KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 35-36/2019 Thema: „Pura Vida“

Bronzestatue des Fray Juníper Serra (1713-1784) mit seinem Begleiter, dem aus Baja California stammenden Indio Juan Evangelista Benno vor der Kirche San Francesc in Palma de Mallorca. Foto R & U Daus, 2018

„Pura Vida“ wurde während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Rio de Janeiro zum fröhlichen Begrüßungsritual aller, die den Spielen der Mannschaft aus Costa Rica beiwohnten. Doch was bedeutet „Pura Vida“ eigentlich? Handelt es sich um einen angeblich unübersetzbaren Ausdruck, wie es der französische Schriftsteller Patrick Deville in seinem Essay „Pura Vida“ (2004) über permanent gescheiterte Revolutionen in Zentralamerika konstatierte? Oder ist es zu einer alltäglichen Plattitüde verkommen, wo sich „Pura Vida“- Zeitungsbeilagen, „Pura Vida“-Biersorten und -Milchprodukte oder eine internetaffine Generation zu „Pura-Vida“-Sex und Drogengelagen verabreden? Der spanische Autor José María Mendiluce deutete den Titel seines Romans „Pura Vida“ (1998) folgendermaßen: „In dieser Region – Costa Rica – aus undurchdringlichen Dschungeln und unerträglicher Hitze scheinen die Regeln der Vernunft außer Kraft gesetzt. Überbordene Gefühle und Leidenschaften bestimmen das menschliche Zusammenleben.“

Seine Verbreitung fand der Begriff in Mittelamerika durch den mexikanischen Film „Pura Vida“ von 1956. Der Regisseur Gilberto Martínez Solares hatte seinen Anti-Helden Melquiades Ledezma mit einer unerschöpflichen Gutmütigkeit ausgestattet, der jeden Mißerfolg als neue Herausforderung zu noch größerer Anstrengung interpretierte. Und tatsächlich kam durch Zufall ein Lotterielos in seine Hände, das sein bisheriges trauriges Leben vergessen machte.

Unsere Autorinnen und Autoren haben sich ganz in diesem Sinne mit den Höhen und Tiefen des „Pura Vida“ befaßt, unbesehen ob es sich um einen im 18. Jahrhundert vom Unglück verfolgten und schlußendlich im 21. Jahrhundert heiliggesprochenen Franziskaner-Missionar aus Mallorca handelt, um einen liebevoll unterhaltenen Tangoclub bei Medellín, dem Ort des Todes von Carlos Gardel, um im Verborgenen arbeitende Holzbildhauer auf der abgelegenen indonesischen Insel Tanimbar, das snobistische Ringen um Optimismus oder um das pralle Leben einer nicaraguanischen Ex-Revolutionärin und Schriftstellerin.

Aus dem Inhalt:

Ronald & Ursula Daus * „Sempre endavant. Mal enrera“. Reise  des Mallorquiners Juníper Serra In die neue Welt

Beat Presser * Nuqui, Honda und Carlos Gardel oder „La Pura Vida“

Antonius Moonen * Der simple Optimismus des Snobismus

Mickalene Thomas * „Á la Manière de…“. Die Ausstellung „Femmes Noires“ in Montréal

Will Buckingham * Mit den Augen stehlen. Holzbildhauer auf Tanimbar in Indonesien

Gratulation zum 250. Geburtstag Alexander von Humboldts

Peter B. Schumann * Wenn das pralle Leben die Literatur überholt. Gespräch mit der Schriftstellerin Gioconda Belli aus Nicaragua

Ursula Daus * Die schwierige Kunst, ein Museum zu entkolonisieren. Das  „Musée Royal de l‘Afrique centrale“ bei Brüssel

„Im Ewigen Eis?“ Sebastian Copeland in der Fotogalerie CAMERA Work in Berlin

In Berlin und anderswo: Dekolonisierung und kein Ende… mit Ngugi wa Thiong’o und Yambo Ouologuem, 125 Jahre mit „National Geographic“ in Afrika, dem deutsche Maler Wilhelm Kuhnert und seinem Bild von Afrika, auf den Spuren von Pierre Savorgnan de Brazza am Kongo, dem „Verkäufer von Vergangenheiten“ in Angola u.v.a. *  „Cimarrónes“ * Verführung in Breslau

Neue Bücher: Gescheiterte Existenzen in Rom, Montevideo, São Paulo, Oslo und Berlin und Tiflis sowie in Paris und der Normandie * Baku: Geschichten aus Tausend und Einer Ölquelle * Über das Meer hinaus von Europa aus * Einsame Weltreise * Sizilianische Literaturen * Fotokunst auf Goethes Spuren durch Italien im 21. Jahrhundert * Ganz zum Schluß: ein Leben als Gesamtkunstwerk

Kolophon: Eindrucksvolle Eigenständigkeit – Der „Modernisme“ in Mallorca

 

Werbeanzeigen

„Verführung“ in Breslau und „Lust auf Täuschung“ in Aachen

 

„Umschlungenes Paar“, 1918/19, von Otto Mueller. Leimfarbe auf Leinwand.

