor Leste kam, was wiederum viele Menschen zur Flucht zwang, begann die Regisseurin statt in Briefen in einem Video-Tagebuch ihre Ängste, Befürchtungen und ihre Liebe ihrer in Dili zurückgebliebenen Mutter mitzuteilen.

In zwei Dokumentarfilmen wird das Leben des ersten Präsidenten und jetzigen Ministerpräsidenten Osttimors, Xanana Gusmão, gewürdigt. In „Alias Ruby Blade“ (2012) erzählt die spätere Ehefrau von Xanana Gusmão, die Australierin Kristy Sword, ihr Leben als Kämpferin für die Unabhängigkeit von Osttimor. Sie lernte Gusmão im Gefängnis auf Java kennen, wo sie ihm Englischunterricht erteilen durfte. Später schmuggelte sie seine Korrespondenz an die internationalen Organisationen, seine Kämpfer auf der Insel und mögliche Unterstützer außerhalb Timors aus dem Gefängnis. Weniger romantisch, dafür sehr informativ zeigt der Singapur-Film „Wenn die Sonne aufgeht“ (2006) den Übergang des Dschungelkämpfers Gusmão zu einem Politiker, der für und mit seinem Volk eine Zukunft begründen will, die „auf Vergebung und Versöhnung“ basiert. Für die seit Urzeiten an Blutrache und Intrige gewohnten Bewohner der Insel eine wahrhaftige Herausforderung.

Filme von und über Timor Leste stellen einen wichtigen Baustein in diesem Versöhnungsprozess dar, denn sie können per Mausklick im Internet oder über eine Mediathek auch in den abgelegenen Inselteilen einen neuen Blick auf uralte Probleme des Miteinander verschaffen. Dank der Festivalorganisatoren in der Bretagne wurde dies auch interessierten Europäern geboten. red

Infos unter festival-douarnenez.com

Karelien, eine historische Landschaft am Rande Europas

Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse war in diesem Jahr Finnland. In einem minimalistisch kühl ausgestalteten Pavillon präsentierte das Land zwischen baltischem Meer und dem Polarkreis seine Autoren, seine Künstler, seine Musik und eine Vielzahl seiner in anderen europäischen Sprachen erschienenen Publikationen.

Mit einer besonders sensiblen Region, Karelien im finnisch-russischen Grenzgebiet, beschäftigt sich der Fotoband „Jaakko Heikkilä & Anastasia Khoroshilova: Karelia“, 2014. Der 1956 in Kemi geborene Finne Heikkilä und die 1978 in Moskau geborene Khoroshilova haben sich einer europäischen Grenzregion mit ihrem ganz eigenen Blick genähert. Im Mittelpunkt standen jedoch bei beiden Künstlern die Menschen, die in dieser von der Historie Europas geschundenen Landschaft zwischen Ladoga-See und Weißem Meer weiterhin ein oftmals bescheidenes, aber ihrer Kultur verpflichtetes Leben führen. Immerhin befindet sich hier angeblich „die Schatzkiste der Dichtung, Herz der finnischen Sprache“. Auf beiden Seiten der Grenze, in Finnland wie in Rußland leben Menschen, die eine lange historische und kulturelle Geschichte verbindet.

Wohnküche von Laina Lesonen  in Vuokkiniemi, Rußland, 2013. Foto von Jaakko Heikkilä
Wohnküche von Laina Lesonen in Vuokkiniemi, Rußland, 2013. Foto von Jaakko Heikkilä

Die Kunst der Fotografen bestand darin, den Menschen zu vertrauen und das Vertrauen der Menschen in den Kamerablick zu gewinnen. Während Khoroshilova ihre Protagonisten zu ihrer Familiengeschichte und der Geschichte Kareliens befragte, stellte Heikkilä seine gesammelten Eindrücke in kurzen Statements neben die Fotografien, wie das über die Erhaltung der karelischen Sprache auf der russischen Seite unter der Sowjetregierung: „… dann ein großes Haus, ein Haus der Macht, Worte der Macht, die Verfassung, der Staat, neue Worte, neue Bedeutungen, mit den Schafen spreche ich Karelisch…“

Die Lebensweise auf beiden Seiten der Grenze ähnelt sich. Die wenigen Menschen zerstreuen sich in einem weiten Naturraum, der ihnen oft genug feindlich gegenübertritt. Vorrangig galt und gilt es hier, das Überleben zu sichern. Auch heutzutage scheint es noch immer eine große Herausforderung zu sein, den genügsamen Alltag zu meistern. Nur Nuancen in Haltung und Gestaltung der eigenen Umwelt unterscheiden die Karelier links und rechts des Grenzstreifens, aber dieser scheint wohl den Ausschlag für ein „gutes“ Leben oder ein „karges“ Überleben darzustellen.

