Kunst und Architektur in Grenzbereichen

„Papakente, ein Nyduka-Goldsucher, zeigt seine Goldringe“. Auf dem Chinesenmarkt der Surinam-Seite des Maroni-Flusses. Aus dem besprochenen Band.
„Papakente, ein Nyduka-Goldsucher, zeigt seine Goldringe“.
Auf dem Chinesenmarkt der Surinam-Seite des Maroni-Flusses.
Aus dem besprochenen Band.

Im Unterholz

Man nannte sie die „Untergrundbahn“, das geheime Netzwerk, das weggelaufenen Sklaven aus den USA half, die kanadische Grenze und damit die Freiheit zu erlangen. Bis in den Dschungel von Französisch-Guyana, Brasilien oder Surinam reichte dieser hilfreiche Arm jedoch nicht. Während die Brasilianer sich in den sogenannten „quilombos“, Freiheitsdörfern, verteidigten, mussten die „Marrons“, die Geflohenen auf den karibischen Inseln und im nördlichen Südamerika, ihr armseliges Leben als Einzelkämpfer oder in kleinen Gruppen in den Wäldern von Surinam fristen.

Ihre Nachkommen hat der italienische Fotograf Nicola Lo Calzo in seinem Fotoband „Obia“ in ihren besonderen Eigenarten festgehalten – farbenfroh, kreativ und eigenwillig.

„Obia“, ein Wort aus einer afrikanischen Stammessprache, umfaßt hier nicht nur das mitgebrachte und um die eigenen Erfahrungen erweiterte Glaubenssystem, sondern die gesamte Lebensweise tief im Inneren der Wälder zwischen Surinam und Franzöisch-Guyana.

Überleben an diesen Orten ist noch heute hart, aber auch gepaart mit Stolz, Kraft durch Geisterglauben und ab und an einer überwältigenden Lebensfreude.

Obwohl der Nachwortschreiber Simon Njami seinen Begleittext „Frozen Time“, Gefrorene Zeit, nennt, ist der Band alles andere als ein Bericht aus einer unverändert „festgefrorenen“ Epoche, eher ein Beleg für die ewige Schönheit menschlichen Lebens auch unter wahrhaft herausfordernden Bedingungen.

Tamara Pracel

Obia, Fotografien von Nicola Lo Calzo. 96 S., 69 Farbabb. Englisch/Franzöisch. 29,90 €. Kehrer, Heidelberg 2015

Angolanische Reminiszenzen

Modernistische Architekturlegenden in einem durch einen mehr als 30 Jahre dauernden Kolonial- und Bürgerkrieg zerstörten Land zeigt der Architektur-Fotoband „Angola Cinemas. Uma ficção da liberdade/A fiction of freedom“, Kinos in Angola. Eine Fiktion von Freiheit. Die Fotografen und Verfasser haben sich mit Akribie an ein fast völlig in Ruinen liegendes Kunstgenre in diesem reichen und noch immer geschundenen Land gemacht: die Kino-Architektur Angolas im Stil der tropischen Moderne. Somit versammelt der Band die bekanntesten Beispiele sogenannter „geschlossener“ Kinosäle wie man sie aus Europa kennt, aber auch die für Angola so typischen „cine-esplanadas“, offene Kinohallen, für einen Vielzweckgebrauch. Manche von ihnen werden bis heute genutzt.

„Cine Africa“ in einem Vorort Luandas. Weder der Architekt noch das genaue Baudatum sind bekannt. Aus dem besprochenen Band.
„Cine Africa“ in einem Vorort Luandas. Weder der Architekt noch das genaue Baudatum sind bekannt.
Aus dem besprochenen Band.

Bis ins Jahr der Unabhängigkeit 1975 gab es mehr als 50 solcher kultureller Versammlungsorte. Man fand sie von Kabinda bis Namibe, und speziell in allen größeren Provinzstädten. In Luanda hießen sie, ganz großstädisch, „ Atlântico“, „São Paulo“, „Tivoli“ oder „Miramar“; in der Provinz Benguela trug eines den Namen „Cine Flamingo“ oder in Namibe den Namen „Cine Impala“ zu Ehren der einheimischen Tierarten.

Die Kinosäle Angolas zeichneten sich durch Größe – bis zu 1600 Sitzplätze – und einen eigenen Stilkanon aus. Er reichte vom „Streamline“ der 1930er Jahre bis zum Beton-Brutalismus der 1970er Jahre.

Was von diesen Zeitzeugen einer angeblich heilen, weltoffenen Periode des portugiesischen Kolonialismus übrigblieb, findet sich in dieser einzigartigen Fotodokumentation. Die Suche nach den Architekten dieser Relikte gestaltete sich ausnehmend schwierig in den Archiven von Luanda und Lissabon. Eines jedoch belegt diese Suche nach dem kolonialen Erbe durch die sehr engagierten angolanischen Künstler und Wissenschaftler: „Tristeza não tem fim, felicidade sim.“ Die Trauer über ein Land, dass trotz all seines Reichtums der großen Mehrzahl seiner Menschen noch immer keinen sicheren Alltag geschweige denn eine Aussöhnung mit seiner Vergangenheit bieten kann.

Insofern ist diese fotografische Architekturerzählung ein ebenso wichtiger Beitrag zu dieser Aufarbeitung wie die derzeit außerhalb Angolas boomende Literatur jüngerer angolanischer Autoren.

Ronald Daus 

Angola Cinemas, Walter Fernandes/Miguel Hurst. 240 S., zahlreiche Farbabb., 45 €. Steidl/Goethe Institut, Göttingen 2015

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Nachrichten aus der  einstigen „Mitte der Welt“. Weitere Neuerscheinungen zum „Ehrengast Indonesien“ auf der Frankfurter Buchmesse 2015

Eingangsportal einer verfallenen holländischen Muskatplantage auf Bandaneira.  Aus dem besprochenen Band.
Eingangsportal einer verfallenen holländischen Muskatplantage auf Bandaneira.
Aus dem besprochenen Band.