Von 1919 bis 1930 faszinierte und verführte der Expressionst Otto Mueller mit seiner Persönlichkeit, seiner Malerei und seiner avantgardistischen Lebensweise nicht nur eine große Zahl junger Künstlerinnen, sondern auch Künstlerkollegen und Sammler. Er war 44 Jahre alt, als er 1919 nach Breslau berufen wurde. Seine Leidenschaft der Akt-Malerei, besonders der Aktmalerei in freier Natur, berührte und revolutionierte die Breslauer Akademie tiefgreifend. Seine Sujets wie blutjunge, fragile junge Frauen, aber auch seine sogenannte „Zigeuner-Malerei“ galt als anti-bürgerlich und somit in etablierten Kreisen dieser schnell gewachsenen, jedoch „erstaunlich provinziellen“ Metropole als kritikwürdige Verführung. Mueller machte die Leimfarbenmalerei auf Rupfen „hoffähig“, die ein schnelles und entschiedenes Arbeiten des Künstlers erfordert, da die Leimfarbe schnell auf diesem ausgefallenen Untergrund trocknet.

Otto Mueller selbst empfand seine Breslauer-Zeit eher als einen „widerwilligen Lebensabschnitt“. Die langen Semesterferien nutzte er für Reisen nach Rumänien, Bulgarien oder Ungarn, zu den Modellen, die er liebte, „seinen Zigeunern“, deren Freiheit ihn oft deren Elend vergessen ließ.

Im Katalog zur gleichnamigen Berliner und Breslauer Ausstellung werden neben zahlreichen Mueller-Gemälden, Druckgrafiken und Skizzen auch die seiner Zeitgenossen, seiner Berliner Künstlerfreunde z.B. der „Brücke“, und heutigen polnischen Nachgeborenen präsentiert. red.

Maler. Mentor. Magier. Otto Mueller und sein Netzwerk in Breslau. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung (12.12.2018-3.3.2019 im Haburger Bahnhof, Berlin; 8.4.2019 bis 30.6.2019 im Museum Narodwe in Breslau). 440 S., 186 Farb und 144 S/w-Abb. 39,90 €. Kehrer, Heidelberg 2018.

***

Bis zum 30. Juni 2019 ist im Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen die Ausstellung „Lust auf Täuschung“ zu sehen. Zeugnisse von der Antike bis zur virtuellen Realität versammelt diese Bilderschau des Vergnügens und des Augenirrtums. Bekanntes, wie das hier abgebildete „Brett mit Briefen, Federmesser und Schreibfeder hinter roten Bändern“, von Wallerant Vaillant, 1658, wie auch weniger Augenfälliges wie Hans-Peter Reuters „Kachelraum ohne Ding, Nr. 110“, 1976. „Die Welt ist das, was wir wahrnehmen“, ließ einst  Maurice Merleau-Ponty verlauten. Wer möchte sich da noch über „Fake-News“ echauffieren?

Katalog zur Ausstellung mit 3-D-Effekten, 39,90 € bei Hirmer, München 2018.

Dekolonisierung und kein Ende. Teil 2…..

„ Die Strecke (Selbstportrat)“ von Wilhelm Kuhnert, 1915. Ausschnitt.
Aus dem rezensierten Band „König der Tiere“, 2018

Monumental und bildmächtig präsentiert die Kunsthalle Schirn in Frankfurt das nahezu vergessene Werk des Berliner Malers Wilhelm Kuhnert (1865-1926). Dieser prägte mit seinen Zeichnungen, Aquarellen und Ölgemälden von afrikanischen Tieren, Landschaften und Menschen das Bild eines faszinierend-phantastischen Afrikas bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Seine Tier- und Naturdarstellungen bereicherten nicht nur Brehm‘s „Tierleben“. Sie fanden sich auch auf Plakaten, Briefmarken, Schautafeln und als Reproduktionen in Kolonialromanen und Reisebüchern.

Sein Werk beförderte den exotistischen Eskapismus genauso wie den imperialen Kolonialismus des deutschen Reiches in Ostafrika. Seine eigenen Reisen durch diesen Teil Afrikas dienten ihm zur Vorortrecherche, zum Abgleich zwischen Realität und Kunstwerk – sowie zur Befriedigung seiner Leidenschaft als Großwildjäger. Anders als bei seinen Jagderfolgen, wo er sich im Selbstporträt mit erlegter Beute darstellte, haderte er dennoch mit dem von ihm so beeindrucken wiedergegebenen Sujet: „Das Malen hier ist keine Leichtigkeit“.  Was genau er damit ausdrücken wollte, bleibt sein Geheimnis: waren es die klimatischen Bedingungen, die Reiseschwierigkeiten, das Essen, die Lichtverhältnisse, die Gefahren des Buschlands – immerhin deponierte er vier Jagdflinten in Reichweite seiner Staffelei? Oder berührten auch ihn, den überzeugten Kolonialisten, die menschlichen Schicksale der Bewohner, wie es seine Skizze eines an einem vertrockneten Ast Erhängten festhielt: „Mabruk, der Geliebte der Ndekocha, erhängt, 1905“?

