Neuerscheinungen bei BABYLON Metropolis Studies und in anderen Verlagen 2017/2018

Ronald und Ursula DAUS

DURBAN – ESSAY ÜBER DIE KARRIERE EINER WELTSTADT

Durban - Coverblog

Die Monographie „Durban – Essay über eine Weltstadt im toten Winkel“ erscheint zum 30jährigen Jubiläum der ersten Stadtmonographie unseres Verlages im Jahr 1987: „Manila – Essay über die Karriere einer Weltstadt“ von Ronald Daus. Ihr sollten zwischen 1987 und 2017 in der Reihe „Großstädte Außereuropas“ weitere siebzehn Bände folgen.

Die Studie zeigt an exemplarischen Stationen den Werdegang der Stadt von ihren Anfängen am Rio de Natal – angeblich am Weihnachtstag 1497 so benannt von dem portugiesischen Seefahrer Vasco da Gama auf seinem Weg nach Indien – über ihre britische Ära im 19. Jahrhundert, in welchem sie ihres Namens Port Natal verlustig ging und in D‘Urban/Durban umbenannt wurde, bis zur aktuellen Megametropole eThekwini Metropolitan Area, ihrer Bezeichnung in der Sprache der Zulu. Seefahrer, Reisende, Literaten, Künstler und Wissenschaftler erzählen von diesem Werdegang, ihrer sich ständig ändernden Gestalt in Architektur und Design, dem über Jahrhunderte gewachsenen Lebensstil zwischen stammesmäßig organisierten Zulus, konservativen Buren, imperialen Briten, zwangsrekrutierten indischen Zuwanderen, Abenteurern, Kolonialkriegs- und Bürgerkriegsflüchtlingen, Apartheidsgegnern und sonnenhungrigen Tourismusscharen.

Berühmte Einheimische prägten ihre Geschichte, wie etwa Nelson Mandela, der in der Nähe von Durban nach dem Besuch einer verbotenen Anti-Apartheid-Versammlung im Haus der indischen Apartheidsgegnerin Fatima Meer im Jahr 1962 von der Geheimpolizei verhaftet wurde. Fremde, die per Zufall mit ihr in Berührung kamen, wie der US-amerikanische Humorist Mark Twain, der indische Anwalt und Widerstandskämpfer Mahatma Gandhi oder der portugiesische Dichter Fernando Pessoa, hinterließen ihre Spuren.

Das Durban des 21. Jahrhunderts versucht den aufreibenden Spagat zwischen der Rettung einer europäischen Stadtgründung des 19. Jahrhundert und ihrer Fortentwicklung zu einer Megametropole im 21. Jahrhundert mit den Bedürfnissen einer multiethnischen Gesellschaft in Einklang zu bringen. Deren schwarze Mehrheit fühlt sich noch immer in großem Maße von den Wohltaten dieser Entwicklung ausgeschlossen. Darüberhinaus möchte die geschätzt 3,5 bis 4 Millionen Einwohner zählende Hafenstadt am Indischen Ozean endlich im großen Orchester der global agierenden Weltstädte gleichberechtigt und anerkannt mitspielen.

Aus dem Inhalt: 

  • Zum Begriff der Weltstadt
  • Durban – ein „Weltstadt“-Sonderfall von der Gründung bis zur Gegenwart  
  • Die Bewohner und ihr Habitat  
  • Literarische Stadttouren und künstlerische Reflexionen  
  • Kunst-Sinn und Design-Gefühl einer multiethnischen Metropole  
  •  Eine „Weltstadt im toten Winkel“ sucht die globale Herausforderung  
  • Selbstvergewisserung: „Durban – ein Paradies“?

Über die Autoren: 

Ronald Daus (*1943), Seit 1970 Universitätsprofessor für Romanistik an der Freien Universität Berlin und Metropolenforscher. Er unternahm zahlreiche Forschungsreisen durch alle Kontinente und lehrte als Gastprofessor u.a. in Mexiko-Stadt, Singapur, Manila, Guam und Tahiti. Buchpublikationen u.a.: „Zorniges Lateinamerika – Selbstdarstellung eines Kontinents“ (1973); „Die Erfindung des Kolonialismus. Die Portugiesen in Asien“ (1983); „Manila – Essay über die Karriere einer Weltstadt“ (1987); „Großstädte Außereuropas“ (Bd. 1-3, 1990-1997); „Kolonialismus extrem. Geschichten vom Roten Meer – Bilder vom Pazifik“ (1998); „Strandkultur statt Stadtkultur. Die Metropolen des Mittelmeers zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ (2000); „Banlieue – Freiräume in europäischen und außereuropäischen Großstädten“ (Bd. 1-2, 2002-2003); „La Guajira. Wie ein wildes Land erzählt wird“ (2006); „Weltstädte“ (Bd. 1-3, 2006-2008); „Neue Stadtbilder – Neue Gefühle“ (Bd. 1-3, 2010-2012); „Die Spanier im Pazifik – Reloaded. 1520-2015“ (mit Ursula Daus, 2013); „Die Erfindung des Kolonialismus – Revisited“ (2014).