Was bisher für die meisten westlichen Leser weit entfernt am Rand ihrer persönlichen Weltkarte lag, hat sich dank zahlreicher Publikation auf Deutsch anläßlich der Frankfurter Buchmesse 2015, deren Ehrengast „Indonesien“, ist, geändert. So stellten einst die mehr als 12 000 Kilometer von Europa entfernt liegenden Banda-Inseln mit ihren hochbegehrten und teuer gehandelten Gewürzen „die Mitte der Welt“ dar. Der Kampf der europäischen Kolonialnationen, ihre endgültige Unterwerfung und Ausbeutung durch die Holländer sowie ihr fast völliges Verschwinden aus der offiziellen Geschichte zeichnet der Foto- und Essayband „Die Mitte der Welt. Eine Insel im Sog der Globalisierung“ nach. Die Verfasserinnen und Verfasser sind den Folgen dieser ersten globalen Überwältigung und den Überlebensmöglichkeiten der ersten Zwangsangesiedelten, dann durch religiöse Auseinandersetzungen Ende der 1990er Jahre erneut Vertriebenen und weiterer Neuansiedler nachgegangen.

In sehr persönlichen Gesprächen wollten sie herausfinden, wie es sich auf diesen auch für Indonesier nur schwer erreichbaren Inseln in der Banda-See im 21. Jahrhundert leben und eine Zukunft gestalten läßt.

Der einstige globale Ruhm wirkt bis heute nach, dient aber nur relativ beschränkt für ein auskömmliches Leben der Bewohner über die Subsistenzwirtschaft hinaus. Die illustrierenden Fotografien zeigen eine verfallende koloniale Vergangenheit, eine jahreszeitlich natürliche Wiederkehr von Ernte sowie Trocknung der Muskatnüsse, kleine Ansiedlungen direkt am schmalen schwarzen Sandstrand dieser weiterhin von aktiven Vulkanen gekennzeichneten Inselwelt und viele, viele unbeschäftige Menschen. Kapitelüberschriften wie „Der Rest der Welt“ oder „Welt der Langeweile“ – trotz TV, Internet und Mobiltelephonen – demonstrieren das Dilemma dieser einst im Zentrum des Weltmarktes zwischen Europa und Asien gelegenen Archipels. Nur ein-, zweimal im Monat kommt aufregende Bewegung in diese Gelassenheit, dann wenn die Transport- und Frachtfähre der staatlichen Unternehmung „Pelni“ einläuft oder ablegt. Dieser heutzutage einzige zuverlässige Kontakt mit der Außenwelt (trotz eines kleinen Flughafens finden Flüge nur sehr sporadisch statt) scheint Bewohner und Besucher gleichermaßen zu elektisieren, wie die Autoren hautnah erfahren haben.

(Schade, daß der Buchtitel den Namen der Inselgruppe unterschlägt!)   rd

Die Mitte der Welt. Eine Insel im Sog der Globalisierung, von Kollektiv Lang+Breit. 192 S., 150 Farbabbildungen, 32,50 €.  Rotpunktverlag, Zürich 2015

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Wo die Geschichte den indonesischen Banda-Archipel aufgrund seines Gewürzreichtums in das Interesse der Welt katapultierte, schaffte es ein ebenfalls im heutigen Indonesien liegender Vulkan, der Tambora auf der Insel Sumbawa, durch einen einzigen Ausbruch, der eine weltumspannende Klimakatastrophe nach sich zog. Der am 10. April 1815 explodierte und kurz darauf in sich selbst zusammenfallende Vulkan produzierte eine derartigen Ascheregen, daß seine Folgen bis nach Europa und die USA in den Jahren 1816-1819 die Sommer unter Regenmassen begruben und die Winter unter Schneebergen. Die Ernten wurden vernichtet, die Tiere starben in ungekannter Zahl, die Menschen verhungerten und Krankheiten wie Cholera breiteten sich über riesige Landstriche in Asien aus.

Der Ausbruch des Tambora 1815 wurde jedoch noch nicht als ein globales Ereignis „aus der Mitte der Welt“ wahrgenommen. Die Verbindungen dazu konnten aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse erst in den vergangenen 100 Jahren gefunden werden.

Gillen D‘Arcy Wood hat sich in seiner Untersuchung viel vorgenommen: die Zusammenhänge zwischen historischen und literarischen Belegen, die gerade für die Ursprungsregion des Tambora sehr spärlich sind, zwischen wirtschaftlichen Folgen, technologischen Fortschritten und wissenschaftlicher Aufarbeitung durch Vulkanologen und Klimaforscher aufzuzeigen.

Sein Unterfangen ist ambitioniert und daher von Kapitel zu Kapitel unterschiedlich gelungen. Immerhin gibt eine ausführliche Bibliographie die Möglichkeit, ihre besonderen Vorlieben innerhalb dieses weiten Spektrums weiterzuverfolgen.

Alex Westwood

Vulkanwinter 1816. Die Welt im Schatten des Tambora, von Gillen D‘Arcy Wood. 336 S., 29,95 €.  Theiss, Darmstadt 2015

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Auf Bali mischen sich Geisterfratzen und elfenhafte Tänzerinnen  an einem modernen Kunstzentrum zu einem neo-eklektizistischen Amalgam.  Foto R & U Daus 2015
Auf Bali mischen sich Geisterfratzen und elfenhafte Tänzerinnen an einem modernen Kunstzentrum zu einem neo-eklektizistischen Amalgam.
Foto R & U Daus 2015

In dem als Fortsetzung zu „Saman“ (s. Kosmopolis 28-29/2015) intendierten Roman „Larung“ lockt Ayu Utami dieLeser gleich im ersten Kapitel in die psychotischen Abgründe ihres Protagonisten Larung, der sich unter dem Einfluß seiner aus Bali stammenden Großmutter, immer tiefer in Geister- und Aberglauben verstrickt. Statt geduldig den Tod der über 100 Jahre alten Frau abzuwarten, will er ihrer Seele mittels eines uralten Brauches endlich Ruhe geben und macht sich auf die Suche nach einer bekannten Zauberin, die als einzige dieses fast vergessene Ritual beherrscht. Durch diese Reise in eine verbotene Geisterwelt, die allen offiziellen Islambeschwörungen Hohn spricht, wird Larung nicht nur zum Mörder an seiner Großmutter, sondern erwirbt selbst die Kraft des Übersinnlichen.