Aus heutiger Sicht erscheint die Kunst eines Wilhelm Kuhnert als ein zeittypisches Kuriosum: einerseits bedienen seine hochklassig ausgeführten Ansichten von Fauna und Flora Afrikas einen ungebrochen aktuellen Eskapismus bei westlichen Betrachtern. Andererseits provozieren sie offenen und berechtigten Widerspruch angesichts der derzeit hochaktuellen Dekolonisierungs-Diskussion und Kunst-Rückgabe-Ansinnen der auf der Suche nach Eigenständigkeit bestärkten afrikanischen Intellektuellen und Künstler.

Nur zwei Jahrzehnte nach Wilhelm Kuhnerts letztem Afrika-Aufenthalt wurde in Nairobi der kenianische Fotograph Priya Ramrakha geboren. Abkömmling eines im 19. Jahrhundert aus Indien in die britische Kolonie Uganda ausgewanderten Familie, wuchs er in einer von Unabhängigkeit und Freiheitsträumen imprägnierten Großfamilie in Nairobi auf. Sein Onkel besaß eine Druckerei, in der die anti-koloniale Tageszeitung „The Colonial Times“ und der auf Kisuaheli erscheinende Ableger „Habari za Dunia“ erschienen.

König der Tiere. Wilhelm Kuhner und das Bild von Afrika, Ausstellungskatalog. 264 S., 171 Farbabb. 39,90 €. Hirmer, München 2018. http://www.hirmerverlag.de

Gefangene Aufständische vor dem Verhör in britischen Konzentrationslagern in Kenia.
Foto von Priya Ramrakha, 1953-54.

 

Priya Ramrakha hatte von Kindesbeinen an nur einen Wunsch: er wollte als Fotograf die kolonialen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten dokumentieren und damit ihr Ende beschleunigen.

Er erhielt ein Stipendium zum Studium in den USA. Er kehrte zurück und nutzte sein neuerworbenes Wissen, um die Freiheitskämpfe, die Schlachtfelder, das menschliche Leid direkt aus der Mitte der Ereignisse in die Welt zu transportieren. Seine gegen sich selbst rücksichtslose Arbeitswut katapultierte seine Bilder bis in die europäischen und US-amerikanischen Top-Gazetten wie etwa das Time-Life-Magazin. Dieser Bild-Fantatismus beendet 1968 sein junges Leben, als er im nigeriansichen Biafra-Krieg in einen Hinterhalt geriet.

Die späte Hommage durch den vorliegenden Fotoband ist ein unverzichtbares Zeugnis einer ungebrochenen Überzeugung, daß nur ein kämpferischer gemeinsamer Einsatz die Freiheit bringen kann

Der kenianische Fotograf Priya Ramrakha, hg. von Shravan Vidyarthi & Erin Haney. 200 S. 225 Fotoabb. 39,90 €. Kehrer, Heidelberg 2018. http://www.kehrerverlag.com

Anmerkungen zu Michel Houellebecq’s Roman „Serotonin“

: „Die grausamen Märchen der Paula Rego“. Ausstellung im Musée de l‘Orangerie, Oktober 2018-Januar 2019. Die portugiesische Künstlerin Paula Rego (*1935) hat schon in den 1980ern die menschlichen Abgründe des Landlebens in Szene gesetzt wie sie Michel Houellebecq in seinem Roman „Serotonin“ 2019 wieder aufnimmt.

„Viel Lärm um das Nichts“, könnte man diesen druckfrischen Roman des französischen Autors Michel Houellebecq überschreiben. Mit „Serotonin“ hat er ein dekadentes Lesevergnügen passend zu einer Epoche geschaffen, die zwischen „alternativlosem Ennui“ der sogenannten Eliten und rebellischer Verzweiflung der von ihnen ignorierten  „Indignados“, zu deutsch etwa Wutbürger, oszilliert.

Erstaunlich an dieser manchmal ironischen, manchmal wütenden, manchmal melancholischen, oftmals bissig-scharfen Lektüre ist, dass sie überhaupt existiert. Da setzt sich einer hin, und schreibt weiter, langsam, gemächlich, routiniert. Entsprechend gibt sich sein Protagonist jeden Tag aufs Neue seiner Alltagsroutine hin: eine halbe Tablette Anti-Depressiva der neusten Generation, 2 bis 3 Zigaretten und eine Tasse scharzen Kaffees aus einer Kaffeemaschine, die zu seinem Erstaunen überraschend schnell und effizient dieses Getränk bereitet.

Jetzt scheinen sowohl Autor als auch Protagonist bereit, den Widerwärtigkeiten des modernen Alltags zu begegnen. Doch trotz dieser angeblichen Gemeinsamkeiten stürzt der Autor ab diesem Moment seine Hauptfigur in eine unheilbare Melancholie angesichts des Verlustes einer großen Liebe und der Sinnlosigkeit, weitere Versuche des Scheiterns zu starten. Mit geradezu voyeuristischer Wollust begibt sich die nur wenig handelnde, von unzähligen Grübeleien gepeinigte Agrarökonom Florent-Claude auf die Suche nach dem schmerzfreien, „erfolgreichen“ Selbstmord.