Wer etwas über die Lebensverhältnisse in einem geeinten Europa erfahren möchte, sollte sich den Geschichten der Menschen in diesem Fotoband zuwenden, die so feinsinnig von den beiden Fotografen in Szene gesetzt wurden.  Corinna Rohloff

Jaakko Heikkilä & Anastasia Khoroshilova, Karelia, Fotoband mit einem Beitrag von Yuri Nikich. 168 S., 119 Farbabb. Englisch. 39,90 €. Kehrer, Heidelberrg 2014

Schwarz und Weiß unter der Sonne des Äquators 

image001Wer sich dem in mehr als 900 Inseln zersplitterten Archipel der Salomonen-Inseln im Westpazifik nähert, findet sich  in einer Atmosphäre aus Hell und Dunkel wieder. Die meist dichte Wolkendecke des Äquatorhimmels läßt nur ab und an einen Sonnenstrahl auf das dunkle Dickicht des Urwalds niederfallen, dessen bis an das Ufer reichenden Baumriesen einem kleinen, dafür um so heller leuchtenden Sandstreifen Raum lassen. Aber auch der von zerriebenen Muscheln und Korallen geschaffene weiße Rand findet sich nur vereinzelt. Oft ist der Übergang zwischen Wald und türkis- bis dunkelblauem Meer ein ebenholzschwarzer Vulkanstreifen.

Diese Farbnuancen finden sich auch in den traditionellen Kunstwerken der Salomon-Insulaner, unabhängig ob es sich um Figuren für ein Kriegskanu, für Reliquien, Waffen oder Totemfiguren handelt.  Schon den ersten europäischen Seefahrern, die die Inseln berührten, den Spaniern unter Alvaro de Mendaña im Jahr 1567, die ihnen auch den Namen gaben – „Salomon“, nach dem biblischen König – waren ihre Bewohner und deren Bräuche überaus

unheimlich. Die Salmon-Insulaner lebten nicht in hellen, freundlichen Dörfern unter Palmen, sondern im „Schatten“ der riesigen Urwaldriesen. So nennt sich folgerichtig auch die von November 2014 bis Februar 2015 im Musée du Quai Branly in Paris stattfindende Schau „Der Schlag des Schattens. Kunst in Schwarz und Weiß von den Salomon-Inseln“. Den schwarzgefärbten Holzfiguren wurden als extremer Kontrast Augen oder Schmuckbänder aus glänzendem Perlmutt eingesetzt. Auch glattpolierte helle menschliche Totenköpfe zierten Totemfiguren und Halsbänder aus schwarzen Pflanzensträngen. Mit diesen starken Kontrasten sollte das mana, die Kraft der Figuren und Reliquien verstärkt werden. red

L‘eclat des Ombres. L‘Art en noir et blanc des îles Salomon. 11/2014 – 2/2015. Näheres unter http://www.quaibranly.fr

Literaturhinweis: Die Spanier im Pazifik – reloaded, von Ronald und Ursula Daus, Berlin 2014

Neuerscheinungen im Herbst 2014

kosmo 28 - paris 1Anscheinend kann Paris nicht anders, als zu verführen.  Das Paris-Buch der Künstlerin Yimeng Wu aus Shanghai, die an der Folkwang-Hochschule in Essen und der Universität der Künste in Berlin studierte, belegt auch im 21. Jahrhundert die Anziehungskraft der „Ville de la lumière“. Ihre Farb- und Bleistiftskizzen aus den Jahren 2007, 2012 und 2013 werden von französischen Chansons begleitet, die auch ins Deutsche übersetzt sind. Ein sehr charmantes Kleinod.

Die Künstlerin wurde mit dem German Design Award 2015 und mit dem Joseph Binder Award 2014 in Bronze ausgezeichnet.

