20 Jahre „Mare – Zeitschrift der Meere“

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mare No. 101, 2013. Es war einmal in Sibirien. Tiksi, einst ein wichtiger Hafen an Russlands arktischer Küste, ist heute eine Stadt im Niedergang. Foto©Evgenia Arbugaeva

Der großformatige Jubiläumsband zeigt Fotografien aus 20 Jahren mare-Reportagen. Offensichtlich scheint die „einzigartige Perspektive vom Meer her“ zu belegen, daß für Menschen, die am Meeresrand oder von ihrer Arbeit mit und auf dem Meer leben,  in unserer Gesellschaft kein wirklicher Platz mehr ist. Es handelt sich bei den ausgewählten Protagonisten fast ausschließlich um „Randexistenzen“: Bedrängte, Abgehängte, Aussteiger, Vertriebene, Flüchtlinge, Wartende, Vergessene oder nostalgisch einstiger Größe Nachtrauernde. Krank und elend, arm und bedürftig leben sie von dem, was das Meer anschwemmt oder gerade noch zum Überleben bereit hält – sei es von Leichenknochen oder  bedrohtem Meeresgetier. Ein Lächeln blitzt nur ab und an auf den Gesichtern sehr junger Frauen auf, die im Trostspenden an einsame Seeleute ihr Glück an diesen oftmals weltverlorenen Orten suchen.

Beeindruckend schön und beeindruckend melancholisch!                                     red

mare. Fotografien aus 20 Jahren, hrsg. von Nikolaus Gelpke. 320 S. Leineneinband mit Schmuckschuber. Nummerierte Auflage. 89 €. mareverlag, Hamburg 2017

Literarisches Zirkeln

shulman2Die Neuauflage des Mammut-Foto-Bandes über den Fotografen Julian Shulman (1910-2009) mit 1008 Seiten in drei Bänden ist das gelungene Spiegelbild einer optimistischen Epoche aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, von 1939-1981.

„Modernism Rediscovered“, die Wiederentdeckung einer Moderne-Variante, nämlich derjenigen der US-Westküste, verführt mit klaren Linien, fröhlichen Farbkombinationen, viel Licht, Luft, Sonne und Natur, so wie sie von den Urvätern der Modernen Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa angedacht war. Aus 260 000 Fotos, vor allem Werbeaufnahmen für die entsprechenden Bauten, wurden 1000 Fotos von 400 Gebäuden ausgewählt. Wie ein roter Faden durchziehen die herausragenden Flachbauten des Richard J. Neutra die drei Bände. Er hatte den jungen Fotografen Shulman sozusagen „entdeckt“.

Kühle Glasfassaden-Transparenz im heißen Wüstenklima, vor endlosen Hügellandschaften oder an kaltblauen Ozeanen – das ist Minimalismus gepaart mit hoher Baukunst. Die wenigen, artifiziell drapierten menschlichen Figuren erscheinen wie Relikte einer anderen Ära neben und in dieser puristischen Geometrie.

Der Betrachter vergißt schon nach Durchsicht von Band 1, daß Architektur auch Historizismus, geschmackliche eklektizistische Entgleisungen oder gar monotone Betonplattenbauten sein könnte. Materialien wie Stahl, Glas oder Aluminium sind de rigeur.

Die nur spärlich mit Designer-Mobiliar ausgestatteten Wohn-, Schul- oder Bürogebäude verstetigen den Eindruck: hier gilt dem Kunstwerk die gesamte Aufmerksamkeit.

Der Shulman-Foto-Style beeinflußt und fasziniert bis heute die Architekturfotografie – meist ohne den Meister je zu erreichen! Alex Westwood

Julian Shulman. Modernism Rediscovered (2000), hrsg. von Benedikt Taschen, et.al. 1008 S. zahlreiche Fotografien. Deutsch-Englisch-Französisch. 99,99 €. Taschen, Köln 2016

Vom Glück im Fremdsein

Wie bewältigt man Schicksalsschläge, die einen unerwartet treffen, sei es der Verlust eines geliebten Menschen, der kostbaren persönlichen Freiheit oder die zunehmende Verlorenheit in der eigenen Kultur?

Eine Möglichkeit besteht darin, sich in die Fremde zu begeben, sei es in der Nähe, in das noch immer seltsam unanmutende polnische Nachbarland, sei es in die weitentfernten exotischen Landstriche Ostasiens. Um den Fremdheitsgrad weiter zu steigern verlegt man die Glückssuche tief ins Historische.

In zwei so unterschiedlich erzählten Romanen wie Christoph Ransmayrs „Cox oder der Lauf der Zeit“ und Andreas Rosteks „Parallelen mit Hund“ balancieren beide Autoren in gekonnter Weise und mit hoher Sprachfertigkeit auf dieser Suche nach dem Glück im Fremdsein.

Ransmayer‘s Protagonist Alister Cox, ein berühmter englischer Uhrmacher nimmt, von tiefer Trauer um seine jungverstorbene Frau gezeichnet, die Einladung des chinesischen Kaisers an. Dieser bittet ihn, Zeitmesser nach den Vorstellungen seiner Träume und Allmachtssehnsüchte zu fertigen. Die Anforderungen des Kaisers kulminieren in der Aufgabe, eine Uhr herzustellen, die die Dauer der Ewigkeit messen kann.

Angesichts dieses auch für einen hochbegabten Feinmechaniker fast unmöglichen Auftrags verblasst die Erinnerung an die geliebte Verstorbene, aber auch an die Heimat. Cox spürt seine Lebensfreude wiederkehren in der täglichen Konfrontation mit einem von der Willkür dieses Kaisers abhängigen Lebens. Denn sollte er scheitern, droht auch ihm ein schnelles, schreckliches Ende, wie er es tagtäglich am kaiserlichen Hof vollstreckt sieht. Dem Autor scheint sein Protagonist jedoch so ans Herz gewachsen zu sein, dass er durch ihn das Unmöglich möglich werden läßt – die Messung der Dauer der Ewigkeit. Cox reist mit hoher Belohnung und voller Lebensfreude zurück in die Heimat.

Andreas Rosteks Protagonisten, der Pole Tomasz und der deutsche Jakob, in der Novelle „Parallelen mit Hund“ wirken gegenüber diesem von seinem Können beseelten englischen Kunsthandwerker Cox wie zwei zufällig ins gleiche Universum versetzte traurige Gestalten. Nicht einmal in ihren Erinnerungen sind sie sich sicher. Die finden sich akkurat nur in den Köpfen all die Schicksalsläufte dieses Romans begleitenden Hunde zwischen dem Osten und Westen Europas.

„Parallelen mit Hund“, also parallel verlaufende historische Ereignisse, die sich nur im Unendlichen treffen könnten, treffen sich am Ende des Romans dennoch. Vorab müssen die Leser jedoch erneut die gnadenlose europäische Geschichte aus jahrhundertealter Verfolgung, Unterdrückung, Willkür bis hin zum Massenmord an den europäischen Juden „durchstreifen“. Ja, doch, durchstreifen, wie ein Hund auf der Fährte eines gejagten Tieres, wie ein Streuner, auf der Suche nach Fressbarem, wie ein Wachhund, auf der Pirsch nach Eindringlingen.

