„Entschleunigung“ im Kunstmuseum Wolfsburg

Welch gewagtes Ansinnen mag dahinter stecken, wenn das Kunstmuseum Wolfsburg, dessen Hauptsponsor der derzeitige „Weltmeister der Beschleunigung“ Volkswagen ist, eine Ausstellung präsentiert, die sich dem zeitgeistigen Thema der „Entschleunigung“ widmet? Oder wollte der Direktor Markus Brüderlin sich unter dem politisch-korrekten Deckmäntelchen auch einmal sein Museum mit großen Werken der Moderne des 20. Jahrhunderts schmücken?

Die bis April 2012 laufende Ausstellung in der Autostadt Wolfsburg wird begleitet von Vorträgen, Gesprächen und Colloquien. Man scheut keine Mühen und lädt selbst in die Hauptstadt ein. In der Akademie der Künste am Pariser Platz traf sich Mitte Januar politische Alt-Prominenz mit gesamtdeutschen Wissenschaftlern.

Nach Durchsicht des Katalogs scheint das Thema „Entschleunigung“ Kunstexperten, Journalisten und Wissenschaftler weitaus mehr zu geistiger Beschleunigung anzuregen als die eigentlichen Adressaten, die zeitgenössischen Künstler.

Das in der „posthumanen  Zeit“ (Hartmut Böhme, Kulturtheoretiker) lebende Individuum nähere sich unabwendbar dem Untergang, wenn nicht…! Ja, wenn nicht endlich die „Ökologie der Zeit“ (Fritz Reheis, Wirtschaftswissenschaftler) uns aus dem „Turboprinzip“ befreit. Andere wie Stefan Klein (Biophysiker) sprechen sogar vom „Tsunami der Reize“ (vor der Tsunami-Katastrophe in Japan im März 2011!), der unsere Hirne der „Droge Geschwindigkeit“ unterwerfe.

Eine nicht repräsentative Umfrage zum Thema unter Freunden und Gönnern des Kunstmuseums ergab dann in etwa die Antworten, die man vom kreativen Segment der postindustriellen deutschen Gesellschaft erwarten konnte. Stellvertretend soll hier die Antwort des Hauptsponsors zitiert werden. Prof. Dr. Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender des VW Konzerns erwiderte auf die „Entschleunigungsfrage“: „…bewusst und verantwortungsvoll mit wirtschaftlichem Wachstum umgehen. Und mit trotz hohem Arbeitstempo genug Freiraum zum Nachdenken zu schaffen, um auch langfristig die richtigen Prioritäten zu setzen.“ (S. 43) Damit die Botschaft des VW-Vertreters auch wirklich nachhaltig bleibt, gibt es für alle, die diese Neuausrichtung noch nicht kennen auf S. 51 des Katalogs die offizielle Werbekampagne für den „EOS. Das Auszeitauto“ als „Kunstobjekt“. So werden Synergien genutzt. Den „Freiraum zum Nachdenken“ bietet das Kunstmuseum Wolfsburg als „Ort der Entschleunigung“ (Markus Brüderlin, S. 11) auch all denjenigen, die nicht auf einen VW umsteigen wollen.

Auf neunzig Prozent der Ausstellungsfläche hängen und stehen die Kunstwerke aus der Vorgeschichte der „Turbobeschleunigung“ des 21. Jahrhunderts. Das Gegensatzpaar Be- und Ent-schleunigung setzt hier also mit der „Aufklärung und Romantik“ ein, volkstümlich ausgedrückt: „Mit Goethe ins Dampfmaschinenzeitalter“. Die „Klassische Moderne“ gibt sich in der Ausstellung als Platzhirsch. Rodin, de Chirico, Duchamps, Rodko, Mondrian, Malewitsch, Man Ray, Calder, Richter, etc.etc. Bis zum „Rasenden Stillstand“ in den 1960er Jahren ist es dann nicht mehr weit. Das Namedropping endet auch hier nicht: Andy Warhol, Nam June Paik, Bill Viola, John Cage, Joseph Beuys (hier als Handy-Vorbote mit seinem Lehmtelefon und seinen Konservendosen-Sprechapparaten). Panamarenkos hängende und nicht fliegende, also total entschleunigte, Flugkörper geben dann doch noch ein gutes Bild ab.

