Inszenierte Gesänge der bezaubernden Walés aus dem Kongo

„Walé Bontongus Teich“. Bontongu stammt aus dem Dorf Ikoko und gehört zum Itele-Clan.
Foto © Patrick Willocq. Aus:„Songs of the Walés“, 2017

Tief im Dschungel des Kongos leben die Pygmäen-Stämme der Ekonda und Ntombas. Gemäß ihrer Tradition muß eine junge Mutter nach der Geburt ihres ersten Kindes in das Haus ihrer Eltern zurückkehren, dort über Jahre im Verborgenen leben und strengen traditionellen Regeln folgen. Da das Erstgeborene immer das zukünftige Familienoberhaupt darstellt, muß es vor allen möglichen Gefahren geschützt werden und unter den bestmöglichen Bedingungen seine ersten Lebensjahre verbringen. Oberstes Gebot ist jedoch, die Vermeidung jeglichen Geschlechtsverkehrs, sei es mit dem Vater oder mit anderen Männern. Denn nach der Überzeugung dieser Pygmäen verdirbt Sperma die Muttermilch.

Walés sind angehalten, sich nur um ihr Baby und ihren eigenen Körper zu kümmern. Kleidung, Schminke und Frisuren werden tagtäglich sorgfältig neu in Szene gesetzt.

Die größte Herausforderung für die Clans ist jedoch die Abschlußzeremonie, wenn die Walés ihr Versteck verlassen dürfen und wieder in die Gemeinschaft zurückkehren. Diese Zeremonie ist nicht nur von Äußerlichkeiten bestimmt, sondern beinhaltet auch Gesänge und Tänze, die die Walés in ihrer Abgeschiedenheit komponieren und choreographieren.

Hier setzt die Arbeit des französischen Fotografen Patrick Willcoq an. Gemeinsam mit einem Ethno-Musikologen, einem Künstler und vielen Handwerkern der Pygmäen-Clans inszenierten sie „surreale Szenerien“ mitten im Urwald, die sich an den Gesängen einiger Walés inspirierten. Unübertroffen ist hierbei der kreative Umgang mit den Naturmaterialien, die der Wald liefert und die die Menschen dieses Landstrichs seit Urzeiten sich zu nutze machen und verfeinern.

In der Installation von Bontongu, einer 19jährigen Mutter, die drei Jahre in Abgeschiedenheit lebte, steht ein kleiner Lilienteich im Zentrum ihres Zeremonienliedes: „Ich bin wie ein Teich im Wald/wie Fischhaut, die sich nicht abschuppt/wie ein Tier, das man nicht sehen kann/und ich bewege mich wie ein Fisch im Wasser.“

Andere Walés wählten Beigaben der westlichen Moderne für ihre Installation, wie Fahrräder oder Flugzeuge, so die Walé Asongwaka, genannt „die Schöne“, vom Dorf Bioko des Ilonga-Clans. Asongwaka besteigt für die Installation mutig ein aus Schilfruten und Palmwedeln geflochtenes Flugzeug, das an Seilen zwischen zwei Bäumen baumelt. Um sie her flattern Modellflugzeuge vor einer blaugestrichenen Flechtwand.

Am Beginn und am Ende des Bandes stehen Einblicke in das Habitat dieser Pygmäen-Stämme: grüner Dschungel, der nur von schmalen roten Pfaden durchzogen wird. Und dennoch sieht man bereits das Werk der zivilisatorischen Maschinerie, wenn der Weg von Radspuren verbreitert ist oder gesäuberte Böschungen die Durchfahrt erleichtern.

Die Fotografien des Bandes entstammen den Serien „I Am Walé Respect Me“ (2013), „Forever Walé“ (2014) und „The Untouchables“ (2014). Die Tradition der Walés scheint mit dieser hier abgebildeten Generation junger Frauen an ihre Ende gekommen zu sein. Ursula Daus

Songs of the Walés, Fotos von Patrick Willocq, Texte von Martin Boilo Mbula, Laurence Butet-Roch, Alain Mingam, Azu Nwagbogu. 208 S., 178 Farbabb., 39,90 €. Kehrer, Heidelberg 2017

 

ANSICHTEN DES LEBENS

Das in 29 Kapiteln verfaßte „Logbuch des Lebens“ von John Steinbeck kann nach mehr als einem halben Jahrhundert als Neuübersetzung in einer klassisch gebundenen Ausgabe aus dem „mare Verlag“ wieder goutiert werden.

Ein Lesevergnügen ist dieses Reisetagebuch vom 12. März bis 13. April 1940 entlang der Küste Baja Californias allemal. Der vorliegende Text basiert auf der 2. Ausgabe mit dem Titel „The Log from the Sea of Cortez“ von 1951, die um einige wissenschaftliche Anmerkungen der Erstausgabe von 1941 gekürzt wurde. Sie brachte den gewünschten Verkaufserfolg gegenüber dem breiten Publikum.

Die Halbinsel „Baja California“, hier mit Niederkalifornien übersetzt, erhielt bei den spanischen Conquistadoren ihren Namen als Gegenstück zum „Alta California“, dem heutigen US-Bundesstaat Kalifornien.

John Steinbeck machte sich in Begleitung seines wissenschaftlich geschulten Freundes und Meeresbiologen Ed Rickett plus einer mehrköpfigen Crew im Frühjahr 1940 mit einem Fischkutter auf die Reise, um die bis zu diesem Zeitpunkt wenig erforschte Fauna der Küstengewässer des Golfs näher in Augenschein zu nehmen. Sie wollten kleine Meereslebewesen sammeln und präparieren, um sie später zuhause zu ordnen und zu analysieren. Irgendwie, so schreibt der Autor, war diese Reise auch eine Flucht aus der bedrohlichen Realität des 2. Weltkriegs, in den die USA hineingezogen worden waren.

Ihre Forscherarbeit hatte nach eigenen Aussagen nur wenig mit exakten Wissenschaftsmethoden anderer Expeditionen gemein. Und genau diese Lücke zwischen fröhlichem Dilettantismus und wissenschaftlicher Pedanterie wollte John Steinbeck mit seinem Logbuch füllen. Die Teilnehmer waren zwar ambitioniert, begeistert, zeigten Durchhaltevermögen auch in widrigen Situationen, genossen aber die sich bietende Freiheit dieser ungewöhnlichen Beschäftigung in wilder Natur in vollen Zügen. Trotz aller Widerstände kehrten sie mit Hunderten gefüllten Glasröhrchen vollter Küstenbewohner des Litoral von Niederkalifornien zu ihrem Heimathafen Monterrey zurück.

Ausführlich beschrieb Steinbeck das Küstenrelief, die kleinen armseligen Hafenorte entlang der südlichen Ufer sowie die zunehmend menschenleeren Küstenstriche im Golf selbst. Philosophische Nachtgedanken zum Ursprung des Lebens sowie über den kargen, aber wohl zufriedenen Alltag der wenigen Indianer, die man antraf, füllten die Zeit zwischen den Sammelausflügen. Steinbeck urteilte nur aus der distanzierten Perspektive, von einem Boot aus, das sehr selten einen direkten Kontakt mit dem Land, den Menschen und ihrem Habitat aufnahm.

Seine Kenntnisse über diese Region bezog er aus den schriftlichen Zeugnisse der mehr als 400jährigen Präsenz der Spanier. Referenzpublikation war für ihn das 1789 erschienene Werk des Jesuiten F. X. Clavijero. Aus mexikanischer Feder erschien erst 1951, also zum Zeitpunkt der 2. Auflage von Steinbecks Logbuch, ein umfassender Reiseessay zu Baja California. Der Schriftsteller Fernando Jordán gab ihm den Titel „El Otro México“, Das andere Mexiko, und zementierte damit diesen kalifornischen Appendix bis Ende des 20. Jahrhunderts zu einem Fremdkörper der mexikanischen Nation.

Die gefährlichen Küstengewässer, durch die Steinbecks Tour führte, galten seit ihrer Rekognoszierung durch die Spanier im 16. Jahrhundert bis Anfang des 21. Jahrhunderts als eher zu meidendes Terrain. (s. dazu auch: R&U Daus, „Die Spanier im Pazifik – Reloaded. 1520-2015“, Berlin 2013) Sie präferierten deswegen die Landroute entlang des mühsam angelegten „Camino Real“, Jahrhunderte später, in den 1970er Jahren, die Grundlage einer asphaltierten Autostraße von der US-amerikanischen Grenze bis zur Bucht von San Lucas bildete. Anfangs fuhren zivilisationsflüchtige Aussteiger mit Steinbecks Logbuch im Gepäck über diesen 1300 Kilometer langen gewundenen Weg Richtung Süden. Später folgte ihnen der Massentourismus. Der von Steinbeck als „traurigster Fischerort“ beschriebene Küstenflecken Cabo San Lucas mauserte sich in den darauffolgenden Jahrzehnten zu der Luxusdestination „Los Cabos“.

