„Indonesien“ : Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2015

Bali 2015: Indonesische Malerei im Stil des Mexikaners Miguel Covarrubias. Foto R & U Daus
Bali 2015: Indonesische Malerei im Stil des Mexikaners Miguel Covarrubias.
Foto R & U Daus

Die in der Presseerklärung des Kulturministeriums in Djakarta blumig geschätzten 17 000 Inseln repräsentieren mit ihren 250 Millionen Einwohnern, zahlreichen Religionszugehörigkeiten, Sprachen, Kulturtraditionen die Republik Indonesien. In ihrer Verfassung wird den Einwohnern garantiert, daß sie ihre unterschiedlichen Überzeugungen in einem einigen Indonesien ausleben dürfen, also keiner Restriktion bezüglich ihres Glaubens, ihrer kulturellen Traditionen oder ihrer persönlichen Lebensführung unterworfen sind. Diese Toleranz geht angeblich zurück auf die älteste Fremdreligion, die sich auf der Hauptinsel Java etabliert hatte, die buddhistisch-hinduistische Glaubensrichtung aus dem 9./10. Jahrhundert.

Und genau diese kulturelle Vielfalt, resultierend aus einer mehr als tausendjährigen Geschichte der Kontakte mit zugewanderten Völkern, Sprachen und Sitten fordern an vorderster Front die jungen Schriftstellerinnen Indonesiens von einer Gesellschaft ein, die sie gefährlich in religiöse und politische Intoleranz abdriften sehen.

So klagte am 5. Mai 2015 die 1971 geborene Autorin Laksmi Pamuntjak in der Londoner Tageszeitung „The Guardian“ in einem offenen Brief an den neugewählten Präsidenten Joko Widodo seine erbarmungslose Haltung bei der Anwendung der Todesstrafe an. „Jokowi, du lehrst uns das Blutvergießen“ überschrieb sie ihren Aufruf. Statt sich als unbeugsamer Kämpfer für die Menschenrechte einzusetzen, nähere er sich mit den bereits 16 Exekutionen für verurteilte Drogenhändler und Mörder in den ersten sechs Monaten seiner Amtszeit der blutigen Ära in den Jahren zwischen 1965 und 1998 unter dem Diktator Suharto an.

Genau diese Epoche in der indonesischen Geschichte provoziert heute junge Autorinnen zur erneuten Auseinandersetzung mit einem Land, das trotz aller Wandlungen noch immer geprägt ist von Korruption, Blutfehden zwischen politischen und wirtschaftlichen mafiaähnlichen Strukturen, einer politisch desinteressierten durch Massenkonsum beruhigten Mittelschicht und einem zunehmend gegenüber anderen Religionsgruppen intoleranten fundamentalistischen Islam.

In ihren Romanen beharren sie auf der facettenreichen Kultur und Geschichte ihrer Inseln zwischen Indischem und Pazifischen Ozean. Sie beziehen sich mit großer Selbstverständlichkeit auf ihre buddhistisch-hinduistischen Wurzeln, die in Epen, Theaterstücken, Gedichten oder bei Tänzen bis heute ein Daseinsrecht behalten haben. „Lehrt uns nicht die Mahabharat die Werte von Versöhnung und Diplomatie?“, fragte Laksmi Pamuntjak ihren Präsidenten. Und genauso selbstverständlich läßt sie in ihrem 2012 veröffentlichten Roman „Amba“ (auf Deutsch: “Alle Farben Rot“, September 2015) die Hauptfigur Amba ihrer Konkurrentin verzeihen, obwohl diese sie schwer mit einem Messer verletzt hatte. Diese „Eingeborene“ von der Insel Buru hatte ihr den Geliebten, einen Arzt, der dort in der Verbannung leben mußte, „weggenommen“. Daß nicht sie die Ehefrau von Bhisma werden konnte, war den unkontrollierten Ereignisse nach dem Staatsstreich von 1965 geschuldet. In den Wirren dieser Auseinandersetzung zwischen Parteien, Militär, prominenten Politikern und dem Staatspräsidenten wurden alle, die man einer Nähe zur mächtigen Kommunistischen Partei Indonesiens verdächtigte, ermordet, verschleppt oder verbannt. Sogenannte Sympathisanten der Gruppe „B“ wurden auf der zwischen Sulawesi und Ambon liegenden Insel Buru in Zwangslagern festgehalten, ohne Aussicht auf einen Prozess oder Befreiung.

Vierzig Jahre nach der Verschleppung ihres Geliebten machte sich Amba auf den Weg, sein Grab auf Buru zu suchen. Entlang der Reise ihrer Protagonistin tauchen die politischen Verwicklungen der neueren indonesischen Geschichte, alte Legenden, uralte traditionelle Inselbräuche sowie ganz aktuelle Politik auf. Sie prägen die Charaktere und ihre geheimsten Wünsche nach Nähe, Liebe, Sexualität, Gemeinsamkeit wie sie auch die moderne indonesische Gesellschaft nicht liefern kann. Nur die aus der Vergangenheit geretteten literarischen Vorbilder scheinen einen Zufluchtsort zu bieten.

