„Wer hat die Kokosnuss geklaut…?“ Der Nacktgänger August Engelhardt als Streitapfel

August Engelhardt, der Kokovore und Sonnenanbeter in Deutsch-Neuguinea. Skizze von Friedrich Burger, um 1911. Nach: Burger, Unter den Kannibalen der Südsee, 1923.
August Engelhardt, der Kokovore und Sonnenanbeter in Deutsch-Neuguinea. Skizze von Friedrich Burger, um 1911. Nach: Burger, Unter den Kannibalen der Südsee, 1923.

Wer hat die Kokosnuss, wer hat die Kokosnuss, wer hat die Kokosnuss geklaut?…“ könnte man beim Erscheinen eines zweiten biographisch gefärbten Romans über den deutschen Kokosnuss-essers August Engelhardt in nur einem Jahr fragen. Anfang 2011 erschien „Das Paradies des August Engelhardt“ von Marc Buhl im Eichborn Verlag. „Imperium“ von Christian Kracht wurde im Januar 2012 bei Kiepenheuer & Witsch verlegt und zeitigte dank einer eher abenteuerlichen, denn fundierten „Rassismuskritik“ an dem Autor im deutschen Wochenmagazin „Der Spiegel“ ein unerwartetes Literaturkritikinteresse.

Beide Bücher kreisen um das eher asketisch bis absurde Aussteigerleben des Anfang des 20. Jahrhunderts nach Deutsch-Neuguinea ausgewanderten Nacktkulturanhängers und Vegetariers August Engelhardt aus Nürnberg. Wo Marc Buhl seine Ideologiekritik am deutschen Imperialismus in der Begegnung zweier gleichberechtigter Kontrahenten formuliert, nämlich dem Häuptling Kabua auf der Insel Kabakon, die sich Engelhardt von der Südseeberühmtheit Queen Emma übereignen lässt, nimmt Christian Kracht pathetisch das gesamte Imperiums-Desaster des Deutschen Kaiserreichs unter Wilhelm II. aufs Korn. Wo Buhl lakonisch konstatiert, trägt Kracht ironisch dick auf. Die Überheblichkeit des Nachgeborenen ist ihm in fast jedem seiner Sätze anzumerken. Er weiss, dass nicht nur sein Exzentriker Engelhardt, sondern die ganze deutsche Reichsnation kläglich in der Südsee (und nicht nur dort) scheitern wird. Kracht belächelt seinen Protagonisten bei all seinen Versuchen aus dem vermaledeiten spießbürgerlichen Alltag des sich selbst überschätzenden deutschen Reichs auszubrechen: ob es die Suche nach Erneuerung in der Kolonie Jungborn, seine schüchternen Liebesbezeugungen gegenüber Anna, der Frau seines besten Freundes, oder seine schriftstellerischen Geistesergüsse sind. Engelhardt ist für ihn ein Versager (auch wenn es jenem zwischenzeitlich gelang, einige Anhänger für seine Bewegung, sich nur von Kokosnüssen und Sonnenstrahlen zu ernähren, zu begeistern).

Buhl hingegen steht während der gesamten Romanerzählung ganz nah hinter seinerm Protagonisten, schaut ihm sozusagen ständig über die Schulter, besteigt mit ihm jeden Morgen die Palme, um die Tagesration Kokosnüsse zu ernten, leidet mit ihm beim Anblick eines geblendeten Ferkels, eines zum Festmahl bereiteten Hundes, dem die Beine gebrochen wurden, beim Töten eines Hais, dessen mana die Einheimischen für ihre Dorfgeister benötigen. Diese Sympathie für Engelhardt hält Buhl bis zum Ende durch, indem er ihm, schon dem Tode durch Verhungern und Lepra nahe, die über Jahre ersehnte Vereinigung mit seiner grossen Liebe Anna ermöglicht. Während Engelhardts Bücher in einer apokalyptischen Endzeitszene brennen, finden sich die beiden Liebenden.

Kracht hingegen nimmt sich die künstlerische Freiheit und lässt seinen Helden verstümmelt und krank auf einer der Inseln der Solomonen-Gruppe sogar den Zweiten Weltkrieg überstehen, um als Spezialeffekt in einen Hollywood-Film einzugehen.

Wer die zeitgemässe Version des deutschen Südseeabenteurers lesen will, sollte sich „Unter die Kannibalen der Südsee“ mit Friedrich Burger, 1923, begeben, der den echten August Engelhardt persönlich unter den Palmen seiner Paradiesinsel angetroffen hat.