Auch im 21. Jahrhundert gilt Steinbecks „Logbuch des Lebens“ der US-amerikanischen Öko-Gemeinde als eine Art „Bibel der Ökologie“. Es überzeugten seine konkreten Einlassungen zur Beschäftigung mit dem fragilen Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur. „Unsere Gastgeber waren so freundlich zu uns wie es nur Mexikaner sein können. Außerdem zeigten sie uns die besten Jagdmethoden. Wir werden keine anderen mehr anwenden, obwohl wir anmerken müssen, daß wir sie etwas verbesserten. Wir verzichteten vollständig auf die Mitnahme eines Gewehrs, sodaß wir in keinem Fall eine Jagdtrophäe in Form eines getöten Tieres vorweisen konnten… Statt des Kopfes eines Borrego cimarrón, Großhornbergschafes, befestigten wir auf einem Holzbrett die erbeuteten Schafsköttel. Wo andere sagten: ‚Hier lebte ein Tier, aber weil ich mächtiger bin als dieses Tier, ist es jetzt tot‘, konstatierten wir, ‚hier lebte ein Tier und so weit wir wissen, lebt es hier immer noch – und das ist der Beweis, daß es gesund und munter war, als wir ihm das letzte Mal begegneten.“ (S. 188)

Aber Steinbeck beließ es nicht bei diesen konkreten Einlassungen. Er ordnete das Erfahrene in seine Universalansicht zur Zivilisation des 20. Jahrhunderts ein und sprach eine Warnung aus. „In den Vereinigten Staaten haben wir unsere Ressourcen so gründlich zerstört, unser Holz, unser Land, unsere Fische, dass wir als abschreckendes Beispiel herhalten können. Jede Regierung und jedes Land, dessen Bürger so aufgeklärt sind, dass sie mit der Idee nachhaltigen Wirtschaftens etwas anfangen können, sollte unsere Methoden vermeiden.“ (S. 275)

Seinem Freund und Reisegefährten Ed Rickett, der kurz nach diesem gemeinsamen Abenteuer verstarb, widmete er einen langen Nachruf am Ende des Bandes.

Steinbecks „Logbuch des Lebens“ aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts beschenkt auch heutige Zeitgenossen mit einem extravagantes Lesevergnügen über eine unorthodoxe Forschungsreise zu einer einst lebensprallen, fast menschenleeren Küste. Ronald Daus

Logbuch des Lebens, von John Steinbeck. Neuübersetzung von Hennig Ahrens. Gebundene Ausgabe im Schuber. 365 S. 32 €. mare, Hamburg 2017

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„1406“ – Christian Tagliavini bei „Camera Work“ in Berlin

„Tolemaide“, 2017. © Christian Tagliavini / Courtesy of CAMERA WORK.

Welch‘ eine Hingabe des Fotokünstlers Christian Tagliavini (*1971) an sein Sujet bei der Vorbereitung und Vollendung seiner Serie „1406“! In grandiosen Porträts läßt er die „Würde, Grazilität, Anmut und Kraft“ der Frührenaissance wieder aufleben. In einer Referenz an den florentinischen Maler Filippo Lippi (1406-1469) nimmt er dessen Geburtsjahr als Titel seiner Fotoserie.

Die prächtigen Kleider und Accessoires der Renaissance erschuf er sämtliche selbst sowie die Ausstattung und Kunstobjekte, die einst auch die Gemälde dieser  Epoche füllten. Mehr als zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen für dieses ausgefallene Serienwerk. Christian Tagliavini ist jedoch kein Neuling in dieser Sparte. Mit „1503“ (2010), deren Fotografien ebenfalls der Epoche der Rennaissance gewidmet waren, sowie „Carte“ (2012) und „Voyages Extraordinaires“ (2015) hatte er sich unter Liebhabern bereits einen Namen gemacht.

Seine Fotoporträts ähneln nicht nur frappant den gemalten Vorbildern. Sie tragen auch Funktionsnamen, die sich an dieser umwälzenden Zeit orientieren wie „La Moglie dell Orefice“, Die Frau des Goldschmieds, oder „Alchimiade“, die Alchimistin, oder „Tolemaide“, die Ptolemäerin.

Bei „Camera Work“ gehört das gesamte Erdgeschoss den Großfotografien von „1406“. Im Obergeschoss finden sich Beispiele aus den vorangegangenen Serien des Künstlers.

Im Fabruar 2018 erscheint im teNeues Verlag das Fotobuch „Christian Tagliavini“, das bei der Finissage in Berlin am 24. Februar von dem Künstler persönlich signiert wird. Ab 9. März 2018 sind die Werke von Tagliavini in einer Retrospektive im „Museum Fotografiska“ in Stockholm zu sehen.                                                                                   red

„Christian Tagliavini. 1406“, in Berlin bis 24.02.2018. http://www.camerawork.de

Neuerscheinungen bei BABYLON Metropolis Studies und in anderen Verlagen 2017/2018

Ronald und Ursula DAUS

DURBAN – ESSAY ÜBER DIE KARRIERE EINER WELTSTADT

Durban - Coverblog

Die Monographie „Durban – Essay über eine Weltstadt im toten Winkel“ erscheint zum 30jährigen Jubiläum der ersten Stadtmonographie unseres Verlages im Jahr 1987: „Manila – Essay über die Karriere einer Weltstadt“ von Ronald Daus. Ihr sollten zwischen 1987 und 2017 in der Reihe „Großstädte Außereuropas“ weitere siebzehn Bände folgen.

Die Studie zeigt an exemplarischen Stationen den Werdegang der Stadt von ihren Anfängen am Rio de Natal – angeblich am Weihnachtstag 1497 so benannt von dem portugiesischen Seefahrer Vasco da Gama auf seinem Weg nach Indien – über ihre britische Ära im 19. Jahrhundert, in welchem sie ihres Namens Port Natal verlustig ging und in D‘Urban/Durban umbenannt wurde, bis zur aktuellen Megametropole eThekwini Metropolitan Area, ihrer Bezeichnung in der Sprache der Zulu. Seefahrer, Reisende, Literaten, Künstler und Wissenschaftler erzählen von diesem Werdegang, ihrer sich ständig ändernden Gestalt in Architektur und Design, dem über Jahrhunderte gewachsenen Lebensstil zwischen stammesmäßig organisierten Zulus, konservativen Buren, imperialen Briten, zwangsrekrutierten indischen Zuwanderen, Abenteurern, Kolonialkriegs- und Bürgerkriegsflüchtlingen, Apartheidsgegnern und sonnenhungrigen Tourismusscharen.

Berühmte Einheimische prägten ihre Geschichte, wie etwa Nelson Mandela, der in der Nähe von Durban nach dem Besuch einer verbotenen Anti-Apartheid-Versammlung im Haus der indischen Apartheidsgegnerin Fatima Meer im Jahr 1962 von der Geheimpolizei verhaftet wurde. Fremde, die per Zufall mit ihr in Berührung kamen, wie der US-amerikanische Humorist Mark Twain, der indische Anwalt und Widerstandskämpfer Mahatma Gandhi oder der portugiesische Dichter Fernando Pessoa, hinterließen ihre Spuren.

Das Durban des 21. Jahrhunderts versucht den aufreibenden Spagat zwischen der Rettung einer europäischen Stadtgründung des 19. Jahrhundert und ihrer Fortentwicklung zu einer Megametropole im 21. Jahrhundert mit den Bedürfnissen einer multiethnischen Gesellschaft in Einklang zu bringen. Deren schwarze Mehrheit fühlt sich noch immer in großem Maße von den Wohltaten dieser Entwicklung ausgeschlossen. Darüberhinaus möchte die geschätzt 3,5 bis 4 Millionen Einwohner zählende Hafenstadt am Indischen Ozean endlich im großen Orchester der global agierenden Weltstädte gleichberechtigt und anerkannt mitspielen.

Aus dem Inhalt: 

  • Zum Begriff der Weltstadt
  • Durban – ein „Weltstadt“-Sonderfall von der Gründung bis zur Gegenwart  
  • Die Bewohner und ihr Habitat  
  • Literarische Stadttouren und künstlerische Reflexionen  
  • Kunst-Sinn und Design-Gefühl einer multiethnischen Metropole  
  •  Eine „Weltstadt im toten Winkel“ sucht die globale Herausforderung  
  • Selbstvergewisserung: „Durban – ein Paradies“?