Der Zeitraum zwischen Entschluss und Ausführung der Tat dient dem Autor dazu, genüßlich in seinem selbstverfassten Literatur-Archiv herumzuschmökern – wieder tauchen die Nudistencamps auf wie in „Ausweitung der Kampfzone“, die spanischen Urlaubsrefugien wie in „Lanzarote“, die Ausflüge in die Biochemie-Forschung wie in „Elementarteilchen“ – sowie ausführlich seine Lieblingsautoren der europäischen Weltliteratur in seine Geschichte zu verwickeln, allen voran Gogol‘s „Tote Seelen“.

Mit bekannter Schreibfertigkeit erzählt Houellebecq aber auch von den kruden, relativ aufwändigen Verfahren bei der Beantragung von Fördergeldern bei der EU oder der Zentralregierung in Paris, die angeblich dem Schutz der französischen Landwirtschaft dienen sollen in einem „mörderischen“ Auslöschungskampf des globalen Marktes. Und so erfahren wir, wie hochdotiert die Verträge für die Kopfgeburten dieser sogenannten Experten sind und wie nichts und niemand die Zerstörung der kleinen Landwirte und Unternehmer in den Weiten der französischen Landstriche aufhalten kann.

Mit Akribie bearbeitet der Roman eine einst bei Pariser Künstlern und Großbürgern hochgeschätzte Inspirations- und Erholungszone: die Normandie. Für Freunde der „Lebensart der Normandie“ aus Camembert-, Livarot- und Pont l‘Evêque-Käse, Cidre und Calvados bietet dieser Text erste Einblicke. Für Houellebecq jedoch steht die Region beispielhaft für den Niedergang einer einst prosperierenden französischen Provinz.

Einer der Höhepunkte des Romans bildet die „Zusammenrottung“ Barrikaden errichtender Milchbauern in der Nähe des idyllisch-elitären Küstenortes Deauville. Der aristokratische Anführer dieser von der Globalisierung ihrer Würde beraubten „Wutbürger“ – die derzeit als „Gelbwesten“ lautstark ihren Unmut in ganz Frankreich kund tun – katapultiert sich medienwirksam mit einer historischen Schußwaffe aus seinem bankrotten Viehbauern-Leben. Der Mut dieses Nachkommens eines Jahrtausende alten Geschlechts läßt den Protagonisten noch tiefer in seiner Depression versinken. Dass er selbst im Gegenzug nicht in der Lage ist, das Kind seiner einstigen Geliebten mit einer Jagdflinte aus dem Weg zu schaffen, zeugt gegen Ende des Romans von der großen Menschenliebe des oft als zynisch titulierten Autors Houellebecq.

Immerhin bleibt den Leserinnen und Lesern das Vergnügen, die politisch unkorrekte Sprachwahl, die Kraft- und Vulgärausdrücke bei der Beschreibung wenig erotischer Sexszenen bis hin zur Pädophilie und der intensive Einblick in die aktuelle französische „Malaise“ aus der Feder des bekanntesten „enfant terrible“ der französischen Literatur des 21. Jahrhunderts zu goutieren. Ronald Daus

Serotonin, von Michel Houellebecq. Aus dem Französischen. 336 S. 24 €. Dumont, Köln 2019. http://www.dumont-buchverlag.de

Die schwierige Kunst, ein Museum zu entkolonisieren. Zur Wiedereröffnung des „Musée royal de l‘Afrique centrale“ in Brüssel

„Reorganisation (Umstrukturierung)“, 2002, von Chéri Samba (*1956). Sammlung RMCA, HO.0.1.3865.

„Wenn wir die koloniale Vergangenheit mit heutigen Augen betrachten, können wir nur zu dem Schluß kommen, daß die Kolonisierung als System und Führungsmodell unmoralisch ist und daß wir uns völlig davon distanzieren müssen. Kein Land hat das Recht, ein anderes zu unterwerfen, denn kein Volk hat je darum gebeten, kolonisiert zu werden.“ Die Worte des Generaldirektors des als „AfricaMuseum“ wiedereröffneten ehemaligen „Königlichen Museum für Zentralafrika“ sind eindeutig. Das Bild, das das neugestaltete und erweiterte Museum  von seinem Schwerpunkt Zentralafrika – hier vor allem der von dem belgischen König Leopold II. erst als Privatbesitz beanspruchten Kongo, später vom Staat Belgien als Belgisch-Kongo verwaltete und ausgebeutete Kolonie – vermitteln will, soll in nichts mehr an seine mehr als 100jährige Geschichte erinnern.

Das in einem großen Park 1897 für die Weltausstellung erbaute schloßartige Gebäude wurde bereits 1910 unter Denkmalschutz gestellt und damit auch wesentliche Dekorelemente wie die mächtigen Deckengemälde mit dem königlichen Emblem oder die Statuen des Erbauers. Hier konnten lebende afrikanische Tiere und Menschen in ihrem angeblich natürlichen „Habitat“ bestaunt werden. Wenn in den Folgejahrzehnten die lebenden Exponate von Gipsnachbildungen abgelöst wurden, blieb der Tenor dennoch eindeutig: Belgien und Belgier haben sich als aufopferungsvolle Zivilisationsbringer im Kongo Verdienste erworben. Ihre Verfehlungen, ihre Gräueltaten wurden, wenn überhaupt erwähnt, als Kollateralschäden behandelt. Die Reichtümer des Kongobeckens – Gold, Rohstoffe, Holz etc. – gehörten nach dem Verständnis der Museumserbauer und -betreiber selbstverständlich denen, die sie sich zu erobern wußten.