Die Zeitgenossen tauchen erst ganz zum Schluß auf nur 20 Seiten und mit nur wenigen „Kunstwerken“ auf. Video-Installationen von Nam Jun Paik, Grossfotografien von stehendem Verkehr auf US-amerikanischen Autobahnen oder von einem Tsunami erfassten Autos und Flugzeuge deuten das Thema an: „Aktien auf die Apokalypse – Perlen vor die Säue“. Börsenkritik von Künstlerhand und Geldsucht bei chinesischen Neureichen (Ai Weiweis „Bowl of Pearls“, 2006: statt Reis füllen Süsswasserperlen die eisernen Reisschalen) führen am Ende den Untergang der Welt herbei.

Kurz vor Schluß gibt es noch ein Grossfoto von Balthasar Burkhard (ohne Jahr!) zu dem ausufernden Menschenwachstum in Mexiko-Stadt. Doch statt chaotischem Zerfall aufgrund der nicht mehr zu bewältigenden Massen reihen sich nicht gezählte Quadras (Viertel) ordentlich in das einst von den spanischen Kolonisatoren importierte Rastersystem ein – bis zu den Füßen der Vulkankegel [s. dazu auch: Daus, R., Neue Stadtbilder – Neue Gefühle. Bd.1: Europäische Stadtanlagen als Weltmodell, Babylon Metropolis Studies, Opitz Verlag, Berlin 2011].

Es wird anscheinend viel über „Entschleunigung“ kommuniziert (siehe Literaturliste im Katalog), jedoch wenig Künstlerisches präsentiert, was wohl einer dem digitalen und virtuellen Zeitalter inhärenten Logik entspricht. Denn im Moment seiner Entstehung löst sich das Kunstwerk eigentlich schon wieder auf. Es erfährt damit – am Höhepunkt seiner Beschleunigung – seine totale Entschleunigung  – und verschwindet!

Tamara Pracel

Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei, Katalog zur Ausstellung hrsg. von Markus Brüderlin, mit wissenschaftlichen Beiträgen. 260 S., zahlr. Abb. 49,80 €. Kunstmuseum Wolfsburg/Hatje Cantz, Ostfildern 2011.

Asien am Wasser

Wasser in der Stadt

Anläßlich der Asien-Pazifik-Wochen 2011 versuchten in der Aedes East Galerie, Berlin, zwei Ausstellungen – „Water – Curse or Blessing“ und „Singapore – City of Gardens and Waters“ – dem zeitgeistigen Thema des angeblich apokalyptisch ansteigenden Meeresspiegels eine konstruktive Note abzugewinnen. Projekte aus zahlreichen asiatischen Nationen – Indien, Thailand, Indonesien, Bangladesch, China, Singapur, Korea – sollten den eher melancholisch in die Zukunft blickenden Europäern ein wenig Optimismus vermitteln.

Erlaubt war in der Ausstellung, was den Urbanisten und Architekten zum Thema in den Sinn kam: Realisiertes, Projektiertes, Phantasiertes und satirische Überhöhtes. Mit dieser offenen Heranehensweise konnten sich auch Büros, die nicht aus der Region stammten, also Holländer, Deutsche, u.a.m., an dem beeindruckenden Überblick über das Bauen am und im Wasser beteiligen.

Die Ausstellungsmacher unter der Ägide der kenntnisreichen und engagierten Kuratorin Ulla Giesler scheuten keine Mühe, Naheliegendes und Abwegiges in einer leicht verständlichen Ausstellungssprache aus Plänen, Modellen und Videos homogen zu präsentieren. So erscheint zum Beispiel die auf Stahlstelzen entwickelte „Wetropolis“ Bangkok geradezu die natürliche Antwort auf die alljährlich zunehmenden Monsunfluten für die Millionen-Metropole. Oder das Leben auf leichten Holzplattformen in Zelten mitten im Ganges-Delta wirkt so selbstverständlich wie situationsgemäß.

Ganz anders nimmt sich die Herangehensweise des Büros WOHA aus Singapur aus. Die preisgekrönten Hochhausbauer haben der Stadt in ihrer satirischen Ausgabe „Strange Times“ (Seltsame Zeiten), eine Verballhornung der Tageszeitung „Straits Times“, eine Zukunftsgestaltung verpasst, die gegen jeden Comment des autoritär geführten Stadtstaates verstößt. Mit ihrem Projekt, die gesamte Insel mit einem Festungsring zu umgeben, der nur von einem megalomanen Willkommenstor à la Atlantis unterbrochen wird, soll der Größenwahn, der die Regierenden erfaßt hat, aufs Korn genommen werden. Um die böse Ironie zu kaschieren, haben die Archiekten in den Mauerring ein regulierbares Gezeitenkraftwerk eingebaut, das diese „Insel der Glückseligen“ mit Energie versorgen wird. Und glückselig sind auch die zukünftigen Bewohner dargestellt: Nacktbadende an künstlichen Stränden – für Singaporeaner eine Undenkbarkeit, Kinder, die nur spielen, Jugendliche, die ausgiebig Zeit für Club-Besuche in ausgeflippter Kleidung haben, verbunden mit in Singapur ungekannter Freiheit der Meinungsäußerung von Rock-Gruppen, Literaten und Künstler. All das vereinigt der Lebensentwurf 2050 in „Strange Times“, dann wenn die Katastrophe eines Meeresanstiegs vielleicht zum endgültigen Aus für den derzeit extrem erfolgreichen Finanz- und Dienstleistungsplatz Singapur führen kann.