Über die Autoren: 

Ronald Daus (*1943), Seit 1970 Universitätsprofessor für Romanistik an der Freien Universität Berlin und Metropolenforscher. Er unternahm zahlreiche Forschungsreisen durch alle Kontinente und lehrte als Gastprofessor u.a. in Mexiko-Stadt, Singapur, Manila, Guam und Tahiti. Buchpublikationen u.a.: „Zorniges Lateinamerika – Selbstdarstellung eines Kontinents“ (1973); „Die Erfindung des Kolonialismus. Die Portugiesen in Asien“ (1983); „Manila – Essay über die Karriere einer Weltstadt“ (1987); „Großstädte Außereuropas“ (Bd. 1-3, 1990-1997); „Kolonialismus extrem. Geschichten vom Roten Meer – Bilder vom Pazifik“ (1998); „Strandkultur statt Stadtkultur. Die Metropolen des Mittelmeers zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ (2000); „Banlieue – Freiräume in europäischen und außereuropäischen Großstädten“ (Bd. 1-2, 2002-2003); „La Guajira. Wie ein wildes Land erzählt wird“ (2006); „Weltstädte“ (Bd. 1-3, 2006-2008); „Neue Stadtbilder – Neue Gefühle“ (Bd. 1-3, 2010-2012); „Die Spanier im Pazifik – Reloaded. 1520-2015“ (mit Ursula Daus, 2013); „Die Erfindung des Kolonialismus – Revisited“ (2014).

Ursula Daus (*1953), Dipl.-Soziologin und Architekturkritikerin. Von 1980 bis 1990 Redakteurin von „DAIDALOS – Architektur Kunst Kultur“, Bertelsmann, Berlin. Seit 1997 Chefredakteurin von „KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin“, Opitz Verlag, Berlin. Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, u.a. „DAIDALOS – Architektur Kunst Kultur“, Berlin; „Bauwelt“, Berlin; „Baumeister“, München; „Lettre International“, Berlin/Madrid; „Kyoto Journal“, Kyoto; „mare – Zeitschrift der Meere“, Hamburg. . Buchpublikationen u.a.: „Neues aus der Fließenden Welt. Japanische Ästhetik zum Ende des 20. Jahrhunderts“ (1998); „Ein trügerisches Idyll. Vom Lebensstil am Kap der Guten Hoffnung“ (2000); „Am Äquator. Tagebuch einer Forschungsreise durch Zentralafrika“ (2002); „Sehnsucht nach der Moderne. Tropisches Art Déco 1925-1950“ (2004); „Die modernen Barbaren im Westen Chinas“ (2007, 2. Auflage 2010); „Die Völker Polynesiens im 21. Jahrhundert“ (2010); „Die Erfindung paradiesischer Inseln. Der Indische Ozean im 21. Jahrhundert“ (2012); „Die Spanier im Pazifik – Reloaded. 1520-2015“ (mit Ronald Daus, 2013); „Neo-Eklektizismus. Auf der Suche nach einer Ästhetik für das 21. Jahrhundert“ (2015).

190 S., 64 Abb., Bibliographie.  ISBN 978-3-925529-34-4  37 €.

BABYLON Metropolis Studies. URSULA OPITZ VERLAG, Berlin 12/2017  

 

PARIS MEGALOMAN

Mit „Grand Paris Express“ möchte die französische Hauptstadt bis 2030 das größte städtebauliche Projekt Europas realisieren: 200 Kilometer neue vollautomatisierte Metro-Linien mit 68 „futuristischen“ Stationen, die sich reibungsfrei in das bestehende Netz aus RER, U-Bahn, und Buslinien einfügen. Diese urbane Transformation soll sowohl von architektonischen Leuchttürmen als auch von künstlerischen und kulturellen Projekten begleitet werden.

Passgenau zu dieser vollmundigen Ankündigung der „Société du Grand Paris“ im Frühjahr 2017 erschien im Rotpunktverlag die Studie von Günter Liehr „Grand Paris. Eine Stadt sprengt ihre Grenzen“. „12 urbane Exkursionen“ sollen auch Nicht-Kenner von Paris in die historische und aktuelle Stadttextur einführen, auf denen dann die Einschätzungen der Neuplanungen sowohl aus Sicht einiger kritischer Pariser als auch aus der Warte des Autors diskutiert werden.

Im vorletzten Kapitel folgt das Abschmettern all dieser als megaloman empfundenen städtebaulichen Veränderungen unter der Überschrift: „Propaganda und Proteste“ und den Unterkapiteln: „Gigantische Perspektiven“ und „Dubai ante Portas“.

Das letzte Kapital stellt immerhin die Frage: „Besseres Leben für alle?“ Die mit dem Stadtumbau eingeleitete Dynamik soll die sozialen Ungleichgewichte zwischen dem etablierten Paris und seiner bis heute abgehängten Banlieue ausgleichen. Doch die Unterkapitel „Gentrifizierung der Banlieue“ und „Verspätungstrauma“ zeigen auch hier die zukünftigen Verlierer bereits auf. Alle, die sich bisher in den Vorstädten in ihrem elenden Alltag eingerichtet hatten, werden noch weiter an den Rand der riesigen Agglomeration von derzeit mehr als 12 Millionen Bewohnern verdrängt werden. Was also tun? Die Frage bleibt weiter unbeantwortet – von den Initiatoren des „Grand Paris“-Projekts genauso wie von den Kritikern.    red

Grand Paris. Eine Stadt sprengt ihre Grenzen, von Günter Liehr. 296 S. Fotos und Planungen. 36 €. Rotpunktverlag, Zürich 2017

 

ANSICHTEN DER VERLORENHEIT

After the Fall“. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Shagan, Mittelkasachstan.
Foto © Dieter Seitz 2016.

Mit dem Fotoband „Nomads Land“ legt der deutsche Fotograf Dieter Seitz seinen subjektiven Blick auf die Details eines durch zahlreiche historische Brüche im 20. Jahrhundert verunsicherten Landes. Das rohstoffreiche Kasachstan ist nach Ansicht des Künstlers auf einem holprigen Weg seiner Selbstfindung, seit es vor 26 Jahren seine Unabhängigkeit von dem mächtigen Sowjetreich wiedererlangte.

Verfall, Verwahrlosung und Verödung werden übertüncht mit postmoderner Gebäude-Megalomanie, ausuferndem Kitsch sowie historischen und landschaftlichen Reminiszenzen der eigenen Geschichte und Region.

Die „Asphalt-Kasachen“, wie die neuen Stadtbewohner genannt werden, kennen die Steppe oft nur noch von bunten Fotomotiven auf Baustellenplastikplanen oder Werbepostern. Oft sprechen sie selbst ihre kasachische Sprache nur noch rudimentär. Russisch ist die Lingua Franca der unterschiedlichen Ethnien, die das weite Land von der Größe Westeuropas bewohnen.

Die Vereinzelung der Menschen zeigt sich schon beim Ablichten trauriger in die endlose, scheinbar horizontlose Weite starrenden Kinderaugen. Denn dort, wo einst die Zuz (Horde, kasachische Stammesförderation) das Leben des Individuums bestimmte und ein „Zuhause“ bereitstellte, bricht sich heute der Blick an verwitterten Betonmauern aus der Sowjetära, verrostenden Karrosserien oder beklebten Bauzäunen.

Der „eurasische Mensch“– so bezeichnet der auf Lebenszeit gewählte Staatspräsident die einst das Steppenland bewohnenden Nomaden, die Oralmani, die Russen, die wenigen verbliebenen ethnischen Deutschen oder Koreaner – wird im 21. Jahrhundert ein von modernsten Technologien bestimmtes Stadtleben führen und zu einer großartigen Regionalmacht zwischen Europa und China aufsteigen.

Dem deutschen Fotografen Dieter Seitz erschließt sich diese Sicht auf die Bewohner dieses zentralasiatischen Steppenlands nicht.

Ursula Daus

Nomads Land. The Kazakhstan Project, Fotos von Dieter Seitz, Essay von Markus Kaiser. 160 S. Deutsch/Englisch. 40 €. HatjeCantz, Berlin 2017

20 Jahre KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin (1997-2017)

 

kosmo 31 - humboldt
Vogelschauperspektive des im Bau befindlichen „Humboldt-Forums“ als eine Replik des einstigen Barock-Schlosses der Preußenkönige.
Zeichnung von Dmitrji Chmelnizki, 2017.

Vor 20 Jahren, im Juni 1997, erschien die erste Ausgabe von KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin. Damals hatten wir uns vorgenommen, Künstler und Schriftsteller, bewährte Profis und mutige Anfänger, aus Megametropolen und Großstädten aller fünf Kontinente zu unterschiedlichsten Themen zur Mitarbeit anzuregen. Das ist uns bis heute gelungen.

Unsere Herausgeber und Autoren wechselten und brachten je nach kulturellem Schwerpunkt neue thematische Herausforderungen ein. Disziplinenübergreifend argumentierten sie kosmopolitisch zu uralten Sehnsüchten und aktuellen Sujets. Und je schwieriger das politische Umfeld der freien Meinungsäußerung wurde, angesichts von religiös-motiviertem Terror, autoritärer Meinungsbeschneidung und überreizter politischer Korrektheit, umso vehementer schrieben sie gegen die Risse, Brüche, Zerstörungen, Schwächen, Wunden, Nöte und Verhängnisse einer scheinbar immer kleiner und uniformer werdenden Welt an.

