Brief aus „Aambly Valley City“, Indien

Foto tigerlilly, 2011

Auch wer sich länger über eine Indienkarte beugt oder den Namen dieser städtischen Agglomeration bei Google eingibt, wird nur schwer fündig. Denn es handelt sich bei „Aambly Valley City“ nicht um eine Neustadtgründung, sondern um eine der zahlreichen künstlichen Ressortanlage drei Stunden Autofahrt von der Megametropole Mumbai/Bombay entfernt in Richtung Pune.

Implantate wie Aambly Valley City springen derzeit in Indien wie Pilze nach einem üppigen Monsunregen aus dem Boden. Ihr Marketing-Konzept richtet sich an die Bezieher gehobener Einkommen. Die sich über Hunderte von Hektar Landschaft im trockenen Dschungel des Hinterlands von Bombay erstreckende Anlage besteht aus einem Helikopterlandeplatz, einem Stausee für Wassersport, einem Wellenbad, einem Swimmingpool, Restaurants, Vergnügungspark, Mietbungalows und einer „residential area“, wo einzeln stehende Villen zum Verkauf angeboten werden.

Der Werbeslogan derartiger Luxusressorts lautet uniform: „Entspannen Sie bei uns, das erspart Ihnen eine Reise nach Goa, Mauritius, Dubai…“.  Eine Einladung zu einer Hochzeit, einem geschäftlichen Jubiläum oder einem familiären Gedenktag in ein derartiges Ressort gehört selbst für Angehörige der indischen Neureichen-Schicht zu einem der Höhepunkt in ihrem sozialen Kalender des Jahres.

Im Spätherbst 2011 lud zum Beispiel eine Werbe- und Marketing-Agentur, deren Stammsitz im streng hinduistischen Baroda, Bundesstaat Gujarat, beheimatet ist, ihre Mitarbeiter und einige Gäste aus dem Ausland zu einer dreitägigen Party nach Aambly Valley City ein. Die Firma ist in Indien führend bei Kampagnen für ein „grünes Image“, sie präsentiert sich als ein „sustainable campagner“, ein auf Nachhaltigkeit ausgerichteter Werber.

Sobald die Gäste das hochgesicherte Aussentor des Ressorts erreichen, wird ihnen der Pass abgenommen, und sie müssen drei Kontrollschleusen durchfahren. Fußgänger werden nicht eingelassen. Der Chauffeur bringt sie zu den in leichter Hanglage gebauten „Wohnhütten“. Die zweistöckigen, auf Stelzen stehenden Holzgebäude imitieren im Inneren den Feudalluxus der Maharadja-Zeit, sind jedoch auch mit allem gängigen modernen Komfort ausgestattet. Nichts erinnert hier mehr an die einstige hochgepriesene anglo-indische Bungalow-Architektur, wie sie das gesamte 20. Jahrhundert über für derartige Freizeiteinrichtungen präferiert wurde. Auch die Mobilität der Gäste zwischen den einzelnen Aktivitätszentren – Restaurants, Bars, Sportanlagen, Entspannungsoasen, Diskothek etc. – wird stil- und zeitgeistgerecht bereitgestellt: Mercedes-Luxuslimousinen warten auf Anfrage vor den „Hütten“. Sie sind für die Langstrecken innerhalb der Anlage zuständig. Wo die asphaltierten Wege im hügeligen Gelände steiler und enger werden, stehen elektrische Golfcarts zur Verfügung. Innerhalb der „City“ bewegen sich nur Arbeiter und niedere Dienstkräfte per pedes. Das erinnert an die „Outings“ zu Zeiten des britischen Raj, wo kein britischer Beamter und sei er auch noch so untergeordnet, in der Stadt zu Fuß ging. Sollte sich dennoch bei dem einen oder anderen Gast der Wunsch nach „Überblick“ oder gar „Erkundung“ des gesamten Terrains einstellen, steht ein „Tourbus“ zur Verfügung, der ganz wie bei einer Rundfahrt durch eine konventionelle Metropole einen von einem „Stadtführer“ kommentierten Kurs abfährt.

Auch der Tagesablauf in einem Ressort wie „Aambly Valley City“ folgt einem ungeschriebenen, jedoch strikten Plan. Oberstes Ziel der Inszenierung ist das „totale Vergnügen in Gemeinschaft“. Es wird gemeinsam gegessen, beim Bauchtanz mit einer ausländischen Tänzerin eine lustige Übungsstunde absolviert, Ratespiele und Maskeraden durchgeführt und die nächtlichen Tanzveranstaltungen mit wechselnden Bands und DJs durchgestanden. Die großen Pools dienen eher als Hintergrund für diese Parties denn als Sport- und Entspannungsanlagen, Nur den zahlreich bei derartigen Veranstaltungen anwesenden Kindern ist es erlaubt, frei und ungezwungen im Wasser zu plantschen. Denn wenige indische Männer der mittleren Generation können schwimmen, ihre Frauen sind grundsätzlich Nichtschwimmerinnen. Auch scheint es noch immer zu den unumstößlichen Gesetzen der modernen indischen Gesellschaft zu gehören – trotz aller auch in indischen Städten präsenten Werbung -, dass Frauen sich an öffentlichen Orten nicht in Bikini oder Badeanzug zeigen. Dass der Pool nicht wirklich zum Baden genutzt werden soll, belegen auch die fehlenden Badehandtücher für die Gäste.

