In Memoriam: Genesis

Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado

von Ronald Daus

Wenn es um einzigartige Ansichten unserer Erde in Schwarz-Weiß geht, gibt es derzeit dafür einen ausgewiesenen Experten. Der Brasilianer Sebastião Salgado (*1944) hat mit seinen Fotobänden und auch in Dokumentarfilmen das irdische Leben für die Nachgeborenen festgehalten. Mit seinem Film „Das Salz der Erde“, 2013, der jetzt in den deutschen Kinos zu sehen ist, möchte er – wie bei seinen früheren Arbeiten über Migranten, Kriegsflüchtlinge, Arbeitsklaven – auf die Auswüchse einer Zerstörung der Erde durch den Menschen aufmerksam machen, gegen die man aufbegehren müsse. Dafür hat er sich als Titel ein Zitat aus der Bergpredigt gewählt: „Ihr seid das Salz der Erde…“ (Mathias 5, 16).

In seinem 2013 erschienen Band „Genesis“ versuchte er als Gegenentwurf die noch erhaltenen „Natur- und Kulturwunder“ unseres Planeten wenigstens in ihrem reproduzierbaren Abbild zu erhalten. Was dieser  Kamerablick auf eine anscheinend noch heile Welt in gnadenlosem Schwarz-weiß-Kontrast provoziert, ist eine immense Traurigkeit. Die Massierung der mächtigen Motive aus Gletschern, Berggipfeln, Vulkankratern, Meeresbrandungen, Flußbiegungen, Urwaldriesen, winzigen Lebewesen in einer unerhört unwirtlichen Umgebung – seien es Menschen oder Tiere – und die wenigen Lichtblicke des schüchternen Lächelns eines Kindes oder einer Eidechse befeuern diese Trauer um ein verlorenes Paradies.

So jedenfalls könnte man den Titel des Bandes „Genesis“ interpretieren. „Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis…“ (Moses 1.1) Und dieses Licht lockte nicht nur das Leben aus den tiefen dunklen Meeren an Land, es erschuf auch die Farben: die gleisend weißen Gletscher, die türkisblauen Lagunen, die weißen Wolken, den blauen Himmel, die bunten Federn der Paradiesvögel, mit denen sich die Menschen schmückten oder die vielfarbigen Mineralien, die sie für ihre Körperbemalung nutzten.

Der Krascheninnikow-Vulkan (1856 m) auf der Halbinsel Kamtschatka, Oktober 2006. Aus dem besprochenen Band
Der Krascheninnikow-Vulkan (1856 m) auf der Halbinsel Kamtschatka, Oktober 2006.
Aus dem besprochenen Band

Die „Genesis“ des Sebastião Salgado in nuancierten Graustufen ist ein künstlerisch mächtiges Monument. Doch statt eines Mahnmals ähnelt es einem Granitmausoleum für eine bereits untergegangene Welt: „In Memoriam: Genesis“ könnte es heißen. Die vereinzelten, angeblich noch intakten Nischen, die Salgado von der Arktis bis zur Antarktis, von Sibirien bis nach Amazonien, von Südostasien bis nach Patagonien, vom Horn von Afrika bis zur Sahara zwischen 2004 und 2011 besuchte, sind heute ebenso wie der Rest des Planeten in den Fängen einer erbarmungslosen „Zivilisation“. Oft liegen sie in ehemaligen militärischen Sperrgebieten, sind bedroht von potentieller Rohstoffausbeutung sowie von einem unaufhaltsamen Massentourismus, der bis in die entlegensten Winkel der Erde vordringt – von Südgeorgien in der Antarktis bis zu den letzten Urwaldbewohnern auf den Inseln vor Sumatra, von den Gebirgsmassiven in Neuguinea bis auf die Vulkane von Kamtschatka.

Die in Paris ansässige Agentur Sebastião Salgados, „Amazonas images“, hatte mit ihren Mitarbeitern die Idee, dieses Konvolut aus analogen und digitalen Fotografien zusammenzustellen. Dank der Initiative des Taschen-Verlags in Köln sind diese außergewöhnlichen Ansichten nun für uns alle einsehbar geworden.

Das Salz der Erde, Dokumentarfilm von Wim Wenders &  Juliano Ribeiro Salgado, 2013

Genesis. Fotografien von Sebastião Salgado, hrsg. von Lélia Wanick Salgado, 520 S., 49,99 €. Taschen, Köln 2013

Fotoausstellung „Genesis“ in der Galerie ℅ BERLIN bis 16.8.2015. http://www.co-berlin.org

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KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 26-27/2014 „Fiktion oder Nicht-Fiktion“

„Ficar. Resistir. Enfrentar. – Bleiben. Widerstehen. Verteidigen.“ Das ist das Motto, das die Bewohner der Favela Pinheirinho in der Nordzone von Rio de Janeiro auf ihren selbstgefertigten Rüstungen tragen. Aus: Piauí, Frühjahr 2014, Brasilien
„Ficar. Resistir. Enfrentar. – Bleiben. Widerstehen. Verteidigen.“ Das ist das Motto, das die Bewohner der Favela Pinheirinho in der Nordzone von Rio de Janeiro auf ihren selbstgefertigten Rüstungen tragen.
Aus: Piauí, Frühjahr 2014, Brasilien

„Sein oder Nicht-Sein“ – „Fiktion oder Nicht-Fiktion“, das ist in dieser Ausgabe die Frage.

Wer sich mit Realität im 21. Jahrhundert auseinandersetzt, findet sich sehr schnell in der virtuellen Realität wieder. Sie ist dabei, einen großen Teil des realen Lebens zu ersetzen. Ganz anders bei dem Gegensatzpaar „Fiktion/Nicht-Fiktion“. Hier stoßen zwei Aspekte unserer geistigen Auseinandersetzung mit der Realität aufeinander, die von Denkern seit der Antike bis heute durch mehr als drei Jahrtausende spitzfindig unterschieden werden.