Paris toujours. Un carnet de voyage, von Yimeng Wu. 68 S., 24€.  Kunstanstifter Verlag, Mannheim 2014.

Im Untergrund

Überleben hieß die Devise vor und während der Sowjetzeit, überleben heißt die Devise in post-sowjetischen Zeiten in Weißrußland weiterhin. Mit der Zeitschrift „pARTisan“ wollten der Schriftsteller Artur Klinau und seine Mitstreiter dem Regime des letzten sowjetisch inspirierten Diktators Europas, Alexander Lukaschenko, auf ironisch-witzige Art ernsthaften Widerstand bieten.

In „Partisanen. Kultur-Macht-Belarus“ können deutsche Leserinnen und Leser mithilfe von Beiträgen aus den seit 2002 erschienenen Ausgaben nachempfinden, daß ein Leben in dieser osteuropäischen Region immer nur als ein Überleben hinter Masken oder in tatsächlichen Untergrundverstecken möglich war: als Untergrundmenschen, eben als Partisanen. Deren Funktion war nicht die vermeintliche Machtergreifung. Dafür agiert der Partisan zu vereinzelt, er wolle die Willkür der Macht nur stören oder sie zerstören. „Partisan“ setzt Klinau an Stelle von „Bürger“, denn Bürger, die sich ihrer Rechte in einem demokratischen System bewußt seien, hätte es bisher in Belarus noch nicht gegeben.

Ein weiterer Schwerpunkt der Zeitschrift war die Beschäftigung mit der belarussischen Stadt. In „Minsk. Sonnenstadt der Träume“ zerlegt Klinau diese einst sowjetische Modellstadt (sie war im 2. Weltkrieg fast völlig zerstört worden) in ihre eklektischen Einzelteile, wie sie sich im 21. Jahrhundert durch überstürzten Abriss und Investitionswahn zeigen.

Die in diesem Band versammelten Texte wirken surreal bis zur Unerträglichkeit, denn nur im Geiste des Surrealismus gibt es anscheinend selbst für gewiefte Partisanen wie sie die Weißrussen im Laufe von Jahrhunderten „zwischen allen Fronten“ geworden sind, ein Quentchen Überlebenshoffnung.

Mit dem Einzug des westlichen Konsumismus in den belarussischen Alltag seit 2010 muß selbst die Zeitschrift und das Künstlerprojekt „pARTisan“ seine Existenzberechtigung neu definieren. Was wird erst geschehen, wenn die sogenannten „Friedensgespräche von Minsk“ zwischen der Ukraine, Rußland und den russischen Separatisten in der Ukraine aus dem Diktator Lukaschenko einen möglichen „Friedensengel“ machen?

Tamara Pracel

Partisanen. Kultur-Macht-Belarus, von Artur Klinau et.al.. 168 S., 12,80 €. edition fotoTAPETA, Berlin 2014

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Die schmale Landbrücke zwischen dem nord- und südamerikanischen Kontinent, die seit mehr als 150 Jahren in Kleinstrepubliken zerstückelt ist, wo die Menschen in der Hauptsache ein armseliges, gewalttätiges und überaus gefährliches Dasein zu Füßen von mächtigen Vulkanen des pazifischen Feuerrings und seiner zahllosen Erdbeben führen, bringt von Zeit zu Zeit – wie Lava bei einer Eruption – erstaunliche Literatur hervor.

Mit der Anthologie „Zwischen Süd und Nord“ ist es dem Herausgeber Sergio Ramírez gelungen, aus 7 mittelamerikanischen Staaten – Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Costa Rica, Panama und Dominikanische Republik – 27 Autorinnen und Autoren zu versammeln, deren Kurzgeschichten und Novellen einem das Blut in den Adern gefrieren lassen, so beiläufig wird das Böse und Unerträgliche des Alltags geschildert. Oder bringen einen mit ihren Satiren auf dieses Böse und seine damit einhergehende Heuchelei in Staat und Religion unweigerlich befreit zum Lachen.

Hervorzuheben ist hier auch die hervorragende Übertragung aus dem Spanischen. Ursula Daus 

Zwischen Süd und Nord. Neue Erzähler aus Mittelamerika, hrsg. von Sergio Ramírez. 254 S., 19,95 €. Unionsverlag, Zürich 2014

Reiselust und Reisefrust!