Schon als junges Mädchen liebte es Amba, Bücher zu lesen, die nicht für sie bestimmt waren wie „Das Buch von Centhini“, „einem großen Schatz der klassischen javanischen Dichtung“ wie ihr Vater urteilte. Selbst die sexuellen Eskapaden eines Prinzen verbarg er nicht vor ihr. „Gerne verweilte er (der Vater) bei diesem unzüchtigen Prinzen und malte sich genussvoll aus, wie dieser es in einer Nacht mit den drei verluderten Schwestern trieb oder wie er nach einer Orgie im Haus der Witwe noch den Hirten vögelte…“ Die Schamgefühle, die der Vater wohl nachts hegte, konnte er als frommer Moslem mit der Morgenwaschung einfach wieder reinigen. Mit dem riesigen Fundus eines toleranten Literaturerbes ausgestattet, versucht Amba auch den Verlust des Geliebten und ihre Trauer zu bewältigen. Die Briefe, die er ihr während seiner Gefangenschaft schrieb, die sie nun in Händen hält, sind ein weiterer Beleg für die Unersetzbarkeit von literarischem Schreiben – auch im 21. Jahrhundert.

Laksmi Pamuntjak glaubt an die Kraft der Literatur genau wie ihre Mitstreiterin Ayu Utami in ihrem Roman „Saman“, der eine Neuauflage zur Buchmesse erfährt, sowie dessen Fortsetzung „Larung“. Mit „Saman“ bewegt sich Utami ebenfalls zwischen den Jahren 1965 und dem ganz aktuellen Widerstand kleiner Landbesitzer und engagierten Umweltschützer vor der Zerstörung der Lebensgrundlage und der Natur durch die multinationale Agroindustrie und die korrupte Lokal- und Nationalpolitik auf Sumatra. Aber wie Pamuntjak ist auch Utami überzeugt, daß nicht nur Fakten das Leben beinflussen, sondern ebenso stark unterliegt es Geisterwesen, Mythen, religiösen Verirrungen und unvorhersehbaren Gefühlsverbindungen. Ob es die unerfüllte Zuneigung eines katholischen Priesters zu einer jungen psychisch kranken Frau mit übersteigertem Sexualtrieb ist oder dessen Abwendung vom Glauben aus Verzweiflung über die scheinbar unabänderlichen sozialen Mißstände, ob es eine junge Journalistin in die Arme eines verheirateten Ingenieurs treibt oder die Tochter aus reichem Hause ihren sexuellen Launen freien Lauf läßt, immer verortet Utami ihre Figuren in den Jahrtausende alten literarischen Epen und überkommenen Mythen ihrer indonesischen Inselwelt.

In diesem Sinne erdichten sich auch die Poeten Indonesiens ein eigenes Universum, allen voran Dorothea Rosa Herliany. Sie wurde 1963 in Zentraljava in eine katholische Familie hineingeboren, was sie im fast ausschließlich moslemischen Java bereits zu einer Außenseiterin machte. In ihrem für die Frankfurter Buchmesse 2015 neuzusammengestellten und gestalteten Gedichtband „Hochzeit der Messer“ zeigte sie mit der Auswahl der Gedichte die besonders scharfe Schnittkante ihrer Gesellschaft auf. Wie mit einem Seziermesser zerlegt sie die alten und neuen Diskriminierungen gegen Frauen, gegen die Menschenrechte oder auch gegen die Natur. Thematischer Mittelpunkt ihrer auf Indonesisch geschriebenen Werke sind und bleiben jedoch die Beziehung der Geschlechter untereinander – und die enden meist mit einem abgeschnittenen Penis oder zerstossenen Innereien. Überschriften wie „Hochzeit der Messer“, „Telegramm bei stumpfem Sex“ oder „Szenisches Liebesdrama“ zeigen die Erbarmungslosigkeit des indonesischen Alltags: „mein Kind kotzt, wenn im fernsehen/liebeschnulzen laufen/…/und das ist die szene, die gespielt werden müsste: regenwürmer,/hemmungslos vermehrt, krätze, die in deinem herzen/verklumpt. deine hand, die das messer führt, ein/ganz und gar gefühllos ausgestoßener schrei…“

Ob es die „Tropen“ sind, die die Nachwortschreiberin und Nachdichterin Brigitte Oleschinski im Verdacht hat, die zu so krassen dichterischen Exzessen führen, „die Tropen in ihrer nächsten Bedeutung, als Figuren der uneigentlichen Rede nämlich, in Metaphern oder Metonymen, den Gliedmaßen, Nervenfasern, Zellstrukturen der Poesie“ oder einfach nur die dort hausenden Dämonen, wie in dem seltsamerweise auf Deutsch als „Bali- Das letzte Paradies“ zur Buchmesse vorgelegten Roman Nigel Barleys „Island of Demons“ – eine Hommage an den deutschen Maler, Tänzer, Künstlergenie Walter Spies auf Bali – , läßt sich wohl auch nach weiteren Gedichtbänden, Romanen, Erzählungen, Essays und Interviews zur indonesischen Literatur nicht gänzlich klären.

Ursula Daus

Alle Farben Rot, von Laksmi Pamuntjak, Roman aus dem Indonesischen. 672 S., 24 €. Ullstein, Berlin 2015

Saman, von Ayu Utami,  Roman aus dem Indonesischen; Larung, von Ayu Utami, Roman aus dem Indonesischen. Beide bei Horlemann, Angermünde 2015.