Von Hamburg bis ins einstige Herzland Polens, nach dem berühmten Renaissance-Städtchen Zamosc (heute nahe der polnisch-ukrainischen Grenze) führt die Spur, die die Hunde verfolgen – und der Autor mit Erinnerungen, Erzählungen und Träumen anfüllt. Und immer sind diese Erinnerung auch und vor allem von unzähligen blutigen Unrechtstaten angereichert. Sollten die Menschen sie auch vergessen haben, die Hunde werden diese nicht los. Überall lauert ihr Geruch, jede Straßenecke, jede Hauseinfahrt, jede Fußbodendiele hält sie für die guten Spürnasen parat.

Für die beiden Protagonisten, den einstigen Häftling Tomasz, und seinen ihn unwissentlich aus ideologischer Dummheit an die polnische Staatssicherheit verratenden deutschen Schicksalsgenossen Jakob, gibt es manchmal die Erlösung im Vergessen. Dazu benötigt es jedoch die Reise ins Fremde: Jakob bei einem Besuch im schönen Zamosc, Tomasz in den kabbalistischen Berechnungen alter jüdicher Schriften, die er in der zur Bibliothek umfunktionierten alten Synagoge in Zamosc wiederfindet.

Europäische Geschichtsschreibung aus Hundeperspektive – welch eine gelungene literarische Volte! Ursula Daus

Cox oder Der Lauf der Zeit, von Christoph Ransmayr. Roman. 304 S., 22 €. S. Fischer, Frankfurt am Main 2016

Parallelen mit Hund. Eine Novelle aus Zamosc, von Andreas Rostek. 160 S. 16,80 €. edition.fotoTAPETA, Berlin 2016

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wolters
Cover der Neuausgabe von Rudolf Wolters „Spezialist in Sibirien“ von 1936.

Auch ein deutscher Architekt, Rudolf Wolters, suchte sein Glück in der Fremde. Während seine berufliche Perspektive in Deutschland im Jahr 1932 aussichtlos schien, nahm er das einzige Angebot an, das ihn erreichte. Er verpflichtete sich als Experte für Fernbahnhöfe in Sibirien mit einem Vertrag des Volkskommissariats in Moskau. Sein nach mehr als 80 Jahren wieder veröffentlichter Reisebericht von 1933 wird von dem Architekturhistoriker Jörn Düwel mit einer den historischen Rahmen aufzeigenden Einführung eingeleitet. Faksimile-Briefe von Rudolf Wolters an seine Familie sowie zahlreiche Abbildungen ergänzen diesen ersten Teil.

Der zweite Teil des Bandes gibt den Originaltext von Wolters „Spezialist in Sibirien“ wieder, begleitet von den Original-Zeichnungen von Heinrich Lauter. Nach einem nur kurzen Aufenthalt in Moskau führt die Reise direkt zu seiner neuen Arbeitsstelle „Nach Sibirien“: „Von einer Armee Wanzen übel zugerichtet war ich schon früh auf den Beinen… Ich merkte bald, daß die Herren Genossen überhaupt nicht sonderlich Bescheid wußten.“

Er wurde als „Bahnhofsarchitekt“ nach Nowosibirsk verschickt, das ihm wie ein sibirisches Chicago erschien. Doch statt Aufbruch herrschte überall Mangel. „Verwirrung“, „Leben und Sterben“ heißen die folgenden Kapitel. Doch nach vielerlei bürokratischen Parteiquerelen und Zuständigkeitsstreiterein erhielt er endlich die herbeigesehnten „Projektarbeiten“: eine Hochschulsiedlung für 10 000 Bewohner und ein Eisenbahnerstädtchen. Die Beschwernisse wollten nicht enden: „Denn noch während ich die vorgeschriebenen, dreigeschossigen europäischen Steinhäuser projektierte, sah ich zu meinem Leidwesen, daß ohne jede Rücksicht daruaf auf der Baustelle weiter lustig die elenden Holzbaracken aufgestellt wurden.“

Wolters Beobachtungen umfassten den gesamten Arbeitsalltag eines ausländischen Spezialisten Anfang der 1930er Jahre in der Sowjetunion. Schon wenige Monate nach seiner Ankunft in Nowosibirsk wurden auch den Ausländern die Lebensmittelrationen gekürzt. Wie viele seiner euphorisch angereisten Artgenossen verstand er die unterirdischen Wege der „Beschaffung“ in diesem System nicht und war auf die offiziellen Zuweisungen angewiesen. Doch auch die nach und nach erlangte Kenntnis über diese Parallelwirtschaft änderte nicht viel an seinen Entbehrungen. Innerhalb nur weniger Wochen stiegen die Preise um fast das Doppelte. „Wir erhielten statt 3 Kilo Butter nunmehr nur eineinhalb im Monat… Milch und Eier bekamen nun auch wir Ausländer nicht mehr…“

Seine Zweifel nahmen zu: „Der Diktator war wohl geachtet, aber seine Provinzkommandeure… gehaßt wie gefürchtet.“

Die Sowjetunion, die vielen deutschen Kommunisten und Arbeitslosen dieser Zeit als eine „Paradies“ erschienen war, kehrten enttäuscht zurück: „Manch deutscher Kommunist war mit fliegenden Fahnen ins Arbeiterparadies gekommen – jetzt wußte er, wo die Hölle war.“

Klarsichtig notierte Wolters kurz darauf: „Der erste Januar 1933 sollte die dreifache Verbesserung des Lebensstandards bringen – so hatte es Stalin, der unfehlbare Führer, versprochen. Im Glauben an die Erfüllung dieses Versprechens hatten 160 Millionen Proleten die Hungerjahre ertragen. 160 Millionen Proleten warteten auf die Erfüllung. Es kam anders.“

Ende Februar brach in Nowosibirsk der Flecktyphus aus. „Wohl wußte ich, daß es viel Krankheiten in Rußland gab, die ich von Deutschland her nur dem Namen nach kannte. Allen voran der Bauchtyphus im Sommer, gegen den ich aber durch Spritzen geschützt war. Es gab auch viel Malaria, es gab Cholera und ab und zu ein paar vereinzelte Pestfälle. Aber das schlimmste, von dem ich bisher überhaupt kaum gehört hatte, war der Flecktyphus.“

An Arbeit war nicht mehr zu denken. Rudolf Wolters bereitete seine Rückkehr vor über die Hungersteppe Kasachstans, die zentralasiatischen Republiken Usbekistan, Tadschikistan, das Kaspische Meer mit der Ölmetropole Baku.

Das frühlingshafte Moskau empfing ihn mit bürokratischer Schikane, noch mehr „Sklavenarbeit“ und leeren Schaufenstern, Wer leben wollte, mußte seine letzten „Goldreserven“ opfern. Nur gegen Gold erhielt man begehrte Waren.

In einem 3. Klasse-Abteil trat Wolters die Rückkehr nach Deutschland an.

Immerhin wartete dort der Erfolg auf ihn. Seine Reiseerzählung wurde mehrfach aufgelegt, ins Schwedische und Japanische übersetzt. Wolters wurde zum engsten Mitarbeiter seines Studienkollegen Albert Speer.

Das Projekt „Neue Städte für Stalin“ hat mit der Neuausgabe von Rudolf Wolters „Spezialist in Sibirien“ ein Kleinod aus den Ruinen der untergegangenen Sowjetunion gehoben. Ronald Daus

Neue Städte für Stalin. Ein deutscher Architekt in der Sowjetunion, mit einer Neuausgabe von Rudolf Wolters „Spezialist in Sibirien“, hrsg. von Jörn Düwel. 212 S., Faksimile, Literaturverzeichnis. 28 €. DOMpublishers, Berlin 2015

Literarisches Zirkeln

„I muri“, sie ist tot. Obwohl der erste Satz dieses bemerkenswerten Romans über die Musik und Kämpfe der Entkolonisierung Guinea-Bissaus eine Schlußpunkt unter dieses Kapitel Zeitgeschichte setzt, liest man mit wachsendem Interesse und Zuneigung entlang der verschlungenen Lebenspfade der Protagonisten dieser Epoche.