Unsere Autoren machen sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion auf die Suche nach Antworten – und die sind nicht immer eindeutig.

Mächtige Beton- und Bronzeskulpturen in Sulawesi dienen eher der Fiktionalisierung von Geschichte als ihrer Erklärung. Der „Orientalischen Despotie im Harem“ durch ein Bündel an vorurteilsbeladenen Nachweisen aus der Geschichte nahezukommen, bleibt bis ins 21. Jahrhundert ein Wagnis der Aufklärung. Dem brasilianischen Autor Jorge Amado sein tatsächliches Leben abzuerkennen, indem man ihn in einen Protagonisten seiner Romane verwandelt, ist in Brasilien gelungen. Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura kann nicht oft genug betonen, daß ein kleines Gemälde von Rembrandt in einem seiner Romane einzig und allein auf seiner fiktionalen Phantasie beruht. Der britisch-indische Autor Salman Rushdie erklärt im Brustton der Überzeugung, dass er sich nur dem Zeitgeist gefügt habe, der von ihm einen nicht-fiktionalen autobiographischen Text erwartete, obwohl ihm das Schreiben von Fiktion weitaus mehr am Herzen liegt. Der Russe Viktor Jerofejew übergeht die gesamte Diskussion, indem er in seinen Büchern Autobiographisches, also Nicht-Fiktion, und Fiktionales bis zur Unkenntlichkeit vermischt. red

 

Aus dem Inhalt:

Ronald und Ursula Daus * Fiktion oder Nicht-Fiktion? Ein Klärungsversuch ** Sulawesi im 21. Jahrhundert: Skulpturen erzählen Geschichte ** Claudia Opitz-Belakhal * Orientalische Despotie im Harem? Zur Geschichte einiger Missverständnisse im christlich-islamischen Kulturkontakt ** Ursula Daus * Die Kafkaeske Metamorphose des brasilianischen Autors Jorge Amado ** Peter B. Schumann * „Sozialismus hat es noch nie gegeben“. Gespräch mit dem kubanischen Schriftsteller Leonardo Padura.

Der brasilianische Schriftsteller Jorge Amado dient seiner Heimatstadt als profitable Investition. Foto R & U Daus, 2014
Der brasilianische Schriftsteller Jorge Amado dient seiner Heimatstadt als profitable Investition.
Foto R & U Daus, 2014

In Berlin und anderswo

Paris 1814: Die Russen kommen. Der Maler Georg-Emanuel Opiz  * Der „Orientexpress“ verirrt sich ins „Institut du Monde Arabe“ in Paris * 30 Jahre „Fondation Cartier pour l‘art contemporain“ in Paris * Konstantin Grcic-Panorama im Vitra Design Museum  * „Stadt Religion Kapitalismus“ in Berlin * Salman Rushdie und Viktor Jerofejew im Gespräch

Buchrezensionen zu den Aspekten:

Von der Relativität des Wissens * Nichts wie weg! * Hölle im Paradies * Allerseelen * Paradiesversprechen

aus den Verlagen Taschen, Köln; Kehrer, Heidelberg; Hirmer, München; Luchterhand, Frankfurt/Main; Galiani, Berlin; Unionsverlag, Zürich; fotoTAPETA, Berlin, etc.

 

DAS BESTE ZUM SCHLUSS:

Wieder ein ganz besonderes Buch hat jetzt der Taschen-Verlag im Jahr 2014 dem internationalen Publikum (in deutscher, englischer und französischer Fassung) zur Verfügung gestellt. Der Titel lautet diesmal „An American Odyssey – Photos from the Detroit Photographic Company 1888-1924“. Und er kommt schwergewichtig daher: 6 Kilogramm Bildergewicht der ersten Farbfotografien der Neuen Welt! Den ersten Zugang leistete man über New York (s. Abb.) – Die Ostküste – Den Mittleren Osten mit den Großen Seen – Den Alten Süden mit der Karibik – Den Wilden Westen und Die Pazifikküste. Kunterbunt und detailgetreu erlaubten sich die Fotografen ihren Kunden das Neue, das bisher Ungesehene, Unerwartete an Landschaften und Menschen auf ihren Postkarten zu präsentieren. Denn das war ihr eigentliches Ziel. Touristische Ansichten von einem unbekannten Reiseland zu produzieren. Massenhaft und chaotisch. In den Texten und Bildern des Bandes findet man immer wieder angeblich Typisches und Unglaubliches. Von links nach rechtes, von oben nach unten. Leicht und schwer! Die Betrachter erspürten angesichts der kolorierten, der „neuen Farben“ quasi den Geruch der Blüten, der Erde, der Felsen, des Drecks und den Krach der engen, überfüllten Stadtviertel oder den Qualm der durch schmalste Cañons dampfenden Loks. Es entwickelte sich ein anderes Verhalten, eine neue Begeisterung. Eine ungeahnte Weite tat sich auf. Neue Vorteile. Neue Gefahren. Schönheit. Fremde Geschmäcker. Gemeinheit. Irritierende Höhen und erschreckende Tiefen. Der irre Wechsel von Schnell und Langsam. Ein ganz neues Universum in diesem brodelnden Konglomerat dieser „Amerikanischen Odyssee“. Wunderbar, erregend! Ronald Daus

An American Odyssey. Photos from the Detroit Photographic Company 1888-1924, hg. von Marc Walter und Sabine Arque. 612 S. 150 €. Taschen, Köln 2014