Surabaya Beat, Fotografien von Beat Presser, Gedichte und Kurzgeschichten indonesischer Autoren. 70 US$. 224 S. Afterhours Books, Jakarta; in Europa bei: Scheidegger & Spiess, Zürich 2015

Hochzeit der Messer, von Dorothea Rosa Herliany. Gedichte aus dem Indonesischen. Verlagshaus Berlin 2015

Bali – Das letzte Paradies („Island of Demons“), von Nigel Barley. Roman aus dem Englischen, Klett-Cotta, Stuttgart 2015

KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 28-29/2015 „Traumzeit“

In „Surabaya Beat“ hält der Schweizer Fotograf Beat Presser seine Reise mit den letzten großen Holzbooten, den pinisi, zwischen den indonesischen Inseln in großartigen monochromen Bildern fest. Einige Fotos zeigen den auf Jahrhunderte alten Traditionen beruhenden Bau der Schiffe auf den Werften im Süden Sulawesis. „... At sea, neither a master nor a slave/A tuna‘s heart is a cure for anyone./ It staves away our langour, before we sail home without fish/Sail home without fish/Lambo!/Lambo!Lambo Palari!“ singen die Seeleute. Indonesische Autoren ergänzen mit ihren Geschichten und Gedichten diesen Fotoband, der auf der Frankfurter Buchmesse 2015 präsentiert wird.
In „Surabaya Beat“ hält der Schweizer Fotograf Beat Presser seine Reise mit den letzten großen Holzbooten, den pinisi, zwischen den indonesischen Inseln in großartigen monochromen Bildern fest. Einige Fotos zeigen den auf Jahrhunderte alten Traditionen beruhenden Bau der Schiffe auf den Werften im Süden Sulawesis.
„… At sea, neither a master nor a slave/A tuna‘s heart is a cure for anyone./ It staves away our langour, before we sail home without fish/Sail home without fish/Lambo!/Lambo!Lambo Palari!“ singen die Seeleute.
Indonesische Autoren ergänzen mit ihren Geschichten und Gedichten diesen Fotoband, der auf der Frankfurter Buchmesse 2015 präsentiert wird. „Surabaya Beat“, Fotografien von Beat Presser, Gedichte und Kurzgeschichten indonesischer Autoren. 70 US$. 224 S. Afterhours Books, Jakarta; in Europa bei: Scheidegger & Spiess, Zürich 2015. Ausstellung bis 5.9.2015 in der Photogalerie Johanna Breede, Berlin. http://www.johanna-breede.de

In unserer Ausgabe „Traumzeit“ suchen wir nach den künstlerischen, literarischen und philosophischen Wurzeln, die auch in diesem bisher so chaotischen 21. Jahrhundert das Recht zum Träumen erlauben. Von der „Zerstörung der Zeit“ spricht der koreanische Philosoph Byung-Chul Han, wenn er die „Logik der Effizienz“ unserer Epoche kritisiert. Er fordert eine eigene Zeit für Rituale und Zeremonien, für Erzählungen und – zum Träumen.
In anderen Kulturkreisen wird die neue „Traumzeit“ als nostalgische Besinnung an „heile“ Lebensräume verstanden. Manado in Nord-Sulawesi will mit neo-eklektizistischen Architekturgebilden die Erinnerung an die einst „schönste Stadt des indonesischen Archipels“ aufleben lassen. Auch beschwören indonesische Autorinnen in ihren aktuellen Romanen auf der Frankfurter Buchmesse 2015 die Epoche der Toleranz und Freizügigkeit unter den hinduistischen Herrschern der Vergangenheit, während sie gleichzeitig an die blutige Epoche zwischen 1965 und 1998 im unabhängigen Indonesien erinnern.
In einem von Gewalttaten entstellten Mittelamerika träumt der nicaraguensische Schriftsteller Sergio Ramírez von einer Zeit des kreativen Friedens. Und der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado fügt diesem Wunschtraum seine Fotografien in „Genesis“ von einer gerade noch intakten Welt hinzu.

Ronald Daus * Lob der Langsamkeit. Alt-Äyptische Kunst aus der Feder des Emile Prisse d‘Avennes

Gelöschte Zeit. Fotografien von Yuri Toroptsov aus Sibirien

Peter B. Schumann * Hat Mittelamerika eine Zukunft? Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Sergio Ramírez

Ursula Daus * „Ich wäre glücklich, wenn ich aus Manado stammte“. Rekonstruktion eines urbanen Traums in Sulawesi

Ronald Daus * In Memoriam: „Genesis“. Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado

Auf dem Erlösungspfad: Burma-Impressionen zwischen Irrawaddy und Salween

In Berlin und anderswo: Timor Leste in der Bretagne * Karelien * Schwarz und Weiß unter der Sonne des Äquators * Zu Ehren der Ahnen. Kunst vom Sepik * „Indonesien“: Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse 2015 mit einem Foto von Beat Presser aus seiner neuen Publikation „Surabaya Beat“ * Jean Paul Gaultier: Retrospektive in Paris

Neue Bücher: Im Untergrund * Reiselust und Reisefrust * In der Nostalgie-Falle * Paradiesische Zustände * Eiskalt

Buchrezensionen aus den Verlagen: Taschen/Köln, Ed. Panorama, Heidelberg; Kehrer, Heidelberg; Hirmer, München; Ullstein, Berlin; Horlemann, Angermünde; Union, Zürich;

Schädelhalter aus einem Iatmul-Männerhaus, 1963. Musée du Quai Branly, Paris.  Aus dem besprochenen Katalog
Schädelhalter aus einem Iatmul-Männerhaus, 1963. Musée du Quai Branly, Paris.
Aus dem besprochenen Katalog

Zu Ehren der Ahnen. Kunst vom Sepik, Papua-Neuguinea

Wenn die Spuren der Ahnen vor Ort immer mehr verblassen oder gar verschwinden, scheinen sie wie durch einen besonderen Zauber am anderen Ende der Welt aufzutauchen. So gesehen, ist die von zahlreichen europäischen Museen und ethnologischen Sammlungen unterstützte Schau „Tanz der Ahnen. Kunst vom Sepik in Neu-Guinea“ wohl mithilfe eines besonders starken mana zustande gekommen. Ihre erste Station war der Berliner Martin-Gropius-Bau (bis Juni 2015). Es folgt das Museum Rietberg in Zürich und ab Oktober 2015 das für seine beachtenswerten Präsentationen bekannte Pariser „Musée du Quai Branly“. „Ozeanien steht nicht häufig im Zentrum großer Sonderausstellungen“ (Vorwort im Katalog), und noch weniger gehört die aktuelle Aufmerksamkeit dem im Schlagschatten der sogenannten „Paradiesinseln“ Polynesiens liegenden Melanesien und Neuguinea.