Die Band „Super Mama Djombo“ und ihre Musiker, allen voran eine verführerische und begabte Sängerin, gab es tatsächlich (im Internet lassen sich die alten Songs bei youtube nachhören). Auch ihre Nachfolger sind real. Selbst die von verehrten Befreiungskämpfern gegen die Portugiesen zu widerlichen Aasgeiern an dem armen, nun unabhängigen Land aufgestiegenen Politiker und ihre Hintermännern sind keine „fake news“. Nur der charismatische Gitarrist Couto und seine Liebe zur Bandsängerin Dulce sind angeblich frei erfunden.

Ein wunderbar erzähltes Stück Weltgeschichte aus einer unbeachteten Ecke des Globus, am Rande des afrikanischen Kontinents, gespickt mit Lokalkolorit und voller musikalischer Melancholie wie sie nur das Zusammenwirken afrikanischer Wurzeln und portugiesischem Fado möglich sein konnte.Tamara Pracel

Ein Lied für Dulce, Roman von Sylvain Prudhomme. Aus dem Französischen. 224 S., 16,99 €. Unionsverlag, Zürich 2017

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Mexiko City einmal ganz ohne blutige Gewaltexzesse möchte uns die Romanerzählung „Ich verkauf dir einen Hund“ andrehen, verfaßt von dem 1973 geborenen Schriftsteller Juan Pablo Villalobos. Um sein Anliegen auch glaubhaft oder wenigstens wahrscheinlich zu machen, wählt er ein nicht mehr ganz junges Wohngebäude mit einer nicht mehr ganz intakten Infrastruktur, wie einem störungsanfälligen Aufzug, und einer ebenfalls nicht mehr ganz zuverlässig funktionierenden Hausgemeinschaft. Sie besteht vor allem aus hochbetagten Senioren und einigen wenigen, sich im künstlerischen Milieu betätigenden Nachwuchs-Revolutionären. So mischt der Autor – wie in einem noch nicht am Markt erprobten Fruchtjoghurt – Auseinandersetzungen um Adornos „Ästhetische Theorie“ mit den „geheimsten“ Geheim-Rezepten von Tacos, u.ä.. Seine aufgrund Altersschwäche sich dezimierende, durch Neuzugänge jedoch immerhin weiterexistierende Protagonisten-Crew trifft sich im hausinternen Literaturkreis  Er tagt mangels geeigneter Räumlichkeiten im Hausflur und übt damit auch gleichzeitig die Kontrolle über das gesamte Haus aus. Dieser literarische Zirkel dient wohl dazu, den sehr dünnen Kern dieser Erzählung aus „Sprüchen“ und „internen mexikanischen Witzen“ mit ausufernden Charakterisierungen seines Personals etwas anzudicken. Mit dem Werbeflyer „Vielen Dank. Aber ich lese und schreibe keine Romane“, der wohl einer der markantesten Gecks des Autors darstellt, ist auch dieser Text auf den Punkt gebracht. Corinna Rohloff

Ich verkauf dir einen Hund, Roman von Juan Pablo Villalobos. 256 S. 24 €. Berenberg, Berlin 2016

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Im Vorgriff auf den Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2018, Georgien, bietet der Hans Schiler Verlag einen ersten Vorgeschmack mit Anna Kordsaia-Samadaschwilis „Wer hat die Tschaika getötet“.

Schon in den ersten Zeilen ist die Kapitale Tiflis präsent mit ihren Großstadtroutinen aus Sonntagskirchgängern, Hundebesitzern oder verliebten Ehebrechern. Doch nur wenige Meter weiter erwischt es den Flaneur kalt: der Blick eines Kindes in ein altes Abrißhaus bringt die Leiche einer Frau zutage, deren lustvoll-zügelloses Leben Publikum und Polizei in Atem hält.

Das verbindende Element zwischen all den Unangepassten und Unbequemen dieser kaukasischen Metropole ist die Armut, der Schmutz, der Gestank, die miesen Verhältnisse und der gemeinsame Versuch, durch Phantasie und Wein und Gesang und Verkleidung und und und…all dem zu entkommen: mal nach Istanbul, mal nach Moskau und wieder zurück nach Tiblissi.

Eine ganz eigene Liebeserklärung an ein eigentümliches Gebilde, das noch nicht ganz im 21. Jahrhundert angekommen scheint.red.

Wer hat die Tschaika getötet?, Krimi von Anna Kordsaia-Samadaschwili. 168 S. Aus dem Georgischen. 16,80 €. Hans Schiler, Berlin/Tübingen 2016

Blutige Spuren

Von den Hethitern 2700 Jahre vor unserer Zeit bis zu aktuellen gewalttätigen Auseinandersetzungen verläuft die blutige Spur in dem türkischen Kriminalroman „Patasana – Mord am Euphrat“ (2000) von Ahmet Ümit. Ein Archäologenteam findet im Siedlungsgebiet der türkischen Kurden, einst Zentrum des Siedlungsgebiets der Hethiter, 28 Keilschriftplatten des Hofschreibers Patasana. Auf ihnen erzählt der Verfasser von Verrat, Blutrache, Massenmord und Vernichtung. Es fließt Blut in Strömen breit wie der Euphrat, der „Fluß des Lebens“; es rollen Köpfe und jeder Versuch, diesem „Lifestyle der Gewalt“ zu entkommen etwa durch eine herzzerreißende Liebesgeschichte, mißlingt.

Auch vor dem Arbeitsalltag des internationalen Archäologenteams, das kurz vor der Präsentation seines sensationellen Fundes steht, macht das blutige Treiben in der Region nicht halt. In der Nähe des Ausgrabungsortes geschehen mehrere unerklärliche Morde, in ihrer Grausamkeit und Nutzlosigkeit, sich an den Vorbildern früherer Jahrhunderte oder gar Jahrtausende orientierend. Niemand kennt den/die Mörder: waren es prokurdische „Freiheitskämpfer“, islamistische Terroristen aus den Nachbarländern oder einfach nur Racheakte alter Familienfehden?

Die Spur des Mordens führt bis in den Kreis der Archäologen selbst, und es zeigt sich, daß das sinnlose Töten als intellektueller Aufklärungsakt seinen Widerhall findet.

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Noch extremer läßt der kurdisch-irakische Autor Bachtyar Ali in seinem Roman „Der letzte Granatapfel“ (2002) seine Figuren agieren. Normalität bedeutet in seiner Heimat „Kurdistan“ Kampf und Widerstand, Gefangenschaft und Folter, Krieg und Tod.