Ursula Daus (*1953), Dipl.-Soziologin und Architekturkritikerin. Von 1980 bis 1990 Redakteurin von „DAIDALOS – Architektur Kunst Kultur“, Bertelsmann, Berlin. Seit 1997 Chefredakteurin von „KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin“, Opitz Verlag, Berlin. Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, u.a. „DAIDALOS – Architektur Kunst Kultur“, Berlin; „Bauwelt“, Berlin; „Baumeister“, München; „Lettre International“, Berlin/Madrid; „Kyoto Journal“, Kyoto; „mare – Zeitschrift der Meere“, Hamburg. . Buchpublikationen u.a.: „Neues aus der Fließenden Welt. Japanische Ästhetik zum Ende des 20. Jahrhunderts“ (1998); „Ein trügerisches Idyll. Vom Lebensstil am Kap der Guten Hoffnung“ (2000); „Am Äquator. Tagebuch einer Forschungsreise durch Zentralafrika“ (2002); „Sehnsucht nach der Moderne. Tropisches Art Déco 1925-1950“ (2004); „Die modernen Barbaren im Westen Chinas“ (2007, 2. Auflage 2010); „Die Völker Polynesiens im 21. Jahrhundert“ (2010); „Die Erfindung paradiesischer Inseln. Der Indische Ozean im 21. Jahrhundert“ (2012); „Die Spanier im Pazifik – Reloaded. 1520-2015“ (mit Ronald Daus, 2013); „Neo-Eklektizismus. Auf der Suche nach einer Ästhetik für das 21. Jahrhundert“ (2015).

190 S., 64 Abb., Bibliographie.  ISBN 978-3-925529-34-4  37 €.

BABYLON Metropolis Studies. URSULA OPITZ VERLAG, Berlin 12/2017  

 

PARIS MEGALOMAN

Mit „Grand Paris Express“ möchte die französische Hauptstadt bis 2030 das größte städtebauliche Projekt Europas realisieren: 200 Kilometer neue vollautomatisierte Metro-Linien mit 68 „futuristischen“ Stationen, die sich reibungsfrei in das bestehende Netz aus RER, U-Bahn, und Buslinien einfügen. Diese urbane Transformation soll sowohl von architektonischen Leuchttürmen als auch von künstlerischen und kulturellen Projekten begleitet werden.

Passgenau zu dieser vollmundigen Ankündigung der „Société du Grand Paris“ im Frühjahr 2017 erschien im Rotpunktverlag die Studie von Günter Liehr „Grand Paris. Eine Stadt sprengt ihre Grenzen“. „12 urbane Exkursionen“ sollen auch Nicht-Kenner von Paris in die historische und aktuelle Stadttextur einführen, auf denen dann die Einschätzungen der Neuplanungen sowohl aus Sicht einiger kritischer Pariser als auch aus der Warte des Autors diskutiert werden.

Im vorletzten Kapitel folgt das Abschmettern all dieser als megaloman empfundenen städtebaulichen Veränderungen unter der Überschrift: „Propaganda und Proteste“ und den Unterkapiteln: „Gigantische Perspektiven“ und „Dubai ante Portas“.

Das letzte Kapital stellt immerhin die Frage: „Besseres Leben für alle?“ Die mit dem Stadtumbau eingeleitete Dynamik soll die sozialen Ungleichgewichte zwischen dem etablierten Paris und seiner bis heute abgehängten Banlieue ausgleichen. Doch die Unterkapitel „Gentrifizierung der Banlieue“ und „Verspätungstrauma“ zeigen auch hier die zukünftigen Verlierer bereits auf. Alle, die sich bisher in den Vorstädten in ihrem elenden Alltag eingerichtet hatten, werden noch weiter an den Rand der riesigen Agglomeration von derzeit mehr als 12 Millionen Bewohnern verdrängt werden. Was also tun? Die Frage bleibt weiter unbeantwortet – von den Initiatoren des „Grand Paris“-Projekts genauso wie von den Kritikern.    red

Grand Paris. Eine Stadt sprengt ihre Grenzen, von Günter Liehr. 296 S. Fotos und Planungen. 36 €. Rotpunktverlag, Zürich 2017

 

ANSICHTEN DER VERLORENHEIT

After the Fall“. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Shagan, Mittelkasachstan.
Foto © Dieter Seitz 2016.

Mit dem Fotoband „Nomads Land“ legt der deutsche Fotograf Dieter Seitz seinen subjektiven Blick auf die Details eines durch zahlreiche historische Brüche im 20. Jahrhundert verunsicherten Landes. Das rohstoffreiche Kasachstan ist nach Ansicht des Künstlers auf einem holprigen Weg seiner Selbstfindung, seit es vor 26 Jahren seine Unabhängigkeit von dem mächtigen Sowjetreich wiedererlangte.

Verfall, Verwahrlosung und Verödung werden übertüncht mit postmoderner Gebäude-Megalomanie, ausuferndem Kitsch sowie historischen und landschaftlichen Reminiszenzen der eigenen Geschichte und Region.

Die „Asphalt-Kasachen“, wie die neuen Stadtbewohner genannt werden, kennen die Steppe oft nur noch von bunten Fotomotiven auf Baustellenplastikplanen oder Werbepostern. Oft sprechen sie selbst ihre kasachische Sprache nur noch rudimentär. Russisch ist die Lingua Franca der unterschiedlichen Ethnien, die das weite Land von der Größe Westeuropas bewohnen.

Die Vereinzelung der Menschen zeigt sich schon beim Ablichten trauriger in die endlose, scheinbar horizontlose Weite starrenden Kinderaugen. Denn dort, wo einst die Zuz (Horde, kasachische Stammesförderation) das Leben des Individuums bestimmte und ein „Zuhause“ bereitstellte, bricht sich heute der Blick an verwitterten Betonmauern aus der Sowjetära, verrostenden Karrosserien oder beklebten Bauzäunen.

Der „eurasische Mensch“– so bezeichnet der auf Lebenszeit gewählte Staatspräsident die einst das Steppenland bewohnenden Nomaden, die Oralmani, die Russen, die wenigen verbliebenen ethnischen Deutschen oder Koreaner – wird im 21. Jahrhundert ein von modernsten Technologien bestimmtes Stadtleben führen und zu einer großartigen Regionalmacht zwischen Europa und China aufsteigen.

Dem deutschen Fotografen Dieter Seitz erschließt sich diese Sicht auf die Bewohner dieses zentralasiatischen Steppenlands nicht.