So folgte der „Entdeckung“ der zweitgrößten Insel der Welt, „Nova Guinea“,  durch portugiesische und spanische Seefahrer im 16. Jahrhundert keinerlei Aufbruchstimmung zu ihrer Eroberung, Unterwerfung oder Ausbeutung. Erst mit dem heraufziehenden Ende des Imperialismus im 19. Jahrhundert, als die Weltregionen verteilt und kaum mehr Neues zu entdecken war, kaprizierte sich eine spätkoloniale Nation wie Deutschland auf die Erforschung dieser geheimnisumwitterten Landmasse und seiner unzähligen sprachlich und sozial aufgesplitterten Einwohnergruppen. Der große Fluß Sepik in der Mitte Neu-guineas bot sich als Einfallstor an. Und so ist es nicht weiter erstaunlich, daß gerade die Kulturen des Sepik mit ihren Artefakten in so großer Zahl in europäischen, und vor allem in deutschen Sammlungen vertreten sind. Ahnenmasken, Pirogenschmuck, Holzhaken, bemalte Palmblattdekorationen aus Männerhäusern, Schmuckschädel besiegter Feinde, Armreifen, Schambedeckung für Männer und Frauen, Ganzkörper-Kostüme und immer wieder Ahnenfiguren, die ständig ihre Gestalt verändern konnten – die gesamte Alltagskultur und die über ihn hinausweisende Welt der bösen und guten Geister, Kobolde, Zauberwesen und Tiertotems diente der Ahnenverehrung. Das Tun der Lebenden war von ausgeklügelten Zeremonien, Ritualen, Verboten und Opfergaben für diesen Ahnenkult bestimmt. Erstaunlicherweise war der Einfluß, den diese alltäglichen Kunstgegenstände auf die Künstler der beginnenden Moderne um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatten, genauso mächtig wie auf die anonymen Produzenten dieser Kunst vom entgegengesetzten Spektrum der sogenannten Zivilisation. Wo sich der abendländische Geist das Privileg der Abstraktion und der Metaphysik als Ergebnis Jahrtausende alter Kulturentwicklung zuschrieb, zeigten diese „Wilden“ vom anderen Ende der Welt, daß elaborierte Formensprache und Verehrungsrituale anscheinend eine allen Menschen zur Verfügung stand.

Besonders beeindruckend an diesen vom natürlichen Verfall bedrohten Kunstobjekten aus Naturmaterialien wie Holz, Bambusfasern, Baumrinde, Naturpigmenten, Haaren, Fellen, Federn Erde, Kaurimuscheln, Ton, Algen, Steinen, Schnecken, Perlmutt, Fischknochen, Wildschweinhauern, Vogelknochen, Zähnen von Menschen und Tieren, Menschenschädeln oder Palmwedeln ist die fürsorgliche Pflege, die ihnen bei ihren europäischen Besitzern in den letzten mehr als 100 Jahren zukam. Wo vor Ort, in den Dörfern des Sepik im 21. Jahrhundert, nur noch rudimentäres Wissen und Kunstfertigkeiten vorzufinden sind, strahlen sie in den Museumsvitrinen zwischen Berlin, Paris, London oder Amsterdam den in ihnen bewahrten Zauber aus, den einst der „Tanz der Ahnen“ unsterblich machte. Alex Westwood

Tanz der Ahnen. Kunst vom Sepik in Papua-Neuguinea, Katalog. 352 S., 49,90€. Hirmer, München 2015. Ab Oktober 2015 im Musée du Quai Branly, Paris. http://www.quaibranly.fr

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Auf dem Erlösungspfad: Burma-Impressionen zwischen Irrawaddy und Salween

Liegender Buddha  in der Shwetalyaung-Pagode in Pegu/Bago. Länge 55m, Höhe 15 m. Foto: Jaroslav Poncar, 1985
Liegender Buddha in der Shwetalyaung-Pagode in Pegu/Bago.
Länge 55m, Höhe 15 m. Foto: Jaroslav Poncar, 1985

Angesichts der chaotischen Gegenwart der aufgeklärten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts verzaubert schon ein kurzer Blick in den prächtigen Panorama-Fotoband „Burma/Myanmar“ von Jaroslav Poncar und nimmt die Betrachter mit in ein märchenhaftes Reich aus vergoldeter Formenvielfalt und friedlich lächelnden Buddha-Riesen und Menschen-Zwergen. Die angeblich heile, in sich ruhende Welt aus tiefreligiösen Verehrern, ruhig dahingleitenden Gewässern und naturverbundenem Lebensgefühl ist keine Inszenierung. Trotz jahrzehntelanger menschenverachtender Diktaturen, blieb Burma/Myanmar seiner tiefreligiösen Seele treu. Aufstände gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung wurden von den Mönchsgemeinschaften gemeinsam mit dem Volk durchgestanden.