Neue Bücher in KOSMOPOLIS 24-25/2013 „Weltenbummler“

Cover von „The Mastaba“ in der arabischen Version

Eine Pyramide für Abu Dhabi

Was eher einer Fata Morgana ähnelt als einem faßbaren Gegenstand soll jetzt in der Wüste Abu Dhabis, am Rande des „Leeren Viertels“, auf der Arabischen Halbinsel Realität werden. Das von dem für seine vergänglichen Werke berühmte Einwickelkünstler Christo und dessen 2009 verstorbene Frau Jeanne-Claude im Jahr 1979 erdachte und skizzierte Großprojekt „The Mastaba“ soll das erste bleibende Großprojekt werden – sozusagen für die Ewigkeit gebaut. Inspiriert wurde die Form von der abgeflachten altägyptischen Grab-Pyramide, einer sogenannten mastaba, die aus Lehmziegeln oder Steinen erbaut wurde. Die Mastaba des 21. Jahrhunderts wird jedoch nicht für einen König, Pharao, Scheich oder Beduinenchef erbaut, sondern sie soll die Grabstätte für eine sich allmählich erschöpfende Ressource der Region, nämlich Rohöl werden. Aus 410 000 alten Ölfässern wird sie ein Mahnmal – oder auch nur eine Kirmesattraktion für neugierige Besucher – in der Wüste darstellen. Gerade diese zwiespältige Interpretation macht es kritischen Begleitern des Projekts schwer, vorbehaltlos seinen künstlerischen Impetus zu begrüßen. Hätte es sich wie bei früheren Projekten – der Verhüllung des Reichstags in Berlin (1995) oder den farbigen Sonnenschirmen in Japan und den USA (1991) – um ein zeitlich begrenztes Event gehandelt, wäre es eine kluge Fußnote zum Ende des Ölzeitalters geworden. So jedoch drängt sich der Gedanke auf, daß hier tatsächlich ein pharaonischer Überlebensgedanke den Künstler und seine aktivistische Gefährtin umgetrieben hat. Mit dem Tod von Jeanne-Claude scheint das Vorhaben in eine noch dringlichere Phase übergegangen zu sein.

Die Projektleitung unter der Führung von Christo hatte Anfang 2011 Machbarkeitsstudien drei von international bekannten Ingenieurshochschulen aus der Schweiz, den USA und Japan angefordert, die eine statische Lösung dieser riesigen Konstruktion erarbeiten sollten. Die „Mastaba“ mit 150 Metern Höhe und 225 x 300 Metern Basis wäre somit die größte jemals gebaute Pyramide, gigantischer als die Pyramide von Gizeh mit ihren 146,60 Metern Höhe und einer Basis von 230,40 x 230,40 Metern.

Was steckt hinter dieser Megalomanie eines Bauwerks für die Ewigkeit? Weder die besondere Konstruktion noch der gewählte Baustoff aus bunt angestrichenen Ölfässern können der Grund für diese Herkules-Tat in der Wüste sein. Und wer soll sich um die Wartung und die aufgrund des Wüstenklimas permanent notwendigen Instandhaltungsarbeiten kümmern? Oder soll hier gar eine weitere umweltzerstörende Müllkippe nur 160 Kilometer von der Stadt Liwa in der fragilen Wüstenökologie inszeniert werden? Und was impliziert für junge Emirati eine altpharaonische Grabstätte inmitten ihrer immer mehr von einem globalen Immobilienboom verbauten Landschaft? Welche kulturellen Anreize soll ihnen dieses fremdartige Implantat bringen?

Der im Herbst 2012 im Taschen-Verlag in Köln erschienene Band „The Mastaba. Project for Abu Dhabi UAE. Christo and Jeanne-Claude“ gibt auf all diese Fragen keine Antworten. Präsentiert werden Vorskizzen und Tuschzeichnungen, Fotos über mehrere Reisen der beiden Initiatoren nach den Vereinigten Arabischen Emiraten von 1979 bis 2012 mit gemeinsamen Freunden, Unterstützern, Sponsoren und vor freundlich staunenden jungen Emirati. Mit einer Miniatur-Mastaba im Wüstensand will eine Art Grundsteinlegung des Projekts demonstriert. Dem Publikum wird neben der englischen eine arabische Version im selben Band geboten.

Ursula Daus

The Mastaba. Project for Abu Dhabi UAE. Christo and Jeanne-Claude, mit Fotographien von Wolfgang Volz. 176 Seiten, 39,99 €. Taschen, Köln 2012

 
Daniel Lezama provoziert.

MEXIKO EXTREM

Der Maler Daniel Lezama wurde 1968 von einem mexikanischen Vater und einer nordamerikanischen Mutter geboren. Sein Vater lehrte ihn von Kindheit an das Malen, und dann studierte er in der Nationalen Kunstschule ENAP in Mexiko-Stadt. Er wurde rasch berühmt, verwirrte sein Publikum durch seine sehr krassen Sujets. Er zeigte Menschen, wie sie selten dargestellt wurden: nackt, verletzt, kreischend, sehr extrem und nahezu unglaubwürdig.

Ein ORIGINELLER WANDERER!