Ursula Daus

Nomads Land. The Kazakhstan Project, Fotos von Dieter Seitz, Essay von Markus Kaiser. 160 S. Deutsch/Englisch. 40 €. HatjeCantz, Berlin 2017

20 Jahre KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin (1997-2017)

 

kosmo 31 - humboldt
Vogelschauperspektive des im Bau befindlichen „Humboldt-Forums“ als eine Replik des einstigen Barock-Schlosses der Preußenkönige.
Zeichnung von Dmitrji Chmelnizki, 2017.

Vor 20 Jahren, im Juni 1997, erschien die erste Ausgabe von KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin. Damals hatten wir uns vorgenommen, Künstler und Schriftsteller, bewährte Profis und mutige Anfänger, aus Megametropolen und Großstädten aller fünf Kontinente zu unterschiedlichsten Themen zur Mitarbeit anzuregen. Das ist uns bis heute gelungen.

Unsere Herausgeber und Autoren wechselten und brachten je nach kulturellem Schwerpunkt neue thematische Herausforderungen ein. Disziplinenübergreifend argumentierten sie kosmopolitisch zu uralten Sehnsüchten und aktuellen Sujets. Und je schwieriger das politische Umfeld der freien Meinungsäußerung wurde, angesichts von religiös-motiviertem Terror, autoritärer Meinungsbeschneidung und überreizter politischer Korrektheit, umso vehementer schrieben sie gegen die Risse, Brüche, Zerstörungen, Schwächen, Wunden, Nöte und Verhängnisse einer scheinbar immer kleiner und uniformer werdenden Welt an.

Um die Jubiläumsausgabe zu feiern, haben wir einige unserer langjährigen Autoren gebeten, ganz nach freien Stücken ohne thematische Vorgabe von seiten der Herausgeber, ihren Beitrag zu formulieren.

KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin erscheint auch nach 20 Jahren als ein Produkt aus Leidenschaft. Alle Mitwirkenden, ob Autoren, Zeichner, Fotografen, Herausgeber oder Redaktion arbeiten ausschließlich honorarfrei, darunter auch Bestseller-Autoren wie der Spanier Manuel Vázquez Montalbán, der Mexikaner Homero Aridjis, chinesische Dissidenten wie Yang Liang oder die deutsche Literaturnobelpreisträgerin 2009, Herta Müller, und der peruanische Literaturnobelpreisträger 2010, Mario Vargas Llosa. Vor vier Jahren eröffneten wir zusätzlich zur gedruckten Ausgabe ein digitales Angebot im Internet unter babylonmetropolis.wordpress.com, auf welchem Vorab-Veröffentlichungen unserer Zeitschriften-Beiträge für ein breites Publikum zugänglich wurden.

Herausgeber und Redaktion

Aus dem Inhalt:

– Dmitrij Chmelnizki *  Weltkultur-Sehnsucht in Berlin. Das „Humboldt-Forum“

– Ronald & Ursula Daus * Paklai – Französisch-laotische Reminiszenzen am Mekong

– Luis Pulido Ritter * Eusebio A. Morales und die Stadt Colón

– 20 Jahre „mare – Zeitschrift der Meere“

– Peter B. Schumann * Von Anfang bis Ende: Zensur in KUBA

– Andrea Moretti  * Wie das Art Déco und die Schokolade nach Montevideo kamen

– Claudia Opitz-Belakhal * Die Eifersucht der Orientalen. Über Herrschaft und Leidenschaft  in Montesquieus „Perserbriefen“ (1722)

– Die Macht exotischer Verführung. Der Fotograf Jimmy Nelson in Berlin

– In Berlin und anderswo: Von Berlin nach Astana zur Expo 2017 * Bollwerk gegen die Barbaren * Ein Haus aus Stein * Blutige Spuren * 20 Jahre „Asia Pacific Weeks“ : Constructing Culture. Hong Kong’s West Kowloon Cultural District“ bei Aedes in Berlin  * Von der Leidenschaft des Entdeckens und Eroberns im Nordpazifik * Afrikas Schätze des Islam beim „Institut du monde arabe“  in Paris

– Neue Bücher: Künstliche Universen * Weltstadtgefühle und Dorfgeborgenheit * Kartenzauber * Die Welt als Naturwunder * Vom Glück im Fremdsein * Literarisches Zirkeln * Ganz zum Schluss

In dieser Ausgabe finden sich Rezensionen zu Neuerscheinungen aus den Verlagen: DOMpublishers Berlin; Kehrer Verlag, Heidelberg; Unionsverlag, Zürich; Weidle Verlag, Bonn; Hans Schiler Verlag, Berlin/Tübingen; Philipp von Zabern/WBG, Darmstadt; Monsun Verlag, Hamburg; Park Books, Zürich; Scheidegger & Spiess, Zürich; Theiss Verlag/WBG, Darmstadt; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; edition.fotoTAPETA, Berlin; Berenberg Verlag, Berlin; Taschen Verlag, Köln.

editorial 1
„Teile Dein Essen mit Luis“. 
Mit neuen Technologien lassen sich uralte Menschheitsprobleme angehen. 
Auf der Facebook-Seite des „Social Meal Project“ in Durban können Spender 
direkt mitverfolgen, was aus ihren 15 Rand (ca. 1 €) für Obdachlose geleistet wird.