Mit einem kalten Schnitt findet man sich plötzlich in der oberflächlichen Plauderei der bereits in dem Roman „Saman“ ihre sexuellen Wünsche explizit auslebenden oder implizit andeutenden vier Protagonistinnen wieder. Auch Saman, der vom Priester zum Menschenrechtsaktivist Gewandelte, konnte sich ins Ausland retten. New York wird zum Schauplatz einiger sexueller oder auch nur phantasierter Eskapaden, bis sich der Plot wieder in die harte Realität indonesischer Politik der End-1990er Jahre wendet.

Hier taucht auch Larung erneut auf, der sich für junge Polit-Aktivisten engagiert – aus Rache oder aus Geltungssucht an der indonesischen Gesellschaft, wird nicht wirklich erklärt. Larung bleibt rätselhaft und als er auf den Helden des ersten Romans, Saman, trifft, bedeutet es für bei den sicheren Tod.

Die Hoffnung stirbt wohl in Indonesien als erste, so jedenfalls scheint diese erbarmungslose Abrechnung der Autorin mit ihrer eigenen Gesellschaft zu lauten.

Ursula Daus

Larung, Roman von Ayu Utami. 326 S.  19,90 €. Horlemann, Angermünde 2015

„Indonesien“ : Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2015

Bali 2015: Indonesische Malerei im Stil des Mexikaners Miguel Covarrubias. Foto R & U Daus
Bali 2015: Indonesische Malerei im Stil des Mexikaners Miguel Covarrubias.
Foto R & U Daus

Die in der Presseerklärung des Kulturministeriums in Djakarta blumig geschätzten 17 000 Inseln repräsentieren mit ihren 250 Millionen Einwohnern, zahlreichen Religionszugehörigkeiten, Sprachen, Kulturtraditionen die Republik Indonesien. In ihrer Verfassung wird den Einwohnern garantiert, daß sie ihre unterschiedlichen Überzeugungen in einem einigen Indonesien ausleben dürfen, also keiner Restriktion bezüglich ihres Glaubens, ihrer kulturellen Traditionen oder ihrer persönlichen Lebensführung unterworfen sind. Diese Toleranz geht angeblich zurück auf die älteste Fremdreligion, die sich auf der Hauptinsel Java etabliert hatte, die buddhistisch-hinduistische Glaubensrichtung aus dem 9./10. Jahrhundert.

Und genau diese kulturelle Vielfalt, resultierend aus einer mehr als tausendjährigen Geschichte der Kontakte mit zugewanderten Völkern, Sprachen und Sitten fordern an vorderster Front die jungen Schriftstellerinnen Indonesiens von einer Gesellschaft ein, die sie gefährlich in religiöse und politische Intoleranz abdriften sehen.

So klagte am 5. Mai 2015 die 1971 geborene Autorin Laksmi Pamuntjak in der Londoner Tageszeitung „The Guardian“ in einem offenen Brief an den neugewählten Präsidenten Joko Widodo seine erbarmungslose Haltung bei der Anwendung der Todesstrafe an. „Jokowi, du lehrst uns das Blutvergießen“ überschrieb sie ihren Aufruf. Statt sich als unbeugsamer Kämpfer für die Menschenrechte einzusetzen, nähere er sich mit den bereits 16 Exekutionen für verurteilte Drogenhändler und Mörder in den ersten sechs Monaten seiner Amtszeit der blutigen Ära in den Jahren zwischen 1965 und 1998 unter dem Diktator Suharto an.

Genau diese Epoche in der indonesischen Geschichte provoziert heute junge Autorinnen zur erneuten Auseinandersetzung mit einem Land, das trotz aller Wandlungen noch immer geprägt ist von Korruption, Blutfehden zwischen politischen und wirtschaftlichen mafiaähnlichen Strukturen, einer politisch desinteressierten durch Massenkonsum beruhigten Mittelschicht und einem zunehmend gegenüber anderen Religionsgruppen intoleranten fundamentalistischen Islam.

In ihren Romanen beharren sie auf der facettenreichen Kultur und Geschichte ihrer Inseln zwischen Indischem und Pazifischen Ozean. Sie beziehen sich mit großer Selbstverständlichkeit auf ihre buddhistisch-hinduistischen Wurzeln, die in Epen, Theaterstücken, Gedichten oder bei Tänzen bis heute ein Daseinsrecht behalten haben. „Lehrt uns nicht die Mahabharat die Werte von Versöhnung und Diplomatie?“, fragte Laksmi Pamuntjak ihren Präsidenten. Und genauso selbstverständlich läßt sie in ihrem 2012 veröffentlichten Roman „Amba“ (auf Deutsch: “Alle Farben Rot“, September 2015) die Hauptfigur Amba ihrer Konkurrentin verzeihen, obwohl diese sie schwer mit einem Messer verletzt hatte. Diese „Eingeborene“ von der Insel Buru hatte ihr den Geliebten, einen Arzt, der dort in der Verbannung leben mußte, „weggenommen“. Daß nicht sie die Ehefrau von Bhisma werden konnte, war den unkontrollierten Ereignisse nach dem Staatsstreich von 1965 geschuldet. In den Wirren dieser Auseinandersetzung zwischen Parteien, Militär, prominenten Politikern und dem Staatspräsidenten wurden alle, die man einer Nähe zur mächtigen Kommunistischen Partei Indonesiens verdächtigte, ermordet, verschleppt oder verbannt. Sogenannte Sympathisanten der Gruppe „B“ wurden auf der zwischen Sulawesi und Ambon liegenden Insel Buru in Zwangslagern festgehalten, ohne Aussicht auf einen Prozess oder Befreiung.

Vierzig Jahre nach der Verschleppung ihres Geliebten machte sich Amba auf den Weg, sein Grab auf Buru zu suchen. Entlang der Reise ihrer Protagonistin tauchen die politischen Verwicklungen der neueren indonesischen Geschichte, alte Legenden, uralte traditionelle Inselbräuche sowie ganz aktuelle Politik auf. Sie prägen die Charaktere und ihre geheimsten Wünsche nach Nähe, Liebe, Sexualität, Gemeinsamkeit wie sie auch die moderne indonesische Gesellschaft nicht liefern kann. Nur die aus der Vergangenheit geretteten literarischen Vorbilder scheinen einen Zufluchtsort zu bieten.