Um die Jubiläumsausgabe zu feiern, haben wir einige unserer langjährigen Autoren gebeten, ganz nach freien Stücken ohne thematische Vorgabe von seiten der Herausgeber, ihren Beitrag zu formulieren.

KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin erscheint auch nach 20 Jahren als ein Produkt aus Leidenschaft. Alle Mitwirkenden, ob Autoren, Zeichner, Fotografen, Herausgeber oder Redaktion arbeiten ausschließlich honorarfrei, darunter auch Bestseller-Autoren wie der Spanier Manuel Vázquez Montalbán, der Mexikaner Homero Aridjis, chinesische Dissidenten wie Yang Liang oder die deutsche Literaturnobelpreisträgerin 2009, Herta Müller, und der peruanische Literaturnobelpreisträger 2010, Mario Vargas Llosa. Vor vier Jahren eröffneten wir zusätzlich zur gedruckten Ausgabe ein digitales Angebot im Internet unter babylonmetropolis.wordpress.com, auf welchem Vorab-Veröffentlichungen unserer Zeitschriften-Beiträge für ein breites Publikum zugänglich wurden.

Herausgeber und Redaktion

Aus dem Inhalt:

– Dmitrij Chmelnizki *  Weltkultur-Sehnsucht in Berlin. Das „Humboldt-Forum“

– Ronald & Ursula Daus * Paklai – Französisch-laotische Reminiszenzen am Mekong

– Luis Pulido Ritter * Eusebio A. Morales und die Stadt Colón

– 20 Jahre „mare – Zeitschrift der Meere“

– Peter B. Schumann * Von Anfang bis Ende: Zensur in KUBA

– Andrea Moretti  * Wie das Art Déco und die Schokolade nach Montevideo kamen

– Claudia Opitz-Belakhal * Die Eifersucht der Orientalen. Über Herrschaft und Leidenschaft  in Montesquieus „Perserbriefen“ (1722)

– Die Macht exotischer Verführung. Der Fotograf Jimmy Nelson in Berlin

– In Berlin und anderswo: Von Berlin nach Astana zur Expo 2017 * Bollwerk gegen die Barbaren * Ein Haus aus Stein * Blutige Spuren * 20 Jahre „Asia Pacific Weeks“ : Constructing Culture. Hong Kong’s West Kowloon Cultural District“ bei Aedes in Berlin  * Von der Leidenschaft des Entdeckens und Eroberns im Nordpazifik * Afrikas Schätze des Islam beim „Institut du monde arabe“  in Paris

– Neue Bücher: Künstliche Universen * Weltstadtgefühle und Dorfgeborgenheit * Kartenzauber * Die Welt als Naturwunder * Vom Glück im Fremdsein * Literarisches Zirkeln * Ganz zum Schluss

In dieser Ausgabe finden sich Rezensionen zu Neuerscheinungen aus den Verlagen: DOMpublishers Berlin; Kehrer Verlag, Heidelberg; Unionsverlag, Zürich; Weidle Verlag, Bonn; Hans Schiler Verlag, Berlin/Tübingen; Philipp von Zabern/WBG, Darmstadt; Monsun Verlag, Hamburg; Park Books, Zürich; Scheidegger & Spiess, Zürich; Theiss Verlag/WBG, Darmstadt; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; edition.fotoTAPETA, Berlin; Berenberg Verlag, Berlin; Taschen Verlag, Köln.

editorial 1
„Teile Dein Essen mit Luis“. 
Mit neuen Technologien lassen sich uralte Menschheitsprobleme angehen. 
Auf der Facebook-Seite des „Social Meal Project“ in Durban können Spender 
direkt mitverfolgen, was aus ihren 15 Rand (ca. 1 €) für Obdachlose geleistet wird.

 

20 Jahre „Asia Pacific Weeks“ in Berlin 2017 bei Aedes – Architekturgalerie

kosmo 31 - hongkong
Blick auf das städtische Entwicklungsareal „West Kowloon Cultural District“ in Hongkong.
Foto© West Kowloon Cultural District Authority

Mit der Ausstellung “CONSTRUCTING CULTURE. Hong Kong’s West Kowloon Cultural District” präsentierte das Aedes Architekturforum vom 27. Mai bis 13. Juli 2017 einen für Urbanisten und Architekten besonders eindrucksvollen Aspekt der „Asia Pacific Weeks“. In asiatischen Megametropolen wird nicht gezögert, Mega-Immobilien-Projekte mit einem ansprechenden Kulturmäntelchen zu umgeben und innerhalb weniger Jahre ganze Stadtteile auf reklamiertem Land aus dem Boden zu stampfen. Eine global bekannte Riege erfahrener Großprojekt-Investoren und -Architekten steht anscheinend immer bereit, ihre mittlerweile nicht mehr ganz so gewagten, sondern eher abrufbereiten Entwürfe dafür anzubieten. In diesem Sinne zitieren wir hier auch gerne einmal die Pressemitteilung der Galerie: „Mit dem West Kowloon Cultural District, direkt am berühmten Victoria-Hafen Hongkongs, entsteht derzeit eines der größten und ambitioniertesten Kulturprojekte weltweit. Der neue Stadtteil bietet Raum für die lokale Kunstszene, Theater, Museen, Restaurants, Läden, Büros und Hotels. Die Ausstellung gibt einen Einblick in den Planungs- und Entwicklungsprozess des Quartiers und seine Rolle als Katalysator für traditionelle und zeitgenössische Kultur, sowie innovative Stadtentwicklung. Das neue Stadtquartier wird zahlreiche neue Kulturbauten erhalten, die von international führenden Architekten realisiert werden – so z.B. das Museum ‚M+‘ von Herzog & de Meuron, das Opernhaus ‚Xiqu Centre‘ von Bing Thom Architects, das ‚Lyrid Theatre‘ von UN Studio und das ‚Palace Museum‘ von Rocco Design Architects. Mit dem Art Park, einer Hafenpromenade und weiteren Plätzen und Terrassen, wird das 23 ha große Areal zudem ein wichtiger Naherholungsraum für die Bewohner und Besucher aus aller Welt.“

Während des Planungs- und Bauvorbereitungsprozesses diente dieser Teil von West Kowloon in den vergangenen fünf Jahren zahlreichen künstlerischen Performances, Festivals und Ausstellungen, wie etwa zeitgenössische chinesische Kunst, Hongkonger Neon-Schilder, aufblasbare Riesenskulpturen sowie regelmäßige Aufführungen der traditionellen chinesischen Oper. Die Leere mit Kultur erfüllen und den bedrängten Bewohnern der am dichtest besiedelten Metropole der Welt einen Auslauf ermöglichen, das will dieses ambitionierte Projekt manifestieren.  red                    

Weitere Infos: http://www.apwberlin.de; http://www.aedes-arc.de. Zu der Architekturausstellung erscheint ein Katalog.

 

20 Jahre „Mare – Zeitschrift der Meere“

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mare No. 101, 2013. Es war einmal in Sibirien. Tiksi, einst ein wichtiger Hafen an Russlands arktischer Küste, ist heute eine Stadt im Niedergang. Foto©Evgenia Arbugaeva

Der großformatige Jubiläumsband zeigt Fotografien aus 20 Jahren mare-Reportagen. Offensichtlich scheint die „einzigartige Perspektive vom Meer her“ zu belegen, daß für Menschen, die am Meeresrand oder von ihrer Arbeit mit und auf dem Meer leben,  in unserer Gesellschaft kein wirklicher Platz mehr ist. Es handelt sich bei den ausgewählten Protagonisten fast ausschließlich um „Randexistenzen“: Bedrängte, Abgehängte, Aussteiger, Vertriebene, Flüchtlinge, Wartende, Vergessene oder nostalgisch einstiger Größe Nachtrauernde. Krank und elend, arm und bedürftig leben sie von dem, was das Meer anschwemmt oder gerade noch zum Überleben bereit hält – sei es von Leichenknochen oder  bedrohtem Meeresgetier. Ein Lächeln blitzt nur ab und an auf den Gesichtern sehr junger Frauen auf, die im Trostspenden an einsame Seeleute ihr Glück an diesen oftmals weltverlorenen Orten suchen.

Beeindruckend schön und beeindruckend melancholisch!                                     red

mare. Fotografien aus 20 Jahren, hrsg. von Nikolaus Gelpke. 320 S. Leineneinband mit Schmuckschuber. Nummerierte Auflage. 89 €. mareverlag, Hamburg 2017

Literarisches Zirkeln

shulman2Die Neuauflage des Mammut-Foto-Bandes über den Fotografen Julian Shulman (1910-2009) mit 1008 Seiten in drei Bänden ist das gelungene Spiegelbild einer optimistischen Epoche aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, von 1939-1981.