Die zu der Jubiläumsfeier eingeladene alleinreisende Vorzeige-Europäerin erlitt angesichts des nutzlosen Überflusses an gestautem Süsswasser in dieser wasserarmen Region, das von ihr trotz 38 Grad Hitze nicht betreten werden sollte, und den permanenten sexuellen Avancen der männlichen Gäste einen ähnlichen Kulturschock wie die englische Protagonistin in dem 1924 von dem Briten E. M. Forster verfassten Roman „A Passage to India“, Reise nach Indien. Diese hatte während einer Urlaubsreise in Britisch-Indien einen einheimischen Arzt kennengelernt, der sie zu einem Picknick in eine nahegelegene Höhlenlandschaft einlud. Der Ausflug wurde mit allem notwendigen Pomp organisiert. Luxuszugabteile standen für die Teilnehmer bereit. Elefanten trugen die Gäste zu den abgelegenen Höhlen. Angesichts der unerträglichen Tageshitze setzten sich die Engländerin und ihr indischer Verehrer im Schatten einer Höhle nieder. Kurz darauf floh die verwirrte Europäerin weinend aus diesem Refugium und verließ Indien. Es wurde nie aufgeklärt, was eigentlich passiert war. Waren Grenzen überschritten worden? Hatte der Arzt sich ihr unliebsam genähert? Hatte sie einen Hitzeschock erlitten? Waren ihr die üppigen fremdartigen Speisen nicht bekommen?

Auch im 21. Jahrhundert scheint trotz aller Multikulti-Kontakte ein wirkliches Verstehen anderer Kulturen schwierig. Wenn dann jedoch bei nächtlichen Tanzveranstaltungen der importierte Alkohol in Strömen fließt, sind sich alle einheimischen Anwesenden immerhin wieder einmal sicher, „dass es keinen besseren Ort auf der Welt gibt, um reich zu sein als in Indien“.

red


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Asien am Wasser

Wasser in der Stadt

Anläßlich der Asien-Pazifik-Wochen 2011 versuchten in der Aedes East Galerie, Berlin, zwei Ausstellungen – „Water – Curse or Blessing“ und „Singapore – City of Gardens and Waters“ – dem zeitgeistigen Thema des angeblich apokalyptisch ansteigenden Meeresspiegels eine konstruktive Note abzugewinnen. Projekte aus zahlreichen asiatischen Nationen – Indien, Thailand, Indonesien, Bangladesch, China, Singapur, Korea – sollten den eher melancholisch in die Zukunft blickenden Europäern ein wenig Optimismus vermitteln.

Erlaubt war in der Ausstellung, was den Urbanisten und Architekten zum Thema in den Sinn kam: Realisiertes, Projektiertes, Phantasiertes und satirische Überhöhtes. Mit dieser offenen Heranehensweise konnten sich auch Büros, die nicht aus der Region stammten, also Holländer, Deutsche, u.a.m., an dem beeindruckenden Überblick über das Bauen am und im Wasser beteiligen.

Die Ausstellungsmacher unter der Ägide der kenntnisreichen und engagierten Kuratorin Ulla Giesler scheuten keine Mühe, Naheliegendes und Abwegiges in einer leicht verständlichen Ausstellungssprache aus Plänen, Modellen und Videos homogen zu präsentieren. So erscheint zum Beispiel die auf Stahlstelzen entwickelte „Wetropolis“ Bangkok geradezu die natürliche Antwort auf die alljährlich zunehmenden Monsunfluten für die Millionen-Metropole. Oder das Leben auf leichten Holzplattformen in Zelten mitten im Ganges-Delta wirkt so selbstverständlich wie situationsgemäß.