Schon als junges Mädchen liebte es Amba, Bücher zu lesen, die nicht für sie bestimmt waren wie „Das Buch von Centhini“, „einem großen Schatz der klassischen javanischen Dichtung“ wie ihr Vater urteilte. Selbst die sexuellen Eskapaden eines Prinzen verbarg er nicht vor ihr. „Gerne verweilte er (der Vater) bei diesem unzüchtigen Prinzen und malte sich genussvoll aus, wie dieser es in einer Nacht mit den drei verluderten Schwestern trieb oder wie er nach einer Orgie im Haus der Witwe noch den Hirten vögelte…“ Die Schamgefühle, die der Vater wohl nachts hegte, konnte er als frommer Moslem mit der Morgenwaschung einfach wieder reinigen. Mit dem riesigen Fundus eines toleranten Literaturerbes ausgestattet, versucht Amba auch den Verlust des Geliebten und ihre Trauer zu bewältigen. Die Briefe, die er ihr während seiner Gefangenschaft schrieb, die sie nun in Händen hält, sind ein weiterer Beleg für die Unersetzbarkeit von literarischem Schreiben – auch im 21. Jahrhundert.

Laksmi Pamuntjak glaubt an die Kraft der Literatur genau wie ihre Mitstreiterin Ayu Utami in ihrem Roman „Saman“, der eine Neuauflage zur Buchmesse erfährt, sowie dessen Fortsetzung „Larung“. Mit „Saman“ bewegt sich Utami ebenfalls zwischen den Jahren 1965 und dem ganz aktuellen Widerstand kleiner Landbesitzer und engagierten Umweltschützer vor der Zerstörung der Lebensgrundlage und der Natur durch die multinationale Agroindustrie und die korrupte Lokal- und Nationalpolitik auf Sumatra. Aber wie Pamuntjak ist auch Utami überzeugt, daß nicht nur Fakten das Leben beinflussen, sondern ebenso stark unterliegt es Geisterwesen, Mythen, religiösen Verirrungen und unvorhersehbaren Gefühlsverbindungen. Ob es die unerfüllte Zuneigung eines katholischen Priesters zu einer jungen psychisch kranken Frau mit übersteigertem Sexualtrieb ist oder dessen Abwendung vom Glauben aus Verzweiflung über die scheinbar unabänderlichen sozialen Mißstände, ob es eine junge Journalistin in die Arme eines verheirateten Ingenieurs treibt oder die Tochter aus reichem Hause ihren sexuellen Launen freien Lauf läßt, immer verortet Utami ihre Figuren in den Jahrtausende alten literarischen Epen und überkommenen Mythen ihrer indonesischen Inselwelt.

In diesem Sinne erdichten sich auch die Poeten Indonesiens ein eigenes Universum, allen voran Dorothea Rosa Herliany. Sie wurde 1963 in Zentraljava in eine katholische Familie hineingeboren, was sie im fast ausschließlich moslemischen Java bereits zu einer Außenseiterin machte. In ihrem für die Frankfurter Buchmesse 2015 neuzusammengestellten und gestalteten Gedichtband „Hochzeit der Messer“ zeigte sie mit der Auswahl der Gedichte die besonders scharfe Schnittkante ihrer Gesellschaft auf. Wie mit einem Seziermesser zerlegt sie die alten und neuen Diskriminierungen gegen Frauen, gegen die Menschenrechte oder auch gegen die Natur. Thematischer Mittelpunkt ihrer auf Indonesisch geschriebenen Werke sind und bleiben jedoch die Beziehung der Geschlechter untereinander – und die enden meist mit einem abgeschnittenen Penis oder zerstossenen Innereien. Überschriften wie „Hochzeit der Messer“, „Telegramm bei stumpfem Sex“ oder „Szenisches Liebesdrama“ zeigen die Erbarmungslosigkeit des indonesischen Alltags: „mein Kind kotzt, wenn im fernsehen/liebeschnulzen laufen/…/und das ist die szene, die gespielt werden müsste: regenwürmer,/hemmungslos vermehrt, krätze, die in deinem herzen/verklumpt. deine hand, die das messer führt, ein/ganz und gar gefühllos ausgestoßener schrei…“

Ob es die „Tropen“ sind, die die Nachwortschreiberin und Nachdichterin Brigitte Oleschinski im Verdacht hat, die zu so krassen dichterischen Exzessen führen, „die Tropen in ihrer nächsten Bedeutung, als Figuren der uneigentlichen Rede nämlich, in Metaphern oder Metonymen, den Gliedmaßen, Nervenfasern, Zellstrukturen der Poesie“ oder einfach nur die dort hausenden Dämonen, wie in dem seltsamerweise auf Deutsch als „Bali- Das letzte Paradies“ zur Buchmesse vorgelegten Roman Nigel Barleys „Island of Demons“ – eine Hommage an den deutschen Maler, Tänzer, Künstlergenie Walter Spies auf Bali – , läßt sich wohl auch nach weiteren Gedichtbänden, Romanen, Erzählungen, Essays und Interviews zur indonesischen Literatur nicht gänzlich klären.

Ursula Daus

Alle Farben Rot, von Laksmi Pamuntjak, Roman aus dem Indonesischen. 672 S., 24 €. Ullstein, Berlin 2015

Saman, von Ayu Utami,  Roman aus dem Indonesischen; Larung, von Ayu Utami, Roman aus dem Indonesischen. Beide bei Horlemann, Angermünde 2015.