„Modernism Rediscovered“, die Wiederentdeckung einer Moderne-Variante, nämlich derjenigen der US-Westküste, verführt mit klaren Linien, fröhlichen Farbkombinationen, viel Licht, Luft, Sonne und Natur, so wie sie von den Urvätern der Modernen Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa angedacht war. Aus 260 000 Fotos, vor allem Werbeaufnahmen für die entsprechenden Bauten, wurden 1000 Fotos von 400 Gebäuden ausgewählt. Wie ein roter Faden durchziehen die herausragenden Flachbauten des Richard J. Neutra die drei Bände. Er hatte den jungen Fotografen Shulman sozusagen „entdeckt“.

Kühle Glasfassaden-Transparenz im heißen Wüstenklima, vor endlosen Hügellandschaften oder an kaltblauen Ozeanen – das ist Minimalismus gepaart mit hoher Baukunst. Die wenigen, artifiziell drapierten menschlichen Figuren erscheinen wie Relikte einer anderen Ära neben und in dieser puristischen Geometrie.

Der Betrachter vergißt schon nach Durchsicht von Band 1, daß Architektur auch Historizismus, geschmackliche eklektizistische Entgleisungen oder gar monotone Betonplattenbauten sein könnte. Materialien wie Stahl, Glas oder Aluminium sind de rigeur.

Die nur spärlich mit Designer-Mobiliar ausgestatteten Wohn-, Schul- oder Bürogebäude verstetigen den Eindruck: hier gilt dem Kunstwerk die gesamte Aufmerksamkeit.

Der Shulman-Foto-Style beeinflußt und fasziniert bis heute die Architekturfotografie – meist ohne den Meister je zu erreichen! Alex Westwood

Julian Shulman. Modernism Rediscovered (2000), hrsg. von Benedikt Taschen, et.al. 1008 S. zahlreiche Fotografien. Deutsch-Englisch-Französisch. 99,99 €. Taschen, Köln 2016

Vom Glück im Fremdsein

Wie bewältigt man Schicksalsschläge, die einen unerwartet treffen, sei es der Verlust eines geliebten Menschen, der kostbaren persönlichen Freiheit oder die zunehmende Verlorenheit in der eigenen Kultur?

Eine Möglichkeit besteht darin, sich in die Fremde zu begeben, sei es in der Nähe, in das noch immer seltsam unanmutende polnische Nachbarland, sei es in die weitentfernten exotischen Landstriche Ostasiens. Um den Fremdheitsgrad weiter zu steigern verlegt man die Glückssuche tief ins Historische.

In zwei so unterschiedlich erzählten Romanen wie Christoph Ransmayrs „Cox oder der Lauf der Zeit“ und Andreas Rosteks „Parallelen mit Hund“ balancieren beide Autoren in gekonnter Weise und mit hoher Sprachfertigkeit auf dieser Suche nach dem Glück im Fremdsein.

Ransmayer‘s Protagonist Alister Cox, ein berühmter englischer Uhrmacher nimmt, von tiefer Trauer um seine jungverstorbene Frau gezeichnet, die Einladung des chinesischen Kaisers an. Dieser bittet ihn, Zeitmesser nach den Vorstellungen seiner Träume und Allmachtssehnsüchte zu fertigen. Die Anforderungen des Kaisers kulminieren in der Aufgabe, eine Uhr herzustellen, die die Dauer der Ewigkeit messen kann.

Angesichts dieses auch für einen hochbegabten Feinmechaniker fast unmöglichen Auftrags verblasst die Erinnerung an die geliebte Verstorbene, aber auch an die Heimat. Cox spürt seine Lebensfreude wiederkehren in der täglichen Konfrontation mit einem von der Willkür dieses Kaisers abhängigen Lebens. Denn sollte er scheitern, droht auch ihm ein schnelles, schreckliches Ende, wie er es tagtäglich am kaiserlichen Hof vollstreckt sieht. Dem Autor scheint sein Protagonist jedoch so ans Herz gewachsen zu sein, dass er durch ihn das Unmöglich möglich werden läßt – die Messung der Dauer der Ewigkeit. Cox reist mit hoher Belohnung und voller Lebensfreude zurück in die Heimat.

Andreas Rosteks Protagonisten, der Pole Tomasz und der deutsche Jakob, in der Novelle „Parallelen mit Hund“ wirken gegenüber diesem von seinem Können beseelten englischen Kunsthandwerker Cox wie zwei zufällig ins gleiche Universum versetzte traurige Gestalten. Nicht einmal in ihren Erinnerungen sind sie sich sicher. Die finden sich akkurat nur in den Köpfen all die Schicksalsläufte dieses Romans begleitenden Hunde zwischen dem Osten und Westen Europas.

„Parallelen mit Hund“, also parallel verlaufende historische Ereignisse, die sich nur im Unendlichen treffen könnten, treffen sich am Ende des Romans dennoch. Vorab müssen die Leser jedoch erneut die gnadenlose europäische Geschichte aus jahrhundertealter Verfolgung, Unterdrückung, Willkür bis hin zum Massenmord an den europäischen Juden „durchstreifen“. Ja, doch, durchstreifen, wie ein Hund auf der Fährte eines gejagten Tieres, wie ein Streuner, auf der Suche nach Fressbarem, wie ein Wachhund, auf der Pirsch nach Eindringlingen.

Von Hamburg bis ins einstige Herzland Polens, nach dem berühmten Renaissance-Städtchen Zamosc (heute nahe der polnisch-ukrainischen Grenze) führt die Spur, die die Hunde verfolgen – und der Autor mit Erinnerungen, Erzählungen und Träumen anfüllt. Und immer sind diese Erinnerung auch und vor allem von unzähligen blutigen Unrechtstaten angereichert. Sollten die Menschen sie auch vergessen haben, die Hunde werden diese nicht los. Überall lauert ihr Geruch, jede Straßenecke, jede Hauseinfahrt, jede Fußbodendiele hält sie für die guten Spürnasen parat.

Für die beiden Protagonisten, den einstigen Häftling Tomasz, und seinen ihn unwissentlich aus ideologischer Dummheit an die polnische Staatssicherheit verratenden deutschen Schicksalsgenossen Jakob, gibt es manchmal die Erlösung im Vergessen. Dazu benötigt es jedoch die Reise ins Fremde: Jakob bei einem Besuch im schönen Zamosc, Tomasz in den kabbalistischen Berechnungen alter jüdicher Schriften, die er in der zur Bibliothek umfunktionierten alten Synagoge in Zamosc wiederfindet.

Europäische Geschichtsschreibung aus Hundeperspektive – welch eine gelungene literarische Volte! Ursula Daus

Cox oder Der Lauf der Zeit, von Christoph Ransmayr. Roman. 304 S., 22 €. S. Fischer, Frankfurt am Main 2016

Parallelen mit Hund. Eine Novelle aus Zamosc, von Andreas Rostek. 160 S. 16,80 €. edition.fotoTAPETA, Berlin 2016

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wolters
Cover der Neuausgabe von Rudolf Wolters „Spezialist in Sibirien“ von 1936.

Auch ein deutscher Architekt, Rudolf Wolters, suchte sein Glück in der Fremde. Während seine berufliche Perspektive in Deutschland im Jahr 1932 aussichtlos schien, nahm er das einzige Angebot an, das ihn erreichte. Er verpflichtete sich als Experte für Fernbahnhöfe in Sibirien mit einem Vertrag des Volkskommissariats in Moskau. Sein nach mehr als 80 Jahren wieder veröffentlichter Reisebericht von 1933 wird von dem Architekturhistoriker Jörn Düwel mit einer den historischen Rahmen aufzeigenden Einführung eingeleitet. Faksimile-Briefe von Rudolf Wolters an seine Familie sowie zahlreiche Abbildungen ergänzen diesen ersten Teil.