Die erstaunliche Karriere von Kreuzfahrtreisen im 21. Jahrhundert findet ihren Ursprung in dem  Mythos einer Reiseform, die im 19. und 20. Jahrhundert nur sehr wenigen Wohlhabenden vorbehalten war. Das luxuriöse Ambiente der „schwimmenden Paläste“ unterschied sich fundamental von den reinen Passagierschiffen, die über Jahrhunderte die Kontinente verbanden. Dokumente, historische Plakate und unveröffentlichte Fotografien bestätigen die nostalgischen Erwartungen des Lesepublikums. Die aktuellen Beispiele riesiger Urlaubertransporter mit ihren disneyland-ähnlichen Vergnügungen und immensen Shopping-Meilen lassen den wahren Seefahrt-Reisenden eher verzweifeln angesichts dieses massengeschmacktauglichen Luxuselends. red.

Kreuzfahrtträume. Schiffe und Routen von einst bis jetzt, von Boris Dänzer-Kantof. 192 S., 39,95 €.  Knesebeck, München 2014

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In Brasilien über mehr als 150 Jahr unentdeckt, richtet sich seit der 2. Dekade des 21. Jahrhunderts verstärkt das Interesse in Wissenschaft und Medien auf die ersten mutigen Erforscher des unbekannten Inneren Brasiliens Anfang des 19. Jahrhunderts. Vielleicht resultiert dieses Interresse aber auch aus der Sorge um die fortschreitende Zerstörung dieser einstigen Naturwunder-Kammer der Erde.

Einer von ihnen war der Baltendeutsche in russischen Diensten, Georg Heinrich von Langsdorff (1774-1852). Er hatte als junger Teilnehmer der ersten russischen Weltumseglung unter Kapitän Johann Adam Krusenstern 1803 zum ersten Mal brasilianischen Boden betreten und einen Monat auf der Insel Santa Catarina verbracht, die er – verzaubert von der unbekannten und üppigen Natur – als „gelobtes Land“ bezeichnete.

Langsdorffia hypogaea Mat. „Herr von Langsdorff, Russischer General-Consul dahier, entdeckte auf seinem Gute Mandioca, unter dem Gebüsche einen conischen, mit kleinen Blumen bedeckten fleischigen Zapfen, der ohne Stamm und Blätter aus der Erde hervorbrach. So wäre denn diese Pflanze der Finsterniß, so bestimmt es sich als Erdparasit charakterisieren mag, eines der bizarrsten Producte im Pflanzenreich.“  Nach: Zischler, Hanns et.al., „Die Erkundung Brasiliens“, Galiani, Berlin 2013
Langsdorffia hypogaea Mat. „Herr von Langsdorff, Russischer General-Consul dahier, entdeckte auf seinem Gute Mandioca, unter dem Gebüsche einen conischen, mit kleinen Blumen bedeckten fleischigen Zapfen, der ohne Stamm und Blätter aus der Erde hervorbrach. So wäre denn diese Pflanze der Finsterniß, so bestimmt es sich als Erdparasit charakterisieren mag, eines der bizarrsten Producte im Pflanzenreich.“
Nach: Zischler, Hanns et.al., „Die Erkundung Brasiliens“, Galiani, Berlin 2013

Im Auftrag des Zaren ließ er sich in den 1820er Jahren als General-Konsul in der Nähe von Rio de Janeiro auf der Fazenda Mandioca nieder, von wo aus er seinen aberwitzigen Plan einer intensiven Erforschung des Mato Grosso und des Amazonasbeckens realisieren wollte. Er fand Mitstreiter, Geldgeber und einheimische Führer. Er notierte, beschrieb, litt und „entdeckte“: Topographie, Fluviometrie, Naturphänomene, Fauna und Flora. Seine Begleiter starben an den Strapazen und an unbekannten Krankheiten, an Angriffen wilder Tiere und an Hunger und Durst. Wie durch ein Wunder überlebte Langsdorff, wurde jedoch nach dieser Expedition 1829 abberufen, zog sich in die Kleinstadt Freiburg im Breisgau zurück und erinnerte sich in den folgenden 30 Jahren seines Lebens weder an seinen Brasilienaufenthalt noch an seine Forschungsergebnisse. Die blieben ebenfalls bis nach dem Zerfall der Sowjetunion in den Archiven Rußlands begraben, bis sie nach 1990 endlich an die Weltöffentlichkeit traten.