Surabaya Beat, Fotografien von Beat Presser, Gedichte und Kurzgeschichten indonesischer Autoren. 70 US$. 224 S. Afterhours Books, Jakarta; in Europa bei: Scheidegger & Spiess, Zürich 2015

Hochzeit der Messer, von Dorothea Rosa Herliany. Gedichte aus dem Indonesischen. Verlagshaus Berlin 2015

Bali – Das letzte Paradies („Island of Demons“), von Nigel Barley. Roman aus dem Englischen, Klett-Cotta, Stuttgart 2015

KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 28-29/2015 „Traumzeit“

In „Surabaya Beat“ hält der Schweizer Fotograf Beat Presser seine Reise mit den letzten großen Holzbooten, den pinisi, zwischen den indonesischen Inseln in großartigen monochromen Bildern fest. Einige Fotos zeigen den auf Jahrhunderte alten Traditionen beruhenden Bau der Schiffe auf den Werften im Süden Sulawesis. „... At sea, neither a master nor a slave/A tuna‘s heart is a cure for anyone./ It staves away our langour, before we sail home without fish/Sail home without fish/Lambo!/Lambo!Lambo Palari!“ singen die Seeleute. Indonesische Autoren ergänzen mit ihren Geschichten und Gedichten diesen Fotoband, der auf der Frankfurter Buchmesse 2015 präsentiert wird.
In „Surabaya Beat“ hält der Schweizer Fotograf Beat Presser seine Reise mit den letzten großen Holzbooten, den pinisi, zwischen den indonesischen Inseln in großartigen monochromen Bildern fest. Einige Fotos zeigen den auf Jahrhunderte alten Traditionen beruhenden Bau der Schiffe auf den Werften im Süden Sulawesis.
„… At sea, neither a master nor a slave/A tuna‘s heart is a cure for anyone./ It staves away our langour, before we sail home without fish/Sail home without fish/Lambo!/Lambo!Lambo Palari!“ singen die Seeleute.
Indonesische Autoren ergänzen mit ihren Geschichten und Gedichten diesen Fotoband, der auf der Frankfurter Buchmesse 2015 präsentiert wird. „Surabaya Beat“, Fotografien von Beat Presser, Gedichte und Kurzgeschichten indonesischer Autoren. 70 US$. 224 S. Afterhours Books, Jakarta; in Europa bei: Scheidegger & Spiess, Zürich 2015. Ausstellung bis 5.9.2015 in der Photogalerie Johanna Breede, Berlin. http://www.johanna-breede.de

In unserer Ausgabe „Traumzeit“ suchen wir nach den künstlerischen, literarischen und philosophischen Wurzeln, die auch in diesem bisher so chaotischen 21. Jahrhundert das Recht zum Träumen erlauben. Von der „Zerstörung der Zeit“ spricht der koreanische Philosoph Byung-Chul Han, wenn er die „Logik der Effizienz“ unserer Epoche kritisiert. Er fordert eine eigene Zeit für Rituale und Zeremonien, für Erzählungen und – zum Träumen.
In anderen Kulturkreisen wird die neue „Traumzeit“ als nostalgische Besinnung an „heile“ Lebensräume verstanden. Manado in Nord-Sulawesi will mit neo-eklektizistischen Architekturgebilden die Erinnerung an die einst „schönste Stadt des indonesischen Archipels“ aufleben lassen. Auch beschwören indonesische Autorinnen in ihren aktuellen Romanen auf der Frankfurter Buchmesse 2015 die Epoche der Toleranz und Freizügigkeit unter den hinduistischen Herrschern der Vergangenheit, während sie gleichzeitig an die blutige Epoche zwischen 1965 und 1998 im unabhängigen Indonesien erinnern.
In einem von Gewalttaten entstellten Mittelamerika träumt der nicaraguensische Schriftsteller Sergio Ramírez von einer Zeit des kreativen Friedens. Und der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado fügt diesem Wunschtraum seine Fotografien in „Genesis“ von einer gerade noch intakten Welt hinzu.

Ronald Daus * Lob der Langsamkeit. Alt-Äyptische Kunst aus der Feder des Emile Prisse d‘Avennes

Gelöschte Zeit. Fotografien von Yuri Toroptsov aus Sibirien

Peter B. Schumann * Hat Mittelamerika eine Zukunft? Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Sergio Ramírez

Ursula Daus * „Ich wäre glücklich, wenn ich aus Manado stammte“. Rekonstruktion eines urbanen Traums in Sulawesi

Ronald Daus * In Memoriam: „Genesis“. Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado

Auf dem Erlösungspfad: Burma-Impressionen zwischen Irrawaddy und Salween

In Berlin und anderswo: Timor Leste in der Bretagne * Karelien * Schwarz und Weiß unter der Sonne des Äquators * Zu Ehren der Ahnen. Kunst vom Sepik * „Indonesien“: Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse 2015 mit einem Foto von Beat Presser aus seiner neuen Publikation „Surabaya Beat“ * Jean Paul Gaultier: Retrospektive in Paris

Neue Bücher: Im Untergrund * Reiselust und Reisefrust * In der Nostalgie-Falle * Paradiesische Zustände * Eiskalt

Buchrezensionen aus den Verlagen: Taschen/Köln, Ed. Panorama, Heidelberg; Kehrer, Heidelberg; Hirmer, München; Ullstein, Berlin; Horlemann, Angermünde; Union, Zürich;

Schädelhalter aus einem Iatmul-Männerhaus, 1963. Musée du Quai Branly, Paris.  Aus dem besprochenen Katalog
Schädelhalter aus einem Iatmul-Männerhaus, 1963. Musée du Quai Branly, Paris.
Aus dem besprochenen Katalog

Zu Ehren der Ahnen. Kunst vom Sepik, Papua-Neuguinea

Wenn die Spuren der Ahnen vor Ort immer mehr verblassen oder gar verschwinden, scheinen sie wie durch einen besonderen Zauber am anderen Ende der Welt aufzutauchen. So gesehen, ist die von zahlreichen europäischen Museen und ethnologischen Sammlungen unterstützte Schau „Tanz der Ahnen. Kunst vom Sepik in Neu-Guinea“ wohl mithilfe eines besonders starken mana zustande gekommen. Ihre erste Station war der Berliner Martin-Gropius-Bau (bis Juni 2015). Es folgt das Museum Rietberg in Zürich und ab Oktober 2015 das für seine beachtenswerten Präsentationen bekannte Pariser „Musée du Quai Branly“. „Ozeanien steht nicht häufig im Zentrum großer Sonderausstellungen“ (Vorwort im Katalog), und noch weniger gehört die aktuelle Aufmerksamkeit dem im Schlagschatten der sogenannten „Paradiesinseln“ Polynesiens liegenden Melanesien und Neuguinea.