Wer wie der tschechische Fotograf Jaroslav Poncar (*1945) drei Jahrzehnte dieses Land von Süden in Rangun/Yangoon bis ins zentrale Mandalay, von der einstigen Königsstadt Pegu mit dem Goldenen Fels bis zur Pagodenstadt Bagan, von der Küste des bengalischen Golfes bis zum Inle-See bereist hat, wird auch weiterhin das „ewige“ Burma finden. Eine Auswahl aus diesen Reisen zeigt der Fotoband und konzentriert sich dabei auf die übermächtig präsente Religionsarchitektur und -kunst, auf die schönsten landschaftlichen Eindrücke und einige Kuriosa am Rande des Weges. Erklärende Worte von westlichen Landeskennern sollen helfen, sich in der Geschichte und der Kunstgeschichte Burmas/Myanmars zu orientieren. Anders als ihre kolonialen Vorgänger wie Rudyard Kipling in seiner Ode an das „Burma-Mädchen“ an der Moulmein-Pagode oder George Orwell in seinen „Burmese Days“, die den Einheimischen ihre lethargische Unveränderbarkeit vorwarfen, sind die heutigen Autoren fasziniert davon, „dass dort die Zeit still stehen geblieben ist“ (S.38).

Doch nur wer die Wahlfreiheit seiner Motive hat, kann sein Bild des Anderen nach seinem Willen erschaffen. Die Burmesen selbst sind seit ihrer nationalen Unabhängigkeit 1948 vom britischen Kolonialsystem auf der Suche nach Fortschritt und Annäherung an eine globale Welt – wenn auch immer wieder von Episoden der Isolation unterbrochen. Die durch das britische Empire erzwungene Rückständigkeit wurde schlagartig in ihr Gegenteil verkehrt. Beispielhaft dafür stand der moderne Wiederaufbau der völlig zerstörten Königsstadt Mandalay. Sie war am 20. März 1945 von britischen Jagdfliegern zerbombt worden, um die sich hier verschanzenden Japaner und ihre burmesischen Verbündeten zur Aufgabe zu bewegen. Nachdem in einem ersten Schritt die Mauer, die Wachtürme und die Eingangstore des Palastbezirks wieder aufgebaut wurden, um damit an die überkommenen Traditionen zu erinnern, „wurde auf der anderen Seite des Palastgrabens mit umso größerer Energie und Vitalität gegen dieses leere Symbol angebaut. Das von den Briten herrührende geometrische Straßenraster wurde beibehalten. Innerhalb von nur fünf Jahren entstand das Geschäftsviertel zwischen der 79. und 85. Straße neu in einem nahezu einheitlichen Stil, dem ‚Burma Deco‘. Ein- bis dreistöckige Geschäftshäuser, Wohnhäuser, Werksätten jeder Art von der Autogarage bis zum Möbelpolsterer,… jeder wagemutige Kleinunternehmer ließ sich von der Art-Déco-Euphorie anstecken… Der von den Briten über jahrzehnte diktierte Neo-Klassizismus oder Tropen-Palladianismus galt als absolut rückständig und unpatriotisch. Der nationale Neuanfang fand seinen manifesten Ausdruck in den in Beton gegossenen vertikalen, horizontalen oder Zick-zack-Bändern.“* Aber auch religiöse Bauherren zeigten Interesse an dem neuen Stil, denn es entspricht dem buddhistischen Verständnis „daß es mehr religiöse Verdienst bringt, wenn man etwas Neues baut, als etwas Altes zu erhalten“. Das gilt für traditionelle Pagodenbauten genauso wie für ihre modernistische Variante. Offene Tempehallen, von schlanken Betonpfeilern gehalten, dienen monumentalen Buddha-Figuren als Wetterschutz und für die Pilger als Ruheplatz. Verwaltungsbauten und Mönchszellen paßten ihre Architektur ebenso dem „Burma Deco“ an wie sie aktuell nach Verbindungen traditioneller Ästhetik mit dem 21. Jahrhundert suchen. Einmal mehr bestätigt sich dabei, daß das Rad des Lebens sich unabhängig weiterdreht, sei es unter der traditionellen Ägide oder in importierten Trends modischen Fortschritts.  („Mandalay: Endlich unabhängig!“, in: Ursula Daus, Sehnsucht nach der Moderne. Tropisches Art Déco 1925-1950, Opitz, Berlin 2004, S. 315ff.)

Wem der prachtvolle Blick in die vergoldete und reichdekorierte Wunderkammer eines sehr volksnahen Buddhismus aus Paradiessuche und Geister-“Nat“-Verehrung nicht ausreicht, der darf auf Erlösung durch den Blick von innen nach außen hoffen.

Die burmesische Autorin Ma Thanegi hat sich als „native tourist“ auf eine Reise auf den großen Fluß ihres Landes, den Irrawaddy – in neuer Schreibweise „Ayeyarwady“ – begeben, angeregt durch die Behauptung einer britischen Autorin, „daß Burmesen niemals über den Irrawaddy schrieben“. Auch Ma Thanegi wurde im Herzland Burmas, in Mandalay, geboren. Seit jüngster Kindheit lebt sich jedoch in Rangun/Yangoon. Sie war Mitarbeiterin der Oppositionspolitikerin und derzeitigen Präsidentschaftsanwärterin Aung San Suu Kyi. Sie verbrachte drei Jahre in Myanmar im Gefängnis. Ihre journalistischen Essays und Artikel verfasst sie auf Englisch. Sie erscheinen in der Yangoner Wochenzeitschrift „Myanmar Times“ und im Ausland.