Der Protagonist seines Romans, ein einstiger Revolutionäer, opfert sich für seinen Anführer im Kampf gegen einen ungenannten Diktator, wobei es sich hier wohl um Saddam Hussein handeln dürfte. Er wird 20 Jahre in der Wüste gefangen gehalten. Sein Gesprächspartner ist von nun an nur der ihn umgebende Sand, seine Zukunft der klare Horizont. Währenddessen gehen die Kämpfe und das Blutvergießen weiter. Seine „Befreiung“ nutzt sein ehemaliger Anführer nur dazu, ihn erneut in einem weiteren Gefängnis einzusperren, dieses Mal in den heimischen Bergen Kurdistans. Es diene seinem Schutz vor der chaotisch-grausamen Welt, die seine in der Wüste gewonnene „seelische Reinheit“ zerstören könne. Blut, Leid und Asketentum gehen in dieser wie ein orientalisches Märchen erzählten Apokalypse eine bizarre Vereinigung ein. Einem tanzenden Derwisch gleich bricht der Protagonist aus seinem schützenden Bereich aus. Seine Drehungen in einer Welt aus Armut, Not, Elend und Tod werden immer schneller. Dafür muß er weiterhin die Augen auf seinen inneren Horizont richten, um nicht in den Strudeln des „schmutzigen Lebens“ um ihn her zu verenden. Auf der Suche nach seinem „verlorenen Sohn“ (dessen Mutter kurz nach der Geburt starb und die – wie fast alle Frauen – in diesem Roman keine Rolle spielt) begegnet er unzähligen verlorenen Söhnen. Sie vervielfältigen sich in atemberaubendem Tempo. Taucht einer auf, wird er in sinnlosen Gewaltausbrüchen getötet oder für unbestimmte Zeit in unzugängliche Gefängniszellen gesperrt oder bei einem der Giftgas- und Bombenattacken in diesen endlosen Bürgerkriegen verstümmelt. Der frühe Tod ist vielen dieser Waisen sicher. Wer dennoch überlebt, kann von Glück sagen, wenn sich eine ausländische Hilfsorganisation um ihn kümmert.

Aber selbst wenn einer von ihnen sich für einen ganz anderen Weg als den des Kampfes entscheidet, nämlich den der Liebe, erträgt es seine geschwächte Konstitution nicht: sein junges Herz aus Glas zerbricht an unerwiderter Liebe. Und auch die einzigen weiblichen Zentralfiguren, zwei singende Schwestern mit langem offenem Haar wie Märchenfeen, sind keine Rettung in diesem endzeitlichen Treiben. Sie versagen sich der Liebe und widmen sich den Kriegswaisen.

Und wo liegt die Rettung nach Meinung von Bachtyar Ali? Für ein Individuum wie seinen Protagonisten wohl nur in der Flucht nach Westen (wo ja auch das Paradies gemäß dem Koran verortet sein soll), Richtung Europa. Ob er es je erreichen wird mit seinen Fluchtgefährten, die auf einem schwimmenden Seelenverkäufer unorientiert auf dem Mittelmeer treiben, läßt der Roman offen. (Der Autor selbst lebt seit 20 Jahren in Deutschland.) Tamara Pracel

Patasana – Mord am Euphrat, Kriminalroman von Ahmet Ümit. Aus dem Türkischen von Recai Hallac. 416 S. 13,95€. Unionsverlag, Zürich 2012

Der letzte Granatapfel, Roman von Bachtyar Ali. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. 352 S. 22 €. Unionsverlag, Zürich 2016

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Mit einer Neuauflage (dt. Erstauflage 1964) des einzigen von einem Armenier geschriebenen Werk über den Genozid an seinem Volk durch die Osmanen mischt sich der Unionsverlag buchmächtig in den anhaltenden Streit zwischen Europa und dem türkischen Autokraten Erdogan zu diesem Themenkomplex.

Victor Gordon erzählt autobiographisch unterlegt von der geheimnisvollen Schönheit und Verführung des intakten jahrhundertealten Lebens der Armenier im Osten Anatoliens, in der Stadt Van, bis zur endgültigen Vertreibung, Verschleppung, Ermordung ihrer armenischen Bewohner. Die Fakten sind bekannt, die Erzählweise ist so berückend, als könnten die Toten dieser Greueltaten allein durch die Worte des Autors wieder lebendig werden, ihr Leben unter uns Nachgeborenen mit all seinen alltäglichen Verwicklungen weiterführen. red.

Brunnen der Vergangenheit, Roman von Victor Gordon (1961). Aus dem Französischen. 495 S., 18,95 €. Unionsverlag, Zürich 2016

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Den Schrecken des Krieges und der Vernichtung hält nach Ansicht des syrischen Autors Niroz Malek (*1946) nur das Schreiben stand. In seinem Miniaturenband „Der Spaziergänger von Aleppo“ hält er in kurzen Texten die Möglichkeit von Leben in dieser besonders hart umkämpften Stadt des syrischen Bürgerkriegs fest. Wie ein mit besonderen Überlebenskräften ausgestatteter Magier, dem weder Bomben noch Giftgas noch Scharfschützen etwas anhaben können, führt er das „Alltagsleben“ eines Intellektuellen, eines Stadtflaneurs, eines Genussmenschen fort. Er erzählt von diesen unablässig sich aufdrängenden unvermeidlichen Momenten des möglichen Abschieds:

„Nach dem Krachen einer heftigen Detonation… hörte ich auf zu schreiben… Da fragte sie: ‚Und willst du nicht wie die anderen Menschen, Dokumente und Habseligkeiten für die Flucht in deinen Koffer packen? Du unterscheidest dich doch nicht von all den anderen, die aus der zerbombten Stadtvierteln fliehen.‘ Ich sah sie an und dachte über ihre Worte nach. Dann lächelte ich und erwiderte: ‚Kannst du etwa glauben, daß ich meine Wohnung verlasse? Daß ich meinen Tisch zurücklasse, an dem ich gearbeitet und meine Geschichten und Romane geschrieben habe? An dem ich die Cover für meine Werke entwarf und Hunderte und Aberhunderte Bücher las?‘

Er bleibt, weil er, wie er schreibt, seine Seele nicht in einen Koffer stopfen kann – und sei er auch noch so groß. red.

Der Spaziergänger von Aleppo, Miniaturen von Niroz Malek. 144 S., 17 €. Weidle, Bonn 2017

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Mit „Frühlingsschnee“ legte Muchtar Magauin in der vom Hans Schiler Verlag betreuten „Kasachischen Bibliothek“ ein weiteres Epos zur Geschichte der kasachischen Stämme und ihren ersten Versuchen, vertrauensvolle Beziehung zwischen sich und ihren Nachbarvölkern aufzubauen. Nicht die endlose Aufzählung der Siege oder verlorenen Schlachten sollte von nun an das Regierungshandeln der Khane bestimmen, nicht die unzähligen Toten, die blutigen Leichentücher und die verschleppten Frauen und Kinder Maßstab aller Entscheidungen sein. Diplomatie und Verträge sollten Ende des 16.und im 17. Jahrhundert Einzug in die oft in Ruinen liegenden Ansiedlungen oder Yurten halten.

Nach 710 Seiten endet der 1. Band, dessen Spektrum „Die Kasachische Steppe“, „Das sibirische Reich“ und „Das Land der Russen“ umfaßt. Nicht wie ihre Vorväter unter Dschingis Khan will man mit den zentralasiatischen Herrschern und dem allmächtigen russischen Zaren im Norden in ständigem Krieg liegen. Doch dieser Vorstoß erscheint schwieriger als gedacht. Dennoch fühlen die kasachischen Nomaden der großen Steppe Zentralasiens, dass eine neue Epoche eingeleitet werden muß. Und diesen Entschluss fällten sie im Frühjahr 1588 bei einer Ratsversammlung angesichts der letzten Schneefälle des Winters, dem „Frühlingsschnee“.