So folgte der „Entdeckung“ der zweitgrößten Insel der Welt, „Nova Guinea“,  durch portugiesische und spanische Seefahrer im 16. Jahrhundert keinerlei Aufbruchstimmung zu ihrer Eroberung, Unterwerfung oder Ausbeutung. Erst mit dem heraufziehenden Ende des Imperialismus im 19. Jahrhundert, als die Weltregionen verteilt und kaum mehr Neues zu entdecken war, kaprizierte sich eine spätkoloniale Nation wie Deutschland auf die Erforschung dieser geheimnisumwitterten Landmasse und seiner unzähligen sprachlich und sozial aufgesplitterten Einwohnergruppen. Der große Fluß Sepik in der Mitte Neu-guineas bot sich als Einfallstor an. Und so ist es nicht weiter erstaunlich, daß gerade die Kulturen des Sepik mit ihren Artefakten in so großer Zahl in europäischen, und vor allem in deutschen Sammlungen vertreten sind. Ahnenmasken, Pirogenschmuck, Holzhaken, bemalte Palmblattdekorationen aus Männerhäusern, Schmuckschädel besiegter Feinde, Armreifen, Schambedeckung für Männer und Frauen, Ganzkörper-Kostüme und immer wieder Ahnenfiguren, die ständig ihre Gestalt verändern konnten – die gesamte Alltagskultur und die über ihn hinausweisende Welt der bösen und guten Geister, Kobolde, Zauberwesen und Tiertotems diente der Ahnenverehrung. Das Tun der Lebenden war von ausgeklügelten Zeremonien, Ritualen, Verboten und Opfergaben für diesen Ahnenkult bestimmt. Erstaunlicherweise war der Einfluß, den diese alltäglichen Kunstgegenstände auf die Künstler der beginnenden Moderne um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatten, genauso mächtig wie auf die anonymen Produzenten dieser Kunst vom entgegengesetzten Spektrum der sogenannten Zivilisation. Wo sich der abendländische Geist das Privileg der Abstraktion und der Metaphysik als Ergebnis Jahrtausende alter Kulturentwicklung zuschrieb, zeigten diese „Wilden“ vom anderen Ende der Welt, daß elaborierte Formensprache und Verehrungsrituale anscheinend eine allen Menschen zur Verfügung stand.

Besonders beeindruckend an diesen vom natürlichen Verfall bedrohten Kunstobjekten aus Naturmaterialien wie Holz, Bambusfasern, Baumrinde, Naturpigmenten, Haaren, Fellen, Federn Erde, Kaurimuscheln, Ton, Algen, Steinen, Schnecken, Perlmutt, Fischknochen, Wildschweinhauern, Vogelknochen, Zähnen von Menschen und Tieren, Menschenschädeln oder Palmwedeln ist die fürsorgliche Pflege, die ihnen bei ihren europäischen Besitzern in den letzten mehr als 100 Jahren zukam. Wo vor Ort, in den Dörfern des Sepik im 21. Jahrhundert, nur noch rudimentäres Wissen und Kunstfertigkeiten vorzufinden sind, strahlen sie in den Museumsvitrinen zwischen Berlin, Paris, London oder Amsterdam den in ihnen bewahrten Zauber aus, den einst der „Tanz der Ahnen“ unsterblich machte. Alex Westwood

Tanz der Ahnen. Kunst vom Sepik in Papua-Neuguinea, Katalog. 352 S., 49,90€. Hirmer, München 2015. Ab Oktober 2015 im Musée du Quai Branly, Paris. http://www.quaibranly.fr

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Auf dem Erlösungspfad: Burma-Impressionen zwischen Irrawaddy und Salween

Liegender Buddha  in der Shwetalyaung-Pagode in Pegu/Bago. Länge 55m, Höhe 15 m. Foto: Jaroslav Poncar, 1985
Liegender Buddha in der Shwetalyaung-Pagode in Pegu/Bago.
Länge 55m, Höhe 15 m. Foto: Jaroslav Poncar, 1985

Angesichts der chaotischen Gegenwart der aufgeklärten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts verzaubert schon ein kurzer Blick in den prächtigen Panorama-Fotoband „Burma/Myanmar“ von Jaroslav Poncar und nimmt die Betrachter mit in ein märchenhaftes Reich aus vergoldeter Formenvielfalt und friedlich lächelnden Buddha-Riesen und Menschen-Zwergen. Die angeblich heile, in sich ruhende Welt aus tiefreligiösen Verehrern, ruhig dahingleitenden Gewässern und naturverbundenem Lebensgefühl ist keine Inszenierung. Trotz jahrzehntelanger menschenverachtender Diktaturen, blieb Burma/Myanmar seiner tiefreligiösen Seele treu. Aufstände gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung wurden von den Mönchsgemeinschaften gemeinsam mit dem Volk durchgestanden.

Wer wie der tschechische Fotograf Jaroslav Poncar (*1945) drei Jahrzehnte dieses Land von Süden in Rangun/Yangoon bis ins zentrale Mandalay, von der einstigen Königsstadt Pegu mit dem Goldenen Fels bis zur Pagodenstadt Bagan, von der Küste des bengalischen Golfes bis zum Inle-See bereist hat, wird auch weiterhin das „ewige“ Burma finden. Eine Auswahl aus diesen Reisen zeigt der Fotoband und konzentriert sich dabei auf die übermächtig präsente Religionsarchitektur und -kunst, auf die schönsten landschaftlichen Eindrücke und einige Kuriosa am Rande des Weges. Erklärende Worte von westlichen Landeskennern sollen helfen, sich in der Geschichte und der Kunstgeschichte Burmas/Myanmars zu orientieren. Anders als ihre kolonialen Vorgänger wie Rudyard Kipling in seiner Ode an das „Burma-Mädchen“ an der Moulmein-Pagode oder George Orwell in seinen „Burmese Days“, die den Einheimischen ihre lethargische Unveränderbarkeit vorwarfen, sind die heutigen Autoren fasziniert davon, „dass dort die Zeit still stehen geblieben ist“ (S.38).