Da drängen sich Indias und Indios bei einem riesengroßen Mariachi-Konzert in der mexikanischen Hauptstadt. Frauen werden gequetscht. Hinter einer Leinwand ist eine Dicke gefesselt, Blinde lutschen ihre Geschlechtsteile, Kinder blasen auf einer Trompete. Auf einem anderen Gemälde steht ein sehr junges Mädchen breitbeinig nackt auf dem glatten Flügel eines Straßenkreuzers: Sex und das Shell-Logo. Eine maskierte Studentin verirrt sich in einem staubigen Kaff, ihr Gesicht ist gepunktet, und eine Karnevalsmütze weist in die staubige Landschaft. Eine nackte Familie hockt vor dem kalten Panorama hoch über der immensen Hauptstadt. Drei Denkmäler auf zerfallenen Podesten sehen aus, als seine sie aus grauem Lehm geformt. Der Titel des Gemäldes lautet absurderweise: „Die drei Grazien aus Sansibar“. Immer wieder: Brüste, Leid, Geschlechtsteile, Fesseln, Leichen, Angst, grinsende Sadisten, blaue Körper, aufgedunsene Leiber. Krasse Farben allüberall. Erinnerungen an die Gewalttaten während der Eroberung Mexikos durch die Spanier, die Stadtwerdung der Riesenagglomeration. Die Faszination des Mordens und der feuerspeienden Vulkane. Die Bücher, die alles erkennen und verstehen wollen. Buntes Begreifen. Blaue Leichenteile. Immer mehr Menschen für Mexikos Arbeitswut, immer mehr Gegenwehr. Rote Nabelschnüre, Schlangen umschlingen eine einsame Mutter. Kinder werden knallrot oder knallgrün bei einer Reise durch Yucatán, mit geschlossenen Augen. Mit dem Messer in der Hand sticht im Haus des Wahrsagers die Fleischköchin zu. Einem weisen bärtigen Mann wird der Kopf abgeschnitten: seine europäische Weisheit hat ihm nichts genützt. Ein lächelndes grünes nacktes Mädchen voller Sternsymbole. Die grüne, rote, tote Schlange, gedoppelt durch Babys im Kaktusbaum. Mexiko-Stadt brennt, über der Feuersbrunst im riesigen Zentrum der Geschichte.

Und dann tritt unwiderruflich doch Ruhe ein, in Daniel Lezamas Abbild einer halbnackten Frau. Sie steht ganz allein auf dem Boden, mit festen Füßen, und sie zeigt unerschüttert ihre Brust. Und aus ihr quillt nicht ein Busen, sondern noch einer, die zehnfache Fülle – ganz gelassen. Versöhnt.

Dieser Bildband ist oft unerträglich grausam – und sehr, sehr human á la Lateinamerika!

Ronald Daus

Daniel Lezama: Travelers, hrsg. von Jürgen Kriegers. 208 S., 112 Farb-Abb. + 11 s/w-Abb. 55 €. jovis art, Berlin 2012

London – nostalgisch

„London“, das ist seit zwei Jahrhunderten: Extremer Stau auf den Straßen, mit Kutschen, Doppeldecker-Verkehrsmitteln, Fußgängern, Geschrei, permanentem Krach, Modernisierung nach all den Feuersbrünsten im engen Inneren der Stadt bis ins 19. Jahrhundert.

Mittendrin der Palastbezirk: die Macht der Leere und des Weggeschlossenen. Die winzige Präsenz der realen Mitte.

Die beginnnende Moderne mit Glasgebäuden: „Crystal Palace!“

Die schmiedeeisernen Eingangstore zu den Docks im East End. Die Tore waren 13 Meter breit, 10 Meter hoch und jeweils über 60 Tonnen schwer.

Die erste U-Bahn der Welt 1861. „Die Bahnhöfe sind buchstäblich unter Werbeplakaten vergraben. Man braucht Hartnäckigkeit und einen scharfen Blick, um die Namen der Bahnhöfe zu entdecken.“

Die magischen Bauwerke: Buckingham Palast; der Uhrturm „Big Ben“; das Zentrum rings um die Kathedrale Saint Paul; die Tower Bridge; „The Tower of London“: ein Gefängnis! Das Britische Museum.

Die elenden Slums: weltweit bekannt!

Die wirbelnde Weltstadt im frühen 20. Jahrhundert; die roten Doppeldecker-Busse; die Rituale der Monarchie; Streiks; Suffragetten: die politische Emanzipation der Frauen; die Siegesfeiern für den Ersten Großen Weltkrieg nach 1918; Verkehrstaus über Verkehrsstaus.

Die Zwischenkriegszeit: Straßenschlachten. Unruhen allüberall. Zweifel. Der Beginn eines bereits Zweiten Weltkriegs. Die Bombardierungen. Schutz vor den Luftangriffen der deutschen Wehrmacht, auch nachts in U-Bahnstationen. Trümmerbilder. Menschenmassen am Trafalgar Square am 8. Mai 1945, „Victory in Europe Day“.

Frieden: „Sonnenhungrige im Hyde Park“, 1949

Die Krönung von Elisabeth II. in der Westminster Abbey 1953.

Die Londoner Hippies wurden von der Boulevardpresse „Blumenkinder“ genannt. „Sex and Drugs“. Die große Fete! Die Beatles. Englische Bands werden weltweit von London aus zu Figuren der Weltgeschichte. In dem Film „A Clockwork Orange“, 1970, von Stanley Kubrick, heißt es: „Es ist eine stinkende Welt, wo Recht, Zucht und Ordnung vermodern! Es ist `ne stinkende Welt, weil junge Kerle auf alten Männern rumtrampeln, wie ihr es tut! Oh, es ist kein Leben mehr für einen alten Mann auf dieser Erde.“ (S. 406)

Neues Geld aus der Alten City spielt mit perfekten Nonsense-Gebilden, so bei dem 2008 vollendeten Hauptsitz des Rückversicherers „Swiss Re“, in 30 St. Mary Axe, welcher faszinierend von den Londonern „Die Gurke“ genannt wurde.

„London – Portrait of a City“ ist eine Hommage an eine Weltstadt, deren Faszination vor allem in ihrem nostalgischen Potenzial liegt. So werden dem 21. Jahrhundert in diesem Band auch nur einige wenige Fotos ganz zum Schluß gewidmet, als müßte man erst einmal abwarten, ob es sich lohnt auch unserer Gegenwart zu huldigen.