Vielleicht könnte dies auch ein Hinweis an aktuelle Despoten und Autokraten der „starken Hand“ sein, ihr derzeit wenig konstruktives Tun neu zu überdenken. Ursula Daus

Frühlingsschnee. Historischer Roman von Muchtar Maguin. 710 S. Aus dem Russischen. 24,90 €. Hans Schiler, Berlin/Tübingen 2016

Die Macht exotischer Verführung

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Hakehau, Ua Pou, Marquesas-Inseln, Französisch-Polynesien 2016. Foto©Jimmy Nelson

Der Fotograf Jimmy Nelson in Berlin

Mit dem zweiten Teil seiner Großfotografie-Serie „Before They Part II“ ist dem britischen Fotografen Jimmy Nelson (*1967) eines noch überzeugender gelungen als im ersten Teil „Before They Pass Away“: Verführung durch übersteigerten Exotismus!

Die auf seinen teilweise wandfüllenden Fotos – 140 x 300 cm für „Hakahau, Ua Pou, Marquesas Islands, French Polynesia 2016“ – abgelichteten Porträts indigener Völker aus Polynesien, China und dem Sudan dienen in erster Linie wohl einem „dekorativen Effekt“. Kleidung, Schmuckelemente, Tätowierungen, Hausrat oder die umgebende Landschaft, alles was dem westlichen Betrachter seit mehr als 500 Jahren Entdeckungsreisen durch die Europäer bekannt sein sollte, wird hier wie ein Konzentrat noch einmal unter die Linse genommen. Vorläufer dieses Verfahrens waren Maler wie Louis Choris Anfang des 19. Jahrhunderts (Pazifik, Mikronesien), Paul Gauguin vom 19. zum 20. Jahrhundert (Polynesien), Gottfried Lindauer Ende des 19. Jahrhunderts (Neuseeland) oder Paul Jacoulet Mitte des 20. Jahrhunderts (Japan, Mandschurei, Mikronesien). Fotografen wie Paul-Émile Miot im 19. Jahrhundert (Marquesas, Polynesien), Martin Gusinde Anfang des 20. Jahrhunderts (Feuerland), Leni Riefenstahl Mitte 20. Jahrhundert (Sudan), oder Sebastião Salgado Ende 20./21. Jahhundert („die ganze Welt“). Jimmy Nelson jedoch dreht diese Exotismusschraube noch ein wenig weiter. Die ästhetischen Kompositionen reflektieren hier wie bei seinen Vorgängern alleine seinen Bick auf Familien, Gruppen, Stämme und Völker. „Er möchte Geschichten erzählen, keine Antworten geben“.

Besonders bildmächtig zeigen sich für diesen Ansatz die einst als unersättliche Kannibalen überaus gefürchteten Bewohner der Marquesas-Inseln im Südpazifik. Die sie umgebende spektakuläre Naturkulisse der aus dem Meeresboden aufgeschossenen Vulkaninseln verstärkt diesen Effekt theatralisch.

Dem Titel der Ausstellung „Before They Part II“ in den Camera Work in Berlin kann zwar die Geschichte dieser Inselgruppe und ihrer Bevölkerung dienlich sein. Denn bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Aussterben der Bevölkerung befürchtet. „Archipel der Erinnerung“ oder „Melancholie und Todessehnsucht“ titulierten Ethnographen und Reisende, wenn sie die traurigen Reste dieser einst so unbesiegbaren „Kannibalen auf wilden Pferden“ (Paul Gauguin) antrafen. Doch die angekündigte Auslöschung fand nicht statt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich das Bevölkerungswachstum so weit erholt, daß viele Bewohner zur Auswanderung nach Tahiti oder ins Mutterland Frankreich gezwungen sind.

Wer bleibt, feiert die wiedergefundene „Authentizität“, wie sie Jimmy Nelson so prachvoll inszeniert hat. Die Marquesaner sind ein „glückliches Volk“, so die einhellige Meinung heutzutage (s. dazu: U. Daus,  Die Völker Polynesiens im 21. Jahrhundert, Berlin 2010, S. 222). Sie singen, tanzen, trommeln und tätowieren ihre Körper nach den Vorlagen des deutschen Ethnographen Karl von den Steinen, der die Tätowiermuster auf Holzbeinen im 19. Jahrhundert vor der Zerstörung durch die europäischen Missionare rettete. Auch die pahu-Trommeln wurden wieder zum Leben erweckt. Das mana, die Kraft aus Schmuck, Tatoo und Pose, die von Jimmy Nelson so dekorativ eingesetzt wird, hat den Marquesanern die Freude am Leben zurückgegeben. „Before They Part II“ ist gerade für diese „verloren in den Weiten des Pazifik“ gelegene Inselgruppe daher kein überzeugender Titel. Er träfe wohl eher für die Minoritäten im südwestlichen Chinas oder die Südsudanesen innerhalb der Ausstellung zu. „Vivre aux Marquises, c‘est cool“, Auf den Marquesas zu leben, ist cool, heißt das Motto der jungen Leute – und dass vor eine großartigen Naturkulisse und in faszinierend schillernder Selbstinszenierung. Ursula Daus

Jimmy Nelson. Before They Part II, Ausstellung in der Galerie „Camera Work“, Berlin, 15. Oktober – 19. November 2016. http://www.camerawork.de

ORDOS – Bollwerk gegen die Barbaren

Mitten in der wasser- und baumlosen Steppe der Inneren Mongolei, dem sogenannten Ordos-Bogen, entsteht seit einigen Jahren eine phantasmagorische Stadtkulisse, deren Name Programm ist: Ordos. Hier bekämpften schon seit Jahrtausenden die chinesischen Kaiser die aus dem Norden eindringenden Barbarenvölker vergeblich mit dem Bau einer mächtigen Mauer. Um die Region machten über Jahrhunderte die großen Teekarawanen aus dem Südwesten Richtung Mongolei und Rußland einen großen Bogen aus Furcht vor der Unwirtlichkeit dieser Wüstenei.

Die „Zukunftsmetropole“ des 21. Jahrhundert Ordos besteht bisher aus einer endlosen Zahl an Hochhäusern ohne Infrastruktur, d.h. ohne Wasser, Abwasser oder Stromversorgung. Die wenigen tausend Menschen, die sich bisher Ordos als ihren Lebensmittelpunkt erwählt haben, dienen ausschließlich dem Großprojekt. „Ordos“. So schreibt der Fotograf und Verfasser dieses exzellenten Zeugnisses megalomanen Repräsentationswahns: „Ordos ist eine riesige Immobilienblase von der Art, die die Wirtschaft eines ganzen Landes ruinieren könnte, doch die chinesische Regierung hält das Trugbild aufrecht“.

Denn nur mit heroischen Zivilisationswerken, die sich am überzeugensten in der chinesischen Stadt manifestieren, konnte und kann man die „Barbaren“ besiegen – und seien sie auch nur noch eine historische Phantasmagorie. Die riesigen bronzenen Pferdeskulpturen auf einem der endlosen leeren granitbelegten Stadtplätze zeugen bis heute von dieser Angst der Chinesen, letztendlich doch wieder von den Barbaren besiegt zu werden.