Der zweite Teil des Bandes gibt den Originaltext von Wolters „Spezialist in Sibirien“ wieder, begleitet von den Original-Zeichnungen von Heinrich Lauter. Nach einem nur kurzen Aufenthalt in Moskau führt die Reise direkt zu seiner neuen Arbeitsstelle „Nach Sibirien“: „Von einer Armee Wanzen übel zugerichtet war ich schon früh auf den Beinen… Ich merkte bald, daß die Herren Genossen überhaupt nicht sonderlich Bescheid wußten.“

Er wurde als „Bahnhofsarchitekt“ nach Nowosibirsk verschickt, das ihm wie ein sibirisches Chicago erschien. Doch statt Aufbruch herrschte überall Mangel. „Verwirrung“, „Leben und Sterben“ heißen die folgenden Kapitel. Doch nach vielerlei bürokratischen Parteiquerelen und Zuständigkeitsstreiterein erhielt er endlich die herbeigesehnten „Projektarbeiten“: eine Hochschulsiedlung für 10 000 Bewohner und ein Eisenbahnerstädtchen. Die Beschwernisse wollten nicht enden: „Denn noch während ich die vorgeschriebenen, dreigeschossigen europäischen Steinhäuser projektierte, sah ich zu meinem Leidwesen, daß ohne jede Rücksicht daruaf auf der Baustelle weiter lustig die elenden Holzbaracken aufgestellt wurden.“

Wolters Beobachtungen umfassten den gesamten Arbeitsalltag eines ausländischen Spezialisten Anfang der 1930er Jahre in der Sowjetunion. Schon wenige Monate nach seiner Ankunft in Nowosibirsk wurden auch den Ausländern die Lebensmittelrationen gekürzt. Wie viele seiner euphorisch angereisten Artgenossen verstand er die unterirdischen Wege der „Beschaffung“ in diesem System nicht und war auf die offiziellen Zuweisungen angewiesen. Doch auch die nach und nach erlangte Kenntnis über diese Parallelwirtschaft änderte nicht viel an seinen Entbehrungen. Innerhalb nur weniger Wochen stiegen die Preise um fast das Doppelte. „Wir erhielten statt 3 Kilo Butter nunmehr nur eineinhalb im Monat… Milch und Eier bekamen nun auch wir Ausländer nicht mehr…“

Seine Zweifel nahmen zu: „Der Diktator war wohl geachtet, aber seine Provinzkommandeure… gehaßt wie gefürchtet.“

Die Sowjetunion, die vielen deutschen Kommunisten und Arbeitslosen dieser Zeit als eine „Paradies“ erschienen war, kehrten enttäuscht zurück: „Manch deutscher Kommunist war mit fliegenden Fahnen ins Arbeiterparadies gekommen – jetzt wußte er, wo die Hölle war.“

Klarsichtig notierte Wolters kurz darauf: „Der erste Januar 1933 sollte die dreifache Verbesserung des Lebensstandards bringen – so hatte es Stalin, der unfehlbare Führer, versprochen. Im Glauben an die Erfüllung dieses Versprechens hatten 160 Millionen Proleten die Hungerjahre ertragen. 160 Millionen Proleten warteten auf die Erfüllung. Es kam anders.“

Ende Februar brach in Nowosibirsk der Flecktyphus aus. „Wohl wußte ich, daß es viel Krankheiten in Rußland gab, die ich von Deutschland her nur dem Namen nach kannte. Allen voran der Bauchtyphus im Sommer, gegen den ich aber durch Spritzen geschützt war. Es gab auch viel Malaria, es gab Cholera und ab und zu ein paar vereinzelte Pestfälle. Aber das schlimmste, von dem ich bisher überhaupt kaum gehört hatte, war der Flecktyphus.“

An Arbeit war nicht mehr zu denken. Rudolf Wolters bereitete seine Rückkehr vor über die Hungersteppe Kasachstans, die zentralasiatischen Republiken Usbekistan, Tadschikistan, das Kaspische Meer mit der Ölmetropole Baku.

Das frühlingshafte Moskau empfing ihn mit bürokratischer Schikane, noch mehr „Sklavenarbeit“ und leeren Schaufenstern, Wer leben wollte, mußte seine letzten „Goldreserven“ opfern. Nur gegen Gold erhielt man begehrte Waren.

In einem 3. Klasse-Abteil trat Wolters die Rückkehr nach Deutschland an.

Immerhin wartete dort der Erfolg auf ihn. Seine Reiseerzählung wurde mehrfach aufgelegt, ins Schwedische und Japanische übersetzt. Wolters wurde zum engsten Mitarbeiter seines Studienkollegen Albert Speer.

Das Projekt „Neue Städte für Stalin“ hat mit der Neuausgabe von Rudolf Wolters „Spezialist in Sibirien“ ein Kleinod aus den Ruinen der untergegangenen Sowjetunion gehoben. Ronald Daus

Neue Städte für Stalin. Ein deutscher Architekt in der Sowjetunion, mit einer Neuausgabe von Rudolf Wolters „Spezialist in Sibirien“, hrsg. von Jörn Düwel. 212 S., Faksimile, Literaturverzeichnis. 28 €. DOMpublishers, Berlin 2015

Literarisches Zirkeln

„I muri“, sie ist tot. Obwohl der erste Satz dieses bemerkenswerten Romans über die Musik und Kämpfe der Entkolonisierung Guinea-Bissaus eine Schlußpunkt unter dieses Kapitel Zeitgeschichte setzt, liest man mit wachsendem Interesse und Zuneigung entlang der verschlungenen Lebenspfade der Protagonisten dieser Epoche.

Die Band „Super Mama Djombo“ und ihre Musiker, allen voran eine verführerische und begabte Sängerin, gab es tatsächlich (im Internet lassen sich die alten Songs bei youtube nachhören). Auch ihre Nachfolger sind real. Selbst die von verehrten Befreiungskämpfern gegen die Portugiesen zu widerlichen Aasgeiern an dem armen, nun unabhängigen Land aufgestiegenen Politiker und ihre Hintermännern sind keine „fake news“. Nur der charismatische Gitarrist Couto und seine Liebe zur Bandsängerin Dulce sind angeblich frei erfunden.

Ein wunderbar erzähltes Stück Weltgeschichte aus einer unbeachteten Ecke des Globus, am Rande des afrikanischen Kontinents, gespickt mit Lokalkolorit und voller musikalischer Melancholie wie sie nur das Zusammenwirken afrikanischer Wurzeln und portugiesischem Fado möglich sein konnte.Tamara Pracel

Ein Lied für Dulce, Roman von Sylvain Prudhomme. Aus dem Französischen. 224 S., 16,99 €. Unionsverlag, Zürich 2017

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Mexiko City einmal ganz ohne blutige Gewaltexzesse möchte uns die Romanerzählung „Ich verkauf dir einen Hund“ andrehen, verfaßt von dem 1973 geborenen Schriftsteller Juan Pablo Villalobos. Um sein Anliegen auch glaubhaft oder wenigstens wahrscheinlich zu machen, wählt er ein nicht mehr ganz junges Wohngebäude mit einer nicht mehr ganz intakten Infrastruktur, wie einem störungsanfälligen Aufzug, und einer ebenfalls nicht mehr ganz zuverlässig funktionierenden Hausgemeinschaft. Sie besteht vor allem aus hochbetagten Senioren und einigen wenigen, sich im künstlerischen Milieu betätigenden Nachwuchs-Revolutionären. So mischt der Autor – wie in einem noch nicht am Markt erprobten Fruchtjoghurt – Auseinandersetzungen um Adornos „Ästhetische Theorie“ mit den „geheimsten“ Geheim-Rezepten von Tacos, u.ä.. Seine aufgrund Altersschwäche sich dezimierende, durch Neuzugänge jedoch immerhin weiterexistierende Protagonisten-Crew trifft sich im hausinternen Literaturkreis  Er tagt mangels geeigneter Räumlichkeiten im Hausflur und übt damit auch gleichzeitig die Kontrolle über das gesamte Haus aus. Dieser literarische Zirkel dient wohl dazu, den sehr dünnen Kern dieser Erzählung aus „Sprüchen“ und „internen mexikanischen Witzen“ mit ausufernden Charakterisierungen seines Personals etwas anzudicken. Mit dem Werbeflyer „Vielen Dank. Aber ich lese und schreibe keine Romane“, der wohl einer der markantesten Gecks des Autors darstellt, ist auch dieser Text auf den Punkt gebracht. Corinna Rohloff

Ich verkauf dir einen Hund, Roman von Juan Pablo Villalobos. 256 S. 24 €. Berenberg, Berlin 2016

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Im Vorgriff auf den Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2018, Georgien, bietet der Hans Schiler Verlag einen ersten Vorgeschmack mit Anna Kordsaia-Samadaschwilis „Wer hat die Tschaika getötet“.

Schon in den ersten Zeilen ist die Kapitale Tiflis präsent mit ihren Großstadtroutinen aus Sonntagskirchgängern, Hundebesitzern oder verliebten Ehebrechern. Doch nur wenige Meter weiter erwischt es den Flaneur kalt: der Blick eines Kindes in ein altes Abrißhaus bringt die Leiche einer Frau zutage, deren lustvoll-zügelloses Leben Publikum und Polizei in Atem hält.

Das verbindende Element zwischen all den Unangepassten und Unbequemen dieser kaukasischen Metropole ist die Armut, der Schmutz, der Gestank, die miesen Verhältnisse und der gemeinsame Versuch, durch Phantasie und Wein und Gesang und Verkleidung und und und…all dem zu entkommen: mal nach Istanbul, mal nach Moskau und wieder zurück nach Tiblissi.

Eine ganz eigene Liebeserklärung an ein eigentümliches Gebilde, das noch nicht ganz im 21. Jahrhundert angekommen scheint.red.