 

20 Jahre „Asia Pacific Weeks“ in Berlin 2017 bei Aedes – Architekturgalerie

kosmo 31 - hongkong
Blick auf das städtische Entwicklungsareal „West Kowloon Cultural District“ in Hongkong.
Foto© West Kowloon Cultural District Authority

Mit der Ausstellung “CONSTRUCTING CULTURE. Hong Kong’s West Kowloon Cultural District” präsentierte das Aedes Architekturforum vom 27. Mai bis 13. Juli 2017 einen für Urbanisten und Architekten besonders eindrucksvollen Aspekt der „Asia Pacific Weeks“. In asiatischen Megametropolen wird nicht gezögert, Mega-Immobilien-Projekte mit einem ansprechenden Kulturmäntelchen zu umgeben und innerhalb weniger Jahre ganze Stadtteile auf reklamiertem Land aus dem Boden zu stampfen. Eine global bekannte Riege erfahrener Großprojekt-Investoren und -Architekten steht anscheinend immer bereit, ihre mittlerweile nicht mehr ganz so gewagten, sondern eher abrufbereiten Entwürfe dafür anzubieten. In diesem Sinne zitieren wir hier auch gerne einmal die Pressemitteilung der Galerie: „Mit dem West Kowloon Cultural District, direkt am berühmten Victoria-Hafen Hongkongs, entsteht derzeit eines der größten und ambitioniertesten Kulturprojekte weltweit. Der neue Stadtteil bietet Raum für die lokale Kunstszene, Theater, Museen, Restaurants, Läden, Büros und Hotels. Die Ausstellung gibt einen Einblick in den Planungs- und Entwicklungsprozess des Quartiers und seine Rolle als Katalysator für traditionelle und zeitgenössische Kultur, sowie innovative Stadtentwicklung. Das neue Stadtquartier wird zahlreiche neue Kulturbauten erhalten, die von international führenden Architekten realisiert werden – so z.B. das Museum ‚M+‘ von Herzog & de Meuron, das Opernhaus ‚Xiqu Centre‘ von Bing Thom Architects, das ‚Lyrid Theatre‘ von UN Studio und das ‚Palace Museum‘ von Rocco Design Architects. Mit dem Art Park, einer Hafenpromenade und weiteren Plätzen und Terrassen, wird das 23 ha große Areal zudem ein wichtiger Naherholungsraum für die Bewohner und Besucher aus aller Welt.“

Während des Planungs- und Bauvorbereitungsprozesses diente dieser Teil von West Kowloon in den vergangenen fünf Jahren zahlreichen künstlerischen Performances, Festivals und Ausstellungen, wie etwa zeitgenössische chinesische Kunst, Hongkonger Neon-Schilder, aufblasbare Riesenskulpturen sowie regelmäßige Aufführungen der traditionellen chinesischen Oper. Die Leere mit Kultur erfüllen und den bedrängten Bewohnern der am dichtest besiedelten Metropole der Welt einen Auslauf ermöglichen, das will dieses ambitionierte Projekt manifestieren.  red                    

Weitere Infos: http://www.apwberlin.de; http://www.aedes-arc.de. Zu der Architekturausstellung erscheint ein Katalog.

 

20 Jahre „Mare – Zeitschrift der Meere“

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mare No. 101, 2013. Es war einmal in Sibirien. Tiksi, einst ein wichtiger Hafen an Russlands arktischer Küste, ist heute eine Stadt im Niedergang. Foto©Evgenia Arbugaeva

Der großformatige Jubiläumsband zeigt Fotografien aus 20 Jahren mare-Reportagen. Offensichtlich scheint die „einzigartige Perspektive vom Meer her“ zu belegen, daß für Menschen, die am Meeresrand oder von ihrer Arbeit mit und auf dem Meer leben,  in unserer Gesellschaft kein wirklicher Platz mehr ist. Es handelt sich bei den ausgewählten Protagonisten fast ausschließlich um „Randexistenzen“: Bedrängte, Abgehängte, Aussteiger, Vertriebene, Flüchtlinge, Wartende, Vergessene oder nostalgisch einstiger Größe Nachtrauernde. Krank und elend, arm und bedürftig leben sie von dem, was das Meer anschwemmt oder gerade noch zum Überleben bereit hält – sei es von Leichenknochen oder  bedrohtem Meeresgetier. Ein Lächeln blitzt nur ab und an auf den Gesichtern sehr junger Frauen auf, die im Trostspenden an einsame Seeleute ihr Glück an diesen oftmals weltverlorenen Orten suchen.

Beeindruckend schön und beeindruckend melancholisch!                                     red

mare. Fotografien aus 20 Jahren, hrsg. von Nikolaus Gelpke. 320 S. Leineneinband mit Schmuckschuber. Nummerierte Auflage. 89 €. mareverlag, Hamburg 2017

Die Macht exotischer Verführung

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Hakehau, Ua Pou, Marquesas-Inseln, Französisch-Polynesien 2016. Foto©Jimmy Nelson

Der Fotograf Jimmy Nelson in Berlin

Mit dem zweiten Teil seiner Großfotografie-Serie „Before They Part II“ ist dem britischen Fotografen Jimmy Nelson (*1967) eines noch überzeugender gelungen als im ersten Teil „Before They Pass Away“: Verführung durch übersteigerten Exotismus!