Ma Thanegi begann ihre Reise – anders als ortstypische Touristenangebote – am Ursprung des Flusses in Nordburma, dort wo er mit Booten über 2000 Kilometer bis zu seiner Mündung in den Indischen Ozean schiffbar ist: in Mytkyina. Sie würzt ihre Reiseerlebnisse mit gefühlig-nostalgischen Kindheitserinnerungen sowie einer großen Prise erklärendem Beiwerk zu den Besonderheiten von Landschaft und Volksgruppen entlang des breiten, ruhig dahinfließenden Stroms. Kennzeichen einer solchen Reise ins Innere ihres Heimatlandes ist die Langsamkeit des Vorankommens und der Entwicklungen, auf die sie häufig – wie bei einem eingeübten Mantra – verweist. Burma/Myanmar scheint ungebrochen die Möglichkeit einer besinnlichen Pilgerreise für alle zu bieten, die sich dieser Langsamkeit anvertrauen wollen. Ursula Daus

Burma/Myanmar. Reisefotografien von 1985 bis heute, von Jaroslav Poncar, 320 S., 260 Fotos in Farbe, 78 €. Edition Panorama, Mannheim 2013

Defiled on the Ayeyarwaddy. One Woman‘s Mid-Life Travel Adventures on Myanmar‘s Great River, ThinsAsian Press, San Francisco 2010. In Vorbereitung auf Deutsch: Auf dem Ayeyarwady. Reiseerlebnisse aus Burma, von Ma Thanegi, 328 S., zahlreiche Abb. 18,90 €. Horlemann, Angermünde 2015

„Gelöschte Zeit“.  Fotografien von  Yury Toroptsov aus Sibirien

Der Fotograf Yury Toroptsov wurde 1974 in einer ländlichen Gemeinde bei Wladiwostok geboren. Er studierte in New York und widmete von nun an sein Schaffen von Fotografien, die teils inszenierte, teils tatsächliche Motive ablichteten. In seiner aktuellen Ausstellung „Deleted scene“, Gelöschte Szene, die bis zum 14. Juni 2015 im „Musée de la Chasse et de la Nature“, dem Museum der Jagd und der Natur, in Paris zu sehen ist, versucht sich Toroptsov an der Rekonstruktion seiner eigenen Vergangenheit. Angesichts der von seinem Objektiv „erlegten“ Beute aus Sumpfland, verfallenden Holzhäusern, von Wild zertrampeltem Tundragras, verblichenen Fotos an den Wänden verlassener Taiga-Höfe sowie Bruchstücke seiner eigenen Erinnerung an den großen japanischen Regisseur von „Dersu Usala“, Akira Kurosawa, scheint diese Suche eher wie ein Traum als Realität, „eine Reise durch Ostsibirien mit der Mission, das Unsichtbare zu fotografieren“. Die Betrachter dieser Serie werden selbst zu Suchenden in den melancholischen Resten dieser Erinnerung.

Der Vater als Fragment einer Kinheitserinnerung.  Umschlag des Katalogs zur  Ausstellung „Deleted Scene“. Archiv Yury Toroptsov.
Der Vater als Fragment einer Kinheitserinnerung.
Umschlag des Katalogs zur
Ausstellung „Deleted Scene“.
Archiv Yury Toroptsov.

Yuri Toroptsov beschreibt seine Motivation zu dieser Reise, den Erinnerungen an seinen Vater nachspüren zu wollen. „Die Wahrheit ist, daß ich eigentlich nichts über ihn weiß. Er starb bevor ich zwei Jahre alt war… Aber da gab es seine Kamera, die ich vollständig auseinandernahm und damit auch noch die letzte Erinnerung an ihn zerstörte. So habe ich jetzt nur die Fotos, die er von sich gemacht und entwickelt hat… Außerdem gab es einige Anekdoten wie die von seiner Begegnung mit Akira Kurosawa, der seinen Film über den Jäger Dersu Usala in der Nähe unseres Dorfes drehte. Damals wußte keiner wer Kurosawa war und wie berühmt er war. Meine Eltern schauten sich den Drehort nur kurz an und fuhren desinteressiert weiter. Doch diese Begegnung wurde später zu einem wichtigen Moment in meinem Leben, denn es war der letzte Augenblick, in welchem wir noch eine intakte Familie waren.“ Yury Toroptsov: Deleted Scene, Fotos und Text von Yury Toroptsov, Claude D‘Anthenaise. 96 S., engl./franz./russ. 30 €. Kehrer, Heidelberg 2015 Ausstellung im „Musée de la Chasse et de la Nature“, Paris, bis 22.06.2015

Lob der Langsamkeit: Alt-Äyptische Kunst aus der Feder des Emile Prisse d‘Avennes

Flachreliefs aus den Denkmälern von Theben, die unter der 18. Dynastie abgerissen wurden und in Karnak wiederverwendet.  Aus dem besprochenen Band
Flachreliefs aus den Denkmälern von Theben, die unter der 18. Dynastie abgerissen wurden und in Karnak wiederverwendet.
Aus dem besprochenen Band

Bei der Durchsicht dieses monumentalen Bildwerkes überkommt den Betrachter nach anfänglicher Überwältigung durch Formen, Farben und exakt nach Abklatschen gezeichneten dem Laien weithin unverständlichen Hieroglyphen aus mehr als zwei Jahrtausenden der Wunsch nach zeitlosem Verweilen vor dieser euphorischen Bestandsaufnahme. So ähnlich muß sich auch der Künstler Émile Prisse d‘Avennes (1807-1879) angesichts der nicht endenwollenden Entdeckungen in den Ruinenstädten, Gräbern und Grabschätzen Ägyptens gefühlt haben. Er versuchte, eine Vollständigkeit abzubilden und ein strukturiertes Verstehen mithilfe von Schrifttafeln, Architekturzeichnungen, Vogelperspektiven, Farb- und Dekor-Rapporten sowie chronologischen Abfolgen von Königen oder historischen Ereignissen herzustellen.