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Bronzepferde auf einem granitbelegten Stadtplatz in der „Geisterstadt“ Ordos, China. Foto© Adrien Golinelli

So steht die menschenleere Metropole Ordos nicht als Mahnmal einer mißlugenen Stadtplanung, sondern als Warnung an alle, die den mächtigen chinesischen Staatenlenkern des 21. Jahunderts auf ihrem Weg zur Weltmacht ins Handwerk pfuschen wollen.   red

Ordos. Stillborn City,  von Adrien Golinelli, et.al. 216 S., 128 Farbabb. Englisch, 45€. Kehrer, Heidelberg 2016

Asli Erdogan: Ein Haus aus Stein

Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan (*1967 in Istanbul) wurde in der Nacht vom 16. zum 17. August 2016 in ihrer Wohnung verhaftet. Seither wird sie im Frauengefängnis Barkirköy festgehalten. Asli Erdogan durchlebt derzeit ganz real die grausame Erfahrung eines Gefängnisaufenthalts wie sie ihn in ihrem 2009 erschienenen Roman „Tas Bina ve Digerleru“ (Das Steingebäude und anderes) für ihre Protagonisten – Intellektuelle und Schriftsteller – ersonnen und niedergeschrieben hatte.

Sie selbst verhedderte sich in den Netzen der seit dem niedergeschlagenen Putsch vom 15. Juli 2016 verhängten Notstandsgesetze und wurde Opfer der sogenannten „Säuberungen“. Wegen ihrer journalistischen Arbeit für die kurdisch-türkische Tageszeitung „Özgün Güden“ wird ihr vorgeworfen, „Propaganda für eine terroristische Organisation“,  „Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation“ sowie „Aufruf zu Unruhen“ zu betreiben.  Die 20 anderen verhafteten Mitglieder der Redaktion wurden wieder auf freien Fuß gesetzt.

Asli Erdogan, die mit ihrem dritten Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine“ (türkisch 1998; dt. 2008) auch international bekannt wurde, belegt in dieser autobiographisch inspirierten Erzählung, wie sehr sie bereits in dieser frühen Phase ihrer Karriere von Gedanken an das Eingesperrtseins, der Unfreiheit, der Unmenschlichkeit der Mitmenschen untereinander, des Todes bestimmt war.

Die Autorin hatte diesen Roman abgefasst, als sie für zwei Jahre in die „tropische Verlockung“ Rio de Janeiro eintauchte, weil sie sich in Istanbul bedroht fühlte.  Statt einen Ort der Ruhe und Freude zu finden in dieser weltberühmten „cidade maravilhosa“, dieser wunderbaren Stadt, wie sie in einem Volkslied besungen wird, trifft die Romanprotagonistin nur auf Verfall, Elend, Mißgunst, Neid, Gier, Grausamkeit, Desinteresse, Mord und Tod. Die in der Nacht aus den von Millionen Armen bewohnten „Favelas“ in ihre armselige Behausung herüberschallenden Maschinengewehrsalven bilden die tödliche Geräuschkulisse einer in Müll, Gestank, Hitze erstickenden Stadt. Ihre Alpträume bringen sie nur nicht um, weil sie sich von diesen Erlebnissen immer wieder, vor einem weißen Blatt Papier sitzend, regeneriert, indem sie alles wie im Delirium festhält. Das Leben findet beim Schreiben statt während draußen der Tod herrscht.

Mit ihrem Gefängnis-Roman „Das Steingebäude und anderes“ dreht sie an dieser alptraumartigen Gedankenschraube weiter: „Die Wahrheit spricht nur mit den Schatten. Heute werde ich von dem Haus aus Stein erzählen, wo sich das Schicksal in einer Ecke versteckt, dort, wo man aus der Distanz die Verkehrung der Worte erkennt. …“ In diesem Roman scheint sie sämtliche Krankheiten der türkischen Gesellschaft vorweggenommen zu haben, mit all ihren abartigen Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten, Allmachtsphantasien und zahllosen ungeklärten Toten. „Zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Errinnerung, Traum und Schreien erzählt eine Frau mit fremdartiger Stimme von den gerade nach Überlebenden und von den Toten.“ (Verlagstext Actes Süd, 2013)

Etwa in der Mitte ihrer Erzählung über Rio de Janeiro zitiert Asli Erdogan ein persisches Sprichwort: „Von der Hölle ins Paradies: ein langer Ritt. Vom Paradies in die Hölle: ein kleiner Schritt“. (S. 89) Am 17. August 2016 wurde dieses Sprichwort zur grausamen Realität für Asli Erdogan. Am 3. September 2016 erhielt der Schweizerische Rundfunk von ihr einen Brief aus dem Gefängnis“ „Vergesst mich nicht. Und meine Bücher. Es sind meine Kinder.“

Nach der Verhaftung weiterer Schriftsteller und Journalisten in der ersten Septemberhälfte 2016 empörte sich der  türkische Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk: „Die Gedankenfreiheit exisiert nicht mehr. Wir bewegen uns mit großer Geschwindigkeit von einem Rechtsstaat zu einem Terrorregime“. (zeit online, 12.09.2016)

Mit den Worten des deutschen Dichters Friedrich Schiller aus seinem Theaterstück „Don Karlos“ (1787) wendet sich heute die aufgeklärte Weltgemeinschaft an den türkischen Herrscher des 21. Jahrhundert: “Ein Federzug von dieser Hand,/und neu Erschaffen wird die Erde. /Geben Sie, Gedankenfreiheit.“

Prof. Dr. Ronald Daus (FU Berlin) und Ursula Daus

Die Stadt mit der roten Pelerine,  von Asli Erdogan. 208 S. 22,95€. Unionsverlag, Zürich 2008

Le bâtiment de pierre, von Asli Erdogan. 13,50€. Actes Sud, Arles 2013

Künstliche Universen

 

kosmo 31 - borobudur
Terrassenstupa in Borobudur. Dekoratives Paneel IVB zw. 40 + 41. Foto von Peter Cirtek.

 

Noch immer fasziniert die weitgehend auf Vermutungen basierende Herkunft des berühmten Borobudur auf der indonesischen Insel Java am Fuße des aktiven  2911 Meter hohen Vulkans Merapi Einheimische und Fremde gleichermaßen.

Der Architekt und Autor Peter Cirtek bietet mit der Publikation „Borobudur – Entstehung eines Universums“ eine akribische Zusammenstellung aus historischen Vorläufern und aktuellen Quellen.

Die Besonderheiten des auf Java praktizierten Buddhismus, dem auch Beimischungen des Hinduismus zu eigen sind, belegt er mit zahlreichen frühen Überlieferungen aus dessen Ursprungsgebieten. Die buddhistische Klosterstadt Nalanda in dem heutigen indischen Bundesstaat Bihar spielte bei der Verbreitung des Buddhismus bis nach Indonesien  – vor allem in den Übersetzungen chinesischer Pilger wie Xuanzang oder Yijing aus dem 7. Jahrhundert – eine entscheidende Rolle. Deren Mittlerrolle übte jedoch auch einen verändernden Einfluß aus. Cirtek beschäftigt sich in einem eigenen Kapitel mit diesen sich durch kulturspezifische Eigenheiten bedingten Interpretationen des Buddhismus wie er heute in Thailand, Burma, Laos oder Tibet praktiziert wird.

Borobudur, das sich inmitten eines dem Islam zugehörigen, dichtbesiedelten Territoriums befindet, zieht heutzutage Milllionen sowohl neugieriger Besucher als auch Anhänger des Buddhismus aus aller Welt in seinen Bann.