Théo Lonzo

Das Paradies des August Engelhardt, von Marc Buhl. Roman, 238 S., 18,95 €. Roman. (Eichborn Verlag, 2011), zu beziehen über Bastei Lübbe, Köln

Imperium, von Christian Kracht, Roman, 246S., 18,99 €. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012

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Neue Stadtbilder – Neue Gefühle [Band 1]

Lissabon 2011 Archiv R & U Daus, 2011

Europäische Stadtanlagen als Weltmodell

Ronald Daus

Die dreibändige Serie „Neue Stadtbilder – Neue Gefühle“ zeigt, daß sich ein neues System des Verständnisses großer Städte rund um den Erdball in Gang gesetzt hat.Der erste Band befasst sich mit den „steinernen“ Ursprüngen der Megametropolen in Amerika, Asien, Afrika und Ozeanien im Zuge des europäischen Kolonialismus. Am Beispiel der derzeit teuersten Metropole der Welt, der angolanischen Hauptstadt Luanda, wird die historische Synthese in die Zukunft transportiert. Ausdruck dafür sind in der II. Dekade des 21. Jahrhunderts neben einer spekulativ überbordenden architektonischen Stadtlandschafte eine bommende Literatur-, Kunst- und Musikszene, als deren kosmopolitischster Vertreter der angolanische Schriftsteller José Eduardo Agualusa gilt.Aus dem Inhalt

  • Überraschende Geistesblitze
  • In Stein gehauene Vergangenheit
  • Die weltweite Expansion kolonialer Stadtanlagen: Portugal, Spanien, Niederlande, Großbritannien, Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien
  • Luanda: Jahrhunderte der Akkulturation
  • Die Ausgangslage
  • Vom Provisorium zur Festungsstadt
  • Dichterische Freiheit statt kolonialer Norm
  • Der Wille zur Selbstbestimmung
  • In der Hölle der Gegenwart
  • Nach dem Alptraum
  • Absurde Zukunftszenarien
  • Epilog

„Die Welt verändert sich aktuell in rasantem Tempo. Und nur wenige nehmen wahr, daß diese Transformation „das Ende des Atlantischen Zeitalters“ bedeutet und nicht „das Ende der Ideologien“, wie es Fukuyama fälschlicherweise nach dem Fall der Berliner Mauer prognostizierte. Einer, der diese Umwälzungen mit besonderem Interesse beobachtet ist Ronald Daus, Professor für Romanistik und Kulturwissenschaften an der Freien Universität Berlin, ein weltreisender Gelehrter, der sein ganzes Berufsleben der literarischen und kulturellen Erforschung romanischer Kulturen in Europa und außerhalb Europas widmet. Sein weitgefächertes Publikationswerk verbindet in interkontinentalen Vergleichen die Kolonialgeschichte Europas mit der Moderne, die Entwicklung der Weltstädte Europas und Außereuropas anhand von literarisch-künstlerischen Reflexionen.

Seine vorliegende Studie in drei Bänden heißt dementsprechend: „Neue Stadtbilder – Neue Gefühle.“ Der hier gewürdigte erste Band „Europäische Stadtanlagen als Weltmodell“ unterteilt sich in zwei Hauptkapitel.

Der 1. Teil, „In Stein gehauene Vergangenheit“, stellt die Expansion der europäischen Kolonialmächte Portugal, Spanien, Niederlande, Groß-Britannien, Frankreich, Belgien, Deutschland und Italien in den Mittelpunkt. Anhand der von ihnen gegründeten „Stadtanlagen“, entsprechend der jeweiligen Besonderheiten ihres Heimatlandes, wird die Eroberung und Besetzung des fremden Territoriums gezeigt. Ein grosser Verdienst der vorliegenden Untersuchung ist die Darlegung der konkreten Formen, d.h. der jeweiligen Stadtgestalt, in welcher die intellektuellen und kulturellen europäischen Projektionen sich äußerten. Die Entkolonisierung Mitte des 20. Jahrhunderts und das Ende des kalten Krieges mit dem Fall der Berliner Mauer leiten eine neue Phase für die einst kolonialen Stadtgründungen in Afrika, Lateinamerika und Asien ein.

Im 2. Teil, „Luanda: Jahrhunderte der Akkulturation“, wird die explosive und chaotische Entwicklung der boomenden Hauptstadt des ölexportierenden afrikanischen Staates Angola vorgeführt.

Ihre Geschichte beginnt 1575. Gemäß dem Vorbild der Hauptstadt Lissabonn entstanden Gebäude und Straßenzüge. Daus zeigt dabei die enge Verbindung, die der afrikanische Handelsplatz schon früh mit dem brasilianischen Pendant Bahia einging. Denn Luanda war der Ausgangspunkt für den Handel mit afrikanischen Sklaven. Die mehr als 400 Jahre lange Geschichte Luandas werden anhand literarischer und künstlerische Werke präsentiert. Sie dienen als Beleg für die unumkehrbare Akkulturation seiner afrikanischen Bewohner. Mithilfe der portugiesischen Sprache wurde eine „Identität“ geschaffen, die die einheimischen Dichter und Intellektuellen auch im 21. Jahrhundert bestimmt. Die Werke des postmodernen angolanischen Autors José Eduardo Agualusa nutzt Daus als Sprachrohr für den geistigen und physischen Zustand des aktuellen und zukünftigen Luandas, wo permante chaotische und absurde Gegenwart herrscht.“

Dr. Luis Pulido Ritter, Panama-City/Berlin, im März 2012


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