Versteckt in den Archiven der deutschen Universitätsbibliotheken von Göttingen und Heidelberg fördert ein Faksimile-Nachdruck aus dem Benedikt-Taschen-Verlag die überaus farbenprächtige und detailgenaue Wiedergabe der von Émile Prisse d‘Avennes gefertigten Skizzen, Zeichnungen und Malereien alt-ägyptischer und arabischer Kunst zutage.

Schon im Alter von 17 Jahren während seiner Teilnahme am griechischen Unabhängigkeitskrieg und anschließenden Reisen durch Palästina und Ägypten wurde der Grundstein einer lebenslangen Begeisterung gelegt. Ab 1826 stand Prisse d‘Avennes als Ingenieur und Privatlehrer im Dienste des Muhammad Ali Pascha. Er bereiste Ausgrabungsstätten und fertigte erste Dokumentationen an. Ab 1839 lebte er vor allem in Luxor, in Sichtweite der von ihm bis ins kleinste Detail erfassten Kunst- und Ruinenwerke. Erst 1844 kehrte er mit seinen Arbeiten nach Paris zurück und übergab sie der Nationalbibliothek und dem Louvre. Eine zweite Ägypten-Phase schloß sich zwischen 1859-1860 an. Seine letzte Ägyptenreise erfolgte 1867 in Vorbereitung zur Weltausstellung in Paris.

Im einführenden Text der ägyptischen Archäologin Salima Ikram wird das Werk Prisse d‘Avennes auch in seinen historischen Kontext eingeordnet. Die Begeisterung für alles Alt-Ägyptische hatte Frankreich und Europa mit den Feldzügen Napoleons und den begleitenden Wissenschaftsexpedition erreicht. Als Nachzügler dieser Bewegung bestand sein Verdienst darin, jede Art von Romantizismus aus seinen Darstellungen herauszuhalten. Er wollte nicht wie zum Beispiel die aus England stammenden Brüder David einer Sphynx ein römisches Profil verabreichen. Auch fehlten seinen Abbildungen verbindende Charaktere, mit denen sich der europäische Betrachter identifizieren konnte, wie etwa Expeditionsteilnehmer auf Kamelen vor einer Pyramide oder in den Grabkammern von Luxor.

Er fertigte – eher ingenieurmäßig als kunstwillig – Musterbücher altägyptischer Ornamente und Farbpaletten an. Und genau in dieser Suche nach authentischer Repräsentation liegt seine große Kunst und die bis heute andauernde Faszination für diese Kunst. Grandios! Ronald Daus

Ägyptische Kunst, von Émile Prisse d‘Avennes. mit Zeittafel, Glossar, Bibliographie. 424 S. 99,99 €. Taschen, Köln 2014

30 Jahre BABYLON Metropolis Studies URSULA OPITZ VERLAG 1985-2015

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Unser Verlag BABYLON Metropolis Studies URSULA OPITZ VERLAG feiert sein 30jähriges Bestehen. 1985 mit der Reihe „Großstädte Außereuropas“ gegründet, erweiterten wir 1990 das Programm mit der Reihe „BABYLON Dichtung“. 1994 erschien der erste Band der „Kolonialismus-“Reihe und 1997 die erste Ausgabe unseres Magazins „KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin“. Seit 2013 finden sich aktuelle Beiträge auch auf unserem BLOG „babylonmetropolis.wordpress.com“.

In der Reihe „Großstädte Außereuropas“ versammeln sich Untersuchungen über den Paradigmenwechsel in der globalen Wahrnehmung großstädtischen Lebens, wie er sich seit den 1960er Jahren rund um den Globus manifestiert. Kolonialeuropäische und lokale Elemente verschmolzen zu einem unauflöslichen Amalgam. Dieser neuen Sachlage nahmen sich zu Beginn vor allem Intellektuelle und Künstler an. Sie schufen in dichterischen Texten, Bildern oder Installationen individuelle und kollektive Lebensentwürfe in einem ganz eigenen Dekor. Die Stadtentwicklung folgte ihnen – von einem imaginierten Modell zu einer oft überwältigenden Realität. Die Metropolen Außereuropas übernahmen für sich den Titel der „Weltstadt“ und perfektionierten ihn im 21. Jahrhundert.  Die klassischen Weltstädte Europas sahen sich gezwungen, diese neuen Konkurrenten ernst zu nehmen. So erweiterte sich auch das Spektrum unserer Publikationen, hin zu einer detaillierteren Untersuchung der kolonialen Vorläufer dieser „Weltstädte“ und über den aktuellen Zustand hinaus. Die Literatur, die Kunst und die globale Vernetzung durch das Internet veränderten die Sicht auf diese Agglomerationen erneut.

Mit unserem Magazin „KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin“ schufen wir ein Medium, das diese Entwicklungen mit aktuellen Beiträgen begleitet. Zu unseren kosmopolitischen Autoren zählten in den letzten Jahren Nobelpreisträger wie Herta Müller, Mario Vargas Llosa oder der spanische Bestseller-Autor Manuel Vázquez Montalbán.