Kostbare afrikanische und europäische Originale der frühen kongolesischen Kolonialgeschichte seit dem 15. Jahrhundert wie  das Original des Briefes des ersten christianisierten Kongo-Königs Afonso I. an den portugiesischen König João III. werden sorgfältig gehütet. Im Museum befindet sich auch das Archiv des Abenteurers  Henry Morton Stanley, der mit rücksichtsloser Gewalt große Teile des Kongobeckens für den belgischen König Leopold II. in Besitz nahm.

Mit der Neugestaltung, die vor allem eine medientechnische Aufarbeitung und Neubewertung der bereits vorhandenen Ausstellungsobjekte für die Besucher beinhaltet, bemühen sich die Organisatoren in Kooperation mit kongolesischen und Diaspora-Gruppierungen um ein allumfassendes Narrativ, in dessen Mittelpunkt die Aufarbeitung der gemeinsamen schmerzhaften Geschichte stehen soll.

Was dem Museum einen eher pädagogischen Anstrich verleiht, bildet sich in den angeschlossenen Forschungseinrichtungen zu den diese Region betreffenden Sprachen, Sitten und Gebräuchen der einzelnen Völker in fundierten Publikationen ab.

In der neu aufgenommenen Abteilung „Afropea“ kommen die Diaspora-Kongolesen zu Wort. Zentrales Ausstellungsobjekt in diesem Rahmen ist das Werk des Künstlers Freddy Tsima. „Ombres“, Schatten, projiziert auf die weißen Wänder unter die belgischen Namen die Schatten und Namen von Kongolesen, die während der Weltausstellung 1897 in ihren „afrikanischen Dörfern“ ums Leben kamen. Dazu stellt er einen der eisernen Wagen, der den Weg zwischen der Hafenstadt Matadi und Kinshasa bahnte, bei dessen Bau zahllose in die Zwangsarbeit verschleppte Kongolesen ihr Leben ließen.

Eine gewaltige Herausforderung für die Museumsmacher bleibt diese architektonisch und museumsorganisatorisch abgeschlossene Neustrukturierung in jedem Fall. Vielleicht hilft hierbei ein Blick genau auf diesen Kontinent Afrika, worin ja der Daseinsgrund des Museums begründet liegt. Denn dort diskutieren Intellektuelle, Künstler und Medienschaffende die „schöne neue afrikanische Welt“ in Werken wie „L‘Afrique qui vient“, „Afrotopia“ oder  „Écrire l‘Afrique Monde“. Für diese kosmopolitischen Weltbürger ist die Epoche der „Post-Dekolonisierung“ bereits eine Selbstverständlichkeit. Dazu zählt u.a. auch die Rückgabe und nicht die europäische Neubewertung afrikanischer Kunstwerke an afrikanische Museen  als Grundvoraussetzung eines Zukunftsdialogs „auf Augenhöhe“. Ursula Daus

AfricaMuseum, Tervuren bei Brüssel. Katalog: Unvergleichliche Kunst: Wunderbare Objekte des Königlichen Museums für Zentralafrika. 25 €  http://www.africamuseum.be

„Nautische Werke“ von Jacques Devaulx. Ein Luxusobjekt, in dem sich auf geniale Weise „Bild“ und „Bildung“ vereinen.

Detail aus der Gebrauchsanweisung für die Volvelle namens „Gezeitenuhr“. Karte der Atlantikküste zwischen Nordfrankreich und Portugal mit Angaben zur Bestimmung der Gezeiten. Folio 25r, aus: Les Premières Œuvres de Jacques Devaulx, 1587.

Mit dem Faksimile-Druck und der wissenschaftlichen Aufarbeitung der „Nautischen Werke“ (1587) des aus Le Havre stammenden Ersten Lotsen und Steuermann Jacques Devaulx (1555?-1597) übertrifft sich der Taschen-Verlag erneut in Auswahl, Ausstattung und Präsentation eines historischen europäischen Werkes. Devaulx hatte nach einer Erkundungsfahrt über den Atlantik von Le Havre aus Brasilien, die Karibik, die Küste Amerikas bis nach Labrador bereist. Seine Kenntnisse über Längen- und Breitengrade, Gezeiten, Meßinstrumente, Volvellen, Kosmografie hatte er unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Kartographie in seinem nautischen Welt-Handbuch untergebracht. Doch er begnügte sich nicht mit der Darstellung simpler Fakten. Er stattete sein Werk opulent mit Zierbuchstaben und Illustrationen aus. Denn Jacques Devaulx, der normannische Kartograph, galt als einer der her-ausragenden Repräsentanten der französischen Hydrographie-Schule, der sogannenten „Schule von Dieppe“, die auch nach der Erfindung des Buchdrucks ihre Werke handschriftlich auf kostberen Papieren fertigten.