Mithilfe dieser wiedergefundenen Berichte macht sich die Autorin Barbara Freitag-Rouanet auf die Spuren eines der wichtigsten Erforscher des brasilianischen Inneren. Sie erläutert ihrem brasilianischen Publikum die europäischen Vorläufer dieses fanatischen Explorators, den Deutschen Alexander von Humboldt und den Portugiesen Alexandre Rodrigues Ferreira. Sie erzählt aus den ersten Expeditionen von Langsdorff nach Sibirien und in den Pantanal. Sie zitiert ausführlich aus den Tagebüchern Langsdorff, die erst nach und nach ins Portugiesische übersetzt werden. Sie berichtet aus den Städten und von den Naturgegebenheiten entlang der Reiseroute von Langsdorff und schildert das Zusammenleben des Barons und seiner Reisegefährten, das sich nicht immer einfach gestaltete. Ein Ausflug in das literarische Werk von Alfredo D‘Escragnolle Taunay, einem Neffen des Langsdorff begleitenden Zeichners und Malers Aimé-Adrien Taunay, beschließt diese brasilianische „Reise mit Langsdorff“.

Was sich bei der Beschäftigung mit den entbehrungsreichen Forschungsreisen in das Innere Südamerikas vor allem herauskristallisiert, ist die unübertroffene Leistung des von ihnen allen bewunderten und nachgeeiferten Alexander von Humboldt. Er war der Einzige, der einen bis heute unübertroffenen Schatz an „Naturwundern“ hob und dabei an Geist und Leben völlig gesund blieb. Seine innere Verfasstheit konnte auch von den gefährlichsten der unbekannten Ereignisse, die ihn auf seinen Reisen trafen, niemals aus dem Gleichgewicht gebracht werden.  Ronald Daus

Viajando com Langsdorff, von Barbara Freitag-Rouanet. 250 S., 35 R$.  Ed. do Senado Federal, Brasilia 2014

 

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Erstaunlich mit welcher Inbrunst der polnische Autor Piotr Pazinski in seiner Romanerzählung „Die Pension“ einer jüdisch-polnischen Vergangenheit nachspürt. Wie Phantomschmerzen tauchen eigene Erinnerungsfetzen auf, manifestieren sich in Figuren auf verblichenen Fotos, Wortfragmenten auf vergilbten Postkarten, exzessiven Gesprächsprotokollen auf Zeitungsschnispel gekritzelt und in alten Schuhkartons gesammelt oder einfach nur im Geruch der Kiefernwäldern und den verrottenden Blätterhaufen in dem vernachlässigten Garten einer ehemaligen Sommerpension in der Nähe von Warschau. Polnische Schicksalsgeschichte der vergangenen fünfhundert Jahre wird hier auf engstem Raum ausgehandelt, eingeklemmt zwischen Rußland, der Ukraine, Österreich-Ungarn, Nazi-Deutschland, aber auch der Illusion von Weltläufigkeit oder Rettung durch zionistische oder kommunistische Ideale, Auswanderung nach Amerika, Rückkehr ins Gelobte Land. Ostjüdische Orthodoxie kämpft verbissen gegen westlich-aufgeklärten Säkularismus in den wiederbelebten Besuchern dieser Pension. Ihre imaginierten Diskussionen und Streitereien füllen die Zeilen und die Zwischenzeilen dieses Bandes.

Jetzt, wo nur noch sehr wenige Zeitzeugen leben, stellt der Autor sich als Vermächtnisbewahrer dem vollständigen Erinnerungsverlust entgegen – durch sein Schreiben für nachkommende Generationen.

„Von den Fotografien auf dem Tisch blickten bekannte Gesichter. Da waren Onkel Szymon und Großmutter… Es war, als wären sie nicht ganz erstarrt, als wären sie auf halbem Weg zwischen Leben und Tod hängen geblieben. Gefangen in einer leichtfüßigen Pose…“

Ursula Daus

Die Pension, Romanerzählung von Piotr Pazinski. Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel. 144 S.  16,80 €. edition.fotoTAPETA, Berlin 2014