Wir freuen uns auf die Zukunft, denn das „permanente Chaos“ in unseren zeitgenössischen Mega-Metropolen benötigt eine profunde intellektuelle Begleitung. red

Unsere Herbstneuerscheinung 2014 bei BABYLON Metropolis Studies

Die Erfindung des Kolonialismus – revisited

Aktualisierte, erweiterte und überarbeitete Auflage

(November 2014, 846 S., 84  Abb., Bibliographie, Karten, Ortsregister, 69,00 €  ISBN: 978-3-925529-32-0)

Ronald Daus

Der „Director’s Cut“ eines Klassikers!
Für Bibliophile gibt es ab Januar 2015 eine in japanisches Seidenpapier mit Lederrücken und Goldprägung gebundene Hardcover-Ausgabe!

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Portugiesischer Helm aus dem 16. Jahrhundert im Besitz eines Dorfältesten auf Ambon. Foto R & U Daus
Mit diesem Buch halten die Leserinnen und Leser die aktualisierte, erweiterte und überarbeitete Version meines 1983 publizierten Bandes „Die Erfindung des Kolonialismus“ in Händen. Die Erforschung der Beweggründe, die zur ersten Globalisierung durch die Europäer führten, hat in Zeiten der zweiten Globalisierung im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Brisanz verloren.
Denn die Grundlagen einer neuen Weltordnung basieren nicht mehr vorrangig auf dem Besitz territorialer Großreiche, sondern auf der Kontrolle von Informations-, Kapital-, Güter- und Menschenströmen. Diejenigen Globalstrategen, die in der Tradition der Seeherrschaft stehen, werden dabei wohl die Oberhand behalten. In der Nachfolge der europäischen Expansion verfahren sie nach dem Vorbild der ersten großen europäischen Kolonialmacht, Portugal. Es hatte sich mithilfe seiner Seestreitmacht und gezielt implantierter Brückenköpfe die Kontrolle der Waren- und Informationsströme zwischen Europa und Asien gesichert.
Mit „Buch II. Beschreibungen: Textsorten des portugiesischen Kolonialismus“ wurde das in der 1. Ausgabe vollständig fehlende Kapitel in den Zusammenhang des Gesamtwerks gestellt, das die literarische Aufarbeitung des kolonialen Abenteuers durch die portugiesischen Zeitgenossen bereithält. Des weiteren wurden alle gekürzten Textstellen wiederhergestellt. Die neu eingefügten Abbildungen wurden substantiell mit Ergebnissen meiner aktuellen Forschungsreisen erweitert sowie die Bibliographie mit gekürzten und aktuellen Titeln vergrößert. Es wurde ein Ortsregister angefügt.
Erfindung - Cover-1
Aus dem Inhalt:
Zum Auftakt 7
Vorbemerkung 13
BUCH I
Entwicklung: Von der Erweiterung des Horizonts zur Verengung des Geistes 21
1. Die Vorstellung der Europäer vom Fernen Osten 23
2. Die Realisierung des Seewegs nach Indien 61
3. Die Eroberung des asiatischen Handels 81
4. Das Alltagsleben im portugiesischen Kolonialreich 109
5. Die Rückwirkungen des Kolonialismus
auf Portugal 149
6. Der Niedergang der portugiesischen Herrschaft 185
7. Das Überdauern eines Imperiums 227
Buch II
Beschreibungen: Textsorten des portugiesischen Kolonialismus 265
1. Über den Reiz und das Risiko kolonialer Literatur 267
2. Nachrichtendossiers: Die Summe des Wissens für ein paar Mächtige 279
3. Historien: Wunsch- und Schreckensbilder für die Allgemeinheit 293
4. Irrfahrten: Die Entdeckung der Fatalitäten des Kolonialismus 319
5. Schöne Literatur: Die Kunst des Verschweigens und Überhöhens 333
6. Koloniale Literatur nach 1620: Ein Fortschreiten zum Rückschritt 355
7. Literatur der Kolonialisierten: Die Antwort an Europa 389
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BUCH III
Strukturen: Der Glaube an den ewigen Vorsprung Europas 407
Erster Teil: Kontakte 409
1. Über die Mühsal der Europäer, ihrem Willen recht zu geben 409
2. Der Wunsch nach dem Unter-Sich-Sein 429
3. Die Verewigung nach „Oben“ und „Unten“ 445
4. Die Beliebigkeit von Regeln 485
5. „Der typische Kolonialist“ 499
6. Tragik als Endresultat kolonialer Herrschaft 515
Zweiter Teil: Selbsterfahrung 531
1. Die Entdeckungsreise ins „Neue“ 531
2. Die Autonomie des Fremden 549
3. Die Nützlichkeit von Vergleichen 591
4. Die Tradition kolonialer Selbstkritik 615
5. Zwangsläufige Entfremdungen 633
Buch IV
Vermischung und Vererbung: Portugiesisch-eurasische Gemeinschaften in Südostasien 651
1. Über das Machtstreben als Grundstruktur des Kolonialismus 653
2. Malakka: Seit 1511 „portugiesisch“ 661
3. Tugu: Der gerade Weg vom „Asiaten“ zum „Europäer“ 701
4. Larantuka: „Portugiesische“ Macht ohne Portugal 723
5. Singapur: Die „Eurasier“ im Herzen einer Metropole 761
Anhang 783
Über den Autor 785
Literaturhinweise 787
Literaturverzeichnis 802
Ortsregister 828
Karten 837