War das prachtvolle Original nur Königen, Herzögen und ihrer Entourage zugänglich, dürfen heute gewöhnliche Sterbliche dieses einstige „Luxusobjekt“, in dem sich auf geniale Weise „Bild“ und „Bildung“ vereinen, betrachten und besitzen. Ronald Daus

Nautical Works. Œuvres Nautiques. Nautische Werke, von Jacques Devaulx. Faksimile. 264 S. Farb- und s/w-Abb. 100 €. Taschen, Köln 2018. http://www.taschen.com

 

Mickalene Thomas: „Femmes Noires“ in der „Art Gallery of Ontario“, Toronto.

Portrait of Maya #10, 2017, von Mickalene Thomas. Strass, Siebdruck und Acryl auf einer auf Holzplatte gezogenen Leinwand, 96 x 84 Zoll.
Private Collection, Toronto.© Mickalene Thomas / SOCAN (2018).

Die afro-amerikanische Künstlerin Mickalene Thomas (*1974) wird in der „Art Gallery of Ontario“ in Toronto sowie im „Contemporary Arts Center“ in New Orleans mit einer großen Solo-Ausstellung ihrer wichtigsten Werke gewürdigt. Mickalene Thomas provoziert seit mehr als zwei Jahrzehnt ihr Publikum mit Inszenierungen, die sich immer weiter in von der Kunstgeschichte sanktionierte Werke vorwagen. Ölmalerei, Strass, Siebdruck, Fotografie oder Mischtechniken zeigen schwarze Frauen in den Posen der großen europäischen Meister. Meist ist die Künstlerin Selbstdarstellerin in ihren Tableaus, wie bei der Revision des berühmt-skandalösen „Origine du Monde“ (1866) von Gustave Courbet. In „Origin of the Universe“ (2012) inszenierte Thomas sich selbst als „Ursprung der Welt“ und lieferte davon auch gleich mehrere Versionen in unterschiedlichen Herstellungstechniken. In ihrer Serie „Maya“ dient die „Nackte Maja“ des 1795–1800 entstandenen Ölgemäldes von Francisco José de Goya als Model. Können, Witz, Ironie und Mut zeichnen diese engagierte Künstlerin aus.

Solo-Ausstellung bis 24. März 2019 in der „Art Gallery of Ontario“, Toronto. Weitere Informationen unter: http://www.ago.ca

 

Geschichten aus Tausend und einer Ölquelle

„Baku ist größer als jede andere Erdölstadt der Welt. Wenn das Erdöl König ist, ist Baku sein Thron…“, schrieb J.D. Henry im Jahr 1905. Der Erdölreichtum sowie die Existenz der Stadt Baku am Kaspischen Meer sind seit mehr als zwei Jahrtausenden belegt. Dort wo das Öl direkt aus dem Boden sprudelte, etablierte sich der Kult des Zarathustra, der bis heute fortbesteht. Doch mit der Ausbeutung dieser Naturressource ab Mitte des 19. Jahrhunderts in bis dahin ungekanntem Ausmaß machte auch die Stadt Baku einen qualitativen Sprung. Die „Erdölbaron-Stadt“ (1870-1918) entstand mit ihren stark ausdifferenzierten urbanen Teilen aus der „Schwarzen Stadt“ mit Bohrtürmen, Raffinerien und Arbeiterwohnungen und der „Weißen Stadt“ mit ihren Großbürgerhäusern, Kultureinrichungen und „Bulevars“. Ihr folgte die „Erdölstadt des sozialistischen Menschen“ (1920-1991) nach der Machtübernahme der Sowjets über diesen wichtigen Produktionsstandort mit sozialistischen Stadtexperimenten und neuen Technologien. Zwischen 1991 und 2012 richtet die Autorin den Blick in die Zukunft ohne Erdöl. Welche Auswirkungen wird diese relativ unsichere Entwicklung auf die Stadtplanung und die Lebensqualität ihrer Bewohner haben?

Mit zahlreichen Stadt- und Entwicklungsplänen, teilweise aus bisher verschlossenen sowjetischen Archiven, werden die einzelnen Phasen dieser Boom-Town des 19. bis 21. Jahrhunderts erörtert. Die wichtigsten Etappen einer Neuplanung im 19. Jahrhundert durch die Brüder Nobel, die sowjetischen Expansionspläne weit über die Stadtgrenzen hinaus in die Förderregionen der Abscheron-Halbinsel, die den historischenTempel des Zarathustra einkreisten  und ihm seine natürlichen Ölquellen abgruben (seine Feuerstellen werden heute durch künstlich zugeführtes Öl am Brennen gehalten), bis zu den märchenhaft-futuristischen Architektursolitären und der gentrifizierten Verbindung zwischen der einst „Weißen“ und „Schwarzen“ Stadt läßt sich bis ins kleinste Detail nachvollziehen.