Alex Westwood

London – Portrait of a City, hrsg. von Reuel Golden. 552S., zahlreiche Farb-s/w-Abb. 49,99 €. Taschen, Köln 2012

Marilyn Monroe – entblößt

Ein hübsches, nicht einmal wirklich blondes, sondern eher rothaariges Mädchen, das einfach Marilyn Monroe heißen mußte, weil das niedlicher klang, wurde in der Westlichen Hemisphäre im Laufe der 1950er und 1960er Jahre zum Inbegriff des Weiblichen. Sie starb vor jetzt fünf Jahrzehnten und blieb in der Tat unvergeßlich. Brutale Männer und neugierige Intellektuelle umschwärmten sie. Sie erschien unglaublich sinnlich. Ihre platinweiß gefärbten Haare waren das künstliche Markenzeichen einer ganzen Epoche. Unvergleichlich konnte sie stottern, weinen und langweilen. Sie vergaß alles Wichtige, und keiner nahm es übel. Sie nuckelte am Finger und verdiente damit viele Millionen Dollar. Nicht die berühmtesten Regisseure von Hollywood waren der Star, sondern die Umrisse eines Körpers, ihr Lispeln, ihre Launen, ihre Alkoholexzesse und auch andere, zerstörendere Drogen. Sie trug unvergleichlich Perlen und Goldketten an ihrem blassen Leib; sie verbog sich anmutig ungeschickt. Sie säuselte für den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, John F. Kennedy, sehr gekonnte Geburtstagsgrüße. Sie wickelte sich nackt in herrliche Pelzmäntel ein, und sie genoß es wie bei einem Orgasmus. Sie bezirzte jeden Fotographen des Jet-Sets, als habe nur sie sich für ihn in Pose gestellt. Ihre Lippen, die immer leicht geöffnet waren, versprachen massenhaft Allen, potenten Männern und auch impotenten, ein US-amerikanisches Paradies. Und manchmal grinste sie sogar, aber überhaupt nicht böse! Die Quadratur des wahrlich tausendfachen Kreises! Die berühmtesten und seriösesten ihrer Kollegen ließen sich ganz naiv entwaffenen. Sie bezirzte den französischen Schauspieler Yves Montand und den US-Schriftsteller, den sie auch heiratete, Arthur Miller, und die jetsettende Prominenz von Bobby Kennedy als auch seinen älteren Bruder John F., der gerade Präsident der USA war. Norman Mailer schrieb über dergleichen Augenblicke: „Sie tritt mit der ganzen champagnerhaften Spritzigkeit auf und mit der Ausstrahlung ihres Abendkleides, und sie singt, haucht: ‚Happy Birthday, Mr. President‘, diese banale Zeile, so wie sie zuvor nie gesungen worden ist. Die zwanzigtausend Gäste lauschten damals der sexuellen Entladung von Magneten und Samtstoffen…“ Die Fotos zeigen: „Das perfekte Kunstwerk seiner Zeit, der Inbegriff des US-Amerikaners Gelüste!“ – betont künstlerisch, nackt, verhüllend offen.

Tamara Pracel

Marilyn Monroe, Fotos von Bert Stern, mit einem Essay von Norman Mailer,  276 S. zahlreiche Farb- und s/w-Abb. 49,99 €. Taschen, Köln 2012

Kalenderblätter

„365 Day-by-Day-Kalender“ zum Thema „Fashion“ und „New York“. Wer ausreichend Platz auf seinem Schreibtisch findet, der kann sich diese schwergewichtigen, seitenstarken „ewigen“ Agenden anschaffen, mit Lebensdaten der Fotografen und von Modellen aus einem Jahrhundert, mit Bauwerken, Szenen, Schnappschüssen aus den Modemagazinen und von New York aus einer Zeit als der Westen noch führend in Sachen Geschmack, Stil und Ausführung war. Für alle Nostalgiker ein Muß!

red

365 Day-by Day „Fashion Ads of the 20th Century“ und „New York“,  hrsg. von Jim Heimann und Alison A. Nieder, jeweils 736 S., 49,99 €. Taschen, Köln 2012

Rußland – märchenhaft

„Der Schneesturm“ von Vladimir Sorokin ist eine Herausforderung. Soll man diesen Roman, der eher einer Novelle gleicht, als fades Plagiat von Kafkas „Der Landarzt“ oder als eine Hommage an Viktor Pelewins „Buddhas kleiner Finger“ lesen?

Wer sich mit Sorokin aufmacht in einen typischen russischen Schneesturm im zu Ende gehenden Winter, um nach dem Ende des Ölbooms in naher Zukunft in einem Schneemobil von Minipferdchen durch die immensen Weiten dieses fast weg- und steglosen Landes zu reisen, der wird landestypisch mit Erfrierungen, Halluzinationen und toten Kameraden rechnen müssen. Alles was westeuropäische Leser von einem russischen Wintermärchen erwarten, findet sich in diesen ruhigen, geradezu besinnlich dahingleitenden Zeilen: Schnee bis zum unsichtbaren Horizont, unverhoffte Einkehr in eine gewärmte Stube, wo der Samowar leise blubbert, süße und salzige Leckereien, Tee und Wodka, eine wunderbare dickbusige Wirtin für Spontansex, deren betrunkener zwergenhafter Ehemann dieses Idyll weder stört noch bedroht, ein Kutscher, der sich für seinen Kunden opfert und eine Horde von zentralasiatischen Drogendealern, die einem zu wundersamen Erkenntnissen verhelfen. Am Schluß wird der Protagonist, ein Arzt, der seiner Pflicht als Retter eines kleinen Dorfes, das von einem seltsamen lateinamerikanischen Virus heimgesucht wird, nicht nachkommt, auch noch von einer chinesischen Abordnung vor dem Erfrieren gerettet. Wenn Rußlands Zukunft so aussieht, muß man sich nicht sorgen. Selbst dann wenn die Chinesen die Herrschaft über dieses Riesenreich im Norden übernommen haben sollten: den Intellektuellen und Akademikern wollen sie jedenfalls nicht ans Leder.