Wer hat die Tschaika getötet?, Krimi von Anna Kordsaia-Samadaschwili. 168 S. Aus dem Georgischen. 16,80 €. Hans Schiler, Berlin/Tübingen 2016

Blutige Spuren

Von den Hethitern 2700 Jahre vor unserer Zeit bis zu aktuellen gewalttätigen Auseinandersetzungen verläuft die blutige Spur in dem türkischen Kriminalroman „Patasana – Mord am Euphrat“ (2000) von Ahmet Ümit. Ein Archäologenteam findet im Siedlungsgebiet der türkischen Kurden, einst Zentrum des Siedlungsgebiets der Hethiter, 28 Keilschriftplatten des Hofschreibers Patasana. Auf ihnen erzählt der Verfasser von Verrat, Blutrache, Massenmord und Vernichtung. Es fließt Blut in Strömen breit wie der Euphrat, der „Fluß des Lebens“; es rollen Köpfe und jeder Versuch, diesem „Lifestyle der Gewalt“ zu entkommen etwa durch eine herzzerreißende Liebesgeschichte, mißlingt.

Auch vor dem Arbeitsalltag des internationalen Archäologenteams, das kurz vor der Präsentation seines sensationellen Fundes steht, macht das blutige Treiben in der Region nicht halt. In der Nähe des Ausgrabungsortes geschehen mehrere unerklärliche Morde, in ihrer Grausamkeit und Nutzlosigkeit, sich an den Vorbildern früherer Jahrhunderte oder gar Jahrtausende orientierend. Niemand kennt den/die Mörder: waren es prokurdische „Freiheitskämpfer“, islamistische Terroristen aus den Nachbarländern oder einfach nur Racheakte alter Familienfehden?

Die Spur des Mordens führt bis in den Kreis der Archäologen selbst, und es zeigt sich, daß das sinnlose Töten als intellektueller Aufklärungsakt seinen Widerhall findet.

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Noch extremer läßt der kurdisch-irakische Autor Bachtyar Ali in seinem Roman „Der letzte Granatapfel“ (2002) seine Figuren agieren. Normalität bedeutet in seiner Heimat „Kurdistan“ Kampf und Widerstand, Gefangenschaft und Folter, Krieg und Tod.

Der Protagonist seines Romans, ein einstiger Revolutionäer, opfert sich für seinen Anführer im Kampf gegen einen ungenannten Diktator, wobei es sich hier wohl um Saddam Hussein handeln dürfte. Er wird 20 Jahre in der Wüste gefangen gehalten. Sein Gesprächspartner ist von nun an nur der ihn umgebende Sand, seine Zukunft der klare Horizont. Währenddessen gehen die Kämpfe und das Blutvergießen weiter. Seine „Befreiung“ nutzt sein ehemaliger Anführer nur dazu, ihn erneut in einem weiteren Gefängnis einzusperren, dieses Mal in den heimischen Bergen Kurdistans. Es diene seinem Schutz vor der chaotisch-grausamen Welt, die seine in der Wüste gewonnene „seelische Reinheit“ zerstören könne. Blut, Leid und Asketentum gehen in dieser wie ein orientalisches Märchen erzählten Apokalypse eine bizarre Vereinigung ein. Einem tanzenden Derwisch gleich bricht der Protagonist aus seinem schützenden Bereich aus. Seine Drehungen in einer Welt aus Armut, Not, Elend und Tod werden immer schneller. Dafür muß er weiterhin die Augen auf seinen inneren Horizont richten, um nicht in den Strudeln des „schmutzigen Lebens“ um ihn her zu verenden. Auf der Suche nach seinem „verlorenen Sohn“ (dessen Mutter kurz nach der Geburt starb und die – wie fast alle Frauen – in diesem Roman keine Rolle spielt) begegnet er unzähligen verlorenen Söhnen. Sie vervielfältigen sich in atemberaubendem Tempo. Taucht einer auf, wird er in sinnlosen Gewaltausbrüchen getötet oder für unbestimmte Zeit in unzugängliche Gefängniszellen gesperrt oder bei einem der Giftgas- und Bombenattacken in diesen endlosen Bürgerkriegen verstümmelt. Der frühe Tod ist vielen dieser Waisen sicher. Wer dennoch überlebt, kann von Glück sagen, wenn sich eine ausländische Hilfsorganisation um ihn kümmert.

Aber selbst wenn einer von ihnen sich für einen ganz anderen Weg als den des Kampfes entscheidet, nämlich den der Liebe, erträgt es seine geschwächte Konstitution nicht: sein junges Herz aus Glas zerbricht an unerwiderter Liebe. Und auch die einzigen weiblichen Zentralfiguren, zwei singende Schwestern mit langem offenem Haar wie Märchenfeen, sind keine Rettung in diesem endzeitlichen Treiben. Sie versagen sich der Liebe und widmen sich den Kriegswaisen.

Und wo liegt die Rettung nach Meinung von Bachtyar Ali? Für ein Individuum wie seinen Protagonisten wohl nur in der Flucht nach Westen (wo ja auch das Paradies gemäß dem Koran verortet sein soll), Richtung Europa. Ob er es je erreichen wird mit seinen Fluchtgefährten, die auf einem schwimmenden Seelenverkäufer unorientiert auf dem Mittelmeer treiben, läßt der Roman offen. (Der Autor selbst lebt seit 20 Jahren in Deutschland.) Tamara Pracel

Patasana – Mord am Euphrat, Kriminalroman von Ahmet Ümit. Aus dem Türkischen von Recai Hallac. 416 S. 13,95€. Unionsverlag, Zürich 2012

Der letzte Granatapfel, Roman von Bachtyar Ali. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. 352 S. 22 €. Unionsverlag, Zürich 2016

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Mit einer Neuauflage (dt. Erstauflage 1964) des einzigen von einem Armenier geschriebenen Werk über den Genozid an seinem Volk durch die Osmanen mischt sich der Unionsverlag buchmächtig in den anhaltenden Streit zwischen Europa und dem türkischen Autokraten Erdogan zu diesem Themenkomplex.

Victor Gordon erzählt autobiographisch unterlegt von der geheimnisvollen Schönheit und Verführung des intakten jahrhundertealten Lebens der Armenier im Osten Anatoliens, in der Stadt Van, bis zur endgültigen Vertreibung, Verschleppung, Ermordung ihrer armenischen Bewohner. Die Fakten sind bekannt, die Erzählweise ist so berückend, als könnten die Toten dieser Greueltaten allein durch die Worte des Autors wieder lebendig werden, ihr Leben unter uns Nachgeborenen mit all seinen alltäglichen Verwicklungen weiterführen. red.

Brunnen der Vergangenheit, Roman von Victor Gordon (1961). Aus dem Französischen. 495 S., 18,95 €. Unionsverlag, Zürich 2016

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Den Schrecken des Krieges und der Vernichtung hält nach Ansicht des syrischen Autors Niroz Malek (*1946) nur das Schreiben stand. In seinem Miniaturenband „Der Spaziergänger von Aleppo“ hält er in kurzen Texten die Möglichkeit von Leben in dieser besonders hart umkämpften Stadt des syrischen Bürgerkriegs fest. Wie ein mit besonderen Überlebenskräften ausgestatteter Magier, dem weder Bomben noch Giftgas noch Scharfschützen etwas anhaben können, führt er das „Alltagsleben“ eines Intellektuellen, eines Stadtflaneurs, eines Genussmenschen fort. Er erzählt von diesen unablässig sich aufdrängenden unvermeidlichen Momenten des möglichen Abschieds:

„Nach dem Krachen einer heftigen Detonation… hörte ich auf zu schreiben… Da fragte sie: ‚Und willst du nicht wie die anderen Menschen, Dokumente und Habseligkeiten für die Flucht in deinen Koffer packen? Du unterscheidest dich doch nicht von all den anderen, die aus der zerbombten Stadtvierteln fliehen.‘ Ich sah sie an und dachte über ihre Worte nach. Dann lächelte ich und erwiderte: ‚Kannst du etwa glauben, daß ich meine Wohnung verlasse? Daß ich meinen Tisch zurücklasse, an dem ich gearbeitet und meine Geschichten und Romane geschrieben habe? An dem ich die Cover für meine Werke entwarf und Hunderte und Aberhunderte Bücher las?‘

Er bleibt, weil er, wie er schreibt, seine Seele nicht in einen Koffer stopfen kann – und sei er auch noch so groß. red.

Der Spaziergänger von Aleppo, Miniaturen von Niroz Malek. 144 S., 17 €. Weidle, Bonn 2017

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Mit „Frühlingsschnee“ legte Muchtar Magauin in der vom Hans Schiler Verlag betreuten „Kasachischen Bibliothek“ ein weiteres Epos zur Geschichte der kasachischen Stämme und ihren ersten Versuchen, vertrauensvolle Beziehung zwischen sich und ihren Nachbarvölkern aufzubauen. Nicht die endlose Aufzählung der Siege oder verlorenen Schlachten sollte von nun an das Regierungshandeln der Khane bestimmen, nicht die unzähligen Toten, die blutigen Leichentücher und die verschleppten Frauen und Kinder Maßstab aller Entscheidungen sein. Diplomatie und Verträge sollten Ende des 16.und im 17. Jahrhundert Einzug in die oft in Ruinen liegenden Ansiedlungen oder Yurten halten.