Neben der architektonischen Besonderheit seiner übereinandergelagerten teilweise von vielfältigen Reliefs geschmückten Terrassen auf einem ehemaligen Grabhügel – deren Ersteigung einer Annäherung an das Nirwana ähneln soll – bleibt doch seine Bestimmung ungeklärt. Welche Funktion hatten ihm seine Erbauer zugedacht? Die in dem vorliegenden Band vielseitig dargelegte detaillierte Erklärung eines Teils der 1460 Paneele, die erzählenden Charakters sind und auf vier buddhistischen Schriften und mindestens zwei verschiedenen Textsammlungen beruhen sollen, lösen das Rätsel dieses „künstlichen Universums“ am Schnittpunkt zwischen Indischem Ozean und Pazifik nicht endgültig.

Das ausführliche, mehrsprachige Glossar zu Besonderheiten buddhistischer und hinduistischer Begriffe aus dem Sanskrit und Pali, sowie chinesische und japanische Lesarten ergänzen den Band. Zahlreiche Farbabbildungen sowie Schnittzeichnungen, Lagezeichnungen, Karten und Tafeln veranschaulichen das geschriebene Wort.

Die Bibliographie listet eine Vielzahl von Publikationen der zu dem zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Gesamtkomplex „Borobudur“ in Englisch, Französisch, Niederländisch, Indonesisch oder Deutsch auf. Leider wurde bei manchen Zitaten innerhalb des Textes auf einen Quellennachweis verzichtet. Diese Auslassung erschließt sich dem Rezensenten nicht wirklich, da der Autor ansonsten viel Wert auf genaue Bezeichnungen selbst in chinesischen oder japanischen Schriftzeichen setzt.

Für deutschsprachige Leserinnen und Leser ist diese ausführliche Zusammenstellung ein gelungener Einstieg in ein Jahrtausende altes Denk- und Architekturgebäude, dass auch im 21. Jahrhundert nichts von seiner magischen Symbolik verloren hat, in welcher sich eine äußerliche Einheit einer „materiellen Welt“ überlagert sieht von einer „idealen Welt“ (S.39).

Ronald Daus

Borobudur. Entstehung eines Universums, von Peter Cirtek. 120 S., 79 Abb. 17 Zeichnungen, 3 Karten. 26,90 €. Monsun, Hamburg 2016

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kosmo 31 - bangladesh
Blick von der Straße in einen der tiefliegenden Innenhöfe des „Friendship Centre“, wo Wasserbecken und Grünpflanzen für eine kühlende Atmosphäre sorgen. Foto von Hélène Binet.

 

Ein auf der Architekturbiennale in Venedig 2016 präsentiertes Architekturprojekt aus dem heutigen Bangladesh sucht ebenfalls seine identitären Wurzeln in einer der ältesten Weltreligionen. Vor zweitausend Jahren war die Region zwischen Brahmaputra und Ganges hauptsächlich von Anhängern des buddhistischen Glaubens bewohnt, wovon die Vielzahl der in den fruchtbaren Reisfeldern im Norden Bangladeshs aufgefundenen buddhistischen Ruinenstätten zeugen (s. Abb. S. 72). Das von dem aus Bangladesh stammenden Architekten Kashef Chowdhury entworfene „Friendship Center“ liegt im Schnittpunkt von vier aus dem 6. bis 8. Jahrhundert stammenden buddhistischen Klosterruinen in dem kleinen Landflecken Gaibandha im Norden des Landes.

Der flachen Topographie der Überschwemmungsebene geschuldet, wählte der Architekt einen völlig in den Boden abgesenkten Gebäudeplan. Über Treppen und Rampen ist das in öffentliche und private, teils offene, teils abgeschlossene Räumlichkeiten unterteilte Zentrum zugänglich. Obwohl es sich bei diesem Bauprojekt um einen „weltlichen“ Treffpunkt handelt, ähnelt seine von außen wahrnehmbare Abgeschlossenheit einem eher klösterlichen Ort. Das gewählte Baumaterial sind wie bei seinen jahrtausendealten buddhistischen Vorgänger vor Ort hergestellte gebrannte Ziegel. In gewisser Weise wirkt das Gebäude in Verbindung mit seinen Vorgängern selbst wie eine Art Ausgrabungsstätte.

Mit in die Innenhöfe eingelassenen Wasserbecken soll ohne technische Hilfsmittel eine klimatisierende Wirkung erzielt werden. Obwohl das abgesenkte Gebäude hermetisch wirkt, besitzt es nach Aussage seines Architekten „den Luxus von Licht und Schatten“.

Ursula Daus

The Friendship Centre. Gaibandha, Bangladesh, von Kashef Chowdhury, mit einem Essay von Kenneth Frampton.Fotos Hélène Binet. 118 S., In Englisch. 38 €. Park Books, Zürich 2016

Neuerscheinung bei BABYLON Metropolis Studies 2016

neo - baku2
„Baku-Berlin“. Bemalte Skulptur vor dem „Jungfrauenturm“ in Baku. Foto R&U Daus, 2015

Ursula Daus

Neo-Eklektizismus.

Auf der Suche nach einer Ästhetik für das 21. Jahrhundert

208 S., 64 Abb., Bibliographie, Ortsregister Dezember 2015

ISBN 978-3-925529-24-5     39 €

Während die Postmoderne noch die Moderne assemblierte, sich an ihr bediente oder sie geplündert hat, zeigt der Neo-Eklektizismus des 21. Jahrhundert nostalgische, rückwärtsgewandte, zukunftsscheue Tendenzen unter Ausnutzung zeitgenössischer Hochtechnologie. Sein Charakteristikum ist die Restauration eines phantasierten Idylls. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat die Moderne überall auf dem Globus Fuß gefaßt. Nicht alles, was mitgeliefert wurde, fand Zustimmung. Vieles mußte überarbeitet werden. Man adapierte und modifizierte unablässig. Das „alte Europa“ philosophierte. Der Rest der Welt agierte. Der Minimalismus der klassischen Moderne wich einer ungezügelten Prachtentfaltung, die übergangslos in gnadenlosen Kitsch umschlug. Der Neo-Eklektizismus des 21. Jahrhunderts möchte keine universalen Wahrheiten liefern, weil er per definition global ist. Mit ihm läßt sich keine einheitliche Stilrichtung ausmachen. Ästhetisch scheint seine Emanzipation gelungen zu sein. Aus Beliebigkeit wurde „Identität“. Denn in einer immer formalisierteren Gesellschaft bleibt dem Einzelnen als Durchsetzungsmittel einzig die Selbststilisierung, und sei sie auch nur virtuell. „Neo-Eklektizismus. Auf der Suche nach einer Ästhetik für das 21. Jahrhundert“ ist die Fortsetzung des Bandes „Sehnsucht nach der Moderne. Tropisches Art Déco 1925-1950“.