Doch nur wer die Wahlfreiheit seiner Motive hat, kann sein Bild des Anderen nach seinem Willen erschaffen. Die Burmesen selbst sind seit ihrer nationalen Unabhängigkeit 1948 vom britischen Kolonialsystem auf der Suche nach Fortschritt und Annäherung an eine globale Welt – wenn auch immer wieder von Episoden der Isolation unterbrochen. Die durch das britische Empire erzwungene Rückständigkeit wurde schlagartig in ihr Gegenteil verkehrt. Beispielhaft dafür stand der moderne Wiederaufbau der völlig zerstörten Königsstadt Mandalay. Sie war am 20. März 1945 von britischen Jagdfliegern zerbombt worden, um die sich hier verschanzenden Japaner und ihre burmesischen Verbündeten zur Aufgabe zu bewegen. Nachdem in einem ersten Schritt die Mauer, die Wachtürme und die Eingangstore des Palastbezirks wieder aufgebaut wurden, um damit an die überkommenen Traditionen zu erinnern, „wurde auf der anderen Seite des Palastgrabens mit umso größerer Energie und Vitalität gegen dieses leere Symbol angebaut. Das von den Briten herrührende geometrische Straßenraster wurde beibehalten. Innerhalb von nur fünf Jahren entstand das Geschäftsviertel zwischen der 79. und 85. Straße neu in einem nahezu einheitlichen Stil, dem ‚Burma Deco‘. Ein- bis dreistöckige Geschäftshäuser, Wohnhäuser, Werksätten jeder Art von der Autogarage bis zum Möbelpolsterer,… jeder wagemutige Kleinunternehmer ließ sich von der Art-Déco-Euphorie anstecken… Der von den Briten über jahrzehnte diktierte Neo-Klassizismus oder Tropen-Palladianismus galt als absolut rückständig und unpatriotisch. Der nationale Neuanfang fand seinen manifesten Ausdruck in den in Beton gegossenen vertikalen, horizontalen oder Zick-zack-Bändern.“* Aber auch religiöse Bauherren zeigten Interesse an dem neuen Stil, denn es entspricht dem buddhistischen Verständnis „daß es mehr religiöse Verdienst bringt, wenn man etwas Neues baut, als etwas Altes zu erhalten“. Das gilt für traditionelle Pagodenbauten genauso wie für ihre modernistische Variante. Offene Tempehallen, von schlanken Betonpfeilern gehalten, dienen monumentalen Buddha-Figuren als Wetterschutz und für die Pilger als Ruheplatz. Verwaltungsbauten und Mönchszellen paßten ihre Architektur ebenso dem „Burma Deco“ an wie sie aktuell nach Verbindungen traditioneller Ästhetik mit dem 21. Jahrhundert suchen. Einmal mehr bestätigt sich dabei, daß das Rad des Lebens sich unabhängig weiterdreht, sei es unter der traditionellen Ägide oder in importierten Trends modischen Fortschritts.  („Mandalay: Endlich unabhängig!“, in: Ursula Daus, Sehnsucht nach der Moderne. Tropisches Art Déco 1925-1950, Opitz, Berlin 2004, S. 315ff.)

Wem der prachtvolle Blick in die vergoldete und reichdekorierte Wunderkammer eines sehr volksnahen Buddhismus aus Paradiessuche und Geister-“Nat“-Verehrung nicht ausreicht, der darf auf Erlösung durch den Blick von innen nach außen hoffen.

Die burmesische Autorin Ma Thanegi hat sich als „native tourist“ auf eine Reise auf den großen Fluß ihres Landes, den Irrawaddy – in neuer Schreibweise „Ayeyarwady“ – begeben, angeregt durch die Behauptung einer britischen Autorin, „daß Burmesen niemals über den Irrawaddy schrieben“. Auch Ma Thanegi wurde im Herzland Burmas, in Mandalay, geboren. Seit jüngster Kindheit lebt sich jedoch in Rangun/Yangoon. Sie war Mitarbeiterin der Oppositionspolitikerin und derzeitigen Präsidentschaftsanwärterin Aung San Suu Kyi. Sie verbrachte drei Jahre in Myanmar im Gefängnis. Ihre journalistischen Essays und Artikel verfasst sie auf Englisch. Sie erscheinen in der Yangoner Wochenzeitschrift „Myanmar Times“ und im Ausland.

Ma Thanegi begann ihre Reise – anders als ortstypische Touristenangebote – am Ursprung des Flusses in Nordburma, dort wo er mit Booten über 2000 Kilometer bis zu seiner Mündung in den Indischen Ozean schiffbar ist: in Mytkyina. Sie würzt ihre Reiseerlebnisse mit gefühlig-nostalgischen Kindheitserinnerungen sowie einer großen Prise erklärendem Beiwerk zu den Besonderheiten von Landschaft und Volksgruppen entlang des breiten, ruhig dahinfließenden Stroms. Kennzeichen einer solchen Reise ins Innere ihres Heimatlandes ist die Langsamkeit des Vorankommens und der Entwicklungen, auf die sie häufig – wie bei einem eingeübten Mantra – verweist. Burma/Myanmar scheint ungebrochen die Möglichkeit einer besinnlichen Pilgerreise für alle zu bieten, die sich dieser Langsamkeit anvertrauen wollen. Ursula Daus

Burma/Myanmar. Reisefotografien von 1985 bis heute, von Jaroslav Poncar, 320 S., 260 Fotos in Farbe, 78 €. Edition Panorama, Mannheim 2013

Defiled on the Ayeyarwaddy. One Woman‘s Mid-Life Travel Adventures on Myanmar‘s Great River, ThinsAsian Press, San Francisco 2010. In Vorbereitung auf Deutsch: Auf dem Ayeyarwady. Reiseerlebnisse aus Burma, von Ma Thanegi, 328 S., zahlreiche Abb. 18,90 €. Horlemann, Angermünde 2015

„Gelöschte Zeit“.  Fotografien von  Yury Toroptsov aus Sibirien

Der Fotograf Yury Toroptsov wurde 1974 in einer ländlichen Gemeinde bei Wladiwostok geboren. Er studierte in New York und widmete von nun an sein Schaffen von Fotografien, die teils inszenierte, teils tatsächliche Motive ablichteten. In seiner aktuellen Ausstellung „Deleted scene“, Gelöschte Szene, die bis zum 14. Juni 2015 im „Musée de la Chasse et de la Nature“, dem Museum der Jagd und der Natur, in Paris zu sehen ist, versucht sich Toroptsov an der Rekonstruktion seiner eigenen Vergangenheit. Angesichts der von seinem Objektiv „erlegten“ Beute aus Sumpfland, verfallenden Holzhäusern, von Wild zertrampeltem Tundragras, verblichenen Fotos an den Wänden verlassener Taiga-Höfe sowie Bruchstücke seiner eigenen Erinnerung an den großen japanischen Regisseur von „Dersu Usala“, Akira Kurosawa, scheint diese Suche eher wie ein Traum als Realität, „eine Reise durch Ostsibirien mit der Mission, das Unsichtbare zu fotografieren“. Die Betrachter dieser Serie werden selbst zu Suchenden in den melancholischen Resten dieser Erinnerung.