Ursula Daus

Der Schneesturm, von Vladimir Sorokin. Roman aus dem Russischen. 207 S. 19,99 €. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012

 

KOSMOPOLIS 23/2012 „Impotente Götter“

EDITORIAL

Der Göttervater Zeus als Stier wird von Europas Gespielinnen mit Euros gefüttert. Zeichnung von Dmitrij Chmelnizki, 2012
Der Göttervater Zeus als Stier wird von Europas Gespielinnen mit Euros gefüttert. Zeichnung von Dmitrij Chmelnizki, 2012

„Mit Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“, dichtete Friedrich Schiller in seinem Drama „Die Jungfrau von Orleans“. So spontan dieser Ausruf des englischen Feldherrn Talbot angesichts seiner Niederlage gegen die Truppen der Franzosen unter Anführung dieser Kriegerin war, so spontan kann man derzeit die vollkommene Ohnmacht all unserer einstigen Götter und unserer aktuellen gottähnlichen Ikonen angesichts des irdischen Chaos konstatieren.

Die Ablösung von überirdischem Glanz und Herrlichkeit durch die absolute Paradiessuche im Hier und Jetzt zeitigte den vollständigen Verlust göttlicher Allmacht. Erfolgreich begann die Entmachtung des Pantheons bereits zur Zeit der Antike. Ein alleinseeligmachender Gott setzte sich an seine Stelle, bis auch er im Zeitalter der Aufklärung den allzu menschlichen Ideologien unter dem Banner der Vernunft geopfert wurde.

Mit dem Ende der Ideologienvielfalt und dem Sieg eines eindimensionalen globalen Kapitalismus hat nun wieder – ganz wie einst im Alten Testament – das Geld als Goldenes Kalb den höchsten Altar erklommen. „Wer sich wehrt, lebt verkehrt“, heißt der abgewandelte Revoluzzerspruch der Alt-68iger heute.

Mit dem virtuellen Rüstzeug des weltweiten Netzes scheint dem Einzelnen eine Waffe gegen Ungerechtigkeit und Willkür an die Hand gegeben zu sein – wie der „Arabische Frühling“ 2011 zu belegen glaubte. Kann wieder einmal ein unsichtbarer Ersatzgott die Ohnmacht seiner Vorläufer in ein potentes Machtzentrum verwandeln? Unsere Autorinnen und Autoren gehen in ihren Beiträgen dem Verlust der Allmacht der Götter über die Jahrtausende nach –  von Afghanistan bis in die Ukraine, von Brasilien bis zum krisengeschüttelten Griechenland des 21. Jahrhunderts, das ausgerechnet von diesen einst mächtigen Göttern gänzlich der Willkür virtueller Kräfte überlassen wird.

red

INHALT

Impotente Götter oder Die Allmacht im Netz

Das Ende der Schamanenmacht im Amazonas?

Töte nicht deine Familie! Volkserziehung in Afghanistan

Kretische Impressionen oder die Rettung Europas?

Im Schatten der Götter. Ukrainische Notizen zur EURO 2012

Selbstverliebtes Paris

in Berlin und anderswo:
Asien in Berlin * „Über Lebenskunst“ in Berlin, Neu-Delhi,
St. Petersburg, Nairobi und São Paulo * Neureich in Aambly
Valley City, Indien * „Entschleunigung“ in Wolfsburg *
Matisse in Paris

Neue Bücher – auch zum Fußball der EURO 2012 in der Ukraine:

Neuerscheinungen 2011/2012 unserer Verlagspartner: Taschen, Köln, Hatje, Ostfildern, Kehrer, Heidelberg, Dörlemann, Berlin, DOM, Freiburg, Nelles, München, mare, Hamburg, Unionsverlag, Zürich, Suhrkamp, Berlin, Kiepenheuer & Witsch, Köln, Piper, München, Nautilus, Hamburg

„Entschleunigung“ im Kunstmuseum Wolfsburg

Welch gewagtes Ansinnen mag dahinter stecken, wenn das Kunstmuseum Wolfsburg, dessen Hauptsponsor der derzeitige „Weltmeister der Beschleunigung“ Volkswagen ist, eine Ausstellung präsentiert, die sich dem zeitgeistigen Thema der „Entschleunigung“ widmet? Oder wollte der Direktor Markus Brüderlin sich unter dem politisch-korrekten Deckmäntelchen auch einmal sein Museum mit großen Werken der Moderne des 20. Jahrhunderts schmücken?

Die bis April 2012 laufende Ausstellung in der Autostadt Wolfsburg wird begleitet von Vorträgen, Gesprächen und Colloquien. Man scheut keine Mühen und lädt selbst in die Hauptstadt ein. In der Akademie der Künste am Pariser Platz traf sich Mitte Januar politische Alt-Prominenz mit gesamtdeutschen Wissenschaftlern.

Nach Durchsicht des Katalogs scheint das Thema „Entschleunigung“ Kunstexperten, Journalisten und Wissenschaftler weitaus mehr zu geistiger Beschleunigung anzuregen als die eigentlichen Adressaten, die zeitgenössischen Künstler.

Das in der „posthumanen  Zeit“ (Hartmut Böhme, Kulturtheoretiker) lebende Individuum nähere sich unabwendbar dem Untergang, wenn nicht…! Ja, wenn nicht endlich die „Ökologie der Zeit“ (Fritz Reheis, Wirtschaftswissenschaftler) uns aus dem „Turboprinzip“ befreit. Andere wie Stefan Klein (Biophysiker) sprechen sogar vom „Tsunami der Reize“ (vor der Tsunami-Katastrophe in Japan im März 2011!), der unsere Hirne der „Droge Geschwindigkeit“ unterwerfe.