Aus dem Inhalt:

  1. Der Wille des Individuums zum Dekor. Versuch einer theoretischen Einordnung
  2. Weltkultur-Sehnsucht im alten Europa. Das „Humboldt-Forum“ in Berlin
  3. Russian Style im neureichen Moskau. Nostalgiekitsch im 21. Jahrhundert
  4. China Chop Suey. Vom New Orientalism zur westlichen Stadtkopie
  5.  Foodstuff & Luxuries auf der arabischen Halbinsel. Virtuelle Ersatzwelten in moslemischen Köpfen
  6. Bollywood Goes Global im Zeitalter des Neo-Eklektizismus
  7. „Ich wäre glücklich, wenn ich aus Manado stammte.“ Rekonstruktion eines urbanen Traums in Sulawesi
  8. „Aus Tausend und einem Wahn“. Architektur-Phantasmagorie in Baku
  9. Ausklang: Die Zukunft, das sind die Anderen
neo - atheists
Bollywood-Megastar Shah Rukh Khan mit provokativer T-Shirt-Aufschrift. Foto R & U Daus 2011

Über die Autorin: Ursula Daus (*1953), Diplom-Soziologin und Architekturkritikerin. Von 1980 bis 1990 Redakteurin von „DAIDALOS – Architektur Kunst Kultur“, Bertelsmann, Berlin. Seit 1997 Chefredakteurin von „KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin“, Babylon Metropolis Studies, Ursula Opitz Verlag, Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen in in- und ausländischen Fachzeitschriften, darunter „Daidalos – Architektur Kunst Kultur“, Berlin; „Bauwelt“, Berlin; „Baumeister“, München; „Lettre International“, Berlin/Madrid/Bukarest; „Kyoto Journal“, Kyoto/Japan; „mare – Zeitschrift der Meere“, Hamburg. . Buchpublikationen: „Walkabout – Weltreisen im 20. Jahrhundert“ (mit Ronald Daus, 1997); „Neues aus der Fließenden Welt. Japanische Ästhetik zum Ende des 20. Jahrhunderts“ (1998); „Ein trügerisches Idyll. Vom Lebensstil am Kap der Guten Hoffnung“ (2000); „Am Äquator. Tagebuch einer Forschungsreise durch Zentralafrika“ (2002); „Sehnsucht nach der Moderne. Tropisches Art Déco 1925-1950“ (2004); „Die modernen Barbaren im Westen Chinas“ (2007, 2. Auflage 2010); „Die Völker Polynesiens im 21. Jahrhundert“ (2010); „Die Erfindung paradiesischer Inseln. Der Indische Ozean im 21. Jahrhundert“ (2012); „Die Spanier im Pazifik – Reloaded. 1520-2015“ (mit Ronald Daus, 2013).

Kunst und Architektur in Grenzbereichen

„Papakente, ein Nyduka-Goldsucher, zeigt seine Goldringe“. Auf dem Chinesenmarkt der Surinam-Seite des Maroni-Flusses. Aus dem besprochenen Band.
„Papakente, ein Nyduka-Goldsucher, zeigt seine Goldringe“.
Auf dem Chinesenmarkt der Surinam-Seite des Maroni-Flusses.
Aus dem besprochenen Band.

Im Unterholz

Man nannte sie die „Untergrundbahn“, das geheime Netzwerk, das weggelaufenen Sklaven aus den USA half, die kanadische Grenze und damit die Freiheit zu erlangen. Bis in den Dschungel von Französisch-Guyana, Brasilien oder Surinam reichte dieser hilfreiche Arm jedoch nicht. Während die Brasilianer sich in den sogenannten „quilombos“, Freiheitsdörfern, verteidigten, mussten die „Marrons“, die Geflohenen auf den karibischen Inseln und im nördlichen Südamerika, ihr armseliges Leben als Einzelkämpfer oder in kleinen Gruppen in den Wäldern von Surinam fristen.

Ihre Nachkommen hat der italienische Fotograf Nicola Lo Calzo in seinem Fotoband „Obia“ in ihren besonderen Eigenarten festgehalten – farbenfroh, kreativ und eigenwillig.

„Obia“, ein Wort aus einer afrikanischen Stammessprache, umfaßt hier nicht nur das mitgebrachte und um die eigenen Erfahrungen erweiterte Glaubenssystem, sondern die gesamte Lebensweise tief im Inneren der Wälder zwischen Surinam und Franzöisch-Guyana.

Überleben an diesen Orten ist noch heute hart, aber auch gepaart mit Stolz, Kraft durch Geisterglauben und ab und an einer überwältigenden Lebensfreude.

Obwohl der Nachwortschreiber Simon Njami seinen Begleittext „Frozen Time“, Gefrorene Zeit, nennt, ist der Band alles andere als ein Bericht aus einer unverändert „festgefrorenen“ Epoche, eher ein Beleg für die ewige Schönheit menschlichen Lebens auch unter wahrhaft herausfordernden Bedingungen.

Tamara Pracel

Obia, Fotografien von Nicola Lo Calzo. 96 S., 69 Farbabb. Englisch/Franzöisch. 29,90 €. Kehrer, Heidelberg 2015

Angolanische Reminiszenzen

Modernistische Architekturlegenden in einem durch einen mehr als 30 Jahre dauernden Kolonial- und Bürgerkrieg zerstörten Land zeigt der Architektur-Fotoband „Angola Cinemas. Uma ficção da liberdade/A fiction of freedom“, Kinos in Angola. Eine Fiktion von Freiheit. Die Fotografen und Verfasser haben sich mit Akribie an ein fast völlig in Ruinen liegendes Kunstgenre in diesem reichen und noch immer geschundenen Land gemacht: die Kino-Architektur Angolas im Stil der tropischen Moderne. Somit versammelt der Band die bekanntesten Beispiele sogenannter „geschlossener“ Kinosäle wie man sie aus Europa kennt, aber auch die für Angola so typischen „cine-esplanadas“, offene Kinohallen, für einen Vielzweckgebrauch. Manche von ihnen werden bis heute genutzt.

„Cine Africa“ in einem Vorort Luandas. Weder der Architekt noch das genaue Baudatum sind bekannt. Aus dem besprochenen Band.
„Cine Africa“ in einem Vorort Luandas. Weder der Architekt noch das genaue Baudatum sind bekannt.
Aus dem besprochenen Band.

Bis ins Jahr der Unabhängigkeit 1975 gab es mehr als 50 solcher kultureller Versammlungsorte. Man fand sie von Kabinda bis Namibe, und speziell in allen größeren Provinzstädten. In Luanda hießen sie, ganz großstädisch, „ Atlântico“, „São Paulo“, „Tivoli“ oder „Miramar“; in der Provinz Benguela trug eines den Namen „Cine Flamingo“ oder in Namibe den Namen „Cine Impala“ zu Ehren der einheimischen Tierarten.

Die Kinosäle Angolas zeichneten sich durch Größe – bis zu 1600 Sitzplätze – und einen eigenen Stilkanon aus. Er reichte vom „Streamline“ der 1930er Jahre bis zum Beton-Brutalismus der 1970er Jahre.

Was von diesen Zeitzeugen einer angeblich heilen, weltoffenen Periode des portugiesischen Kolonialismus übrigblieb, findet sich in dieser einzigartigen Fotodokumentation. Die Suche nach den Architekten dieser Relikte gestaltete sich ausnehmend schwierig in den Archiven von Luanda und Lissabon. Eines jedoch belegt diese Suche nach dem kolonialen Erbe durch die sehr engagierten angolanischen Künstler und Wissenschaftler: „Tristeza não tem fim, felicidade sim.“ Die Trauer über ein Land, dass trotz all seines Reichtums der großen Mehrzahl seiner Menschen noch immer keinen sicheren Alltag geschweige denn eine Aussöhnung mit seiner Vergangenheit bieten kann.

Insofern ist diese fotografische Architekturerzählung ein ebenso wichtiger Beitrag zu dieser Aufarbeitung wie die derzeit außerhalb Angolas boomende Literatur jüngerer angolanischer Autoren.

Ronald Daus 

Angola Cinemas, Walter Fernandes/Miguel Hurst. 240 S., zahlreiche Farbabb., 45 €. Steidl/Goethe Institut, Göttingen 2015