Nach 710 Seiten endet der 1. Band, dessen Spektrum „Die Kasachische Steppe“, „Das sibirische Reich“ und „Das Land der Russen“ umfaßt. Nicht wie ihre Vorväter unter Dschingis Khan will man mit den zentralasiatischen Herrschern und dem allmächtigen russischen Zaren im Norden in ständigem Krieg liegen. Doch dieser Vorstoß erscheint schwieriger als gedacht. Dennoch fühlen die kasachischen Nomaden der großen Steppe Zentralasiens, dass eine neue Epoche eingeleitet werden muß. Und diesen Entschluss fällten sie im Frühjahr 1588 bei einer Ratsversammlung angesichts der letzten Schneefälle des Winters, dem „Frühlingsschnee“.

Vielleicht könnte dies auch ein Hinweis an aktuelle Despoten und Autokraten der „starken Hand“ sein, ihr derzeit wenig konstruktives Tun neu zu überdenken. Ursula Daus

Frühlingsschnee. Historischer Roman von Muchtar Maguin. 710 S. Aus dem Russischen. 24,90 €. Hans Schiler, Berlin/Tübingen 2016

Die Macht exotischer Verführung

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Hakehau, Ua Pou, Marquesas-Inseln, Französisch-Polynesien 2016. Foto©Jimmy Nelson

Der Fotograf Jimmy Nelson in Berlin

Mit dem zweiten Teil seiner Großfotografie-Serie „Before They Part II“ ist dem britischen Fotografen Jimmy Nelson (*1967) eines noch überzeugender gelungen als im ersten Teil „Before They Pass Away“: Verführung durch übersteigerten Exotismus!

Die auf seinen teilweise wandfüllenden Fotos – 140 x 300 cm für „Hakahau, Ua Pou, Marquesas Islands, French Polynesia 2016“ – abgelichteten Porträts indigener Völker aus Polynesien, China und dem Sudan dienen in erster Linie wohl einem „dekorativen Effekt“. Kleidung, Schmuckelemente, Tätowierungen, Hausrat oder die umgebende Landschaft, alles was dem westlichen Betrachter seit mehr als 500 Jahren Entdeckungsreisen durch die Europäer bekannt sein sollte, wird hier wie ein Konzentrat noch einmal unter die Linse genommen. Vorläufer dieses Verfahrens waren Maler wie Louis Choris Anfang des 19. Jahrhunderts (Pazifik, Mikronesien), Paul Gauguin vom 19. zum 20. Jahrhundert (Polynesien), Gottfried Lindauer Ende des 19. Jahrhunderts (Neuseeland) oder Paul Jacoulet Mitte des 20. Jahrhunderts (Japan, Mandschurei, Mikronesien). Fotografen wie Paul-Émile Miot im 19. Jahrhundert (Marquesas, Polynesien), Martin Gusinde Anfang des 20. Jahrhunderts (Feuerland), Leni Riefenstahl Mitte 20. Jahrhundert (Sudan), oder Sebastião Salgado Ende 20./21. Jahhundert („die ganze Welt“). Jimmy Nelson jedoch dreht diese Exotismusschraube noch ein wenig weiter. Die ästhetischen Kompositionen reflektieren hier wie bei seinen Vorgängern alleine seinen Bick auf Familien, Gruppen, Stämme und Völker. „Er möchte Geschichten erzählen, keine Antworten geben“.

Besonders bildmächtig zeigen sich für diesen Ansatz die einst als unersättliche Kannibalen überaus gefürchteten Bewohner der Marquesas-Inseln im Südpazifik. Die sie umgebende spektakuläre Naturkulisse der aus dem Meeresboden aufgeschossenen Vulkaninseln verstärkt diesen Effekt theatralisch.

Dem Titel der Ausstellung „Before They Part II“ in den Camera Work in Berlin kann zwar die Geschichte dieser Inselgruppe und ihrer Bevölkerung dienlich sein. Denn bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Aussterben der Bevölkerung befürchtet. „Archipel der Erinnerung“ oder „Melancholie und Todessehnsucht“ titulierten Ethnographen und Reisende, wenn sie die traurigen Reste dieser einst so unbesiegbaren „Kannibalen auf wilden Pferden“ (Paul Gauguin) antrafen. Doch die angekündigte Auslöschung fand nicht statt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich das Bevölkerungswachstum so weit erholt, daß viele Bewohner zur Auswanderung nach Tahiti oder ins Mutterland Frankreich gezwungen sind.

Wer bleibt, feiert die wiedergefundene „Authentizität“, wie sie Jimmy Nelson so prachvoll inszeniert hat. Die Marquesaner sind ein „glückliches Volk“, so die einhellige Meinung heutzutage (s. dazu: U. Daus,  Die Völker Polynesiens im 21. Jahrhundert, Berlin 2010, S. 222). Sie singen, tanzen, trommeln und tätowieren ihre Körper nach den Vorlagen des deutschen Ethnographen Karl von den Steinen, der die Tätowiermuster auf Holzbeinen im 19. Jahrhundert vor der Zerstörung durch die europäischen Missionare rettete. Auch die pahu-Trommeln wurden wieder zum Leben erweckt. Das mana, die Kraft aus Schmuck, Tatoo und Pose, die von Jimmy Nelson so dekorativ eingesetzt wird, hat den Marquesanern die Freude am Leben zurückgegeben. „Before They Part II“ ist gerade für diese „verloren in den Weiten des Pazifik“ gelegene Inselgruppe daher kein überzeugender Titel. Er träfe wohl eher für die Minoritäten im südwestlichen Chinas oder die Südsudanesen innerhalb der Ausstellung zu. „Vivre aux Marquises, c‘est cool“, Auf den Marquesas zu leben, ist cool, heißt das Motto der jungen Leute – und dass vor eine großartigen Naturkulisse und in faszinierend schillernder Selbstinszenierung. Ursula Daus

Jimmy Nelson. Before They Part II, Ausstellung in der Galerie „Camera Work“, Berlin, 15. Oktober – 19. November 2016. http://www.camerawork.de

ORDOS – Bollwerk gegen die Barbaren

Mitten in der wasser- und baumlosen Steppe der Inneren Mongolei, dem sogenannten Ordos-Bogen, entsteht seit einigen Jahren eine phantasmagorische Stadtkulisse, deren Name Programm ist: Ordos. Hier bekämpften schon seit Jahrtausenden die chinesischen Kaiser die aus dem Norden eindringenden Barbarenvölker vergeblich mit dem Bau einer mächtigen Mauer. Um die Region machten über Jahrhunderte die großen Teekarawanen aus dem Südwesten Richtung Mongolei und Rußland einen großen Bogen aus Furcht vor der Unwirtlichkeit dieser Wüstenei.

Die „Zukunftsmetropole“ des 21. Jahrhundert Ordos besteht bisher aus einer endlosen Zahl an Hochhäusern ohne Infrastruktur, d.h. ohne Wasser, Abwasser oder Stromversorgung. Die wenigen tausend Menschen, die sich bisher Ordos als ihren Lebensmittelpunkt erwählt haben, dienen ausschließlich dem Großprojekt. „Ordos“. So schreibt der Fotograf und Verfasser dieses exzellenten Zeugnisses megalomanen Repräsentationswahns: „Ordos ist eine riesige Immobilienblase von der Art, die die Wirtschaft eines ganzen Landes ruinieren könnte, doch die chinesische Regierung hält das Trugbild aufrecht“.

Denn nur mit heroischen Zivilisationswerken, die sich am überzeugensten in der chinesischen Stadt manifestieren, konnte und kann man die „Barbaren“ besiegen – und seien sie auch nur noch eine historische Phantasmagorie. Die riesigen bronzenen Pferdeskulpturen auf einem der endlosen leeren granitbelegten Stadtplätze zeugen bis heute von dieser Angst der Chinesen, letztendlich doch wieder von den Barbaren besiegt zu werden.

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Bronzepferde auf einem granitbelegten Stadtplatz in der „Geisterstadt“ Ordos, China. Foto© Adrien Golinelli

So steht die menschenleere Metropole Ordos nicht als Mahnmal einer mißlugenen Stadtplanung, sondern als Warnung an alle, die den mächtigen chinesischen Staatenlenkern des 21. Jahunderts auf ihrem Weg zur Weltmacht ins Handwerk pfuschen wollen.   red

Ordos. Stillborn City,  von Adrien Golinelli, et.al. 216 S., 128 Farbabb. Englisch, 45€. Kehrer, Heidelberg 2016