Dass für die expansive Metropole nicht immer alles nach „Plan“ lief, zeigten die ständigen, bei der Bevölkerung oft umstrittenen Abriß- und Neubauphasen in Aufbau- und Niedergangsepochen. Doch noch immer herrscht – wie im 19. Jahrhundert – eine kosmopolitische Grundstimmung in dieser Vielvölkerstadt mit enormen Einkommens-, Kultur- und Glaubensunterschieden. Dank ihrer relativ toleranten Haltung reüssierte die Metropole bereits in ihrer eklektizistischen Phase und hat sich mit einer extremen Formensprache mit ihrer neo-eklektizistischen Phase in die Topliste der Mega-Metropolen des 21. Jahrhunderts wie Dubai, Singapur oder Astana katapultiert.

Diesen hochspannenden Weg nachzuzeichnen gelingt Eva Blau in ihrem Band „Baku. Oil and Urbanism“ mit leichter Hand und zahlreichen historischen und aktuellen Fotografien. Alex Westwood

Baku. Oil and Urbanism, von Eva Blau, mit einem Fotoessay von Ivan Rupnik. 302 S. Karten, Pläne, Index, Bibliographie. 48 €. Park Books, Zürich 2018. http://www.scheidegger-spiess.ch

 

Über das Meer hinaus

Doppelseite aus dem Tagebuch des norwegischen Matrosen Daniel Trosner (1685-1741) von 1710

Mit der Ausstellung „Europa und das Meer“ hat sich das Deutsche Historische Museum in Berlin ein wahrhaft gigantisches Thema gewählt. Unter der Prämisse, daß Europa, „gemessen an Küstenlänge und Gesamtgröße mehr Berührungspunkte mit dem Meer“ habe als jeder andere Kontinent, wird die Bedeutung des Meeres als Motor für die europäische Entwicklung über mehrere Jahrtausende untersucht. Von mythischen Vorstellungen hin zur tatsächlichen Seefahrt, der Herrschaft über die Meere, dem Künstenhandel, Sklavenhandel sowie der Meeresforschung reicht das Spektrum des mit archäologischen Funden, historischen Dokumenten und digital-animierten Inszenierungen belegten „Sehnsuchtsraums“.

Europäische Weltherrschaft wäre ohne die Erforschung der sich über den gesamten Globus ausbreitenden maritimen Verkehrswege undenkbar gewesen. Und dennoch sind es heute die risikobereiten Bewohner der Küsten Amerikas, Arabiens, Afrikas, Indiens, Asiens oder Australiens, die die einst von den Europäern kontrollierten Meeresstraßen befahren und den daraus profitträchtigen Handel für sich beanspruchen.

Dass der Alltag auf den diese oftmals wilden Gewässer durchpflügenden Schiffen immer eine besondere Herausforderung für die Besatzungen darstellte, ist  hundertfach dokumentiert worden. Daß sich daran auch im 21. Jahrhundert wenig geändert hat, sieht man an der noch immer niedrigen Wertschätzung der Seeleute, die für ein geringes Salär ihr Leben im Kampf mit den Elementen und für den Profit einiger Weniger riskieren. Dennoch schafften es manche unter diesen „Männern aus Eisen“, die „auf Schiffen aus Holz“ fuhren, ihre Eindrücke, Erlebnisse und Überlegungen in kunstvoll gestalteten Schrift- und Bildseiten festzuhalten, wie die Doppelseite aus dem Tagebuch des norwegischen Matrosen Daniel Trosner (1685-1741) von 1710 bezeugen.

Weitere Themenschwerpunkte sind die Nutzung und Ausbeutung von Meeresressourcen, Umwelt und Klimafragen sowie die erneut in den Fokus gerückte Flucht und Migration über das Meer nach Europa.

Bezüglich Malerei und Literatur bleibt die Ausstellung seltsam verhalten. Die ausgewählten Gemälde deutscher oder anderer europäischer Maler erzählen von einem düsteren Wellental, von gänzlich bekleideten Strandurlaubern, wo nur Erich Heckels nackten „Badenden an der Förde“ von 1913 einen Kontrapunkt bilden. Aber auch hier wirkt der Himmel bedrohlich, von dunklen Gewitterwolken überzogen, und die Strandflora vom aufkommenden Winde verweht. Tamara Pracel

Europa und das Meer, Katalog zur Ausstellung (bis 6.1.2019). 448 S., 415 Abb. 39,90 €. Hirmer, München 2018. http://www.hirmerverlag.de

Eindrucksvolle Eigenständigkeit: Der „Modernisme“ in Mallorca

 

Villa in Gènova im mallorquinischen Modernisme.
Foto R & U Daus, 2018

Der modernisierende Architekturstil um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert brachte in den Großstädten Europas wie Barcelona, Wien, Paris, Glasgow, Brüssel, London, St. Petersburg oder Riga hervorragende Beispiele eigenständiger Varianten des Bauens hervor. Im Zuge der Industrialisierung Europas setzten die Architekten für Wohn- und Geschäftsgebäude auf eine lokale Formenvielfalt, die auch künstlerischen Ansprüchen genügen sollten. Auch wenn diese Architekturausprägung jeweils einen eigenen Namen erhielt – in Österreich waren es die „Wiener Sezessionisten“, in Deutschland der „Jugendstil“, in Frankreich und Belgien das „Art Nouveau“, in Italien der „stilo liberty“, in Schottland und England der „Modern Style“ – war den Gestaltern in erster Linie die Rückkehr des handwerklich-künstlerischen Arbeitens ihrer Zunft ein Anliegen.