Ganz anders nimmt sich die Herangehensweise des Büros WOHA aus Singapur aus. Die preisgekrönten Hochhausbauer haben der Stadt in ihrer satirischen Ausgabe „Strange Times“ (Seltsame Zeiten), eine Verballhornung der Tageszeitung „Straits Times“, eine Zukunftsgestaltung verpasst, die gegen jeden Comment des autoritär geführten Stadtstaates verstößt. Mit ihrem Projekt, die gesamte Insel mit einem Festungsring zu umgeben, der nur von einem megalomanen Willkommenstor à la Atlantis unterbrochen wird, soll der Größenwahn, der die Regierenden erfaßt hat, aufs Korn genommen werden. Um die böse Ironie zu kaschieren, haben die Archiekten in den Mauerring ein regulierbares Gezeitenkraftwerk eingebaut, das diese „Insel der Glückseligen“ mit Energie versorgen wird. Und glückselig sind auch die zukünftigen Bewohner dargestellt: Nacktbadende an künstlichen Stränden – für Singaporeaner eine Undenkbarkeit, Kinder, die nur spielen, Jugendliche, die ausgiebig Zeit für Club-Besuche in ausgeflippter Kleidung haben, verbunden mit in Singapur ungekannter Freiheit der Meinungsäußerung von Rock-Gruppen, Literaten und Künstler. All das vereinigt der Lebensentwurf 2050 in „Strange Times“, dann wenn die Katastrophe eines Meeresanstiegs vielleicht zum endgültigen Aus für den derzeit extrem erfolgreichen Finanz- und Dienstleistungsplatz Singapur führen kann.

Wer sich in der Ausstellung die Zeit nimmt, die zahlreichen Anregungsfäden zu verknüpfen, kommt zu einem völlig veränderten Gewebe, das die Zukunft den immer zahlreicher werdenden Bewohnern dieser Erde bieten wird. Im November 2011 wurde die Sieben-Milliarden-Grenze geknackt. Und der Großteil lebt in Asien entlang seiner Zehntausenden von Küstenkilometern!

Ursula Daus

„Water – Curse or Blessing“ & „Singapore – City of Gardens and Water“. Katalog in der Ausstellung: 10 €. Mehr dazu unter http://www.aedes-arc.de

Ohne Utopien

Im August 2011 organisierte das Haus der Kulturen der Welt in Berlin ein ambitioniertes multimediales Projekt: „Konferenz über Lebenskunst“ war sein Titel. Zeitgleich traten in St. Petersburg, Neu-Delhi, Nairobi, São Paulo und Berlin „Aktivisten, Künstler und Pragmatiker“ in einen virtuellen Dialog. Man konnte an riesigen Leinwänden und realen Diskussionen, Performances und Werkstattgespräche miterleben. Die Liste der Teilnehmer erschien so endlos wie die angesprochenen Themen. Natürlich könnte zu diesen wahrhaft jeden Erdbewohner in den nächsten Jahrzehnten betreffenden Sujets JEDER etwas beitragen, wie z.B. „Über Energie und das Leben“ oder „Über post-fossiles Konsumieren“ (wenn dann überhaupt noch konsumiert werden wird) oder „Über Megacities“ oder „Über den Wohlstand, der ohne Wachstum wächst“ oder „Über die Rolle des Einzelnen“ oder „Was macht uns glücklich“….

Als Ergebnis erschien kurz nach der Konferenz flugs ein Bändchen im Suhrkamp Verlag, in dem einige der Teilnehmer ältere oder auch adhoc verfasste Beiträge publizierten. „Über Lebenskunst. Utopien nach der Krise“ ist – wie alle Sammelbände – ein zwiespältiges Projekt. Allein schon der Titel ließ sich kaum als „Lebenkunst“, sondern zu 99% als „Überlebenskraft“ interpretieren – nolens volens. Thematisch wurden die Autoren zusammengezwungen unter so launische Überschriften wie „Alle Mann in die Rettungsboote!“ oder „Nord-Süd? Eine Übung in Hoffnung?“. Aber auch Apodiktisches schien notwendig: „Überleben und Sterben“, wo der chinesische Dissident Liao Yiwu viel über das Sterben und wenig über die Hoffnung, menschenwürdig in China zu überleben schrieb.

Überhaupt hatte man nach der Lektüre wenig Hoffnung für die Menschheit. Selbst der ironisch-lakonische Text des Isländers Sjon „Alda, die Welle – eine Übung in Hoffnung“ erzählt auch nur vom Elend des Ertrinkens und der meist unerfüllten Hoffnung der an Land zurückgebliebenen, dass die Vermissten doch noch auftauchen. Immerhin hat er die Schlußpointe einer Spendenaktion für die Suche nach den seit 60 Jahren verschollenen so eingearbeitet, daß die ganze Absurdität des Ansinnens einer Hoffnung deutlich zutagetritt.

Hoffnung machten weder die Diskussionen noch die Gedanken der befragten Autoren. Vernetzen allein reicht nicht – es braucht neben Idealen und Hoffnung auch den faktischen Willen, etwas zu ändern. Und der scheint momentan nirgendwo ein Zeichen zu setzen.

Corinna Rohloff

Über Lebenskunst. Utopien nach der Krise, hg. von Katharina Narbutovic und Susanne Stemmler, Begleitbuch zur Konferenz im Haus der Kulturen der Welt, August 2011. 389 S., 11,95 €, Suhrkamp, Berlin 2011