Eine nicht repräsentative Umfrage zum Thema unter Freunden und Gönnern des Kunstmuseums ergab dann in etwa die Antworten, die man vom kreativen Segment der postindustriellen deutschen Gesellschaft erwarten konnte. Stellvertretend soll hier die Antwort des Hauptsponsors zitiert werden. Prof. Dr. Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender des VW Konzerns erwiderte auf die „Entschleunigungsfrage“: „…bewusst und verantwortungsvoll mit wirtschaftlichem Wachstum umgehen. Und mit trotz hohem Arbeitstempo genug Freiraum zum Nachdenken zu schaffen, um auch langfristig die richtigen Prioritäten zu setzen.“ (S. 43) Damit die Botschaft des VW-Vertreters auch wirklich nachhaltig bleibt, gibt es für alle, die diese Neuausrichtung noch nicht kennen auf S. 51 des Katalogs die offizielle Werbekampagne für den „EOS. Das Auszeitauto“ als „Kunstobjekt“. So werden Synergien genutzt. Den „Freiraum zum Nachdenken“ bietet das Kunstmuseum Wolfsburg als „Ort der Entschleunigung“ (Markus Brüderlin, S. 11) auch all denjenigen, die nicht auf einen VW umsteigen wollen.

Auf neunzig Prozent der Ausstellungsfläche hängen und stehen die Kunstwerke aus der Vorgeschichte der „Turbobeschleunigung“ des 21. Jahrhunderts. Das Gegensatzpaar Be- und Ent-schleunigung setzt hier also mit der „Aufklärung und Romantik“ ein, volkstümlich ausgedrückt: „Mit Goethe ins Dampfmaschinenzeitalter“. Die „Klassische Moderne“ gibt sich in der Ausstellung als Platzhirsch. Rodin, de Chirico, Duchamps, Rodko, Mondrian, Malewitsch, Man Ray, Calder, Richter, etc.etc. Bis zum „Rasenden Stillstand“ in den 1960er Jahren ist es dann nicht mehr weit. Das Namedropping endet auch hier nicht: Andy Warhol, Nam June Paik, Bill Viola, John Cage, Joseph Beuys (hier als Handy-Vorbote mit seinem Lehmtelefon und seinen Konservendosen-Sprechapparaten). Panamarenkos hängende und nicht fliegende, also total entschleunigte, Flugkörper geben dann doch noch ein gutes Bild ab.

Die Zeitgenossen tauchen erst ganz zum Schluß auf nur 20 Seiten und mit nur wenigen „Kunstwerken“ auf. Video-Installationen von Nam Jun Paik, Grossfotografien von stehendem Verkehr auf US-amerikanischen Autobahnen oder von einem Tsunami erfassten Autos und Flugzeuge deuten das Thema an: „Aktien auf die Apokalypse – Perlen vor die Säue“. Börsenkritik von Künstlerhand und Geldsucht bei chinesischen Neureichen (Ai Weiweis „Bowl of Pearls“, 2006: statt Reis füllen Süsswasserperlen die eisernen Reisschalen) führen am Ende den Untergang der Welt herbei.

Kurz vor Schluß gibt es noch ein Grossfoto von Balthasar Burkhard (ohne Jahr!) zu dem ausufernden Menschenwachstum in Mexiko-Stadt. Doch statt chaotischem Zerfall aufgrund der nicht mehr zu bewältigenden Massen reihen sich nicht gezählte Quadras (Viertel) ordentlich in das einst von den spanischen Kolonisatoren importierte Rastersystem ein – bis zu den Füßen der Vulkankegel [s. dazu auch: Daus, R., Neue Stadtbilder – Neue Gefühle. Bd.1: Europäische Stadtanlagen als Weltmodell, Babylon Metropolis Studies, Opitz Verlag, Berlin 2011].

Es wird anscheinend viel über „Entschleunigung“ kommuniziert (siehe Literaturliste im Katalog), jedoch wenig Künstlerisches präsentiert, was wohl einer dem digitalen und virtuellen Zeitalter inhärenten Logik entspricht. Denn im Moment seiner Entstehung löst sich das Kunstwerk eigentlich schon wieder auf. Es erfährt damit – am Höhepunkt seiner Beschleunigung – seine totale Entschleunigung  – und verschwindet!

Tamara Pracel

Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei, Katalog zur Ausstellung hrsg. von Markus Brüderlin, mit wissenschaftlichen Beiträgen. 260 S., zahlr. Abb. 49,80 €. Kunstmuseum Wolfsburg/Hatje Cantz, Ostfildern 2011.

Asien am Wasser

Wasser in der Stadt

Anläßlich der Asien-Pazifik-Wochen 2011 versuchten in der Aedes East Galerie, Berlin, zwei Ausstellungen – „Water – Curse or Blessing“ und „Singapore – City of Gardens and Waters“ – dem zeitgeistigen Thema des angeblich apokalyptisch ansteigenden Meeresspiegels eine konstruktive Note abzugewinnen. Projekte aus zahlreichen asiatischen Nationen – Indien, Thailand, Indonesien, Bangladesch, China, Singapur, Korea – sollten den eher melancholisch in die Zukunft blickenden Europäern ein wenig Optimismus vermitteln.

Erlaubt war in der Ausstellung, was den Urbanisten und Architekten zum Thema in den Sinn kam: Realisiertes, Projektiertes, Phantasiertes und satirische Überhöhtes. Mit dieser offenen Heranehensweise konnten sich auch Büros, die nicht aus der Region stammten, also Holländer, Deutsche, u.a.m., an dem beeindruckenden Überblick über das Bauen am und im Wasser beteiligen.