Die auf seinen teilweise wandfüllenden Fotos – 140 x 300 cm für „Hakahau, Ua Pou, Marquesas Islands, French Polynesia 2016“ – abgelichteten Porträts indigener Völker aus Polynesien, China und dem Sudan dienen in erster Linie wohl einem „dekorativen Effekt“. Kleidung, Schmuckelemente, Tätowierungen, Hausrat oder die umgebende Landschaft, alles was dem westlichen Betrachter seit mehr als 500 Jahren Entdeckungsreisen durch die Europäer bekannt sein sollte, wird hier wie ein Konzentrat noch einmal unter die Linse genommen. Vorläufer dieses Verfahrens waren Maler wie Louis Choris Anfang des 19. Jahrhunderts (Pazifik, Mikronesien), Paul Gauguin vom 19. zum 20. Jahrhundert (Polynesien), Gottfried Lindauer Ende des 19. Jahrhunderts (Neuseeland) oder Paul Jacoulet Mitte des 20. Jahrhunderts (Japan, Mandschurei, Mikronesien). Fotografen wie Paul-Émile Miot im 19. Jahrhundert (Marquesas, Polynesien), Martin Gusinde Anfang des 20. Jahrhunderts (Feuerland), Leni Riefenstahl Mitte 20. Jahrhundert (Sudan), oder Sebastião Salgado Ende 20./21. Jahhundert („die ganze Welt“). Jimmy Nelson jedoch dreht diese Exotismusschraube noch ein wenig weiter. Die ästhetischen Kompositionen reflektieren hier wie bei seinen Vorgängern alleine seinen Bick auf Familien, Gruppen, Stämme und Völker. „Er möchte Geschichten erzählen, keine Antworten geben“.

Besonders bildmächtig zeigen sich für diesen Ansatz die einst als unersättliche Kannibalen überaus gefürchteten Bewohner der Marquesas-Inseln im Südpazifik. Die sie umgebende spektakuläre Naturkulisse der aus dem Meeresboden aufgeschossenen Vulkaninseln verstärkt diesen Effekt theatralisch.

Dem Titel der Ausstellung „Before They Part II“ in den Camera Work in Berlin kann zwar die Geschichte dieser Inselgruppe und ihrer Bevölkerung dienlich sein. Denn bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Aussterben der Bevölkerung befürchtet. „Archipel der Erinnerung“ oder „Melancholie und Todessehnsucht“ titulierten Ethnographen und Reisende, wenn sie die traurigen Reste dieser einst so unbesiegbaren „Kannibalen auf wilden Pferden“ (Paul Gauguin) antrafen. Doch die angekündigte Auslöschung fand nicht statt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich das Bevölkerungswachstum so weit erholt, daß viele Bewohner zur Auswanderung nach Tahiti oder ins Mutterland Frankreich gezwungen sind.

Wer bleibt, feiert die wiedergefundene „Authentizität“, wie sie Jimmy Nelson so prachvoll inszeniert hat. Die Marquesaner sind ein „glückliches Volk“, so die einhellige Meinung heutzutage (s. dazu: U. Daus,  Die Völker Polynesiens im 21. Jahrhundert, Berlin 2010, S. 222). Sie singen, tanzen, trommeln und tätowieren ihre Körper nach den Vorlagen des deutschen Ethnographen Karl von den Steinen, der die Tätowiermuster auf Holzbeinen im 19. Jahrhundert vor der Zerstörung durch die europäischen Missionare rettete. Auch die pahu-Trommeln wurden wieder zum Leben erweckt. Das mana, die Kraft aus Schmuck, Tatoo und Pose, die von Jimmy Nelson so dekorativ eingesetzt wird, hat den Marquesanern die Freude am Leben zurückgegeben. „Before They Part II“ ist gerade für diese „verloren in den Weiten des Pazifik“ gelegene Inselgruppe daher kein überzeugender Titel. Er träfe wohl eher für die Minoritäten im südwestlichen Chinas oder die Südsudanesen innerhalb der Ausstellung zu. „Vivre aux Marquises, c‘est cool“, Auf den Marquesas zu leben, ist cool, heißt das Motto der jungen Leute – und dass vor eine großartigen Naturkulisse und in faszinierend schillernder Selbstinszenierung. Ursula Daus

Jimmy Nelson. Before They Part II, Ausstellung in der Galerie „Camera Work“, Berlin, 15. Oktober – 19. November 2016. http://www.camerawork.de

ORDOS – Bollwerk gegen die Barbaren

Mitten in der wasser- und baumlosen Steppe der Inneren Mongolei, dem sogenannten Ordos-Bogen, entsteht seit einigen Jahren eine phantasmagorische Stadtkulisse, deren Name Programm ist: Ordos. Hier bekämpften schon seit Jahrtausenden die chinesischen Kaiser die aus dem Norden eindringenden Barbarenvölker vergeblich mit dem Bau einer mächtigen Mauer. Um die Region machten über Jahrhunderte die großen Teekarawanen aus dem Südwesten Richtung Mongolei und Rußland einen großen Bogen aus Furcht vor der Unwirtlichkeit dieser Wüstenei.

Die „Zukunftsmetropole“ des 21. Jahrhundert Ordos besteht bisher aus einer endlosen Zahl an Hochhäusern ohne Infrastruktur, d.h. ohne Wasser, Abwasser oder Stromversorgung. Die wenigen tausend Menschen, die sich bisher Ordos als ihren Lebensmittelpunkt erwählt haben, dienen ausschließlich dem Großprojekt. „Ordos“. So schreibt der Fotograf und Verfasser dieses exzellenten Zeugnisses megalomanen Repräsentationswahns: „Ordos ist eine riesige Immobilienblase von der Art, die die Wirtschaft eines ganzen Landes ruinieren könnte, doch die chinesische Regierung hält das Trugbild aufrecht“.

Denn nur mit heroischen Zivilisationswerken, die sich am überzeugensten in der chinesischen Stadt manifestieren, konnte und kann man die „Barbaren“ besiegen – und seien sie auch nur noch eine historische Phantasmagorie. Die riesigen bronzenen Pferdeskulpturen auf einem der endlosen leeren granitbelegten Stadtplätze zeugen bis heute von dieser Angst der Chinesen, letztendlich doch wieder von den Barbaren besiegt zu werden.