Wer sich in der Ausstellung die Zeit nimmt, die zahlreichen Anregungsfäden zu verknüpfen, kommt zu einem völlig veränderten Gewebe, das die Zukunft den immer zahlreicher werdenden Bewohnern dieser Erde bieten wird. Im November 2011 wurde die Sieben-Milliarden-Grenze geknackt. Und der Großteil lebt in Asien entlang seiner Zehntausenden von Küstenkilometern!

Ursula Daus

„Water – Curse or Blessing“ & „Singapore – City of Gardens and Water“. Katalog in der Ausstellung: 10 €. Mehr dazu unter http://www.aedes-arc.de

Ohne Utopien

Im August 2011 organisierte das Haus der Kulturen der Welt in Berlin ein ambitioniertes multimediales Projekt: „Konferenz über Lebenskunst“ war sein Titel. Zeitgleich traten in St. Petersburg, Neu-Delhi, Nairobi, São Paulo und Berlin „Aktivisten, Künstler und Pragmatiker“ in einen virtuellen Dialog. Man konnte an riesigen Leinwänden und realen Diskussionen, Performances und Werkstattgespräche miterleben. Die Liste der Teilnehmer erschien so endlos wie die angesprochenen Themen. Natürlich könnte zu diesen wahrhaft jeden Erdbewohner in den nächsten Jahrzehnten betreffenden Sujets JEDER etwas beitragen, wie z.B. „Über Energie und das Leben“ oder „Über post-fossiles Konsumieren“ (wenn dann überhaupt noch konsumiert werden wird) oder „Über Megacities“ oder „Über den Wohlstand, der ohne Wachstum wächst“ oder „Über die Rolle des Einzelnen“ oder „Was macht uns glücklich“….

Als Ergebnis erschien kurz nach der Konferenz flugs ein Bändchen im Suhrkamp Verlag, in dem einige der Teilnehmer ältere oder auch adhoc verfasste Beiträge publizierten. „Über Lebenskunst. Utopien nach der Krise“ ist – wie alle Sammelbände – ein zwiespältiges Projekt. Allein schon der Titel ließ sich kaum als „Lebenkunst“, sondern zu 99% als „Überlebenskraft“ interpretieren – nolens volens. Thematisch wurden die Autoren zusammengezwungen unter so launische Überschriften wie „Alle Mann in die Rettungsboote!“ oder „Nord-Süd? Eine Übung in Hoffnung?“. Aber auch Apodiktisches schien notwendig: „Überleben und Sterben“, wo der chinesische Dissident Liao Yiwu viel über das Sterben und wenig über die Hoffnung, menschenwürdig in China zu überleben schrieb.

Überhaupt hatte man nach der Lektüre wenig Hoffnung für die Menschheit. Selbst der ironisch-lakonische Text des Isländers Sjon „Alda, die Welle – eine Übung in Hoffnung“ erzählt auch nur vom Elend des Ertrinkens und der meist unerfüllten Hoffnung der an Land zurückgebliebenen, dass die Vermissten doch noch auftauchen. Immerhin hat er die Schlußpointe einer Spendenaktion für die Suche nach den seit 60 Jahren verschollenen so eingearbeitet, daß die ganze Absurdität des Ansinnens einer Hoffnung deutlich zutagetritt.

Hoffnung machten weder die Diskussionen noch die Gedanken der befragten Autoren. Vernetzen allein reicht nicht – es braucht neben Idealen und Hoffnung auch den faktischen Willen, etwas zu ändern. Und der scheint momentan nirgendwo ein Zeichen zu setzen.

Corinna Rohloff

Über Lebenskunst. Utopien nach der Krise, hg. von Katharina Narbutovic und Susanne Stemmler, Begleitbuch zur Konferenz im Haus der Kulturen der Welt, August 2011. 389 S., 11,95 €, Suhrkamp, Berlin 2011