Die Ausstellungsmacher unter der Ägide der kenntnisreichen und engagierten Kuratorin Ulla Giesler scheuten keine Mühe, Naheliegendes und Abwegiges in einer leicht verständlichen Ausstellungssprache aus Plänen, Modellen und Videos homogen zu präsentieren. So erscheint zum Beispiel die auf Stahlstelzen entwickelte „Wetropolis“ Bangkok geradezu die natürliche Antwort auf die alljährlich zunehmenden Monsunfluten für die Millionen-Metropole. Oder das Leben auf leichten Holzplattformen in Zelten mitten im Ganges-Delta wirkt so selbstverständlich wie situationsgemäß.

Ganz anders nimmt sich die Herangehensweise des Büros WOHA aus Singapur aus. Die preisgekrönten Hochhausbauer haben der Stadt in ihrer satirischen Ausgabe „Strange Times“ (Seltsame Zeiten), eine Verballhornung der Tageszeitung „Straits Times“, eine Zukunftsgestaltung verpasst, die gegen jeden Comment des autoritär geführten Stadtstaates verstößt. Mit ihrem Projekt, die gesamte Insel mit einem Festungsring zu umgeben, der nur von einem megalomanen Willkommenstor à la Atlantis unterbrochen wird, soll der Größenwahn, der die Regierenden erfaßt hat, aufs Korn genommen werden. Um die böse Ironie zu kaschieren, haben die Archiekten in den Mauerring ein regulierbares Gezeitenkraftwerk eingebaut, das diese „Insel der Glückseligen“ mit Energie versorgen wird. Und glückselig sind auch die zukünftigen Bewohner dargestellt: Nacktbadende an künstlichen Stränden – für Singaporeaner eine Undenkbarkeit, Kinder, die nur spielen, Jugendliche, die ausgiebig Zeit für Club-Besuche in ausgeflippter Kleidung haben, verbunden mit in Singapur ungekannter Freiheit der Meinungsäußerung von Rock-Gruppen, Literaten und Künstler. All das vereinigt der Lebensentwurf 2050 in „Strange Times“, dann wenn die Katastrophe eines Meeresanstiegs vielleicht zum endgültigen Aus für den derzeit extrem erfolgreichen Finanz- und Dienstleistungsplatz Singapur führen kann.

Wer sich in der Ausstellung die Zeit nimmt, die zahlreichen Anregungsfäden zu verknüpfen, kommt zu einem völlig veränderten Gewebe, das die Zukunft den immer zahlreicher werdenden Bewohnern dieser Erde bieten wird. Im November 2011 wurde die Sieben-Milliarden-Grenze geknackt. Und der Großteil lebt in Asien entlang seiner Zehntausenden von Küstenkilometern!

Ursula Daus

„Water – Curse or Blessing“ & „Singapore – City of Gardens and Water“. Katalog in der Ausstellung: 10 €. Mehr dazu unter http://www.aedes-arc.de

Ohne Utopien

Im August 2011 organisierte das Haus der Kulturen der Welt in Berlin ein ambitioniertes multimediales Projekt: „Konferenz über Lebenskunst“ war sein Titel. Zeitgleich traten in St. Petersburg, Neu-Delhi, Nairobi, São Paulo und Berlin „Aktivisten, Künstler und Pragmatiker“ in einen virtuellen Dialog. Man konnte an riesigen Leinwänden und realen Diskussionen, Performances und Werkstattgespräche miterleben. Die Liste der Teilnehmer erschien so endlos wie die angesprochenen Themen. Natürlich könnte zu diesen wahrhaft jeden Erdbewohner in den nächsten Jahrzehnten betreffenden Sujets JEDER etwas beitragen, wie z.B. „Über Energie und das Leben“ oder „Über post-fossiles Konsumieren“ (wenn dann überhaupt noch konsumiert werden wird) oder „Über Megacities“ oder „Über den Wohlstand, der ohne Wachstum wächst“ oder „Über die Rolle des Einzelnen“ oder „Was macht uns glücklich“….

Als Ergebnis erschien kurz nach der Konferenz flugs ein Bändchen im Suhrkamp Verlag, in dem einige der Teilnehmer ältere oder auch adhoc verfasste Beiträge publizierten. „Über Lebenskunst. Utopien nach der Krise“ ist – wie alle Sammelbände – ein zwiespältiges Projekt. Allein schon der Titel ließ sich kaum als „Lebenkunst“, sondern zu 99% als „Überlebenskraft“ interpretieren – nolens volens. Thematisch wurden die Autoren zusammengezwungen unter so launische Überschriften wie „Alle Mann in die Rettungsboote!“ oder „Nord-Süd? Eine Übung in Hoffnung?“. Aber auch Apodiktisches schien notwendig: „Überleben und Sterben“, wo der chinesische Dissident Liao Yiwu viel über das Sterben und wenig über die Hoffnung, menschenwürdig in China zu überleben schrieb.

Überhaupt hatte man nach der Lektüre wenig Hoffnung für die Menschheit. Selbst der ironisch-lakonische Text des Isländers Sjon „Alda, die Welle – eine Übung in Hoffnung“ erzählt auch nur vom Elend des Ertrinkens und der meist unerfüllten Hoffnung der an Land zurückgebliebenen, dass die Vermissten doch noch auftauchen. Immerhin hat er die Schlußpointe einer Spendenaktion für die Suche nach den seit 60 Jahren verschollenen so eingearbeitet, daß die ganze Absurdität des Ansinnens einer Hoffnung deutlich zutagetritt.

Hoffnung machten weder die Diskussionen noch die Gedanken der befragten Autoren. Vernetzen allein reicht nicht – es braucht neben Idealen und Hoffnung auch den faktischen Willen, etwas zu ändern. Und der scheint momentan nirgendwo ein Zeichen zu setzen.

Corinna Rohloff

Über Lebenskunst. Utopien nach der Krise, hg. von Katharina Narbutovic und Susanne Stemmler, Begleitbuch zur Konferenz im Haus der Kulturen der Welt, August 2011. 389 S., 11,95 €, Suhrkamp, Berlin 2011