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Bronzepferde auf einem granitbelegten Stadtplatz in der „Geisterstadt“ Ordos, China. Foto© Adrien Golinelli

So steht die menschenleere Metropole Ordos nicht als Mahnmal einer mißlugenen Stadtplanung, sondern als Warnung an alle, die den mächtigen chinesischen Staatenlenkern des 21. Jahunderts auf ihrem Weg zur Weltmacht ins Handwerk pfuschen wollen.   red

Ordos. Stillborn City,  von Adrien Golinelli, et.al. 216 S., 128 Farbabb. Englisch, 45€. Kehrer, Heidelberg 2016

Künstliche Universen

 

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Terrassenstupa in Borobudur. Dekoratives Paneel IVB zw. 40 + 41. Foto von Peter Cirtek.

 

Noch immer fasziniert die weitgehend auf Vermutungen basierende Herkunft des berühmten Borobudur auf der indonesischen Insel Java am Fuße des aktiven  2911 Meter hohen Vulkans Merapi Einheimische und Fremde gleichermaßen.

Der Architekt und Autor Peter Cirtek bietet mit der Publikation „Borobudur – Entstehung eines Universums“ eine akribische Zusammenstellung aus historischen Vorläufern und aktuellen Quellen.

Die Besonderheiten des auf Java praktizierten Buddhismus, dem auch Beimischungen des Hinduismus zu eigen sind, belegt er mit zahlreichen frühen Überlieferungen aus dessen Ursprungsgebieten. Die buddhistische Klosterstadt Nalanda in dem heutigen indischen Bundesstaat Bihar spielte bei der Verbreitung des Buddhismus bis nach Indonesien  – vor allem in den Übersetzungen chinesischer Pilger wie Xuanzang oder Yijing aus dem 7. Jahrhundert – eine entscheidende Rolle. Deren Mittlerrolle übte jedoch auch einen verändernden Einfluß aus. Cirtek beschäftigt sich in einem eigenen Kapitel mit diesen sich durch kulturspezifische Eigenheiten bedingten Interpretationen des Buddhismus wie er heute in Thailand, Burma, Laos oder Tibet praktiziert wird.

Borobudur, das sich inmitten eines dem Islam zugehörigen, dichtbesiedelten Territoriums befindet, zieht heutzutage Milllionen sowohl neugieriger Besucher als auch Anhänger des Buddhismus aus aller Welt in seinen Bann.

Neben der architektonischen Besonderheit seiner übereinandergelagerten teilweise von vielfältigen Reliefs geschmückten Terrassen auf einem ehemaligen Grabhügel – deren Ersteigung einer Annäherung an das Nirwana ähneln soll – bleibt doch seine Bestimmung ungeklärt. Welche Funktion hatten ihm seine Erbauer zugedacht? Die in dem vorliegenden Band vielseitig dargelegte detaillierte Erklärung eines Teils der 1460 Paneele, die erzählenden Charakters sind und auf vier buddhistischen Schriften und mindestens zwei verschiedenen Textsammlungen beruhen sollen, lösen das Rätsel dieses „künstlichen Universums“ am Schnittpunkt zwischen Indischem Ozean und Pazifik nicht endgültig.

Das ausführliche, mehrsprachige Glossar zu Besonderheiten buddhistischer und hinduistischer Begriffe aus dem Sanskrit und Pali, sowie chinesische und japanische Lesarten ergänzen den Band. Zahlreiche Farbabbildungen sowie Schnittzeichnungen, Lagezeichnungen, Karten und Tafeln veranschaulichen das geschriebene Wort.

Die Bibliographie listet eine Vielzahl von Publikationen der zu dem zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Gesamtkomplex „Borobudur“ in Englisch, Französisch, Niederländisch, Indonesisch oder Deutsch auf. Leider wurde bei manchen Zitaten innerhalb des Textes auf einen Quellennachweis verzichtet. Diese Auslassung erschließt sich dem Rezensenten nicht wirklich, da der Autor ansonsten viel Wert auf genaue Bezeichnungen selbst in chinesischen oder japanischen Schriftzeichen setzt.

Für deutschsprachige Leserinnen und Leser ist diese ausführliche Zusammenstellung ein gelungener Einstieg in ein Jahrtausende altes Denk- und Architekturgebäude, dass auch im 21. Jahrhundert nichts von seiner magischen Symbolik verloren hat, in welcher sich eine äußerliche Einheit einer „materiellen Welt“ überlagert sieht von einer „idealen Welt“ (S.39).

Ronald Daus

Borobudur. Entstehung eines Universums, von Peter Cirtek. 120 S., 79 Abb. 17 Zeichnungen, 3 Karten. 26,90 €. Monsun, Hamburg 2016

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Blick von der Straße in einen der tiefliegenden Innenhöfe des „Friendship Centre“, wo Wasserbecken und Grünpflanzen für eine kühlende Atmosphäre sorgen. Foto von Hélène Binet.

 

Ein auf der Architekturbiennale in Venedig 2016 präsentiertes Architekturprojekt aus dem heutigen Bangladesh sucht ebenfalls seine identitären Wurzeln in einer der ältesten Weltreligionen. Vor zweitausend Jahren war die Region zwischen Brahmaputra und Ganges hauptsächlich von Anhängern des buddhistischen Glaubens bewohnt, wovon die Vielzahl der in den fruchtbaren Reisfeldern im Norden Bangladeshs aufgefundenen buddhistischen Ruinenstätten zeugen (s. Abb. S. 72). Das von dem aus Bangladesh stammenden Architekten Kashef Chowdhury entworfene „Friendship Center“ liegt im Schnittpunkt von vier aus dem 6. bis 8. Jahrhundert stammenden buddhistischen Klosterruinen in dem kleinen Landflecken Gaibandha im Norden des Landes.