In Katalonien bildete sich so der „Modernisme“ heraus, dessen berühmtester Vertreter Antoni Gaudí i Cornet (1852-1936) wurde. Er engagierte sich in Mallorca jedoch nicht als Architekt, sondern als Künstler. Er schuf eine eigenwillige Interpretation der Kreuzigung Christi für die Kathedrale von Palma und entwarf ein eher traditionell ausgerichtetes Mosaik vor dem Eingangsportal (1904-1910).

Den eigentlichen Beginn des mallorquiner „Modernisme“ findet man in der ersten Phase der Entwicklung des Tourismus auf der Insel. Berühmtestes Beispiel für diesen Baustil wurde somit ein Gebäude der touristischen Infrastruktur: das „Gran Hotel“ (1903) an der Plaça Weyler, außerhalb der Altstadt, mitten im Zentrum der neugeschaffenen Geschäftsstadt. Sein Architekt war der aus Barcelona stammende Lluís Domènech i Montaner (1849-1923). Noch fehlte den einheimischen Baumeistern nach Ansicht der Investoren anscheinend die ausreichende Erfahrung für ein derartiges Großprojekt. Die eher mit historizistischem Dekor und Fayencen überladene Fassade läßt wenig ahnen von der Finesse im Inneren des Gebäudes. Die Ausstattung der Zimmer und Suiten entsprachen dem allerneuesten Stand in Design und Technik. 70 Jahre später stand das Gebäude verlassen da und wurde erst 1993 unter großem Aufwand denkmalgerecht renoviert und in ein Kulturzentrum verwandelt.

Mit dem Bau des „Gran Hotel“ veränderte sich jedoch auch die Auftragssituation für die mallorquiner Architekten. Außerhalb Palmas entstanden neue Sommerfrischen wie etwa in Cala Mayor oder Gènova. 1906 eröffnete das Hotel „Príncipe Alfonso“, erbaut nach einem Entwurf des aus Palma stammenden Architekten Gaspar Bennássar (1869-1933). Das Gebäude besteht aus mehreren, voneinander unabhängigen Bauteilen. Der Fassadenschmuck reicht von bäuerlichen Fayencen bis zu Imitationen von Ziegeldekor und Arabesken aus der Alhambra in Granada.

Fassadendetail des Hotel „Príncipe Alfonso“, 1906 erbaut und aktuell vom Abriß bedroht.
Foto R & U Daus, 2018

Den Hotelbauten folgten Privatvillen im nun anerkannten „mallorquischen“ Stil. Die meist zweistöckigen Gebäude besaßen breite Fensterfronten mit reichem Außendekor, einen kleinen, minarettartigen Turmbau mit offener Veranda und reichverzierten eisernen Gartentoren. Palmen und Blütenbüsche sollten ein idyllisches Ambiente vortäuschen in den sehr eng bebauten, teuren Grundstücken. Die meisten dieser architektonischen Kleinode wurden für 20stöckige Apartmentblöcke abgerissen. Nur noch einige wenige haben, sorgfältig renoviert, dem Tourismus- und Bau-Boom widerstanden, der die Insel Mallorca seit mehr als 40 Jahren heimsucht.                                         Ursula Daus

Weiterführende Literatur: Tomàs Vibot, El Modernisme a Mallorca. Guia per a una descoberta, El Gall Editor, Pollença 2014. http://www.elgalleditor.com

 

Foto©Sebastian Copeland/Courtesy of CAMERA WORK

 

Im Ewigen Eis? Fotografien von Sebastian Copeland in Berlin

Bis 1. Dezember 2018 zeigt die Galeire CAMERA WORK in extremen Großformaten eine Auswahl von Fotografien des New Yorker Fotografen Sebastian Copeland (*1964). Er hat sich nach einer Karriere als Musikvideo-Regisseur und Fashion-Label-Fotograf ganz auf die Abbildung der eisigen Polarkappen oder auch der Eiswüsten Grönlands spezialisiert.

Voraussetzung für diese Annäherung an einen sich permanent verändernden Naturzustand sind offensichtlich ein im Extremsport gestählter Körper und der Mut, ihn den Herausforderungen solcher Expeditionen zu opfern. Das Ergebnis ist in Berlin zu bestaunen. Seine Naturbilder, die in ihrer Vollendung an die abstrakten Idealformen der Geometrie erinnern, belegen einmal mehr, daß die Grundlage allen geistigen Fortschritts das Vorhandensein unserer tatsächlichen Umwelt darstellt. Nur so kann sich auch die Menschheit weiterentwickeln. Ist diese Grundlage zerstört, werden den Menschen die natürlichen Vorbilder zu genialen Zukunftsideen abhanden kommen.

Sebastian Copeland nutzt seine weltumspannende Bekanntheit, um auf die konkrete Gefahr der Zerstörung dieser besonders anfälligen Erdregionen durch den Klimawandel aufmerksam zu machen.                                         red

Sebastian Copeland. Bis 1. Dezember 2018 bei CAMERA WORK, Berlin. http://www.camerawork.de