Der Vater als Fragment einer Kinheitserinnerung.  Umschlag des Katalogs zur  Ausstellung „Deleted Scene“. Archiv Yury Toroptsov.
Der Vater als Fragment einer Kinheitserinnerung.
Umschlag des Katalogs zur
Ausstellung „Deleted Scene“.
Archiv Yury Toroptsov.

Yuri Toroptsov beschreibt seine Motivation zu dieser Reise, den Erinnerungen an seinen Vater nachspüren zu wollen. „Die Wahrheit ist, daß ich eigentlich nichts über ihn weiß. Er starb bevor ich zwei Jahre alt war… Aber da gab es seine Kamera, die ich vollständig auseinandernahm und damit auch noch die letzte Erinnerung an ihn zerstörte. So habe ich jetzt nur die Fotos, die er von sich gemacht und entwickelt hat… Außerdem gab es einige Anekdoten wie die von seiner Begegnung mit Akira Kurosawa, der seinen Film über den Jäger Dersu Usala in der Nähe unseres Dorfes drehte. Damals wußte keiner wer Kurosawa war und wie berühmt er war. Meine Eltern schauten sich den Drehort nur kurz an und fuhren desinteressiert weiter. Doch diese Begegnung wurde später zu einem wichtigen Moment in meinem Leben, denn es war der letzte Augenblick, in welchem wir noch eine intakte Familie waren.“ Yury Toroptsov: Deleted Scene, Fotos und Text von Yury Toroptsov, Claude D‘Anthenaise. 96 S., engl./franz./russ. 30 €. Kehrer, Heidelberg 2015 Ausstellung im „Musée de la Chasse et de la Nature“, Paris, bis 22.06.2015

Lob der Langsamkeit: Alt-Äyptische Kunst aus der Feder des Emile Prisse d‘Avennes

Flachreliefs aus den Denkmälern von Theben, die unter der 18. Dynastie abgerissen wurden und in Karnak wiederverwendet.  Aus dem besprochenen Band
Flachreliefs aus den Denkmälern von Theben, die unter der 18. Dynastie abgerissen wurden und in Karnak wiederverwendet.
Aus dem besprochenen Band

Bei der Durchsicht dieses monumentalen Bildwerkes überkommt den Betrachter nach anfänglicher Überwältigung durch Formen, Farben und exakt nach Abklatschen gezeichneten dem Laien weithin unverständlichen Hieroglyphen aus mehr als zwei Jahrtausenden der Wunsch nach zeitlosem Verweilen vor dieser euphorischen Bestandsaufnahme. So ähnlich muß sich auch der Künstler Émile Prisse d‘Avennes (1807-1879) angesichts der nicht endenwollenden Entdeckungen in den Ruinenstädten, Gräbern und Grabschätzen Ägyptens gefühlt haben. Er versuchte, eine Vollständigkeit abzubilden und ein strukturiertes Verstehen mithilfe von Schrifttafeln, Architekturzeichnungen, Vogelperspektiven, Farb- und Dekor-Rapporten sowie chronologischen Abfolgen von Königen oder historischen Ereignissen herzustellen.

Versteckt in den Archiven der deutschen Universitätsbibliotheken von Göttingen und Heidelberg fördert ein Faksimile-Nachdruck aus dem Benedikt-Taschen-Verlag die überaus farbenprächtige und detailgenaue Wiedergabe der von Émile Prisse d‘Avennes gefertigten Skizzen, Zeichnungen und Malereien alt-ägyptischer und arabischer Kunst zutage.

Schon im Alter von 17 Jahren während seiner Teilnahme am griechischen Unabhängigkeitskrieg und anschließenden Reisen durch Palästina und Ägypten wurde der Grundstein einer lebenslangen Begeisterung gelegt. Ab 1826 stand Prisse d‘Avennes als Ingenieur und Privatlehrer im Dienste des Muhammad Ali Pascha. Er bereiste Ausgrabungsstätten und fertigte erste Dokumentationen an. Ab 1839 lebte er vor allem in Luxor, in Sichtweite der von ihm bis ins kleinste Detail erfassten Kunst- und Ruinenwerke. Erst 1844 kehrte er mit seinen Arbeiten nach Paris zurück und übergab sie der Nationalbibliothek und dem Louvre. Eine zweite Ägypten-Phase schloß sich zwischen 1859-1860 an. Seine letzte Ägyptenreise erfolgte 1867 in Vorbereitung zur Weltausstellung in Paris.

Im einführenden Text der ägyptischen Archäologin Salima Ikram wird das Werk Prisse d‘Avennes auch in seinen historischen Kontext eingeordnet. Die Begeisterung für alles Alt-Ägyptische hatte Frankreich und Europa mit den Feldzügen Napoleons und den begleitenden Wissenschaftsexpedition erreicht. Als Nachzügler dieser Bewegung bestand sein Verdienst darin, jede Art von Romantizismus aus seinen Darstellungen herauszuhalten. Er wollte nicht wie zum Beispiel die aus England stammenden Brüder David einer Sphynx ein römisches Profil verabreichen. Auch fehlten seinen Abbildungen verbindende Charaktere, mit denen sich der europäische Betrachter identifizieren konnte, wie etwa Expeditionsteilnehmer auf Kamelen vor einer Pyramide oder in den Grabkammern von Luxor.

Er fertigte – eher ingenieurmäßig als kunstwillig – Musterbücher altägyptischer Ornamente und Farbpaletten an. Und genau in dieser Suche nach authentischer Repräsentation liegt seine große Kunst und die bis heute andauernde Faszination für diese Kunst. Grandios! Ronald Daus

Ägyptische Kunst, von Émile Prisse d‘Avennes. mit Zeittafel, Glossar, Bibliographie. 424 S. 99,99 €. Taschen, Köln 2014