Der flachen Topographie der Überschwemmungsebene geschuldet, wählte der Architekt einen völlig in den Boden abgesenkten Gebäudeplan. Über Treppen und Rampen ist das in öffentliche und private, teils offene, teils abgeschlossene Räumlichkeiten unterteilte Zentrum zugänglich. Obwohl es sich bei diesem Bauprojekt um einen „weltlichen“ Treffpunkt handelt, ähnelt seine von außen wahrnehmbare Abgeschlossenheit einem eher klösterlichen Ort. Das gewählte Baumaterial sind wie bei seinen jahrtausendealten buddhistischen Vorgänger vor Ort hergestellte gebrannte Ziegel. In gewisser Weise wirkt das Gebäude in Verbindung mit seinen Vorgängern selbst wie eine Art Ausgrabungsstätte.

Mit in die Innenhöfe eingelassenen Wasserbecken soll ohne technische Hilfsmittel eine klimatisierende Wirkung erzielt werden. Obwohl das abgesenkte Gebäude hermetisch wirkt, besitzt es nach Aussage seines Architekten „den Luxus von Licht und Schatten“.

Ursula Daus

The Friendship Centre. Gaibandha, Bangladesh, von Kashef Chowdhury, mit einem Essay von Kenneth Frampton.Fotos Hélène Binet. 118 S., In Englisch. 38 €. Park Books, Zürich 2016

Neuerscheinung bei BABYLON Metropolis Studies 2016

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„Baku-Berlin“. Bemalte Skulptur vor dem „Jungfrauenturm“ in Baku. Foto R&U Daus, 2015

Ursula Daus

Neo-Eklektizismus.

Auf der Suche nach einer Ästhetik für das 21. Jahrhundert

208 S., 64 Abb., Bibliographie, Ortsregister Dezember 2015

ISBN 978-3-925529-24-5     39 €

Während die Postmoderne noch die Moderne assemblierte, sich an ihr bediente oder sie geplündert hat, zeigt der Neo-Eklektizismus des 21. Jahrhundert nostalgische, rückwärtsgewandte, zukunftsscheue Tendenzen unter Ausnutzung zeitgenössischer Hochtechnologie. Sein Charakteristikum ist die Restauration eines phantasierten Idylls. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat die Moderne überall auf dem Globus Fuß gefaßt. Nicht alles, was mitgeliefert wurde, fand Zustimmung. Vieles mußte überarbeitet werden. Man adapierte und modifizierte unablässig. Das „alte Europa“ philosophierte. Der Rest der Welt agierte. Der Minimalismus der klassischen Moderne wich einer ungezügelten Prachtentfaltung, die übergangslos in gnadenlosen Kitsch umschlug. Der Neo-Eklektizismus des 21. Jahrhunderts möchte keine universalen Wahrheiten liefern, weil er per definition global ist. Mit ihm läßt sich keine einheitliche Stilrichtung ausmachen. Ästhetisch scheint seine Emanzipation gelungen zu sein. Aus Beliebigkeit wurde „Identität“. Denn in einer immer formalisierteren Gesellschaft bleibt dem Einzelnen als Durchsetzungsmittel einzig die Selbststilisierung, und sei sie auch nur virtuell. „Neo-Eklektizismus. Auf der Suche nach einer Ästhetik für das 21. Jahrhundert“ ist die Fortsetzung des Bandes „Sehnsucht nach der Moderne. Tropisches Art Déco 1925-1950“.

Aus dem Inhalt:

  1. Der Wille des Individuums zum Dekor. Versuch einer theoretischen Einordnung
  2. Weltkultur-Sehnsucht im alten Europa. Das „Humboldt-Forum“ in Berlin
  3. Russian Style im neureichen Moskau. Nostalgiekitsch im 21. Jahrhundert
  4. China Chop Suey. Vom New Orientalism zur westlichen Stadtkopie
  5.  Foodstuff & Luxuries auf der arabischen Halbinsel. Virtuelle Ersatzwelten in moslemischen Köpfen
  6. Bollywood Goes Global im Zeitalter des Neo-Eklektizismus
  7. „Ich wäre glücklich, wenn ich aus Manado stammte.“ Rekonstruktion eines urbanen Traums in Sulawesi
  8. „Aus Tausend und einem Wahn“. Architektur-Phantasmagorie in Baku
  9. Ausklang: Die Zukunft, das sind die Anderen
neo - atheists
Bollywood-Megastar Shah Rukh Khan mit provokativer T-Shirt-Aufschrift. Foto R & U Daus 2011

Über die Autorin: Ursula Daus (*1953), Diplom-Soziologin und Architekturkritikerin. Von 1980 bis 1990 Redakteurin von „DAIDALOS – Architektur Kunst Kultur“, Bertelsmann, Berlin. Seit 1997 Chefredakteurin von „KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin“, Babylon Metropolis Studies, Ursula Opitz Verlag, Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen in in- und ausländischen Fachzeitschriften, darunter „Daidalos – Architektur Kunst Kultur“, Berlin; „Bauwelt“, Berlin; „Baumeister“, München; „Lettre International“, Berlin/Madrid/Bukarest; „Kyoto Journal“, Kyoto/Japan; „mare – Zeitschrift der Meere“, Hamburg. . Buchpublikationen: „Walkabout – Weltreisen im 20. Jahrhundert“ (mit Ronald Daus, 1997); „Neues aus der Fließenden Welt. Japanische Ästhetik zum Ende des 20. Jahrhunderts“ (1998); „Ein trügerisches Idyll. Vom Lebensstil am Kap der Guten Hoffnung“ (2000); „Am Äquator. Tagebuch einer Forschungsreise durch Zentralafrika“ (2002); „Sehnsucht nach der Moderne. Tropisches Art Déco 1925-1950“ (2004); „Die modernen Barbaren im Westen Chinas“ (2007, 2. Auflage 2010); „Die Völker Polynesiens im 21. Jahrhundert“ (2010); „Die Erfindung paradiesischer Inseln. Der Indische Ozean im 21. Jahrhundert“ (2012); „Die Spanier im Pazifik – Reloaded. 1520-2015“ (mit Ronald Daus, 2013).

Kunst und Architektur in Grenzbereichen

„Papakente, ein Nyduka-Goldsucher, zeigt seine Goldringe“. Auf dem Chinesenmarkt der Surinam-Seite des Maroni-Flusses. Aus dem besprochenen Band.
„Papakente, ein Nyduka-Goldsucher, zeigt seine Goldringe“.
Auf dem Chinesenmarkt der Surinam-Seite des Maroni-Flusses.
Aus dem besprochenen Band.

Im Unterholz

Man nannte sie die „Untergrundbahn“, das geheime Netzwerk, das weggelaufenen Sklaven aus den USA half, die kanadische Grenze und damit die Freiheit zu erlangen. Bis in den Dschungel von Französisch-Guyana, Brasilien oder Surinam reichte dieser hilfreiche Arm jedoch nicht. Während die Brasilianer sich in den sogenannten „quilombos“, Freiheitsdörfern, verteidigten, mussten die „Marrons“, die Geflohenen auf den karibischen Inseln und im nördlichen Südamerika, ihr armseliges Leben als Einzelkämpfer oder in kleinen Gruppen in den Wäldern von Surinam fristen.

Ihre Nachkommen hat der italienische Fotograf Nicola Lo Calzo in seinem Fotoband „Obia“ in ihren besonderen Eigenarten festgehalten – farbenfroh, kreativ und eigenwillig.

„Obia“, ein Wort aus einer afrikanischen Stammessprache, umfaßt hier nicht nur das mitgebrachte und um die eigenen Erfahrungen erweiterte Glaubenssystem, sondern die gesamte Lebensweise tief im Inneren der Wälder zwischen Surinam und Franzöisch-Guyana.

Überleben an diesen Orten ist noch heute hart, aber auch gepaart mit Stolz, Kraft durch Geisterglauben und ab und an einer überwältigenden Lebensfreude.

Obwohl der Nachwortschreiber Simon Njami seinen Begleittext „Frozen Time“, Gefrorene Zeit, nennt, ist der Band alles andere als ein Bericht aus einer unverändert „festgefrorenen“ Epoche, eher ein Beleg für die ewige Schönheit menschlichen Lebens auch unter wahrhaft herausfordernden Bedingungen.

Tamara Pracel

Obia, Fotografien von Nicola Lo Calzo. 96 S., 69 Farbabb. Englisch/Franzöisch. 29,90 €. Kehrer, Heidelberg 2015

Angolanische Reminiszenzen

Modernistische Architekturlegenden in einem durch einen mehr als 30 Jahre dauernden Kolonial- und Bürgerkrieg zerstörten Land zeigt der Architektur-Fotoband „Angola Cinemas. Uma ficção da liberdade/A fiction of freedom“, Kinos in Angola. Eine Fiktion von Freiheit. Die Fotografen und Verfasser haben sich mit Akribie an ein fast völlig in Ruinen liegendes Kunstgenre in diesem reichen und noch immer geschundenen Land gemacht: die Kino-Architektur Angolas im Stil der tropischen Moderne. Somit versammelt der Band die bekanntesten Beispiele sogenannter „geschlossener“ Kinosäle wie man sie aus Europa kennt, aber auch die für Angola so typischen „cine-esplanadas“, offene Kinohallen, für einen Vielzweckgebrauch. Manche von ihnen werden bis heute genutzt.

„Cine Africa“ in einem Vorort Luandas. Weder der Architekt noch das genaue Baudatum sind bekannt. Aus dem besprochenen Band.
„Cine Africa“ in einem Vorort Luandas. Weder der Architekt noch das genaue Baudatum sind bekannt.
Aus dem besprochenen Band.

Bis ins Jahr der Unabhängigkeit 1975 gab es mehr als 50 solcher kultureller Versammlungsorte. Man fand sie von Kabinda bis Namibe, und speziell in allen größeren Provinzstädten. In Luanda hießen sie, ganz großstädisch, „ Atlântico“, „São Paulo“, „Tivoli“ oder „Miramar“; in der Provinz Benguela trug eines den Namen „Cine Flamingo“ oder in Namibe den Namen „Cine Impala“ zu Ehren der einheimischen Tierarten.

Die Kinosäle Angolas zeichneten sich durch Größe – bis zu 1600 Sitzplätze – und einen eigenen Stilkanon aus. Er reichte vom „Streamline“ der 1930er Jahre bis zum Beton-Brutalismus der 1970er Jahre.

Was von diesen Zeitzeugen einer angeblich heilen, weltoffenen Periode des portugiesischen Kolonialismus übrigblieb, findet sich in dieser einzigartigen Fotodokumentation. Die Suche nach den Architekten dieser Relikte gestaltete sich ausnehmend schwierig in den Archiven von Luanda und Lissabon. Eines jedoch belegt diese Suche nach dem kolonialen Erbe durch die sehr engagierten angolanischen Künstler und Wissenschaftler: „Tristeza não tem fim, felicidade sim.“ Die Trauer über ein Land, dass trotz all seines Reichtums der großen Mehrzahl seiner Menschen noch immer keinen sicheren Alltag geschweige denn eine Aussöhnung mit seiner Vergangenheit bieten kann.

Insofern ist diese fotografische Architekturerzählung ein ebenso wichtiger Beitrag zu dieser Aufarbeitung wie die derzeit außerhalb Angolas boomende Literatur jüngerer angolanischer Autoren.

Ronald Daus 

Angola Cinemas, Walter Fernandes/Miguel Hurst. 240 S., zahlreiche Farbabb., 45 €. Steidl/Goethe Institut, Göttingen 2015